Wie gestaltet sich die Rolle der pädagogischen Beziehung in Beratungsprozessen?


Hausarbeit, 2017
14 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Beraten als Grundform pädagogischen Handelns.

3 Die pädagogische Beziehung
3.1 Der pädagogische Bezug bei Nohl
3.2 Die pädagogische Beziehung nach Giesecke

4 Die Rolle der pädagogischen Beziehung im Beratungsprozess
4.1 Grundelemente der Beratungsbeziehung
4.2 Besondere Herausforderungen in Beratungsbeziehungen
4.2.1 Ethische Konflikte
4.2.2 Übertragung und Gegenübertragung

5 Der Einfluss des Arrangements auf die pädagogische Beratungsbeziehung

6 Fazit.

7 Quellen

1 Einleitung

Das Beraten zählt heute zu den Grundformen des pädagogischen Handelns. Es gibt Beratungsangebote für annähernd jedes „nennenswerte[s] menschliche[s] Problem -
ob Sexualität, Sucht oder Erziehung“. (Giesecke, 2003, S.87)

Noch vor einigen Jahrzehnten sah die Situation anders aus. Beratung war damals ein „mitleidig betrachtetes Wissenschaftsgebiet […], ein Abkömmling von Therapie […] für „Hilfspsychologen“ oder „Halbqualifizierte“ “. (Fittkau et al, sich diese Entwicklung erklären?

Durch den gesellschaftlichen Wandel hin zu einer „Individualisierung und Pluralisierung der Lebenswelten“ (Krause, In: Fittkau et al., 2003, S.19) und der damit verbundenen Aufweichung von verbindlichen Normen und Wertesystemen, ist der „Spielraum vernünftiger wie unvernünftiger Handlungsmöglichkeiten“ (Giesecke, 2003, S.88) größer geworden.

Dies zeichnet sich unter Anderem deutlich im erzieherischen Kontext ab. So warendie Familie und die Schule früher als konstante und wegweisende Komponenten imLeben eines Heranwachsenden zu betrachten. Heute ist nicht nur eine Aufweichungfamiliärer Strukturen zu beobachten, auch der erzieherische Einfluss von traditionellen Institutionen wie der Schule nimmt, beispielsweise durch die wachsende Präsenz moderner Medien, ab. (Krause, In: Fittkau et al., 2003, S.19)

Infolge dessen sind Kinder, Jugendliche, aber auch Erwachsene mit einer steigenden Menge an Entscheidungen konfrontiert, was nicht selten zu Verunsicherung führt. Aus diesem Grund sind Beratungsangebote von zunehmender Bedeutung für unsere Gesellschaft. (Giesecke, 2003, S.88)

Eine essentielle Komponente der Beratung stellt die Beziehung zwischen dem Berater und seinem Klienten dar. So wichtig diese auch ist, so schwierig gestaltet sich gleichzeitig ihre theoretische Fundierung. (Fuhr, In: Fittkau et al., 2003, S.32)

Nachfolgend soll betrachtet werden, wie sich die pädagogische Beziehung im Beratungsprozess gestaltet. Dabei soll es speziell um die pädagogische Beratung gehen.

Eingangs sollen sowohl Inhalte und Ziele von Beratung dargestellt werden, als auch das Wesen der pädagogischen Beziehung. Anhand dessen sollen im Anschluss die Besonderheiten der pädagogischen Beratungsbeziehung und ihre speziellen Herausforderungen näher beleuchtet werden.

Zusätzlich soll im letzten Abschnitt der Fokus auf besondere Beratungsarrangements und deren Auswirkung auf die pädagogische Beziehung in der Beratung gelegt werden.

2 Beraten als Grundform pädagogischen Handelns

Neben einer Vielzahl von verschiedenen Beratungsformen zeichnet sich die pädagogische Beratung dadurch aus, dass sie mit dem Ziel der Lernhilfe stattfindet. (Giesecke, 2003, S.88)

In Abgrenzung zu zwei der anderen Grundformen pädagogischen Handelns, dem Unterrichten und dem Informieren, handelt es sich hierbei um ein individuelles, diskretionsbedürftiges Handeln. Dennoch können Elemente der beiden eben genannten Grundformen im Rahmen einer Beratung vertreten ein. Es ist beispielsweise nicht auszuschließen, dass eine Beratung Züge des Informierens aufweist, sofern die Situation das erfordert. (ebd., 2003, S.88ff.)

Ein wichtiges Kriterium für Beratungssituationen ist das Vorhandensein von mehreren tatsächlichen Handlungsmöglichkeiten für den Klienten. Somit ist das Ergebnis der Beratung grundsätzlich erst einmal offen. (ebd. 2003, S. 91ff.) Weiterhin zeichnet sich pädagogisches Beraten dadurch aus, dass ein ressourcenorientierter Prozess stattfindet. Damit ist gemeint, dass Potentiale, die die Ratsuchenden mitbringen, herausgearbeitet und gestärkt werden sollen. „Beratung kann [somit] immer nur Hilfe zur Selbsthilfe sein und hat das Ziel sich selbst überflüssig zu machen.“ (Krause, In: Fittkau et al., 2003, S.24) Das Aufsuchen einer Beratung sollte immer auf einer freiwilligen Entscheidung basieren und nicht nur Veränderungen im Verhalten des Klienten, sondern auch in seiner Lebenswelt in den Blick nehmen. (ebd., 2003, S.24ff.)

3 Die pädagogische Beziehung

Theoretische Ansätze zum Wesen der pädagogischen Beziehung entstammen zum größten Teil dem Erziehungskontext, wobei der rasche gesellschaftliche Wandel die Entwicklung einer allgemeingültigen und professionellen pädagogischen Beziehungstheorie erschwert. (Giesecke, 2003, S.112)

Während frühere beziehungstheoretische Überlegungen von einem asymmetrischen Verhältnis zwischen dem Erziehenden und seinem Zögling ausgingen, gehen neuere Theorien auf die Wechselseitigkeit pädagogischer Beziehungen ein. Nachfolgend sollen zwei unterschiedliche pädagogische Konzepte zur pädagogischen Beziehung näher betrachtet werden.

3.1 Der pädagogische Bezug bei Nohl

Hermann Nohl war ein wichtiger Vertreter der geisteswissenschaftlichen Pädagogik. Er setzte sich in der ersten Hälfte und bis Mitte des 20. Jahrhunderts mit verschiedenen Fragen der Pädagogik auseinander, unter anderem mit der pädagogischen Beziehung.

Dabei prägte Nohl den Begriff des pädagogischen Bezugs. Dieser meint „das leidenschaftliche Verhältnis eines reifen Menschen zu einem werdenden Menschen“. (Nohl, zitiert nach: Kim, 2008, S.41)

Der reife Mensch ist dabei der Erzieher, der autoritär und mündig die Generation der Erwachsenen repräsentiert. Auf der anderen Seite der pädagogischen Beziehung steht der Heranwachsende, der als unmündig angesehen wird. Die Verbindung des Erziehers zu seinem Zögling ist von einem liebvollen Verhältnis geprägt. Dennoch zeichnet sich hier ganz deutlich ein asymmetrisches Verhältnis zwischen beiden Parteien ab.

Die Aufgabe des Erziehers ist es, eine Vorbildrolle und somit Verantwortung für die Entwicklung des Zu-Erziehenden zu übernehmen. Dabei sollte er möglichst neutral in seinen Werthaltungen sein, um den Heranwachsenden in keine bestimmte Richtung zu drängen. (ebd., 2008, S. 41ff.)

Der pädagogische Bezug bei Nohl kann als eine Subjekt-Objekt-Beziehung angesehen werden. Der Erziehende ist dabei das Erziehungssubjekt, sein Zögling das Erziehungsobjekt. (Kim, 2008, S.4f.)

Diese stark hierarchisch geprägte Form der pädagogischen Beziehung wurde im Zuge gesellschaftlicher Veränderung mehr und mehr aufgeweicht. Eine zeitgemäßere Annäherung an den Begriff der pädagogischen Beziehung soll im nächsten Punkt vorgestellt werden.

3.2 Die pädagogische Beziehung nach Giesecke

„Pädagogische Beziehungen finden täglich überall in unserer unmittelbaren Umgebung statt, aber wie und nach welchen Maßstäben sie zu gestalten seien, ist heute mehr denn je zum Problem geworden.“ (Giesecke, zit. nach: Kim, 2008, S.3f.) Mit dieser Aussage unterstreicht Hermann Giesecke die Tatsache, dass sich eine eindeutige theoretische Festlegung der pädagogischen Beziehung als schwierig erweist. (Giesecke, 2003, S.112)

Während bei Nohl die Erziehung und die Familie als Grundlage für seine Aussagen zum pädagogischen Bezug dienten, weitet Giesecke die Überlegungen dahingehend aus, als dass er auch pädagogische Situationen außerhalb des Erziehungskontexts mit einbezieht.

Dabei kommt er zu dem Schluss, dass pädagogische Beziehungen nicht nur zwischen Erwachsenen und Kindern, Mündigen und Unmündigen stattfinden, wie Nohl es beschrieb. Ebenso ist das Verhältnis zwischen Erwachsenen zu berücksichtigen, die beide als mündig bezeichnet werden können und dennoch in einer pädagogischen Beziehung zueinander stehen.

Das Ziel ist es nun, Grundsätze und Charakteristika für sowohl asymmetrische, als auch symmetrische pädagogische Beziehungskonstellationen zu finden. Somit soll eine Übertragbarkeit auf jegliches pädagogisches Handeln realisiert werden. (ebd., 2003, S. 112ff.)

Ein Kennzeichen der pädagogischen Beziehung ist nach Giesecke ihre Partikularität. Damit ist gemeint, dass die Beziehung nur einem bestimmten Zweck, nämlich dem des Lernens dient. Die von Nohl beschriebene liebevolle Verbindung zwischen dem Pädagogen und seinem Edukanten kritisiert Giesecke dabei aufgrund des Mangels an Zweckmäßigkeit und Professionalität. Er bevorzugt den Begriff der Partnerschaft, da hier „keine totale, sondern eine partielle“ (ebd., 2003, S.116) Beziehung eingegangen wird, die auf Gleichrangigkeit, Vertrauen und einem gewissen Maß an emotionaler Distanz beruht. Die Gleichrangigkeit bezieht sich hierbei allerdings ausschließlich auf das partnerschaftliche Verhältnis, nicht auf den Lernkontext. (ebd., 2003, S.117)

Die Partikularität pädagogischer Beziehungen bezieht sich weiterhin auf die zeitliche Dauer. Demnach sind pädagogische Beziehungen begrenzt und werden „täglich wieder verlassen und durch andere menschliche Beziehungsstrukturen abgelöst[.]“ (ebd., 2003, S.117). Grundsätzlich sind pädagogische Beziehungen, im Gegensatz zu freundschaftlichen Verbindungen, darauf ausgerichtet, dass sie nur für die Dauer des Zweckes bestehen. (ebd., 2003, S.122)

Ein weiteres Merkmal pädagogischer Beziehungen ist deren Offenheit für Veränderungen. Diese können beispielsweise durch fehlendes Vertrauen oder Uneinigkeit über den Zweck entstehen.

Die pädagogische Beziehung nach Giesecke lässt sich zusammengefasst als eine gleichwertige Beziehung zwischen dem Pädagogen und seinem Klienten beschreiben, wobei dennoch eine funktionale Rollenverteilung stattfindet. Sie ist zweckgebunden und somit zeitlich begrenzt.

Für die Betrachtungen der pädagogischen Beziehung in Beratungsprozessen soll dieser Ansatz als Grundlage dienen.

4 Die Rolle der pädagogischen Beziehung im Beratungsprozess

Eine pädagogische Beratungssituation kommt immer dann zustande, wenn es um Lernprozesse als Hilfe zur Selbsthilfe geht. (vgl. Punkt 2)

Im Unterschied zu anderen pädagogischen Handlungsformen ist die Beratung durch ein besonders intensives, teilweise auch recht intimes Verhältnis gekennzeichnet. Fuhr, In: In: Fittkau et al., 2003, S.39).

Hierin liegt die besondere Schwierigkeit für die pädagogische Beziehung: zum Einen muss die professionelle Distanz gewahrt, zum Anderen eine vertrauensvolle Beziehung geschaffen werden. Im Folgenden sollen die Grundelemente sowie auch besondere Schwierigkeiten in pädagogischen Beratungsbeziehungen dargestellt werden.

4.1 Grundelemente der Beratungsbeziehung

Für den beratenden Pädagogen ist Empathievermögen ein erstes wichtiges Grundelement, um die Situation seines Klienten aus dessen Sicht nachvollziehen zu können. (Belardi et al., 2005, S.46)

Hierbei ist die von Giesecke beschriebene emotionale Distanz (vgl. 3.2) ein wichtiger Faktor, um Einfühlung und Abgrenzung in einem professionellen Gleichgewicht zu belassen.

Ein zweites Grundelement der Beratungsbeziehung ist die Akzeptanz des Gegenübers. Hiermit ist gemeint, dass der ratsuchenden Person eine positive, urteilsfreie Wertschätzung entgegengebracht werden soll. Der Pädagoge sollte seine persönlichen Ansichten soweit außen vorlassen, dass sie keinen Einfluss auf die Professionalität seines Handelns haben. Dennoch sollte er seine Haltungen nicht vollständig verdrängen oder verleugnen, um das dritte Grundelement, die Authentizität, zu wahren. (ebd., 2005, S.46f.)

Mit der Authentizität ist gemeint, dass der Pädagoge in seiner Rolle als Berater stets seine eigene Persönlichkeit wahren sollte, da nur so eine vertrauensvolle Basis geschaffen werden kann, wie sie auch in Gieseckes Darstellung der pädagogischen Beziehung (vgl. 3.2) beschrieben wird.

Weiterhin von Bedeutung für die Beratungsbeziehung ist die Konkretheit des Pädagogen. Der Klient ist sich zwar in vielen Fällen darüber bewusst, dass er einen Rat sucht, jedoch hat er oft Probleme bei der Benennung des Kernproblems. (ebd., 2005, S.48)

An dieser Stelle wird noch einmal die Bedeutung der emotionalen Distanz des Beraters deutlich. Diese ermöglicht eine objektive Sichtweise und somit eine Konkretisierung des Problems.

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Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Wie gestaltet sich die Rolle der pädagogischen Beziehung in Beratungsprozessen?
Hochschule
Technische Universität Chemnitz
Veranstaltung
Theorien und Probleme pädagogischen Handelns
Note
1,3
Autor
Jahr
2017
Seiten
14
Katalognummer
V385456
ISBN (eBook)
9783668601666
ISBN (Buch)
9783668601673
Dateigröße
539 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
rolle, beziehung, beratungsprozessen
Arbeit zitieren
Jasmin Groß (Autor), 2017, Wie gestaltet sich die Rolle der pädagogischen Beziehung in Beratungsprozessen?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/385456

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