Drei Ebenen des Wartens in Sylvain Estibals "Das Schwein von Gaza"


Hausarbeit, 2017

17 Seiten, Note: 1,7

Anonym


Leseprobe

Inhalt
1 Einleitung ... 1
2 Der Film ­ Kurzzusammenfassung ... 2
3 Hoffnung und Langeweile ­ das Warten im Film ... 3
4 Repression ­ Warten (Lassen) als Machtdemonstration ... 7
5 Religiöser Fanatismus ­ das Warten auf Erlösung ... 10
5.1 Das Konzept des Selbstmordattentats ... 10
5.2 Der Märtyrer im Film ­ Warten auf den Knall ... 12
6 Fazit ... 13

1
1 Einleitung
In einschlägiger Literatur zum Thema wird das Warten immer wieder als Situation des alltäglichen
Lebens charakterisiert, der gern aus dem Weg gegangen werden will, die jedoch unvermeidbar ist. Mit
dem Vorgang wird häufig das Vergeuden von Lebenszeit, aber auch eine existenzielle Notwendigkeit
verbunden
1
. D
RÜCKER
merkt an, dass das Warten gewöhnlich auf ein Ziel ausgerichtet ist
2
, für dessen
Erreichen wir Lebenszeit einsetzen und eben für diese Investition entlohnt werden; Warten wird auf
diese Weise als Phase des Übergangs charakterisiert
3
. P
IKULIK
erweitert dieses Konzept, indem er
feststellt, dass das Warten nicht zwingend zielgerichtet sein muss, wenn beispielsweise gar keine Ziele
existieren, die erfüllt werden könnten
4
. Dieses Defizit an Sinnhaftigkeit und das damit einhergehende
ununterbrochene Verharren in einer leeren Situation, schließe sowohl den Mangel an Zukunft wie
auch das Fehlen gegenwärtigen Lebens ein; Langweile sei einerseits ein Zustand, der gleichzeitig aus
unbestimmtem Warten resultiere und diesen initiiere.
5
Der Film Das Schwein von Gaza befasst sich nicht dezidiert mit dem Warten, im offiziellen Presseheft
des Werkes kommt der Begriff nicht einmal vor
6
. Dennoch eignet sich er für eine Auseinandersetzung
mit diesem Themenkomplex, da unterschiedliche Konzeptes des Wartens thematisiert werden:
Schlagworte wie Passivität und Aktivität, Einsamkeit und Gemeinsamkeit, Resignation und Hoffnung,
Langeweile und Anspannung, Enttäuschung und Erwartung sind relevant für die Einschätzung des
Filmes und sind eng mit unterschiedlichen Prozessen des Wartens verknüpft. Jafaar ist als Fischer von
Berufs wegen zum Warten verpflichtet, weshalb dies in seinem Leben eine grundständige Existenzfra-
ge bedeutet, die aufgrund der widrigen Umstände, in denen er lebt, noch einmal verschärft wird. Es
soll gezeigt werden, dass er als Hauptfigur in seinem Handeln und Nicht-Handeln diverse Facetten der
zuvor genannten Wortpaare abdeckt, jedoch auch weitere Figuren des Films von diesen geprägt sind.
Zu diesem Zwecke soll der Film selbst sowohl filmisch als auch erzählerisch auf die Frage hin unter-
sucht werden, wie unterschiedliche Elemente des Wartens wiedergegeben werden. Dabei wird die
Handlung selbst wiedergegeben und bewertet; darüber hinaus soll an beispielhaften Sequenzen gezeigt
1
Vgl. Drücker. Dieser stellt außerdem fest, dass das Warten auf verschiedene Ereignisse des Lebens ,,entweder
die sinngenerierende Qualität eines Anfangs oder eines Endes [erfüllen], in jedem Fall die Kontinuität einer
anerkannten Ordnung gewährleisten soll[...]." (vgl. Dücker B. Nicht mehr und noch nicht. Handlungstyp War-
ten. Zur Anthropologie der Übergangsphase. 2004. https://themen.iablis.de/2004/duecker04.htm).
2
Vgl. ebd.
3
Vgl. ebd.
4
Vgl. Pikulik, L. Warten, Erwartung. Eine Lebensform in Ein- und Übergangszeiten. An Beispielen aus der
Geistesgeschichte, Literatur und Kunst. Göttingen 1997. S. 80.
5
Vgl. ebd. S. 76.
6
Vgl. Presseheft zum Film (http://alt.steinhaus-bautzen.de/fileadmin/media/bilder-kino/DasSchweinVonGaza-
Presseheft.pdf)

2
werden, auf welche Weise filmästhetische Mittel diese Handlungen unterstützen oder ergänzen. Im
folgenden Abschnitt werden die Umstände näher beleuchtet, denen die Protagonisten ausgesetzt sind,
und wie auf diese reagiert wird. Abschließend wird der religiöse Aspekt des Wartens innerhalb und
außerhalb des Filmes thematisiert. Aus Gründen des Kontexts wird in 5.1 verstärkt auf den islamis-
tisch
7
motivierten Selbstmordanschlag eingegangen; es soll hiermit jedoch betont werden, dass es sich
in historischer Betrachtung bei diesem nicht um ein dezidiert islamistisch geprägtes Phänomen han-
delt
8
und sich deshalb auch um eine allgemeine Bewertung von Selbstmordanschlägen bemüht wird.
2 Der Film ­ Kurzzusammenfassung
Das Schwein von Gaza ist eine Komödie aus dem Jahre 2011, in der der Nahostkonflikt aus Sicht des
in Gaza lebenden Jafaar thematisiert wird. Dieser ist Fischer, kann von dieser Beschäftigung jedoch
kaum leben: Die ohnehin eher spärlichen Regionen, die palästinensische Fischer vor der Küste befah-
ren dürfen, werfen für ihn kaum etwas Verwertbares ab, sodass er und seine Frau Fatima gezwungen
sind, ihr Leben in bescheidenen Verhältnissen zu verbringen. Dies ändert sich zunächst auch dann
nicht, als Jafaar eines Tages ein ausgewachsenes Hängebauchschwein aus dem Meer auf sein Boot
zieht; er schafft es nicht, das für ihn unreine Tier wieder ins Wasser zu befördern und muss es daher
im Innenraum seines Kutters beherbergen. Nachdem er es ebenfalls nicht über's Herz bringt, das
Schwein zu töten, entschließt er sich, es an jüdische Siedler zu verkaufen. Diese wollen das für sie
ebenfalls unreine Tier jedoch auch nicht, nach langer Suche findet Jafaar aber eine Siedlerin, die diese
Regeln nicht allzu genau nimmt und zur Aufzucht ihrer eigenen Masttiere zumindest am Sperma des
Schweins interessiert ist. So kommt es, dass Jafaar regelmäßig dessen Samen, später das Schwein
selbst an den Grenzzaum von israelischen und palästinensischen Siedlungsgebiet schmuggelt. Dieses
Unterfangen geht auf Dauer natürlich nicht gut: Um ihr Leben zu retten, werden Jafaar und Schwein
als Selbstmordattentäter rekrutiert, um am Leben zu bleiben, entfliehen sie dieser Bestimmung.
Schließlich werden die Beteiligten des Schweinehandels zu Getriebenen, die ihr Heil in der Flucht
suchen und doch wieder gemeinsam in Gaza landen.
7
Bei der Verwendung der Begriffe wird auf den Unterschied von ,muslimisch` als religiöses und ,islamistisch`
als extremistisches Auslegung der Religion geachtet.
8
T
AKEDA
weist darauf hin, dass das vermeintlich Neue am islamistischen Selbstmordattentat lediglich darin
bestehe, dass moderne Techniken wie LKW und Sprengstoff verwendet werden können, damit die Wirkung
signifikant erhöht werde und sich entsprechend die Wahrnehmung einstellen könne, das Märtyrertum sei ein
dezidiert islamistisches Problem. Allein die Etymologie des Wortes lege das Gegenteil nahe; wenn man die
Problematik von Menschenopfern mit einbeziehe, lasse sich das Phänomen bis in die ,,primitivsten Kulturepo-
chen der Menschheit" zurückverfolgen und bereits in der antiken Tradition sei das Töten besonders vieler Men-
schen ein Demonstration von Macht gewesen. (vgl. Takeda, A. Ästhetik der Selbstzerstörung. Selbstmordattentä-
ter in der abendländischen Literatur. München 2010. S. 22 ff.).

3
3 Hoffnung und Langeweile ­ das Warten im Film
Von Beginn an wird Jafaar als unglücklicher Tollpatsch eingeführt, der einerseits allein und unbehol-
fen auf seinem Boot unterwegs ist, dabei andererseits aber keinen großen Fang macht. Dass Einsam-
keit und eine gewisse gesellschaftliche Ausgrenzung sein Leben bestimmen, zeigt schon die Totale in
den Anfangsminuten des Filmes (00:01:54), in der er mit seinem Boot zurück an Land fährt. Umso
bemerkenswerter ist, dass er trotz offenkundig nicht vorhandener Konkurrenz im von ihm gewählten
Fanggrund nur eine karge Ausbeute mit nach Hause nehmen bzw. auf dem Markt anbieten kann. Hier
befindet er sich zwar inmitten der anderen Fischer, die ihre Ware anbieten, diese reden jedoch nicht
mit ihm, sondern über ihn; auch hier ist er ein Außenseiter. Da die Kollegen erfolgreicher fischen als
Jafaar, wartet er vergebens auf Kundschaft und fährt schließlich nach Hause: Hier wartet nicht nur
seine Frau auf ihn, sondern auch zwei israelische Soldaten, die ihren Stützpunkt inklusive gehisster
israelischer Flagge auf seinem Hausdach erreichtet haben; faktisch scheint Jafaar also auf israelischem
Boden zu wohnen. Auch sein Haus liegt abgelegen vom gesellschaftlichen Leben inmitten von Schutt,
auch hier wird dieser Eindruck in einer Halbtotalen vermittelt (00:03:45). Die Eheleute Jafaar und
Fatima wissen mittlerweile beide um die triste Wirklichkeit ihrer Situation; die Lüge über seinen be-
achtlichen Fang, die er ihr nach seinem Heimkommen berichtet, glaubt Fatima ihm nicht und beiden
ist dies auch bewusst. Hoffnung auf ein besseres und sinnerfülltes Leben haben sie nicht mehr, statt-
dessen beherrscht die Gewissheit über die ungewisse Zukunft das Leben der beiden. Dies versuchen
die Eheleute offenkundig zu verdrängen, allerdings gelingt Jafaar dies nicht, der in der Nacht wach-
liegt.
Die Anfangsminuten des Films sind von langen Schnitten und dem Verweilen der Kamera in diversen
Szenen geprägt, obwohl diese erzählerisch zum Teil bereits beendet sind (beispielsweise die Situation
am Pier in 00:03:43). Nahaufnahmen sind weniger häufig zu sehen, stattdessen werden diverse Situa-
tionen durch weiter entfernte Aufnahmen erzählt. Dies dient vor allem der Charakterisierung der Pro-
tagonisten sowie ihrer Lebenssituation; die Leere, die dadurch auf Story- wie auch Filmebene erzeugt
wird, spiegelt exakt die Umstände eben jener wider und stimmt den Zuschauer bereits nach fünf Minu-
ten des Films auf diese ein. Elemente des Wartens werden hier funktional besetzt: Hoffnung und Un-
gewissheit stehen Trostlosigkeit und Routine sicht- wie auch spürbar gegenüber, Einsamkeit findet
auch in Gesellschaft statt und insgesamt geschieht in den ersten Minuten faktisch nichts. Die Fortdauer
dieses Zustandes deutet sich am Morgen nach dem Unwetter an (ab 00:05:45), wenn Jafaar mit
gleichmütiger Routine seinen Tag beginnt und selbst die anderen Fischer am Hafen vom trivialen Trott
berichten, der ihren Alltag prägt. Zurück auf See zeigt sich dann aber buchstäblich, dass für Jafaar
nichts bleibt, wie es tags zuvor noch war: In schnellen Schnitten holt er sein Netz ein, das zunächst
den gewohnten Eindruck von Nichts erweckt, doch offensichtlich etwas birgt, das Jafaar ins Wanken
bringt und fast von Bord stößt. Nur mit Mühe rettet er sich in seinen Laderaum und erblickt gemein-

4
sam mit dem Zuschauer in einer abschließend wieder längeren Einstellung das gefangene Schwein in
seinem Boot (00:07:40).
Das Auftauchen des Schweins bedeutet eine frühe Zäsur im Film wie auch im Leben des Fischers:
Zunächst kann er sein Boot nicht mehr zum Bestreiten seines Lebensunterhalts verwenden, da dieses
nun vom Schwein besetzt wird. Da somit seine Existenzgrundlage genommen ist, sieht sich Jafaar
genötigt, seine Lethargie aufzugeben und sich des Schweins zu entledigen. Hierfür begibt er sich zu-
nächst zum UN-Stützpunkt in dem Wissen, dass hier Mitarbeiter nicht jüdischen oder muslimischen
Hintergrunds an einem Hängebauchschwein großes Interesse haben müssen. In seiner neuen Tätigkeit
als Geschäftsmann versucht er, sein Äußeres anzupassen, indem er sein Schuhwerk wechselt, um den
Mitarbeitern als seriöser Schweinehändler gegenüberzutreten. Der groteske Anblick entlarvt Jafaar
jedoch einmal mehr als gesellschaftlichen Außenseiter, der zwar Vorstellungen davon hat, wie er sich
in einer Situation angemessen verhalten sollte, mit seinen begrenzten Mitteln diesen allerdings nicht
gerecht werden kann. So kommt es, was dem Zuschauer beim Anblick Jafaars ohnehin schon klar ist:
Er kann sich in keiner Weise Gehör verschaffen und scheitert am cholerischen deutschen Sachbearbei-
ter. Dieser scheint sich auf seine eigene Weise der Resignation hingegeben zu haben, zumindest hat er
im Gespräch mit Jafaar kein ernsthaftes Interesse an dessen Problemen und begegnet diesen unmittel-
bar mit Zynismus. Im Verlauf des Verkaufsgesprächs zeigt sich, dass die Situation im Gazastreifen
den UN-Mitarbeiter an die Grenzen seiner (offenbar nicht allzu starken) Belastbarkeit gebracht hat
und sein ursprünglicher Antrieb zu helfen überforderter Aggression gewichen ist. Das Scheitern
Jafaars wird auch filmisch spätestens dann deutlich, als er sich seinen besseren Schuh an einem Sack
mit UN-Hilfsgütern ruiniert. Einmal mehr ist er resigniert; dies liest der Zuschauer ihm nicht nur im
Gesicht ab, das hoffnungsverloren in die (begrenzte) Ferne schaut, sondern auch am Schutthaufen, der
in der Halbnahen seine Situation widerspiegelt (00:13:18).
Schließlich kann er Hoffnung schöpfen, als ein Freund ihm Hilfe anbietet und verspricht, eine Ka-
laschnikow zu besorgen, mit der er sich des unreinen Tiers entledigen kann. Der Friseur und dessen
Haus sind vergleichsweise farbenfroh gestaltet, womit dessen Rolle als Gegenstück zu Jafaar auch
optisch unterstrichen wird; dieser hingegen scheint auch innerhalb dieses Hauses die dunkelste Stelle
zu finden und ist sichtlich skeptisch ob des Vorschlages. Dies zeigt sich auch im weiteren Verlauf:
Nach der Beschauung des Tieres, immerhin hat der Friseur noch nie ein Schwein aus der Nähe gese-
hen, steuert dieser auf dem Heimweg zielstrebig vorwärts, während Jafaar selbst sich nur in eben diese
Richtung bewegt, weil er auf dem Fahrrad geschoben wird; tatsächlich sitzt er in einer eigentlich stati-
schen Position fest, was innerhalb einer längeren Einstellung gezeigt wird (00:16:11 bis 00:16:33).
Wie so oft lässt er sich treiben und zögert, selbst aktiv zu werden.
Da er zunächst nicht vom Konzept des Erschießungskommandos überzeugt ist, wagt er doch noch
einen Versuch und begibt sich direkt an die israelisch-palästinensischen Grenze: Hier muss er sich, um
seinem Ziel überhaupt näher zu kommen, zunächst in eine Warteschlange einreihen. Er scheitert
Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Drei Ebenen des Wartens in Sylvain Estibals "Das Schwein von Gaza"
Hochschule
Freie Universität Berlin
Note
1,7
Jahr
2017
Seiten
17
Katalognummer
V385540
ISBN (eBook)
9783668613942
ISBN (Buch)
9783668613959
Dateigröße
505 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Das Schwein von Gaza, warten, Filmanalyse, Selbstmordattentat, relgiöser Fanatismus, Märtyrer, Macht, Langeweile, Hoffnung, Gazakonflikt, Israel, Palästina, Grenze
Arbeit zitieren
Anonym, 2017, Drei Ebenen des Wartens in Sylvain Estibals "Das Schwein von Gaza", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/385540

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