Im Vergleich zu traditionellen Gesellschaften sind moderne (industrialisierte) Gesellschaften durch höhere soziale und räumliche Mobilität gekennzeichnet. Die Migration wird als Symbol der Moderne eingeschätzt und teilweise mit Fortschritt und Bewegung gleichgesetzt. Allerdings sind moderne Gesellschaften keine spannungsfreien Gebilde. Die Zugewanderten sind auf der einen Seite dem Assimilationsdruck unterworfen und auf der anderen Seite der Diskriminierung und Segregation von Einheimischen ausgesetzt.
Diese Hausarbeit beschäftigt sich mit der Binnenmigration bzw. der Landflucht in China, die von einer Serie intensiver Wirtschafts- und Politikreformen in den 1980er Jahren ausgelöst wurde und für die heutigen Chinesen keinen Sonderfall, sondern die Normalität darstellt. Zur Auseinandersetzung der Migrationsbewegung werden zunächst klassische Migrationstheorien dargestellt (Kap.2). Anschließend werden die spezifischen Migrationsprozesse in China beschrieben, die maßgeblich durch das hukou-System reguliert sind (Kap.3). Dann wird auf die Randlage von ländlichen Arbeitsmigranten in Städten eingegangen (Kap.4). Zum Schluss wird die Besonderheit der Binnenmigration in China hervorgehoben (Kap.5).
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Migrationstheorien
2.1 Definition der Migration
2.2 Ursachen der Migration
2.3 Modelle zur Einwanderung: Assimilation oder Marginalität
3. Binnenmigration in China
3.1 Institutioneller Hintergrund
3.2 Migrationsprozesse in China
4. Marginalisierung ländlicher Arbeitsmigranten
4.1 Segmentation auf dem Arbeitsmarkt
4.2 Segregation im Wohlfahrtssystem
4.3 Marginalsiedlungen
5. Schlussfolgerung
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Binnenmigration in China, insbesondere die Landflucht, als soziales Produkt politischer und wirtschaftlicher Reformen. Im Zentrum steht die Frage, inwiefern das Hukou-System zur Marginalisierung ländlicher Arbeitsmigranten in städtischen Räumen beiträgt und welche soziale Ungleichheit dadurch entsteht.
- Klassische Migrationstheorien im Kontext von Assimilation und Marginalität
- Die historische und funktionale Bedeutung des Hukou-Systems
- Strukturelle Marginalisierung durch Arbeitsmarktsegmentierung
- Ausschluss ländlicher Migranten vom städtischen Wohlfahrtssystem
- Wohnformen und die Entstehung von Marginalsiedlungen
Auszug aus dem Buch
3.1 Institutioneller Hintergrund
Im Jahr 1958 entstand ein System der Haushaltsregistrierung, und zwar das hukou-System, wobei jedem chinesischen Haushalt nach dem Wohnsitz entweder ein städtischer oder ein ländlicher hukou zugeordnet wurde. Die hukou-Zuordnung/Klassifizierung trennte die städtischen Chinesen von den ländlichen Chinesen ab und baute große Barrieren zwischen städtischen Regionen und ländlichen Regionen.
In der Vor-Reformphase (die 1950er-1970er Jahre) erfüllte das hukou-System im Wesentlichen drei Funktionen (vgl. Fan 2008: 43-47; Gransow 2012: 2):
− Erstens diente es als ein Einwohnermeldesystem. Vor der Einführung des hukou-Systems gab es in China schon verschiedene Formen zur Registrierung der Einwohner. Anders als solche Formen handelt es sich beim hukou-System um ein Produkt der Zentralplanung. Entweder die hukou-Zuordnung oder die hukou-Veränderung wurde durch staatliche Autoritäten rigoros kontrolliert und durchgeführt.
− Zweitens diente es zur Regulierung und Kontrolle der Binnenmigration, besonders der Landflucht. Sobald die hukou-Zuordnung festgeschrieben wurde, war die Mobilität zwischen Stadt und Land verboten, d.h. die ländlichen Chinesen (mit ländlichem hukou) durften nicht freiwillig vom Land in die Stadt ziehen, und umgekehrt auch so. Die Regulierung und Kontrolle der Landflucht zielte vor allem auf die Vermeidung der Slumbildung in chinesischen Groß- und Megastädten. Hinzu koordinierte sie sich mit der Entwicklungsstrategie, die China von seinem ehemaligen Partner Sowjetunion übernahm. Anhand dieser Entwicklungsstrategie sollten die Industrialisierung vor der Landwirtschaft und die Stadt vor dem Land bevorzugt werden. Durch die Blockierung der Arbeitsmigration vom Land in die Stadt wurde eine große Menge von Arbeitskräften am Boden gebunden, damit viele billige Agrarprodukte produziert werden konnten und die meisten von denen in die Stadt zur Unterstützung der Industrialisierung transportiert werden mussten. Außerdem erhielten städtische Einwohner vom Staat vielfältige Hilfeleistungen zur Förderung der Industrialisierung, welche ländlichen Einwohnern nicht zugänglich waren. Derartige Entwicklungsstrategie führte zu “unequal exchange” (Fan 2008: 44) zwischen Stadt und Land.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Problematik der modernen Mobilität ein und beschreibt die Zielsetzung der Arbeit, die Binnenmigration in China als Normalität und nicht als Sonderfall zu betrachten.
2. Migrationstheorien: Das Kapitel bietet eine theoretische Grundlage, indem es Definitionen von Migration erläutert und Konzepte wie Assimilation und Marginalität vorstellt.
3. Binnenmigration in China: Hier werden das Hukou-System als zentrales Steuerungsinstrument sowie die spezifischen Migrationsprozesse und Migrationsströme innerhalb Chinas analysiert.
4. Marginalisierung ländlicher Arbeitsmigranten: Dieses Kapitel beleuchtet die soziale Benachteiligung durch Arbeitsmarktsegmentierung, den Ausschluss von Wohlfahrtsleistungen und die prekäre Wohnsituation in sogenannten Marginalsiedlungen.
5. Schlussfolgerung: Das Fazit fasst zusammen, dass die Binnenmigration in China trotz ihrer nationalen Verortung strukturelle Parallelen zur internationalen Migration aufweist und die Marginalisierung der Migranten ein komplexes, politisch gesteuertes Problem darstellt.
Schlüsselwörter
Binnenmigration, China, Hukou-System, Landflucht, Arbeitsmigration, Migrationstheorie, Assimilation, Marginalisierung, soziale Ungleichheit, Arbeitsmarktsegmentierung, Wohlfahrtssystem, Marginalsiedlungen, Urbanisierung, Wanderarbeiter, soziale Sicherung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Binnenmigration in China als zentrales soziales Phänomen, das durch staatliche Politik und Wirtschaftsreformen seit den 1980er Jahren massiv geprägt wurde.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Arbeit behandelt die theoretischen Hintergründe von Migration, die institutionelle Steuerung durch das Hukou-System sowie die soziale und ökonomische Marginalisierung ländlicher Arbeitsmigranten.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist aufzuzeigen, wie das Hukou-System die Freizügigkeit reguliert und zur Entstehung einer sozialen Ungleichheit zwischen städtischer Bevölkerung und ländlichen Migranten führt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin stützt sich auf eine Literaturanalyse klassischer und moderner Migrationstheorien sowie auf statistische Daten und Berichte zur Situation chinesischer Wanderarbeiter.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Darstellung der Migrationsursachen, die detaillierte Analyse der Migrationsprozesse in China und die Untersuchung der prekären Lebens- und Arbeitsbedingungen der Migranten.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Binnenmigration, Hukou-System, soziale Marginalisierung und Arbeitsmarktsegmentierung sind die maßgeblichen Begriffe, die den Kern der Arbeit beschreiben.
Wie unterscheidet sich die ländliche von der städtischen Bevölkerung im Hukou-System?
Das System weist jedem Haushalt entweder einen städtischen oder ländlichen Status zu, wobei der städtische Hukou privilegiert ist und Zugang zu sozialen Leistungen bietet, während der ländliche Status mit einer starken Benachteiligung verbunden ist.
Welche Rolle spielt die "zweite Generation" der Migranten?
Die zweite Generation, die oft in Städten aufwächst und kaum landwirtschaftliche Erfahrungen hat, stellt neue Ansprüche auf Bürgerrechte und eine vollständige städtische Integration, was das bestehende System unter Anpassungsdruck setzt.
- Arbeit zitieren
- Duanzhuang Zheng (Autor:in), 2014, Binnenmigration in China, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/385545