Neue Bildformen im 18. Jahrhundert


Seminararbeit, 2013

18 Seiten, Note: 2


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Diachrone Perspektive der Porträtmalerei

3. Kleidungsstil im 18. Jahrhundert

4. Schlusswort

5. Bibliografie

6. Abbildungsverzeichnis

1. Einleitung

"A man who has not been in Italy is always conscious of an inferiority, from his not having seen what it is expected a man should see." [1] Diese Aussage des britischen Autors Samuel Johnson beschreibt die Notwendigkeit von Bildungsreisen unter den jungen englischen Adligen im 17. und 18. Jahrhundert sehr gut. Bereits seit dem Spätmittelalter war es in Künstler- und Intellektuellenkreisen Tradition, antike Stätten in Italien zu besichtigen. Ihren Aufschwung erlebte die „Grand Tour“ aber erst gegen Ende des 17. Jahrhunderts. Die Grand Tour ist jedoch kaum mit einer Reise im heutigen Sinn vergleichbar. Sie erlaubte es den jungen Adligen, ihren Platz unter der herrschenden Bildungselite einzunehmen.[2] Mit dem Ende der Bildungsreise konnten die jungen Männer in einen neuen Status übertreten, sei es durch ein politisches Amt oder als Mitglied eines exklusiven Clubs oder einer Geheimgesellschaft.[3] Da die Reisenden ihre Grand Tour bildlich festhalten wollten, entstanden viele Touristenporträts.

Die vorliegende Hausarbeit beschäftigt sich mit der Kunst zur Zeit der Grand Tour. Ihr Ziel ist die Untersuchung von verschiedenen Gesichtspunkten der Grand-Tour-Porträtmalerei und der Porträtmalerei im Allgemeinen. Es sollen folgende Aspekte analysiert werden: Als Erstes wird im Hauptteil der Arbeit auf die Entstehung der Porträtmalerei bis zum 18. Jahrhundert eingegangen. Es kann nicht auf alle Entwicklungen eingegangen werden, da dies den Rahmen dieser Arbeit sprengen würde. Daher beschränkt sich diese Arbeit nur auf einen kurzen Abriss der Geschichte der Porträtmalerei seit dem 16. Jahrhundert. Anhand eines Vergleichs zwischen einem Gemälde von Hans Holbein dem Jüngeren und einem Touristenporträt von Pompeo Batoni werden die unterschiedlichen Zielsetzungen dieser beiden Porträts erläutert. Da der Aspekt der Kleidung und Verkleidung im 18. Jahrhundert von grosser Bedeutung war, wird dieser Blickpunkt mit Hilfe des Porträts von Pompeo Batoni beleuchtet. Dabei stütze ich mich hauptsächlich auf die Werke „ Dress in eighteenth-century Europe “ und „ The Dress Worn at Masquerades in England, 1730 to 1790, and Its Relation to Fancy Dress in Portraiture “ von Aileen Ribeiro[4]. Im Rahmen dieses Kapitels wird ausserdem das Phänomen von Karikaturen von Grand-Tour-Touristen beleuchtet und der Grund, warum diese entstanden sind, thematisiert.

2. Diachrone Perspektive der Porträtmalerei

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Auf dem Porträt von Hans Holbein dem Jüngeren ist der Mathematiker und Astronom Nicolaus Kratzer abgebildet (Abbildung 1). Er trägt einen dunkel-violetten Mantel. Im Ausschnitt werden sowohl das weisse Unter- als auch das rote Obergewand sichtbar. Der Astronom sitzt hinter einem Tisch, dessen Kante mit dem vorderen Bildrand abschliesst, sodass seine Grundfläche nur in ungewöhnlich winkliger Form vorstellbar ist. Das Porträt ist mit vielen verschiedenen Accessoires ausgestattet. In der linken Hand hält Nicolaus Kratzer den zehnseitigen Körper einer Sonnenuhr, die er offenbar gerade zusammensetzt. In seiner rechten Hand liegt ein Messzirkel. Auf dem Tisch sind weitere Arbeitsgeräte verteilt. Von links nach rechts sind ein beschriebenes Blatt Papier, eine darüber liegende Visierschiene, ein Schabeisen oder Modelliermesser, die gestapelten Zeiger einer Sonnenuhr, vier zusammengelegte Viertelkreise, ein Spitzeisen, eine Schere, ein Stechzirkel und ein Hammer zu sehen. Neben Nicolaus Kratzers Kopf hängt rechts ein grosser Zirkel, vor diesem eine Art Parallel-Reissschiene, darunter ein Lineal.

Die Mess- und Zeichengeräte heben sich von der hellen, glatten Wand und der Tischplatte ab. Den Gegenständen in seiner Hand schenkt der Porträtierte keine direkte Aufmerksamkeit. Sein Blick richtet sich nicht auf den Betrachter, sondern schweift rechts aus dem Bild heraus. Er wirkt gedankenversunken und in sich gekehrt, da seine Augen nichts direkt fixieren. Die ihn umgebenden Objekte sind nicht geordnet aufgereiht, sodass sich ein Eindruck des Spontanen und Zufälligen einstellt. Der gedankenversunkene Blick weist darauf hin, dass der Porträtierte nicht nur handwerkliches Geschick, sondern auch geistige Fähigkeiten besitzt.[5] Holbeins Porträt von Nicolaus Kratzer prägte über einen langen Zeitraum die Darstellung berühmter Mathematiker und Astronomen. Diese wurden fast immer als Halbfigur im Raum gemalt und hinter einem von Schreib- und Messgeräten bedeckten Tisch positioniert.[6]

In Europa beginnt man in der Zeit der Renaissance damit, Menschen zu porträtieren. Schon auf den Porträts dieser Zeit wird die Einmaligkeit des Individuums deutlich[7], ist aber noch nicht so stark vorhanden wie in den Porträts des 18. Jahrhunderts. Neben Vanitas-Motiven dominieren im Interieurporträt des 16. Jahrhunderts, gut sichtbar auch auf Nicolaus Kratzers Porträt, zunächst folgende Accessoires: Bücher, Briefe, Schreibgeräte, Kaufmannsutensilien, Mess- und Musikinstrumente, Bilder und Skulpturen. Diese Gegenstände haben zum einen in der religiösen Malerei bereits Bildwürdigkeit erlangt und sind somit prädestiniert dafür, Bildnisansprüche bürgerlicher Gelehrter und Handelstreibender zu legitimieren. Darüber hinaus sollen die Porträts im 16. Jahrhundert dem Betrachter auch das Aussehen des Porträtierten sowie seinen Gesellschaftsstand vermitteln. Da im 18. Jahrhundert jedoch neue Bildformen entstehen (siehe Kapitel 3) und eine immer grössere Grenze zwischen Privatheit und Beruf gezogen wird, ändern sich die Darstellungen von offiziellen und weniger offiziellen Bildnissen.[8]

3. Kleidungsstil im 18. Jahrhundert

In den 1770er-Jahren bestand die Hofkleidung für Männer aus einem kunstvoll bestickten Anzug, üblicherweise aus einem edlen Stoff wie zum Beispiel Samt. Der ganze Anzug setzte sich aus einem Mantel, einer Weste und Kniehosen zusammen. Während dieser Periode änderte sich diese Mode nicht grundlegend.[9]

Was Mode betrifft, gab es einen ständigen Austausch zwischen Grossbritannien und Frankreich, obwohl die beiden Länder untereinander oft im Krieg standen. Dies war denn auch nicht immer gern gesehen und führte in England schliesslich zu einer Regelung, die verschiedene ausländische Stoffe wie Samt und Spitze verbot. Die Konsequenz war, dass diese Materialien noch begehrter wurden und im grossen Stil – von allen Klassen ausser der allerärmsten – geschmuggelt wurden. Ab etwa 1780 wurde dann einfachere Kleidung bevorzugt, da das Interesse an Sport und Aktivitäten im Freien wuchs und somit die Nachfrage nach praktischerer Garderobe zunahm.[10]

Seit den frühen 1770er-Jahren bis zum Ende des Jahrhunderts war einer der Charakteristiken der Männerbekleidung die Kürzung des Mantels und der Weste, um einerseits die Materialmenge einzuschränken und um andererseits eine schlanke und gestreckte Figur zu erreichen. Diese schlanke Eleganz trieben die sogenannten „Macaroni“ (zu diesem Begriff später mehr) in den 1770ern auf die Spitze, indem sie sehr enge und schmal geschnittene Mäntel mit grossen Knöpfen und sehr kurze Westen und dazu hohe Perücken, manchmal mit einem kleinen Dreispitz obendrauf, trugen.[11]

Diese spezielle Mode stösst jedoch auch auf Kritik und man beginnt, sich im England des 18. Jahrhunderts über die jungen Männer, die sich so ausgefallen kleiden, lustig zu machen. Dies geschieht zum Beispiel in Form von Karikaturen (siehe Abbildung 2).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Philip Dawe, Pantheon Macaroni, 1773.

Gemäss Duden ist eine Karikatur eine „Zeichnung o. Ä., die durch satirische Hervorhebung bestimmter charakteristischer Züge eine Person, eine Sache oder ein Geschehen der Lächerlichkeit preisgibt“.[12] Eine Karikatur kann auch einen politischen Hintergrund haben und bestehende Werte kritisieren.

Die Karikatur von Philip Dawe kann also als Kritik am gesellschaftlichen Zustand im England des 18. Jahrhunderts verstanden werden. Die Grand-Tour-Touristen werden mit der Karikatur von Philip Dawe ins Lächerliche gezogen und überspitzt dargestellt. Was hat es nun mit dem Begriff „Macaroni“ auf sich? Dieser Terminus wurde nach und nach zu einer spöttischen Bezeichnung für junge Herren, die von ihrer Grand Tour nicht nur die Vorliebe für die italienische Küche und das berühmte Pastagericht „Maccheroni“, sondern auch für ausgefallene Mode und Redeweisen zurück nach England brachten.[13]

Zur Bildunterschrift „Pantheon Macaroni“ in Abbildung 2 ist zu sagen, dass es sich beim Pantheon nicht um das Pantheon in Rom, sondern um eine Art öffentliches Vergnügungslokal in London handelt. Das Pantheon befand sich in der Oxford Street und wurde am 27. Januar 1772 eröffnet. Der Haupteingang und die Fassade wurden allerdings vom römischen Original kopiert. Es war nur für die höhere Gesellschaftsschicht offen und konnte nur auf Empfehlung einer Peeress (der Frau eines Angehörigen des hohen Adels in Grossbritannien, A. B.) betreten werden. Die Absicht beim Bau des Pantheons war es, auch im Winter Maskenbälle darin abzuhalten. Diese wurden im Pantheon von 1772 bis 1792 veranstaltet, 1792 wurde es durch ein Feuer zerstört. Der Trend, Maskenbälle abzuhalten, überdauert das 18. Jahrhundert nicht. Das Pantheon und andere vergleichbare Lokale verschwinden zum Ende des Jahrhunderts. Die privaten Maskenbälle enden gegen 1780. Die Spitze ihrer Beliebtheit erlangen sie während des Zeitraums zwischen 1770 und 1780.[14]

Als typisch für die Kleidung der Macaroni gelten weiss-seidene Kniehosen und Strümpfe, Schuhe mit diamantbesetzten Schuhschnallen, Schuhe mit roten Absätzen sowie, wie bereits erwähnt, ein kleiner Dreispitz auf einer hohen, gepuderten Perücke (siehe Abbildung 2). Der übertriebene Kleidungsstil der Macaroni war auch eine beliebte Verkleidung anlässlich von Maskenbällen wie diejenigen, die im Pantheon abgehalten wurden.[15] Die Macaroni-Kleidung beruht auf modischen Attributen der französischen Hofkleidung. Wie so oft in der Mode wurde diese Art, sich zu kleiden, im England des 18. Jahrhunderts jedoch von der breiten Öffentlichkeit als unpassend und antiquiert empfunden. Dieser „natürliche“ Lauf der Mode wird sehr treffend in folgendem Zitat beschrieben:

„A mode begins to be out of date at Paris, just when it has been introduced at London by some English nobleman. The court and the first rate nobility immediately take it up; it is next introduced about St. Jame’s by those that ape the manners oft he court; and by the time it has reached the city, a contrary mode already prevails at Paris, where the English, bringing with them the obsolete mode, appear like the people of another world... This holds good in general, with reard both men and women’s apparel“

A Tour to London, or New Observations on England and Its Inhabitants, 1772.[16]

[...]


[1] Boswell 1934, 3: 36.

[2] Vgl. Bowron/Clark 1985: 42.

[3] Vgl. Redford 1996: 15.

[4] Ribeiro 1984a/b.

[5] Vgl. Kathke 1997: 40-42.

[6] Ebd.: 57-58.

[7] Ebd.: 11 ff.

[8] Vgl. Kluxen 1989: 108.

[9] Vgl. Ribeiro 1984b: 108.

[10] Ebd.: 104.

[11] Ebd.: 114.

[12] Duden, Deutsches Universalwörterbuch, 6. Überarbeitete Auflage, 2006, 931a, Stichwort Karikatur.

[13] Vgl. Rauser 2004: 101.

[14] Vgl. Ribeiro 1984b: 17-19.

[15] Vgl. Ribeiro 1984a: 142.

[16] Vgl. Ribeiro 1984b: 103.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Neue Bildformen im 18. Jahrhundert
Hochschule
Universität Zürich  (Kunstgeschichte)
Veranstaltung
Pompeo Batoni und die Grand-Tour – Porträtmalerei des 18. Jahrhunderts
Note
2
Autor
Jahr
2013
Seiten
18
Katalognummer
V385607
ISBN (eBook)
9783668605268
ISBN (Buch)
9783668605275
Dateigröße
1237 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Pompeo, Batoni, Grand Tour, Porträtmalerei, 18. Jahrhundert, Kunstgeschichte, Bildformen, Porträt, Italien, Italienische Malerei, Pompeo Batoni, Kunst, Art, Zürich, UZH, Universität Zürich
Arbeit zitieren
BA UZH Angelica Blumenthal (Autor), 2013, Neue Bildformen im 18. Jahrhundert, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/385607

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