Der Weg zum autonomen Selbstporträt in der frühneuzeitlichen Malerei. Selbstporträt gleich Selbstdarstellung?


Hausarbeit (Hauptseminar), 2014
23 Seiten, Note: 1,2

Leseprobe

GLIEDERUNG

1. Einleitung

2. Mehr als nur ein Anflug von Selbstbewusstsein

3. Ein zurückhaltendes Selbstbewusstsein

4. Ein wahres Selbstbewusstsein

5. Schluss

6. Literaturverzeichniss

7. Bildnachweise

1. EINLEITUNG

In jeder aufkommenden Tendenz, nicht nur den künstlerischen, liegt eine ihr eigens motivierte Bestrebung zugrunde, die sie Souveränität erlangen lassen soll. Das Erreichen dieser Etappe im Prozess des Werdens markiert einen Status der Autonomie, unabhängig von ihrer erhaltenden Dauer.

Mit der Renaissance begab sich die Malerei aus den Kirchen in die Paläste, öffentlichen Hallen und Museen, dem Handwerk wurde eine neue Auffassung — eine neues Denken zuteil und das Selbstporträt entwirft die Philosophie des Malers.

Doch wie dienlich ist die Verbindung von Philosophie und Kunst um noch von Autonomie zu sprechen? Welchen Platz nimmt das schaffende Individuum in dieser Synthese ein, wenn es doch nur wieder Restriktionen erliegt.

Die antike Auffassung, dass Kunst die Natur nachahmen solle, zu einer Mimesis verkommt und nur die Verbindung des Schönen mit dem Guten als erstrebenswert gilt, wurde schon im Zeitalter der Aufklärung in Frage gestellt. Wenn Kant sagt: »dass dasjenige Urteil über Schönheit, worin sich das mindeste Interesse mengt, sehr parteilich und kein reines Geschmacksurteil sei«[1], so leuchtet der Gedanke der Individualität auf und einer Frage nach offizieller Anerkennung kann nur mit Hybris beantwortet werden.

Dem Akt des Malens geht ein In-Szene setzen voran, was unter Begriffen wie Selbstbeobachtung, Selbstbefragung, Selbstreflexion etc. abgetan wird. Dabei spielt die Offenlegung eines psychischen Zustandes eine mindestens so gewichtige Rolle wie die nach Verkleidung oder Maskierung.

Doch um von Autonomie zu sprechen, dem Mut und der emotionalen Öffnung die der Künstler aufbringen muss um es in die Abbildung seiner selbst zu stecken ist die große Schwierigkeit dieser Gattung.

Es ist die Absicht dieser Arbeit herauszustellen unter welchen Bedingungen sich ein autonomes Selbstporträt bildete. Welche instinktiven und willentlichen Versuche gemacht wurden und welche Schwierigkeiten sich dem entgegenstellten. Dafür soll ein überschaubarer Bilderkatalog genutzt werden der sich über einen Zeitraum von der Spätrenaissance bis in den Realismus des 19. Jahrhunderts erstreckt.

Spricht man von autonomen Selbstporträt, dann ist dieses Szenario ein reines und unverfälschtes; das was ein Selbstportrait für den Künstler ausmacht ist von größer Bedeutung als für den Betrachter, denn für wenn ist diese Form des Audrucks wohl bestimmt?

Kunst kann und soll immer ein Gefühl bleiben — diese Wahrheit lässt sich bereits jetzt ableiten.

2. MEHR ALS NUR EIN ANFLUG VON SELBSTBEWUSSTSEIN

Zu Beginn soll die Einschätzung des Kunsthistoriker Gottfried Boehm dazu dienen eine Unterscheidungsmöglichkeit innerhalb der Kategorie Selbstporträt zu treffen, die auf einen autonomen und somit gänzlich selbstbestimmten Rückschluss der Intention des Malers standhalten kann.

Für diese Untersuchung muss die immer gegebene Größe der Indirektheit, welcher die Entstehung eines Selbstporträts unterliegt, und die der Grund für die Schwierigkeit ist sich diesem von Seiten des Künstlers wie Betrachters zu nähern umrissen werden.

Dieses indirekte Verfahren beruht darauf, dass das der Maler sich nie, im Vergleich zu einem Modell, Motiv oder Phantasie, vor sich selbst bringen kann wie er es mit den aufgezählten Beispielen tun könnte. Ohne Zweifel ist der Spiegel das praktischste aller Hilfsmittel, doch auch die Benutzung dieses Utensils zwingt den Künstler die singuläre Erfahrung des Sich-Betrachten in diesem dazu nicht frei von Interpretationen zu bleiben sobald sein Blick wieder auf die Leinwand gerichtet ist. Kein Selbstporträt vermag es alles Merkmale der dem Spiegel eigenen Duplikation wiederzugeben, dies gelingt höchstens der Photographie, und somit wird es für den Ausführenden immer ein Produkt auf der Schwelle zwischen Wahrnehmung und Bedeutung sein.

An dieser Stelle sei gesagt, dass mit der reinen Abbildung der nötige Anspruch für ein Werk dieser Kategorie nicht erfüllt sein kann, zumal in der Geschichte der Malerei der Anspruch an ein realistisches Äußeres kein verbindliches Kriterium darstellt. Der entscheidende Punkt dieses indirekten Vorgehens ist die Individualisierung des Dargestellten.[2] In einem Satz: „Das selbstständige oder Individualporträt enthält mithin eine Darstellung, die imstande ist, im Äußeren der menschlichen Figur etwas von ihrem Inneren, dem persönlichen Kern zu verbildlichen."[3].

Die Assistenzbilder des 15. und frühen 16. Jahrhunderts zeigen dies nicht auf. Ihre Bedeutung für die Emanzipation der Malerei und sich später daraus entwickelnden Autonomie sind von großer Wichtigkeit, doch vermag Boehm ihnen nicht den Rang des Selbstporträts zu geben. Der selbe Umstand trifft auf das Fremdporträt zu.

Was Boehm einfordert ist eine nur auf theoretischen Grundlagen zu beschreibende Einsicht welche das Bild vermittelt, die er in Anlehnung an Michel de Montaigne »opake Tiefe des eigenen Inneren« nennt. „Die Selbsterfahrung des Malers führt aber erst dann zu authentischen Ergebnissen, wenn der Maler nicht nur mit seiner Physiognomie eine Signatur ins Bild setzen will und nicht nur seine künstlerische Befähigung dokumentieren, sondern wenn er sich als ein besonderes, ein herausragendes Individuum begreift, sich zu den exemplarischen Bildwürdigen zählt. Dann sind die Voraussetzungen gegeben, vom Selbstbildnis einen authentischen Beitrag zu erwarten."[4].

[...]


[1] Kant, Immanuel: Kritik der Urteilskraft; Hg. von Karl Vorländer. Unveränderter Nachdruck 1974 der sechsten Auflage von 1924. Hamburg: Felix Meiner 1974; S.48.

[2] Boehm, Gottfried: Die opaken Tiefen des Inneren. Anmerkungen zur Interpretation der frühen Selbstporträts; in: Hesse, Michael: Studien zu Renaissance und Barock. Manfred Wundram zum 60. Geburtstag; Frankfurt a. M. 1986; Vgl. S.24.

[3] Ebd.; S.25.

[4] Ebd.; S.27.

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Der Weg zum autonomen Selbstporträt in der frühneuzeitlichen Malerei. Selbstporträt gleich Selbstdarstellung?
Hochschule
Freie Universität Berlin
Veranstaltung
Kunstgeschichte Neuzeit
Note
1,2
Autor
Jahr
2014
Seiten
23
Katalognummer
V385618
ISBN (eBook)
9783668600737
ISBN (Buch)
9783668600744
Dateigröße
1349 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Selbstporträt, Neuzeit, Kunstgeschichte, Dürer, Courbet, David, Carracci, Poussin, Caravaggio, Boehm, Alberti, Stoichita
Arbeit zitieren
Marcus Schütze (Autor), 2014, Der Weg zum autonomen Selbstporträt in der frühneuzeitlichen Malerei. Selbstporträt gleich Selbstdarstellung?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/385618

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