Der attische Handel im 5. und 4. Jahrhundert v. Chr.


Hausarbeit, 1983
18 Seiten, Note: 3,0

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Die gewerbetreibenden Berufstypen und Bevölkerungsgruppen

3. Import- und Exportgüter

4. Zur Außen-, Handels- und Zollpolitik Athens

5. Resümee

Anmerkungen

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Aristophanes nennt in seiner Komödie "Die Acharner", die anläßlich der Lenäischen Dionysien im Februar 425 v.Chr. uraufgeführt wurde, die wichtigsten Voraussetzungen dafür, daß eine Gesellschaft mittels des Außenhandels zum Wohlergehen ihrer Mitglieder beitragen kann. Es sind dies der äußere, zwischenstaatliche Friede und offene Märkte. Während der Protagonist des Stückes, Dikaiopolis, mit Freuden einen Friedensvertrag ('spondai') zu Land und zu Wasser mit einer Laufzeit von 30 Jahren zum selten günstigen Preis von 8 Drachmen unter Vermittlung von Amphitheus mit den Lakedaimoniern für seine Familie und für sich selbst abschließt und je länger das Stück dauert desto vergnügter wird und das Leben in vollen Zügen genießt, wird der Gegenspieler, Lamachos, der seine Lorbeeren über den Kriegsdienst erwerben will, verwundet von der Bühne geschleppt.1

Die erste Phase des Peloponnesischen Krieges (431-404), der Archidamische Krieg (431-421) dauerte schon fünf Jahre an. Die attische Landbevölkerung, die nach dem Plan des Perikles im Bereich der langen Mauern zwischen Athen und dem Piräus in Notunterkünften zusammengepfercht war, vegetierte dahin. Zudem hatte die Pest, die seit dem Sommer 430 aus Vorderasien (Ägypten?) eingeschleppt worden war, die attische Bevölkerung um ein Drittel reduziert.2 In einer solchen Situation wurde es immer wahrscheinlicher, daß das um Haus und Hof gekommene Landvolk die Friedens-sehnsucht des Aristophanes teilte. Doch unglücklicherweise gab es einige Politiker aus der "Schicht der Gewerbetreibenden", die an die Fortführung des Krieges gegen den Peloponnesischen Bund interessiert waren.3 Von diesen Politikern wußte sich insbesondere Kleon, der Gerber, in Szene zu setzen. Paradoxerweise hatte dieser früher die Kriegspolitik des Perikles verurteilt. Als Schatzmeister des Delisch-Attischen Seebundes (478-400) aufgestiegen führte Kleon zusammen mit dem Strategen Demosthenes neue Kriegsaktionen gegen Sparta durch. Als Sparta im August 425, in demselben Jahr, als die "Acharner" aufgeführt wurden, die Wiederherstellung des 30-jährigen Friedens von 446/5 und darüber hinaus ein Schutz- und Trutzbündnis ('symmachia') anbot, lehnte Kleon das Angebot ab und wählte stattdessen die bedingungslose Kapitulation der 420 auf der Insel Sphakteria von athenischen Trieren abgeschnittenen lakedämonischen Hopliten.4

Die Anlässe zum Peloponnesischen Krieg sind ein Beispiel dafür, daß athenische Politi-ker die Bereiche Politik und Handel zusammen für das Kalkül ihrer Entscheidungen im Auge behielten. Perikles wandte bewußt Mittel an, um Korinth als politisch-ökonomischen Rivalin zu schaden. Der Begriff des "megarischen Psephisma" bezog sich auf die Schließung sämtlicher Häfen im Bereich des Attischen Seebundes für megarische Händler. Auch die Ansiedlung der aufständischen Heiloten des dritten Messenischen Krieges in Naupaktos am Korinthischen Golf zielte darauf ab, den Handel Korinths zum Wohle Athens zu schmälern.5

Es gab auch positive, konstruktive politische Maßnahmen, die Athen im 5. Jahrhundert innerhalb des ursprünglich gegen die Perserexpansion ins Leben gerufenen ersten Attischen Seebundes ergriff. Hierzu gehören die Übereinkommen ('symbolai'), die Athen mit ihren Bündnern - etwa Chios, Milet oder Lesbos abschloß und die darauf abzielten, den 'emporoi' der Stadtstaaten dieser Inseln den Zugang zum Piräus rechtlich zu erleichtern. Nach Aristoteles war es für die attische Gemeinschaft nötig, diejenigen Stadtstaaten mit Hilfe von 'synthékai' (Einfuhrverträge) und 'symbolai' (Rechtshilfeverträge) an sich zu binden, deren Exportgüter die Gemeinschaft zur Deckung ihres Nahrungsbedarfes brauchte.6

Nachfolgend sollen diejenigen Aspekte und Fragen zur attischen Wirtschaftsgeschichte aufgeführt werden, die unser erkenntnisleitendes Interesse in diesem Essay strukturieren:

1. Welche Berufstypen, Händlerkategorien und Bevölkerungsgruppen befaßten sich mit dem Handel von Gütern und Dienstleitungen im Athen des 5. und 4. Jhdt. v. Chr.? Hier muß dann auch gefragt werden, inwieweit moderne Begriffe wie Einzel-, Zwischen-, Groß-, Immobilien- Geldhandel auf das Wirtschaftsleben der Antike überhaupt übertragen werden können.
2. sollen die Importgüter, die etwa im Piräus ausgeladen, weiter gehandelt und transportiert wurden und die attischen Exportgüter, die nach auswärts gingen, genannt werden. Die Frage soll gestellt werden, ob sich die Menge bestimmter Import- und Exportgüter bestimmen läßt.
3. soll auf eine mögliche Außenhandelspolitik Athens eingegangen werden. Gab es Import- oder Exportverbote? Wurden Importe oder Exporte mengenmäßig begrenzt? Inwieweit förderte der Staat mit Hilfe von Einfuhrverträgen oder Rechtshilfeverträgen den Import von notwendigen Gütern? Gab es Schutz- oder Finanzzölle? Desweiteren soll die Funktion des 'polemarchos', des 'prostates' und des 'proxenos' erläutert werden. Schließlich wird noch die Frage gestellt, ob - modern gesprochen - Handels- oder Zahlungsbilanzen im 5. oder 4. Jahrhundert v.Chr. irgendwo statistisch festgehalten wurden.

2. Die gewerbetreibenden Berufstypen und Bevölkerungsgruppen

Hasebroek unterscheidet zwischen 'kapelos', Wiederverkaufskapelos, 'emporos' und 'naukleros'. Der 'kapelos' war im Gegensatz zum 'emporos' ein Lokalhändler, der als Einzel- oder auch als Großhändler auftreten konnte. Im ersten Fall stünde er zwischen Großhändler und Konsument, im zweiten Fall zwischen Produzent und Einzelhändler. Der Wiederverkaufskapelos nahm die Funktion eines Zwischenhändlers wahr. 'Naukleroi' und 'emporoi' hatten ein Merkmal gemeinsam: sie waren nämlich kapitallos und mußten in der Regel ein Seedarlehen aufnehmen, um die Waren, die sie in einem 'emporium' aussuchten, bezahlen zu können. Der 'emporos' war ein Fernhändler, der seine Waren entweder persönlich auf dem Schiff eines 'naukleros' begleitete oder einen Supercargo beauftragte, die Waren zu begleiten und an den Zielorten für ihren Verkauf zu sorgen.7

Bei den Philosophen Aristoteles und Platon gab es ein aristokratisches Vorurteil gegenüber dem Einzelhandel, dem Handwerk und dem abhängigen Arbeiter. Dies hatte zwei Gründe. Zum einen galt es nach Aristoteles als vornehm, kein banausisches Handwerk auszuüben, da es ein Merkmal eines freien Mannes sei, nicht in Abhängigkeit von einem anderen zu leben.8 Platon schlug in seinem Idealstaat vor, den Einzelhandel auf Metöken und Ausländer zu beschränken.9 Zudem glaubten die Philosophen, daß der Kleinhandel eine korrumpierende Wirkung ausübe, weil bei diesem nur geringe Gewinnspannen erzielt werden konnten. Hier müßte man natürlich gleich fragen, welche Haltung die Philosophen gegenüber Seedarlehensgebern einnahmen, da hier die Gewinnspanne ja noch höher sein konnte als beim Einzelhandel. Platon beispielsweise wollte das Kreditprinzip aus dem Markt ausschalten. Nur Geld sollte gegen Ware und Ware gegen Geld ausgetauscht werden können.10

Die verächtliche Haltung der Philosophen gegenüber dem Tätigkeitsfeld, das das Nomen ‚kapelike‘ und das Verb ‚kapeleuein‘ bezeichneten, gründete sich auf die Tatsache, daß viele Einzelhändler Sklaven waren oder dem Sklavenstand angehört hatten.11

A.H.M. Jones weist in einem Aufsatz darauf hin, daß der athenische 'thes' in erster Linie nicht sosehr die schwere körperliche Arbeit scheute, denn in Kriegszeiten mußten die 'Theten' auf den Trieren Ruderarbeit leisten. Was die 'Theten' nicht leiden konnten war, der Knecht anderer Menschen zu sein. Deshalb arbeiteten sie etwa als unabhängige Handwerker oder zur Not auch als Gelegenheitsarbeiter, niemals aber als Angestellte in schwarzen Roben. Deshalb war es auch nicht verwunderlich, daß solche verantwortungsvollen Posten wie Bankmanager oder Vorarbeiter in einer Mine von Sklaven oder Freigelassenen des Besitzers wahrgenommen wurden.12

In Athen befanden sich feste Läden in den Säulenhallen ('stoai') auf der Agora. Daneben gab es auch ambulante Händler wie etwa Brot- und Fischverkäufer. Provisorische Buden wurden in der Nähe der Agora oder in belebten Stadtteilen aufgeschlagen. Neben solch bekannten Handwerksberufen wie Töpfer und Waffenschmiede gab es auch spezialisierte Berufe wie Knoblauchhändler, Arzneimittel-, Nadel- und Kranzhändler.13

verweist darauf, daß es einen primitiven Immobilienhandel in Attika in unserem Untersuchungszeitraum auch schon gab. Kapitalkräftige Landwirte kauften in Zeiten einer Krise - etwa nach dem Peloponnesischem Krieg - "heruntergekommene Güter", verbesserten sie und verkauften sie wieder mit Gewinn.14 An Käufern fehlte es nicht, weil Grundbesitz als sichere Kapitalanlage galt.

Millett unterscheidet drei Gruppen von Seedarlehensgebern im Athen des 4. Jhdts. Die kleinste Gruppe machten die athenischen Bürger aus, die gelegentlich ihr Kapital auch auf diese Weise vermehrten. Als Beispiel nennt Millett den Vater des Demosthenes, der bei seinem Tode 7000 Drachmen als Seedarlehen durch einen Mittelsmann Xuthus vermittelt hatte. Zahlenmäßig größer war die Gruppe der gelegentlichen Verleiher unter den Händlern. Die größte Gruppe stellten die professionellen Geldverleiher dar.15

[...]


1) Aristophanes, Archanians. übers. v. B.B. Rogers. London (William Heinemann Ltd.) 1978, S. 130, 720, 1190-1230.

2) Bengtson, H., Griechische Geschichte. Von den Anfängen bis in die römische Kaiserzeit. München (C.H.Beck) 1965, Dritter Teil, 2., S. 200.

3) Vgl. ebd., S. 202.

4) Vgl. ebd., S. 204f.

5) Vgl. ebd., 1., S. 194f.

6) Gauthier, P., Symbola. Les étrangers et la justice dans les cités grecques. Nancy (Université de Nancy) 1972, Kap. IV, E, S. 203; Aristot. Rhet. 1360a

7) Hasebroek, J., Staat und Handel im alten Griechenland. Untersuchungen zur anti- ken Wirtschaftsgeschichte. Tübingen (J.C.B. Mohr, P. Siebeck) 1928, Kap. I, S. 1 – 8.

8) Hopper, R.J., Handel und Industrie im klassischen Griechenland. dt. München (C.H. Beck) 1982, Kap. II, S. 75.

9) Vgl. ebd., S. 75.

10) Vgl. ebd., S. 75.

11) Vgl. ebd., S. 76f.

12) Vgl. Jones, A.H.M., The Economic Basis of the Athenian Democracy, in: Past & Present, No. 1 (Februar 1952), S. 19.

13) Hopper, R.J., a.a.O., 80.

14) Beloch, K.J., Griechische Geschichte. Berlin/Leipzig 1922, 2. Aufl., Dritter Bd., 1. Abt., IX Abschnitt, S. 316f.

15) Millett, P., Maritime loans and the structure of credit in fourth-century Athens, in: Garnsey, P.; Hopkins, K.; Whittaker, C.R. (Hg.), Trade in the Ancient Economy. London (Chatto & Windus/ The Hogarth Press) 1983, S. 49ff.

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Details

Titel
Der attische Handel im 5. und 4. Jahrhundert v. Chr.
Hochschule
Universität Bielefeld  (Fakultät für Geschichtswissenschaft und Philosophie)
Veranstaltung
Kurs: 'Ökonomie' in der Antike
Note
3,0
Autor
Jahr
1983
Seiten
18
Katalognummer
V385696
ISBN (eBook)
9783668601628
ISBN (Buch)
9783668601635
Dateigröße
516 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Berufstypen: kapelos, naukleros, emporos, Vertragstypen: spondai, symmachia, synthekai, symbola, symbolai, Import-, Exportgüter, diplomatischer Vertreter: proxenos
Arbeit zitieren
Volker Beckmann (Autor), 1983, Der attische Handel im 5. und 4. Jahrhundert v. Chr., München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/385696

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