Die hedonistische Wertetheorie, die in der Regel ursächlich auf Jeremy Bentham und sein Werk "Eine Einführung in die Prinzipien der Moral und Gesetzgebung" zurückgeführt wird, soll in der vorliegenden Arbeit in einigen Facetten diskutiert und kritisiert werden. Die Wirkmächtigkeit dieser Theorie ist unbestritten und ihre Anwendung als Begründung für alltägliche Entscheidungen oder weitreichende politische Handlungen ist evident.
Selbst Menschen, die grundsätzlich eine gegenseitige Aufrechnung von Menschenleben intuitiv strikt ablehnen würden, nehmen in Situationen, in denen das Aufopfern von einzelnen Menschen zur Rettung vieler beträgt, eine solche Abwägung dennoch in Kauf. Was ist das erzeugte Leid bei 100 Toten gegenüber dem Leid beim Tod von 50'000 Menschen? So bleibt die Frage virulent: Kann die hedonistische Wertetheorie nicht doch ein Fundament einer praktikablen Moraltheorie sein?
Im Folgenden wird versucht, dieser Frage in Teilen nachzugehen. Dabei liegt das Hauptaugenmerk fast ausschliesslich auf dem Werk von Bentham. Dies lässt sich damit begründen, dass in der vorliegenden Diskussion grundlegende Themen angesprochen werden, die durch einen breiteren Miteinbezug von Werken beispielsweise von John Stuart Mill nicht grundsätzlich erweitert würden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Wertetheorie von J. Bentham
3. Kritik
3.1 Kritik des Minimal-Subjekts
3.1.1 Kritik der Bewertung von mentalen Zuständen
3.2 Kritik am Begriff des Gesamtglücks
4. Fazit und Schlussbemerkung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit setzt sich kritisch mit der hedonistischen Wertetheorie von Jeremy Bentham auseinander und untersucht deren Tragfähigkeit als Grundlage für eine Moraltheorie sowie für staatliche Gesetzgebungen.
- Grundlagen der hedonistischen Wertetheorie nach Jeremy Bentham
- Das "Prinzip der Nützlichkeit" als Basis moralischen Handelns
- Kritik am anthropologischen Menschenbild des "Minimal-Subjekts"
- Problematik der Quantifizierung mentaler Zustände durch ein "hedonistisches Kalkül"
- Die Unzulänglichkeit der Reduktion einer Gesellschaft auf die Summe ihrer Einzelmitglieder
Auszug aus dem Buch
3.1 Kritik des Minimal-Subjekts
Für Bentham lassen sich alle Handlungsgründe letztendlich auf Freude und Leiden zurückführen, das heisst, sie werden von ihnen bestimmt. Das Einzige, was in intrinsischen Wert, das heisst einen Wert um seiner selbst Willen hat, ist die Freude. Freude verstanden als mentaler Zustand, eine einfache oder auch zusammengesetzte „Empfindung“ (Bentham et al., 2013, 44). Daraus leitet Bentham direkt das letztendliche Handlungsmotiv jeder Handlung ab. Was auch immer der Mensch tut, er tut es um der Freude Willen oder um sein Leid zu minimieren. Gegeben, man akzeptiert diese Prämisse, muss man dann nicht daraus schliessen, dass jeder Mensch einzig und allein aus egoistischen Gründen handelt? Kann ein solcher Mensch jemals so etwas wie Verantwortungsgefühl, Nächstenliebe oder Sorge um das Wohl der anderen entwickeln? Kann er jemals verantwortungsvoll handeln? Hier scheint eine fundamentale Schwäche der Bentham’schen Wertetheorie sichtbar zu werden. Er geht in seinen Überlegungen der Bentham’schen Wertetheorie von einem zwar vernunftbegabten, letztendlich aber völlig triebgesteuerten Einzelwesen als Mitglied einer Gemeinschaft aus, ohne sich die Frage zu stellen, wie ein solches minimales Subjekt, ohne andere intrinsische Werte als Freude - beispielsweise Freundschaft oder soziale Beziehungen - jemals eine Gesellschaft eigenverantwortlicher Mitglieder bilden kann? Sicher ist es nicht so, dass Bentham ein Anhänger eines solchen minimalistischen Menschenbildes gewesen wäre. Dies wird beispielsweise aus seinen Versuchen sichtbar, die verschiedenen Ursachen von Freude und Leid zu beschreiben oder Arten von Freuden und Leiden zu unterscheiden. Bentham erkennt durchaus an, dass es neben Sinnesfreuden auch Freuden der Kunstfertigkeit, der Macht oder der Frömmigkeit gibt.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Relevanz der hedonistischen Wertetheorie ein und skizziert die methodische Vorgehensweise sowie die zentralen Kritikpunkte an Benthams Werk.
2. Wertetheorie von J. Bentham: Dieses Kapitel erläutert das "Prinzip der Nützlichkeit" sowie die Annahme, dass menschliches Handeln primär durch das Streben nach Freude und das Vermeiden von Leid gesteuert wird.
3. Kritik: Der Hauptteil analysiert Benthams Theorie kritisch, insbesondere im Hinblick auf das Menschenbild, die Quantifizierbarkeit mentaler Zustände und die Definition des gesellschaftlichen Gesamtglücks.
3.1 Kritik des Minimal-Subjekts: Es wird hinterfragt, ob ein rein triebgesteuertes Individuum als Basis für verantwortungsvolles Handeln und eine funktionierende Gesellschaft dienen kann.
3.1.1 Kritik der Bewertung von mentalen Zuständen: Dieser Abschnitt thematisiert die methodischen Probleme bei der numerischen Erfassung von Gefühlen durch ein hedonistisches Kalkül.
3.2 Kritik am Begriff des Gesamtglücks: Die Gleichsetzung einer Gesellschaft mit der rein additiven Summe ihrer Einzelmitglieder wird als unzureichend für das Verständnis komplexer Gemeinschaftsstrukturen kritisiert.
4. Fazit und Schlussbemerkung: Zusammenfassend wird festgestellt, dass eine rein hedonistische Theorie den komplexen Anforderungen an Moral und Gesetzgebung in einer modernen Gesellschaft nicht gerecht werden kann.
Schlüsselwörter
Hedonismus, Utilitarismus, Jeremy Bentham, Prinzip der Nützlichkeit, Handlungsmotiv, Gesamtglück, hedonistisches Kalkül, Minimal-Subjekt, Moraltheorie, Gesetzgebung, mentale Zustände, Gesellschaftstheorie, Freude, Leid, Verantwortung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit befasst sich mit einer kritischen Analyse der hedonistischen Wertetheorie von Jeremy Bentham und untersucht, inwieweit diese als Basis für Moral und staatliches Handeln dienen kann.
Welche Themenfelder stehen im Zentrum?
Zentrale Themen sind das Nutzenprinzip, die Messbarkeit von menschlichem Glück, das Menschenbild des Utilitarismus sowie die Definition und Struktur von Gesellschaft und Staat.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, die logischen und praktischen Schwachstellen in Benthams Theorie aufzuzeigen, insbesondere die Unzulänglichkeit, eine komplexe Gesellschaft nur durch die Addition von Einzelinteressen zu erklären.
Welche Methode wird angewandt?
Die Arbeit nutzt eine philosophische Diskursanalyse, bei der zentrale Texte Benthams auf ihre internen Widersprüche und ihre Anwendungstauglichkeit geprüft werden.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine Untersuchung des Menschenbildes, eine Kritik an der Quantifizierung von Glück durch ein Rechenmodell sowie eine Analyse der Fehlinterpretation von Gesellschaft als rein fiktivem Gebilde.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Utilitarismus, hedonistisches Kalkül, Nützlichkeitsprinzip und Gesellschaftskritik zusammenfassen.
Warum wird Bentham als Vertreter eines "Minimal-Subjekts" bezeichnet?
Weil seine Theorie den Menschen primär als triebgesteuertes Wesen reduziert, das nur auf Schmerzreize und Freude reagiert, wodurch wichtige menschliche Aspekte wie Verantwortungsgefühl oder soziale Verbundenheit theoretisch ausgeblendet werden.
Welches Problem sieht der Autor in der Quantifizierung von Glück?
Der Autor argumentiert, dass eine numerische Bewertung von mentalen Zuständen zwar technisch möglich erscheint, aber die philosophische Bedeutung von Glück und die menschliche Verantwortung für Handlungen entwertet.
- Arbeit zitieren
- Peter Keller (Autor:in), 2017, Die hedonistische Wertetheorie nach Jeremy Bentham, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/385719