Transmigrasi: Das indonesische Umsiedlungsprogramm


Hausarbeit (Hauptseminar), 2001

19 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Die Geschichte des Umsiedlungsprogramms
1.1. Von der holländischen Kolonialzeit bis zum ersten Weltkrieg
1.2. Das transmigrasi -Programm: Frischer Name, frischer Wind?

2. Formen der Transmigration
2.1. Öffentliche Transmigration (transmigrasi umum)
2.2. Spontane Transmigration (transmigrasi swakarsa)
2.3. Lokale Transmigration (transmigrasi lokal)

3. Ziele der Transmigration
3.1. Abbau des Bevölkerungsdrucks
3.2. Stabile Nahrungsmittelversorgung und Erschließung der Außeninseln
3.3. Nationale Einheit und Sicherheit

4. Die Probleme der Einheimischen und Siedler
4.1. Die Schwierigkeiten der umgesiedelten Bauern
4.2. Interkulturelle Konflikte: Ergebnis der Rücksichtslosigkeit auf die Urbevölkerung

5. Schluss

6. Literaturverzeichnis

Einleitung

Mit dieser Arbeit möchte ich zunächst einmal einen Überblick über das indonesische Umsiedlungsprogramm transmigrasi geben. Es gibt zu diesem Thema jede Menge Literatur, doch ist es sehr schwierig aus den zahllosen Schriften einen roten Faden herauszuarbeiten. Auch sind die Daten und Meinungen der Autoren in vielen Fällen unterschiedlich und nicht selten sind sie über grundlegende Dinge uneinig. Ich habe hierfür den zeitlichen Aufbau gewählt, da dieser sehr schön die langsame Entwicklung des Umsiedlungsprogramms von den ersten Siedlern zu Beginn des 20. Jahrhunderts bis hin zum straff organisierten Mammutprojekt, die sich wandelnden Methoden und Vorstellungen zeigt.

Des Weiteren werde ich auf die verschiedenen Formen und die sich mit der Zeit verändernden Ziele der Transmigration eingehen (Das Wort Transmigration ist zusammengesetzt aus trans, lat.: hinüber, von einem Ort zum anderen; und Migration, lat: Wanderung, Bewegung von Individuen oder Gruppen im geographischen od. sozialen Raum, die mit einem Wechsel des Wohnsitzes verbunden ist).

In dieser Arbeit soll auch stets der Erfolg des Programms diskutiert werden, außerdem inwieweit sich das theoretische Konzept in die Realität umsetzen ließ und welche Probleme sich dabei ergaben. Besonders im vierten Kapitel über die Schwierigkeiten der Umsiedler und Ein-heimischen soll erörtert werden inwiefern das transmigrasi -Programm ein Segen oder ein Fluch für die Bevölkerung darstellt. An dieser Stelle werde ich auch kurz auf die momentane Situation Indonesiens eingehen.

Anzumerken ist noch, dass es kaum neue Literatur zum Thema gibt und ich deshalb für aktuellere Themenbereiche vor allem mit Zeitungen und dem Internet gearbeitet habe, was sich allerdings nur bedingt als nützlich erwiesen hat.

1. Die Geschichte der Umsiedlung

Die Hauptinsel Java und ihre Nebeninseln Madura, Bali und Lombok haben an der Gesamtfläche Indonesiens einen Anteil von nur ca. 7%. Im Jahre 1986 lebten dort aber über 60% der Bevölkerung, was bedeutet, dass die Bevölkerungsdichte in dieser Region bei über 700 Einwohnern pro Quadratkilometer lag. Im Vergleich dazu lebten auf Sumatra nur 63, auf Kalimantan 21 und in West Papua bzw. Irian Jaya nur 3 Einwohner pro Quadratkilometer[1]. Durch das transmigrasi -Programm, das als das größte staatlich organisierte Umsiedlungsprogramm der Welt gilt, wird versucht, den Bevölkerungsdruck auf den dicht besiedelten Inseln abzubauen, indem siedlungswillige Familien von den bevölkerungsreichen Teilen des Landes auf die weniger dicht besiedelten Außeninseln ziehen[2].

1.1. Von der holländischen Kolonialzeit bis zum 2. Weltkrieg

Das Problem des Ungleichgewichts der Bevölkerungsverteilung besteht schon seit Langem. So liegt der Ursprung des Umsiedlungsprogramms transmigrasi bereits im Anfang des 20. Jahrhunderts, als Holland Kolonialmacht war und drei wichtige Maßnahmen zur Wohlstandssteigerung der Bevölkerung Javas verabschiedete: Ein erweitertes Bildungsprogramm, eine Verbesserung der Bewässerungssysteme und die Durchführung eines Umsiedlungsprogramms, die den Bevölkerungsdruck auf Java abbauen sollte[3]. Ob es nun wirklich der Bevölkerungsdruck war, der die Holländer auf die Idee der Umsiedlung brachte, ist fraglich, ging es der Kolonialmacht doch auch um wirtschaftliche Vorteile: 1905 lebten ca. 80% der Bevölkerung ihrer ostindischen Kolonie auf Java, andere Gebiete waren dagegen nur dünn besiedelt. Und wo niemand wohnt kann auch niemand den Boden bewirtschaften. So wurden zahlreiche Javaner als Plantagenarbeiter nach Sumatra zwangsumgesiedelt[4]. Des Weiteren wurden vor allem junge Familien dazu motiviert, in weniger dicht besiedelte Gebiete, hauptsächlich Lampung und Süd-Sumatra, zu ziehen, wo sie ein Stück Urwald erwartete. Die Kolonialregierung nahm an, die Umsiedler würden diese in „blühende Reisfelder verwandeln“, was sich als unrealistisch herausstellte und so wurde das Ziel des höheren Lebensstandards weit ver-

fehlt[5].

Dies änderte sich auch bis zum Beginn des 2.Weltkrieges kaum, da die oben genannten Reformen nur langsam eingesetzt wurden und der Bevölkerungszuwachs auf Java weit höher war, als die Abnahme durch Umsiedlung[6]. Wie viele Javaner genau bis ins Jahr 1941 umgesiedelt wurden, geht aus der Literatur nicht exakt hervor, doch müssen es um die 250 000 gewesen sein[7]. Die meisten von ihnen landeten in Sumatra, einige in Sulawesi und nur wenige in Kalimantan[8].

1.2. Das transmigasi -Programm: Frischer Name – frischer Wind?

Während des 2.Weltkrieges gab es allem Anschein nach keine Umsiedlungen, doch nach der Unabhängigkeit Indonesiens 1945, die von den Holländern allerdings erst 1949 anerkannt wurde, wurde das Umsiedlungsprojekt von der neuen Regierung unter dem Namen „ trans-migrasi“ wieder aufgenommen. Die Erfolge blieben zunächst aus: Die Zeit war geprägt von politischer Instabilität und fehlender Orientierung, und keines der Ministerien Indonesiens fühlte sich für das Umsiedlungsprogramm verantwortlich[9]. Auch waren die Vorstellungen über die Ausmaße des Projekts mehr als unrealistisch: Die Regierung unter Sukarno plante laut Scholz ab 1952 die Umsiedlung von mehr als sieben Millionen Familien innerhalb von 15 Jahren[10]. Bei Fasbender/Erbe ist zudem von einem 35-Jahresplan die Rede, der vorsah, zwischen den Jahren `53 und `87 an die 50 Millionen Menschen umzusiedeln: In den ersten fünf Jahren sollten so viele Menschen umgesiedelt werden, wie durch die jährliche Zuwachsrate[11] hinzugekommen seien und noch eine Million Menschen mehr. In den folgenden fünf Jahren dann ebenfalls die Hinzugekommenen plus zwei Millionen Menschen usw. Doch letzten Endes siedelten zwischen 1950 und 1969 weniger als eine halbe Million Menschen auf den Außeninseln[12]. Hauptziel der Umsiedlungen war nach wie vor Sumatra, doch auch Sulawesi und vor allem Kalimantan spielten nun eine wichtige Rolle: 10% der Siedler kamen nach

Kalimantan, wobei sich 41% von ihnen in im Osten der Provinz niederließen[13].

Auch unter Suharto blieb die Anzahl der Transmigranten zunächst relativ niedrig. Innerhalb der ersten beiden Fünfjahrespläne (1970-79) wurden laut Assman und Scholz um die 120 000 Familien umgesiedelt. Zu dieser Zeit trat das Ziel des Abbaus der Bevölkerung auf Java immer mehr in den Hintergrund, und die ökonomischen Aspekte des Programms wurden deutlich: Die Außeninseln sollten durch die Transmigranten zugänglicher und für die Landwirtschaft nutzbar gemacht werden. Außerdem ist zu erwähnen, dass während des zweiten Fünf-jahresplanes zum ersten Mal nicht nur Bauern, sondern auch Mediziner und ehemalige Armeeangehörige umgesiedelt wurden[14]. Hierauf wird an dieser Stelle allerdings nicht weiter eingegangen, es soll im Kapitel über die Ziele der Transmigration genauer darauf eingegangen werden.

Was nun folgte, könnte man als die Blütezeit des Programms bezeichnen, denn zwischen den Jahren `79 und `86 wurden weit mehr Menschen umgesiedelt, als in all den vorangegangenen Jahren zusammen. Allerdings finden sich hierzu in der Literatur sehr unterschiedliche Zahlen: Assman, Fasbender/Erbe und Kebschull sprechen von 500 000 Familien zwischen den Jahren `79 und `84, Scholz im gleichen Zeitraum von 366 000 Familien, und im Meyers Lexikon heißt es, zwischen `79 und `86 seien 4,5 Mio. Personen umgesiedelt worden[15].

Nach Fasbender/Erbe konnte die indonesische Regierung am Ende des dritten Fünfjahres-planes (`83/`84) zum ersten Mal in der Geschichte des Umsiedlungsprogramms behaupten, ihr Ziel erreicht, ja sogar übertroffen zu haben: Ursprünglich war die Transmigration von

500 000 Familien geplant, tatsächlich sollen es aber über 535 000 gewesen sein. Hier ist allerdings anzumerken, dass ca. 140 000 Familien „spontan“[16] migrierten und einerseits in der Statistik auftauchen, andererseits jedoch kaum vom Staat unterstützt wurden[17]. Selbst unter Berücksichtigung dieser Tatsache war es für die Regierung ein außerordentlicher Erfolg.

Der Wandel wurde wohl vor allem durch die finanzielle Unterstützung der Weltbank[18] und die besser strukturierte Organisation möglich, aber auch durch das im Jahre `83 gegründete Ministerium für Transmigration. Zudem wurden die Umsiedler auf ihr ‚neues Leben‘ vorbereitet und im Siedlungsgebiet führte man vor ihrer Ankunft zahlreiche Untersuchungen durch,

beispielsweise zum Klima und den Landnutzungsmöglichkeiten[19]. An dieser Stelle seien auch

die zahlreichen Werbekampagnen erwähnt, die den in den überfüllten Städten lebenden Indonesiern das Leben auf dem Land, auf ihrem eigenen Grundstück im eigenen Häuschen schmackhaft machen sollten. Inwieweit die Versprechungen dieser Kampagnen der Realität entsprachen, sei dahingestellt. Klar ist, dass überall nur erfolgreich umgesiedelte Indonesier zu sehen waren, sei es auf Plakaten, in Werbespots oder bei öffentlichen politischen Veranstaltungen. Ausgesuchten Transmigranten wurden bei solchen Anlässen für ihr ‚vorbildliches Verhalten‘ sogar Auszeichnungen vom Präsidenten persönlich überreicht[20].

Dadurch, dass auch in den folgenden Jahren sehr viele Familien „spontan“, also mit nur sehr wenig staatlicher Unterstützung, umsiedelten, setzte sich der Erfolg des Programms fort. Im Zeitraum des vierten Fünfjahresplans (`84/`85-`88/`89) zogen über 631 000 Familien auf die Außeninseln und für den fünften Fünfjahresplan (`89/`90-`93/`94) war die Umsiedlung von 550 000 Familien vorgesehen[21]. Bedauerlicherweise sind nur spärlich Daten vorhanden, die zeigen würden, wie viele Menschen an der Umsiedlung in diesem Zeitraum beteiligt waren. Laut der Gesellschaft für bedrohte Völker siedelten zwischen `69 und `98 mehr als 1 652 000 Familien um, für den Zeitraum von 1999 bis 2004 ist die Umsiedlung von weiteren 450 000 Familien geplant[22].

[...]


[1] Kebschull, D. 1987: S. 95-109. Otten, M. 1986a: S.71-76.

[2] Scholz, U. 1992: S. 33.

[3] Singarimbun, M. 1995: S.121-126.

[4] Sontheimer, M. 1989: S.68-72.

[5] IMBAS 1988: S.15.

[6] IMBAS 1988: S.16.

[7] Scholz spricht von knapp 66.000 Familien (S.33), IMBAS von ca. 257.300 Siedlern (S.16), Assmann (s.u.) von 230.000-240.000 Javanern (S.999).

[8] Fasbender, K./ Erbe, S. 1990: S.62.

[9] Assmann, K. 1990: S.999.

[10] Scholz, U.1992: S.33.

[11] Die Bevölkerung wuchs zu diesem Zeitpunkt jährlich um ca. 2,2 %, vgl. IMBAS S.3.

[12] Fasbender K./ Erbe, S 1990: S.63f. Assmann, K. 1990: S. 999.

[13] Fasbender, K./Erbe, S. 1990: S.66-68.

[14] Assmann, K. 1990: 1000.

[15] Meyers großes Taschenlexikon 1999: S.186.

[16] Es gibt verschiedene Transmigrationsformen, die unterschiedlich vom Staat unterstützt werden (vgl. Formen der Transmigration).

[17] Fasbender, K./Erbe, S. 1990 S.76/77.

[18] Transmigrasi wurde über Jahre mit Beträgen in Millionenhöhe von der Weltbank, also v.a. von westlichen Staaten unterstützt. Vgl.: The Ecologist Vol 16 No 2/3 1986, S.67.

[19] Assman, K. 1990: S.1000.

[20] Otten, M. 1986a: S.63.

[21] Fasbender, K./Erbe, S. 1990: S.86.

[22] http://www.gfbv.de/dokus/migra.htm#Transmigrationsprogramm

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Transmigrasi: Das indonesische Umsiedlungsprogramm
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
Note
1,3
Autor
Jahr
2001
Seiten
19
Katalognummer
V38572
ISBN (eBook)
9783638375894
Dateigröße
556 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Transmigrasi, Umsiedlungsprogramm
Arbeit zitieren
Catrin Nähr (Autor), 2001, Transmigrasi: Das indonesische Umsiedlungsprogramm, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/38572

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