Bindungstheorie im Berliner Eingewöhnungsmodell. Ein konzeptioneller Rahmen für die Eingewöhnungsphase im frühpädagogischen Bereich


Hausarbeit, 2017
17 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Bindungstheorie und Bindungsforschung
2.1 Was ist Bindung
2.2 Wie werden Bindungen aufgebaut?
2.2.1 Bindungsverhalten und feinfühliges Pflegeverhalten
2.2.2 Internale Arbeitsmodelle
2.2.3 Bindungsmuster
2.3 Die Bedeutung von Bindung in der Kindheit

3. Eingewöhnung von Kindern in Kindertagesstätte
3.1 Notwendigkeit einer Eingewöhnung
3.2 Das Berliner Eingewöhnungsmodell
3.2.1 Struktur und Gestaltung des Berliner Eingewöhnungsmodells

4. Zusammenfassung

5. Ausblick

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Kinder müssen im Laufe ihrer Entwicklung viele Übergänge gestalten. Als häufig auftretende Beispiele können hier die Übergänge aus der Familie in die Kindertagesstätte oder aus der Familie in die Kindertagespflege angeführt werden. Diese komplexen Wandlungsprozesse, in denen viele Lebensbereiche eine ausgeprägte Umgestaltung erfahren, werden häufig von einer gewissen Emotionalität begleitet und lösen bei den Betroffenen intensive Gefühle aus (Neuge- bauer 2009). Ein Kind, welches mit einem Übergang konfrontiert wird, muss sich zum Beispiel in der neuen Umgebung zurechtfinden, neue tragfähige Beziehungen knüpfen und Gefühle, die in Folge von Trennung auftreten, regulieren. Es ist daher naheliegend, dass Übergänge mit einer großen Belastung einhergehen und insbesondere in frühen Lebensphasen eine immense Herausforderung darstellen. Die gesellschaftliche Entwicklung zeigt, dass immer mehr Kinder bereits unter drei Jahren mit dem Übergang aus der Familie in die Fremdbetreuung konfron- tiert werden. Aus einer Datenerhebung des statistischen Bundesamtes geht hervor, dass die absolute Zahl der betreuten Kinder unter drei Jahren im Vergleich zu den beiden Vorjahren gestiegen ist (Statistische Ämter des Bundes und der Länder 2016, S. 7). Im Blick auf die sich abzeichnende gesellschaftliche Entwicklung und die gleichzeitige Herausforderung, die ein Übergang aus der Familie in die Fremdbetreuung mit sich bringt, scheint die Frage nach einer schonenden Eingewöhnung für Kinder unter drei Jahren von großer Bedeutung zu sein.

Die Hausarbeit greift diese Problematik unter Berücksichtigung bindungstheoretischer Grund- lagen auf. Der erste Teil dieser Arbeit liefert zunächst einen konkreten Einblick in die wesentli- chen Erkenntnisse der Bindungstheorie. Die bindungstheoretischen Annahmen über die Merkmale einer Bindung, deren Entwicklung und Bedeutung, sind für den weiteren Verlauf dieser Hausarbeit grundlegend. In diesem Abschnitt habe ich besonders mit den Werken von Karin und Klaus E. Grossmann, Karl-Heinz Brisch und Roland Schleiffer gearbeitet. Der zweite Teil beleuchtet, wie bindungstheoretische Grundlagen bei der Eingewöhnung von Kindern in Kindertagesstätten umgesetzt werden. Das Berliner Eingewöhnungsmodell, welches in diesem Zusammenhang ausführlicher erläutert werden soll, gibt einen konzeptionellen Rahmen für die Eingewöhnungsphase im frühpädagogischen Bereich. In Anlehnung an die Werke von Hans- Joachim Laewen, Beate Andres und Éva Hédervári sollen die Grundlagen und Ziele des Mo- dells, sowie die konkrete Umsetzung in der Praxis beschrieben werden. In der abschließenden Beurteilung wird das Eingewöhnungsmodell vor dem Hintergrund der erhöhten politischen Anstrengung zur Schaffung eines bedarfsgerechten Betreuungsangebots für unter Dreijährige betrachtet. Diese Untersuchung soll zum einen die Relevanz der Eingewöhnungsfrage in den kommenden Jahren aufzeigen und zum anderen kritische Aspekte zu der Realisierbarkeit auf- greifen.

2. Bindungstheorie und Bindungsforschung

2.1 Was ist Bindung

Die Bindungstheorie geht davon aus, dass jeder Mensch das Bedürfnis hat, starke affektive

Beziehungen zu anderen Individuen aufzubauen (Grossmann/Grossmann 2003, S. 7). Bindung wird dabei als imaginäres Band verstanden, welches zwischen zwei Personen besteht, und ͣüber Raum und Zeit miteinander verbindet“ (Grossmann/Grossmann 2004, S. 68). Dieses ent- steht in der gemeinsamen Interaktion und wird in den dabei empfundenen Gefühlen verankert (ebd., S. 68). Das Bindungssystem gehört bei Primaten zu den biologisch fundierten Verhal- tenssystemen, die mit evolutiven Vorteilen begründet werden können (Schleiffer 2016, S. 6). So richtet sich beispielsweise das Bindungsverhalten einer schwächeren Person an eine Be- zugsperson, von der angenommen wird, dass sie stärker und kompetenter ist und Schutz ge- ben kann (Bowlby 2014, S. 99; Grossmann/Grossmann 2004, S.68). Die Bindungstheorie geht außerdem davon aus, dass sich das Verhalten der Bindungsteilnehmer wechselseitig beein- flusst. Im Gegenteil zur Triebtheorie, die die Entstehung von Bindung auf die Befriedigung be- stimmter Bedürfnisse zurückführt, basiert die Bindungstheorie auf dem ͣKonzept der Verhal- tenssysteme und ihrer Steuerung und Regulierung“ (Grossmann/Grossmann 2004, S. 36). Die Verhaltenssysteme werden demnach durch Informationen reguliert, die aus der Umwelt bezo- gen werden und mit den eigenen Bedürfnissen im Vergleich stehen. Durch wiederholte Inter- aktionsmuster zwischen dem Kind und deren Bezugspersonen können sich im Laufe der Ent- wicklung repräsentationale Systeme ausbilden, die Wahrnehmung, Denken und Handeln be- einflussen (ebd., S. 418) Die Bindungstheorie nimmt an, dass bestimmte Arten von frühen Bin- dungserfahrungen mit späteren psychopathologischen Auffälligkeiten in Verbindung stehen (Schleiffer 2016, S. 6).

2.2 Wie werden Bindungen aufgebaut?

2.2.1 Bindungsverhalten und feinfühliges Pflegeverhalten

Das affektive Band, welches zwischen einem Kind und der primären Bindungsperson aufgebaut wird, besteht noch nicht bei der Geburt, sondern wird erst durch vorprogrammierte Verhal- tensmuster im Kind gebildet (Grossmann/Grossmann 2003, S.59). Dementsprechend ist das Bedürfnis nach Bindung beim Säugling genetisch verankert und ͣstellt […΁ ein motivationales System dar […΁, dass in gewisser biologischer Präformiertheit nach der Geburt aktiviert wird.“ (Brisch 2011, S.36). Verhaltensweisen, die den Zweck erfüllen, Nähe und Kontakt zur umsor- genden Person herzustellen oder aufrecht zu erhalten, werden als Bindungsverhalten bezeich- net (Grossmann/Grossmann 2003, S. 60). Der Säugling kann zum Beispiel mit Weinen und Ru- fen die Entfernung zur Bindungsperson verringern oder mit Anklammern einer Trennung zu- vorkommen (ebd., S. 60; Grossmann/Grossmann 2004, S. 72). Demgegenüber steht das fein- fühlige Pflegeverhalten, welches eine ergänzende Funktion zu dem Bindungsverhalten ein- nimmt. Eine feinfühlige Bindungsperson ist präsent und hat eine niedrige Wahrnehmungs- schwelle, um selbst diskrete und nur angedeutete Äußerungen des Kindes wahrzunehmen. Sie kann die wahrgenommenen Signale richtig interpretieren und angemessen beantworten. An- gemessenheit bedeutet, dass die Reaktionen der Bindungsperson, den Bedürfnissen des Kin- des entsprechen. Eine angemessene und unmittelbare Reaktion ist von großer Bedeutung, da die Gedächtnisspanne des Säuglings sehr kurz ist, um einen direkten Zusammenhang zwischen dem eigenen Verhalten und dem Verhalten der Bindungsperson herzustellen (Gross- mann/Grossmann 2004, S. 119 f.). Wenn der Säugling wiederholt erlebt, dass seine negativen Gefühlsäußerungen mit feinfühligen Verhalten wahrgenommen werden, wird er sich in bin- dungsrelevanten Situationen erneut an seine ͣsichere Basis“ wenden (Grossmann/ Grossmann 2009, S. 418). Es können allerdings auch unsichere Bindungen entstehen, wenn das Bindungs- verhalten von der Bezugsperson ͣgar nicht, nur unzureichend oder inkonsistent - etwa in ei- nem für den Säugling nicht vorhersagbaren Wechsel zwischen Verwöhnung oder Überstimula- tion und zu großer frustrierender Versagung - beantwortet“ werden (Brisch 2011, S.37).

2.2.2 Internale Arbeitsmodelle

Aus den Erfahrungen, die in den gemeinsamen Interaktionen gesammelt werden, bilden sich im Laufe der Entwicklung internale Arbeitsmodelle heraus. Diese umfassen sowohl Informatio- nen über die emotionale Verfügbarkeit und Feinfühligkeit der verschiedenen Bindungsperso- nen, als auch Wissen über die eigene Person und Einflussmöglichkeiten auf die äußere Umwelt Grossmann/Grossmann 2004, S.411) Sie bestimmen ͣDenken, Fühlen und Handeln“ (Bowlby 1988 zitiert nach Grossmann/Grossmann 2004, S. 417) einer Person und beeinflussen demzu- folge die Wahrnehmung, Gestaltung und Strukturierung von Dingen (ebd., S. 417). Darüber hinaus ermöglichen die internalen Arbeitsmodelle die Planung von Verhalten, da Ereignisse der Zukunft antizipiert werden können (ebd., S. 411). Die Arbeitsmodelle können sich durch be- stimmte Erfahrungen verändern, da ein ständiger Abgleich zwischen Innen- und Außenwelt stattfindet. Besteht eine Diskrepanz zwischen Innenwelt und Realität, kommt es zur Modifizie- rung des Modells (ebd., S. 414). Die inneren Arbeitsmodelle sind in der frühkindlichen Phase verhältnismäßig anpassungsfähig. Eine Modifikation der Bindungsrepräsentation durch neue Bindungserfahrungen ist im hohen Alter ebenso möglich, gestaltet sich aber zunehmend schwieriger, da die Bindungserfahrungen sehr gefestigt sind (Gaertner 2004, S.22).

2.2.3 Bindungsmuster

Kinder haben etwa im Alter von 18 Monaten eine gefestigte Erwartungshaltung über die Ver- fügbarkeit und Verhalten ihrer Bindungsperson (Laewen/Andres/Hédervári 2003, S. 27). Die Bindungsmuster, die aus den jeweiligen Bindungserfahrungen entstehen, lassen sich mithilfe der von Mary Ainsworth entwickelten ͣstrange situation“ identifizieren (Schleiffer 2016, S. 8). Bei diesem Versuch werden Kinder mit ihrer Bindungsperson in einen ͣmit Spielzeug attraktiv ausgestatteten […΁, aber fremden Raum“ (Grossmann/Grossmann 2008, S. 133) eingeführt. Durch die Fremdheit des Raumes und die Trennungsepisoden erhofft man sich, das Bindungs- system des Kindes zu aktivieren, um Rückschlüsse auf Bindungsmuster und Bindungsqualität ziehen zu können (ebd., S. 133). Bei der fremden Situation handelt es sich um eine Moment- aufnahme von Bindung, bei der beobachtet wird, ob und auf welche Art und Weise Kinder mit Trennungsleid umgehen und physische Nähe von ihrer Bindungsperson erwarten (Grossmann 2004, S. 34). Besonders in den Wiedervereinigungsphasen kommen die Verhaltensstrategien der Kinder deutlich zur Geltung, so dass Rückschlüsse auf das Bindungskonzept bzw. die vorlie- gende Bindungsrepräsentation gezogen werden können (Grossmann/Grossmann 2004, S. 139).

Ainsworth führte die unterschiedlichen Verhaltensstrategien auf die jeweiligen Bindungserfahrungen zurück, welche die Kinder in den Interaktionen mit ihren Eltern gemacht haben und entwickelte davon ausgehend drei Kategorien von Bindungsmustern (ebd., S. 138 f.) Diese wurden später von Mary Main um eine weitere Kategorie ergänzt.

Bindungstyp A: Der Bindungstyp A steht für ein unsicher- vermeidendes Bindungsmuster. Die Gesamtstrategie in der Fremden Situation lässt sich wie folgt zusammenfassen: In Belastungs- situationen suchen die Kinder Ablenkung, um eine Zurückweisung durch den Elternteil zu ver- meiden. Demzufolge findet eine Überbetonung des Explorationsverhaltens gegenüber dem Bindungsverhaltens statt (ebd., S. 140). Ein solches Bindungsmuster kann dann entstehen, wenn die Bedürfnisse des Kindes von der Bindungsperson unzureichend oder unangemessen beantwortet wurden. us diesem Verhalten kann später ein ͣidealisiertes oder überaus negatives Selbstbild entstehen“ (Kirschke/Hörmann 2014, S. 9).

Bindungstyp B: Die Abkürzung B beschreibt ein sicheres Bindungsmuster. Kennzeichnend für diese Art von Bindung ist das Gleichgewicht zwischen Bindungs-und Explorationsverhalten in Abhängigkeit von dem Trennungsgrad. Sicher gebundene Kinder erkunden ihre Umwelt, wenn sich die Bezugsperson in der Nähe befindet. Bei Trennung zeigen sie ein starkes Bindungsver- halten (Grossmann/Grossmann 2004, S. 144). Ein sicheres Bindungsmuster kann sich heraus- bilden, wenn das Kleinkind erlebt, dass seine Bedürfnisse prompt und adäquat von der Bin- dungsperson beantwortet werden. Dadurch wird die Entstehung eines gesunden Selbstwertgefühls begünstigt, da sich das Kind als produktiv wahrnimmt. Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass diese Bindungsqualität ͣBeziehungsfähigkeit, Emotionshandhabe und Umweltforschung“ (Hörmann/Kirschke 2014, S. 10) fördert.

Bindungstyp C: Der Bindungstyp C beschreibt ein unsicher-ambivalentes Bindungsmuster. Kin- der mit einem solchen Bindungsmuster haben große Angst vor Verlust und schränken daher ihr Explorationsverhalten ein (Brisch 2011, S.52). Ein solches Bindungsmuster kann dann entste- hen, wenn die Bindungsperson in einem nicht vorhersehbaren Wechsel zwischen Befriedigung und Vernachlässigung auf die Bedürfnisse des Kindes reagiert. Das Kind ist demnach verunsi- chert, da es nicht weiß, wie die Bindungsperson in bestimmten Situationen reagieren wird.

Dementsprechend ist das Bindungsverhaltenssystem ununterbrochen aktiviert, um einer möglichen Trennung vorzubeugen (Hörmann/Kirschke 2014, S. 10).

Bindungstyp D: Der Bindungstyp D steht für ein unsicher- desorganisiertes Bindungsmuster. In der Fremden Situation agieren die Kinder bei der Wiedervereinigung mit der Bindungsperson verwirrt und widersprüchlich. So kann es zum Beispiel vorkommen, dass ein Kind zunächst die Nähe zur Bezugsperson sucht und auf dem Weg eine Rückwärtsbewegung antritt. Zudem kön- nen die Bewegungsabläufe des Kindes abrupt stehenbleiben und scheinbar ͣeinfrieren“ (Brisch 2011, S. 52). Verhaltensweisen wie diese weisen darauf hin, dass dem Bindungsverhalten keine konsistente Verhaltensstrategie zugrunde liegt. Eine unsicher-desorganisierte Bindung kann sich zum Beispiel dann entwickeln, wenn Kinder starke widersprüchliche Erfahrungen mit ihren Bindungspersonen machen, so dass es ihnen kaum möglich ist, eine eindeutige Erwartungshal- tung auszubilden (Schleiffer 2016, S. 9). Eine schwerwiegende seelische Verletzung auf Seiten der Eltern kann ebenso eine unsicher-desorganisierte Bindung hervorrufen.

[...]

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Bindungstheorie im Berliner Eingewöhnungsmodell. Ein konzeptioneller Rahmen für die Eingewöhnungsphase im frühpädagogischen Bereich
Hochschule
Evangelische Hochschule für Soziale Arbeit Dresden (FH)
Veranstaltung
Kindheit, Jugend, Bildung und Erziehung
Note
1,3
Autor
Jahr
2017
Seiten
17
Katalognummer
V385758
ISBN (eBook)
9783668600621
ISBN (Buch)
9783668600638
Dateigröße
776 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Bindungstheorie, Eingewöhnungsmodell, Berliner Eingewöhnungsmodell, John Bowlby, Mary Ainsworth, strange situation, Transition, Übergangsgestaltung
Arbeit zitieren
Samuel Joseph (Autor), 2017, Bindungstheorie im Berliner Eingewöhnungsmodell. Ein konzeptioneller Rahmen für die Eingewöhnungsphase im frühpädagogischen Bereich, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/385758

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