Torheiten und Schalkheiten im Pfaffen Amis und im Eulenspiegel

Gibt es Unterschiede?


Hausarbeit, 2017

16 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Begriffsabgrenzung
2.1 Tor, Torheit, töricht
2.2 Schalk, Schalkheit, schalkhaft

3. Über die beiden Romane

4. Über die beiden Helden
4.1 Amis
4.2 Eulenspiegel

5. Über die Motive
5.1 Wîse Schalckheiten
5.2 Tumbe Thorheiten

6. Fazit

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Der Pfaffe Amis (i. F. Amis) aus dem gleichnamigen Schwankroman[1] und Dil Ulenspiegel (i. F. (Till) Eulenspiegel) aus „Ein kurtzweilig Lesen von Dil Ulenspiegel“[2] sind zwei Schwankhelden, die einige Gemeinsamkeiten, aber auch große Unterschiede aufweisen. Sie wandeln in einer Welt, in der die katholische Kirche versucht, Vernunft und Nachdenken zu unterbinden. Es reicht ein Streich oder wörtlich genommener Befehl, um alles aus dem Gleichgewicht zu bringen. Hier wirken die von jeglicher Moral befreiten, hinterlistigen Spaßmacher wie heroische und aufklärerische Erlöser.

In dieser Arbeit werden die Motive der Schalkheit und der Torheit in beiden Romanen miteinander verglichen. Dazu werden zunächst die Begriffe Tor, Torheit und töricht sowie Schalk, Schalkheit und schalkhaft erläutert und voneinander abgegrenzt, sodass unter Berücksichtigung der Entstehungszeit der Erzählungen eine Untersuchung der Motive ermöglicht wird. Anschließend werden die beiden Protagonisten näher thematisiert und im Hinblick auf ihre Ausgangssituation und Vorgehensweise miteinander konfrontiert. Zuletzt werden die Motivationen der beiden Helden unter dem Überbegriff der wîsen Schalckheiten miteinander verglichen und den tumben Thorheiten ihrer sündenhaften Opfer gegenübergestellt.

2. Begriffsabgrenzung

Als Grundlage für die Erläuterung und Differenzierung der Termini dienen in diesem Kapitel das „Deutsche Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm“[3] sowie das „Etymologische Wörterbuch des Deutschen“[4]. Der Begriff des ‚Narren’, der teilweise synonym verwendet wird mit dem heutigen Schalksbegriff und mitunter die Schnittmenge aus Tor und Schalk bildet, kann an dieser Stelle jedoch nicht näher erörtert werden und wird auch nicht Teil der Analyse sein. Dasselbe gilt für den ‚Schelm’.

2.1 Tor, Torheit, töricht

Ein ‚Tor’ (auch ‚Thor’, mhd. tôre, tôr) ist – auch nach heutiger Auffassung – ein einfältiger Mensch, der „dem gesunden verstande zuwider [...] handelt, im gegensatz zum weisen, klugen, verständigen“.[5] Das Wort entspricht dem im Niederdeutschen vorgekommenen substantivierten Adjektiv mnd. dôr(e) und ist verwandt mit den früheren Formen von ‚dösig’ und ‚Dusel’, die den grammatischen Wechsel von ‚s’ zu ‚r’ nicht mitgemacht haben.[6]

Den Brüdern Grimm zufolge wurde der Begriff jedoch, ähnlich wie dies bei den sinnverwandten Begriffen ‚Gecke’ und ‚Narr’ der Fall sei, häufig auch der „verrückte[n], irrsinnige[n], geisteskranke[n] person“[7] zugeschrieben. Aller-dings grenzen die Grimms ‚Narr’ und ‚Tor’ auch deutlich voneinander ab, was an einem zitierten Beispiel schnell deutlich wird: „man kann mit vielem witz und geschmack ein narr sein, aber unmöglich ein thor; das lob des erstern... kann schmeichelhaft sein, das letztere ist demüthigend“.[8] Die größten Toren seien indes diejenigen, die „sich selbst weisz dünken“[9], zitieren sie im Weiteren.

Die ‚Torheit’ (auch: ‚Thorheit’) ist demgemäß die „Unvernunft, Dummheit, törichte Handlung“[10] und stellt die „abwesenheit von verstand“[11] dar. Sie kann einerseits den (geistigen) Zustand bzw. die Denk- und Handlungsweise des Toren meinen, kann sich andererseits aber auch auf eine törichte Handlung selbst beziehen (‚eine Torheit begehen’).[12] Aus dem Mittelhochdeutschen (ca. 1050-1350) wird mhd. tôrheit mit „Narrheit, Verrücktheit“ übersetzt. Im biblischen Kontext ist auch die Deutung als „gottlosigkeit, schwere sünde“[13] möglich.

‚Töricht’ wird heutzutage mit „einfältig, unklug, unvernünftig, dumm“ gleich-gesetzt. Die Ausgangsbedeutung von mhd. tôreht, tœreht, tôroht, tœroht ist in etwa „umnebelt, verwirrt“, woran „unbesonnen, unvernünftig, verrückt“ anknüpft.[14] Eine Synonymie zu „nicht hörend, nicht hören wollend, taub“ (vgl. niht hoerec) kann auch nachgewiesen werden (tôren mit den touben ôren).[15]

Eine weitere verwandte Bedeutungsebene, die im 16. Jahrhundert auftritt, stellt der Begriff des Betörens dar, der „zu törichtem Handeln verleiten, in sich verliebt machen, bezaubern“ beinhaltet. Das mhd. betœren umfasst ferner die Bedeutungen „zum Toren machen, betrügen, betäuben“.[16]

2.2 Schalk, Schalkheit, schalkhaft

Der Schalk (mhd. auch schalh, schalc) ist im Gegensatz zum Toren ein „hinterlistiger Mensch, Schelm, listiger Spaßvogel“.[17] Ein „mutwilliger, loser mensch, der harmlosen spott, heitere possen, neckereien treibt“.[18]

Dieser neuerliche und gemilderte Gebrauch des Worts scheint sich jedoch erst im Neuhochdeutschen entwickelt zu haben, Martin Luther (1483-1546) kannte die Verwendung oder eine Vorstufe davon bereits.[19] Neben demjenigen, der „durch ein unschuldig scheinendes betragen nur im scherze zu hintergehen sucht“[20] werde auch ein Schalk genannt, wer ein „grober, arglistiger Betrüger“ sei.[21]

Bis zu seiner heutigen Verwendung hat der Terminus des Schalks sich stark verändert. Aus dem ahd. schalc, skalk stammend wurde es im achten Jahrhundert als „Unfreier, Knecht, Diener“ oder „Untertan“ verwendet, also antonymisch zu ‚Herr’.[22]

Im Mittelhochdeutschen entwickelte sich die Bedeutung zunächst zu „mensch mit knechtssinn, von knechtisch böser art, arglistiger, ungetreuer mensch“[23]. Dieser Wandel erklärt sich aus dem geringen Ansehen des unfreien Standes und dem schlechten Einfluss, den die Knechtschaft auf den Charakter ausübt.[24] Besonders deutlich heben Beispiele wie ey der grossen schalckheit, das jhr mir mein můtter habt erschlagen [25] hervor, dass die schalckheit zu dieser Zeit tatsächlich die Boshaftigkeit und die Arglist meinte, also die Schadenfreude, und nicht die gewitzte Possenreißerei.

Bis ins frühe Neuhochdeutsch hielt sich diese Verwendung, verlor allerdings ihre primäre Stellung und wurde schließlich – bereits altertümlich anmutend – nur noch in biblischer Sprache verstanden, vor allem zusammen mit Beiwörtern wie ‚böse’, ‚arg’, ‚durchtrieben’.[26] Neben Vorkommnissen wie „der imselb ein schalk ist, welchen andern ist er gut?“[27] und „wenn ein schalck sich from stellet, so ist er am argesten“[28] gab es auch einen Wandel hin zu einer abstrakten Verwendung. Unter Anwendung dieser trat vielfach die mildere Bedeutung von ‚Schalk’ hervor, die sich dadurch erklären lässt, dass „der schalck wie der böse [...] als ein vom handelnden gesondertes wesen aufgefaszt wird, das ihn treibt, leitet. so heiszt es: jedermann trägt einen schalck im busen“[29] bzw. hat den ‚Schalk im Nacken’ sitzen.

Die Schalkheit kann, wie die Torheit, neben der Gesinnung der schalkhaft handelnden Person auch die schalkhafte Tat selbst darstellen, wie z. B. in dem Sprichwort: „wer schalckheit ubt, und boszheit treibt, am galgen er behangen bleibt“[30] .

Ferner kann sie auch eine „mutwillige laune und ihre äuszerung in neckischem spott, possen, scherz“[31] meinen, also keine boshafte Tat, sondern eine boshafte Äußerung.

Als Äußerung für „Laune und Neckerei“ kommt die Schalkheit auch vor, beispielsweise bei Goethe: „diese lauben sind für die schalkheiten der liebe dicht genug zusammen gewachsen“.[32]

3. Über die beiden Romane

„Der Pfaffe Amis“, geschrieben von dem Autor, der sich Der Stricker nennt, wurde um 1240 veröffentlicht und diente zum Teil als Vorlage und Inspiration für „Ein kurtzweilig Lesen von Dil Ulenspiegel“. Zu Letzterem wird der Verfasser Hermann Bote vermutet. Die erste gedruckte Publikation erfolgte einige Zeit später als Amis’ Veröffentlichung und wird auf 1510/11 datiert.

Beide Erzählungen werden der Gattung des Schwankromans zugeordnet. Diese Gattung thematisiert soziale und moralische Konflikte zwischen Vertretern von Geburts- und Berufsständen oder gegenteiligen Charaktertypen.[33] Ein Schwank (mhd. swanc) ist im wörtlichen wie übertragenen Sinn ein Hieb oder Streich.

4. Über die beiden Helden

Für die Untersuchung der Frage, ob sich die Motive der Torheit und der Schalkheit in den beiden Schwankromanen unterscheiden, bietet es sich an, die jeweiligen Protagonisten, also die Helden[34] der Geschichte, näher zu beleuchten.

4.1 Amis

Bemerkenswert ist zunächst die Wahl des Namens für den weltgewandten Pfaffen. Amîs kommt aus dem Französischen und bedeutet Freund oder Geliebter.[35] Im Hinblick auf die Taten des Pfaffen erscheint der Name beinahe ironisch. Dafür unterstreicht er die schwere Greifbarkeit seines Trägers. Seine Ambivalenz zieht sich buchstäblich durch alle Bereiche: Amis ist nicht höfisch, aber auch nicht gänzlich satirisch, nicht belehrend und nicht ausschließlich belustigend, weder geistlich noch kirchenkritisch,[36] kurzum, er kann nicht eindeutig der guten oder bösen Seite zugeordnet werden.

Entscheidende Eigenschaften Amis’ sind Gelehrsamkeit, stark ausgeprägte kognitive Fähigkeiten, scharfer Verstand und ein vorausschauendes Kalkül.[37] Als Kleriker ist er besonders für die Selbstwahrnehmung und die moralische Beurteilung seines Umfelds ausgebildet.[38] Auch seine, im Roman mehrfach erwähnte, brillante Rhetorik bringt Amis – als Produkt seiner Weisheit – ein hohes Ansehen ein unter den Leuten[39], die er voller.

[...]


[1] Der Stricker: Der Pfaffe Amis. Hg. v. Michael Schilling. Stuttgart: Reclam 1994.

[2] Bote, Hermann: Ein kurtzweilig Lesen von Dil Ulenspiegel. Hg. v. Wolfgang Lindow. Stuttgart: Reclam 1966.

[3] Grimm, Jacob, Grimm, Wilhelm: Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm . 16 Bde. in 32 Teilbänden. Leipzig 1854-1961. Quellenverzeichnis Leipzig 1971.

[4] Pfeifer, Wolfgang et al.: Etymologisches Wörterbuch des Deutschen (1993), digitalisierte und von Wolfgang Pfeifer überarbeitete Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/töricht>, abgerufen am 15.08.2017.

[5] „tor“, in: Grimm, Jacob, Grimm, Wilhelm. 1971.

[6] „töricht“, in: Pfeifer, Wolfgang et al. 1993.

[7] „tor“, in: Grimm, Jacob, Grimm, Wilhelm. 1971.

[8] Ebd.

[9] Ebd.

[10] „töricht“, in: Pfeifer, Wolfgang et al. 1993.

[11] „torheit“, in: Grimm, Jacob, Grimm, Wilhelm. 1971.

[12] Ebd.

[13] Ebd.

[14] „töricht“, in: Pfeifer, Wolfgang et al. 1993.

[15] „tor“, in: Grimm, Jacob, Grimm, Wilhelm. 1971.

[16] „töricht“, in: Pfeifer, Wolfgang et al. 1993.

[17] „schalk“, in: Pfeifer, Wolfgang et al. 1993.

[18] „schalk“, in: Grimm, Jacob, Grimm, Wilhelm. 1971.

[19] Ebd.

[20] Ebd.

[21] Ebd.

[22] „schalk“, in: Pfeifer, Wolfgang et al. 1993.

[23] „schalk“, in: Grimm, Jacob, Grimm, Wilhelm. 1971.

[24] Ebd.

[25] Ebd.

[26] „schalk“, in: Grimm, Jacob, Grimm, Wilhelm. 1971.

[27] Ebd.

[28] Ebd.

[29] Ebd.

[30] „schalkheit“, in: Grimm, Jacob, Grimm, Wilhelm. 1971.

[31] Ebd.

[32] Ebd.

[33] Wunderlich, Werner: Ein Schalk, wer Böses dabei denkt: Till Eulenspiegel. In: Wunderlich, Werner (Hg.): Literarische Symbolfiguren: von Prometheus bis Švejk; Beiträge zu Tradition und Wandel. Bern [u.a.] 1989, S. 117-140, S. 122.

[34] Held wird hier literaturwissenschaftlich benutzt und bezeichnet eine Figur, die Ereignissen (aktiv oder passiv) ausgesetzt wird.

[35] Vgl. Brall, Helmut: Wahrlich, die Pfaffen sind schlimmer als der Teufel: Zur Entstehung der deutschen Schwankdichtung im 13. Jahrhundert. In: Adam, Wolfgang (Hg.): Euphorion. Zeitschrift für Literaturgeschichte, Vol. 94, Nr. 3. Heidelberg: Universitätsverlag Carl Winter 2000, S. 319-334, S. 329.

[36] Vgl. Ebd., S. 232.

[37] Vgl. Velten, Hans Rudolf: Schwankheld und Sympathie: zu Strickers "Der Pfaffe Amis" und Frankfurters "Des pfaffen geschicht und histori vom Kalenberg". In: Dimpel, Friedrich Michael und Velten, Hans Rudolf (Hg.): Techniken der Sympathiesteuerung in Erzähltexten der Vormoderne: Potentiale und Probleme. Heidelberg: Universitätsverlag Winter 2016, S. 97-124, S. 102.

[38] Vgl. Brall, S. 319f.

[39] Vgl. Velten, S. 103.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Torheiten und Schalkheiten im Pfaffen Amis und im Eulenspiegel
Untertitel
Gibt es Unterschiede?
Hochschule
Universität zu Köln  (Institut für Deutsche Sprache und Literatur I)
Veranstaltung
Tumbe Tôren, wîse Narren
Note
1,0
Autor
Jahr
2017
Seiten
16
Katalognummer
V385762
ISBN (eBook)
9783668608344
ISBN (Buch)
9783668608351
Dateigröße
537 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Till Eulenspiegel, Pfaffe Amis, Torheit, Schalkheit, Tor, Schalk, Ulenspiegel, Eulenspiegel, Amis, Schalksnarr, Schwankliteratur, Schwankroman, Narrenliteratur, Schwankheld
Arbeit zitieren
Sebastian Voigt (Autor), 2017, Torheiten und Schalkheiten im Pfaffen Amis und im Eulenspiegel, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/385762

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