Die Selbstinszenierung von Politikern in Personality-Talkshows. Eine Gesprächsanalyse von Markus Lanz und Philipp Rösler


Hausarbeit, 2017
43 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung und Fragestellung

2. Talkshows in Deutschland
2.1 Die Personality-Talkshow
2.2 Stand der Forschung

3. Markus Lanz- Die Sendung
3.1 Die Gästeauswahl
3.2 Der Moderationsstil
3.3 Die Politikvermittlung

4. Analyse des Auftritts von Philipp Rösler
4.1 Philip Rösler
4.2 Kontextinformationen zur Sendung
4.3 Das Setting
4.4 Typologisierung des Gesprächs
4.5 Thematischer Gesprächsverlauf
4.6 Kurzportrait
4.7 Nonverbale Kriterien
4.8 Rösler als Präsidentenmacher
4.9 Die Frosch Anekdote
4.10 Rösler als Witzbold
4.11 Rösler als Privatmensch
4.12 Rösler als Waisenkind

5. Fazit

Anhang: Gesprächsprotokoll

Quellenverzeichnis

1. Einleitung und Fragestellung

Talkshows sind Bühnen für Parteien und Politiker. Und diese nutzen sie, indem sie ganze Politische Weltbilder bei dem Leihpublikum formen. Auftritte von Politikern im Fernsehen vor allem in Talkshows stellen eine einflussreiche Plattform dar, da sie neben Nachrichten-Formaten einer der Reichweitenstärksten Formate sind. Sie sind einstudiert, durchdacht, manipulativ und spielen eine wichtige, falls nicht die wichtigste Rolle in der medialen Präsenz dar. Es gilt in dieser limitierten Zeit der Aufmerksamkeit, alles herauszuholen was möglich ist.

In dieser Arbeit wird zunächst einführend auf den aktuellen Forschungsstand von Talkshows eingegangen. Danach wird die Talkshow "Markus Lanz" vorgestellt. Dabei werden mehrere Gesichtspunkte untersucht, vom Charakter bzw. der Typisierung der Sendung, über die Person Markus Lanz, seinen Moderationsstil, die Gästeauswahl, die dramaturgische Umsetzung, die Politikvermittlung bis hin zur Themenauswahl. Im Hauptteil steht eine Einzelanalyse eines Gesprächs von Lanz mit seinem Gast Phillip Rösler. Der ehemalige Vizekanzler der Partei FDP war am 23. Februar 2012 bei "Markus Lanz" im ZDF zu sehen

Ziel der Hausarbeit soll es sein folgende Fragestellung zu klären: In welche Rollen schlüpft Philipp Rösler um sich selbst in Szene zu setzten und wie wird er von Lanz und der Redaktion dargestellt und unterstützt? In den einzelnen Rollen wird zudem auf Röslers Argumentationstechniken eingegangen.

2. Talkshows in Deutschland

Talkshows in Deutschland spielen in Bezug auf politische Meinungsbildung der breiten Gesellschaft eine bedeutende und nicht zu unterschätzende Rolle. Der Überbegriff „Talkshow“ oder auf Deutsch „Gesprächssendung“, beinhaltet viele verschiedene Unterkategorien. Zunächst stellen sich folgende Fragen. Was ist eine Talkshow überhaupt? Oder was kann alles eine Talkshow sein? In der heutigen Talkshowwelt ist es sehr schwer geworden Unterhaltung von Politik klar voneinander zu trennen. Immer mehr Hybridformen kommen zum Vorschein, darunter fällt auch die Sendung „Markus Lanz“. Eine Talkshow ist grundsätzlich am besten zu definieren als eine Sendung, in der einer oder mehrere Moderatoren sich mit einem oder mehreren Gästen mit oder ohne Studiopublikum über ein beliebiges Thema unterhalten[1]. Ob eine Talkshow nun unterhaltend oder informativ ist oder um welche Subkategorie es sich handelt, lässt diese Definition offen. Trotzdem gibt es Merkmale mit denen sich Gesprächsrunden gegenüber anderen Formaten abgrenzen. Erstens ist der zentrale Punkt das Gespräch an sich[2]. Zweitens spielt der Moderator eine Schlüsselrolle des Formats. Drittens, die Anwesenheit von mindestens einem Gast. Viertens, ist es der Seriencharakter, welches sich durch serielle Sendezeit Show und gleichbleibendes Setting zeigt. Zu Letzt, zeichnet das oftmals vorhandene Publikum eine Talkshow aus.[3] Speziell in Deutschland herrscht ein übersättigtes Angebot an vor allem Personality-Talkshows, welche im nächsten Abschnitt näher erläutert wird.

„Die Talkshow vermittelt Wirklichkeitskonstrukte durch die Zusammensetzung der Teilnehmer. Gesprächsrunden im Fernsehen sind zu einem Gesellschaftsspiel, zur Boulevardkomödie und zum Salonstück, ja zur Weltbühne geworden. Dabei ergeben sich gewollte und ungewollte Analogien zur Wirklichkeit außerhalb des Theaters. […] Gastgeber und Gäste können Verschiedenes verkörpern, nämlich Sachverstand oder common sense, Lebensart, Schicksal, Reichtum, den Staat, das Volk, eine Partei, eine Minderheit, die Frauen, die Erfolgreichen, die Lauten und die Empfindsamen“ (Plake 1999, S. 57).

2.1 Die Personality-Talkshow

Was grenzt eine Personality-Talkshow von anderen Typen ab? während in politischen Debattenshows wie „Günther Jauch“, „Anne Will“ oder „Hart aber fair“ in der ARD vorwiegend politische Problemstellungen diskursiv verhandelt werden, geht es in Personality-Talkshows wie Markus Lanz um die Selbstinszenierung und Lebensläufe der Politiker.[4] Die Personalisierung des Politischen nimmt immer weiter zu. Denn „Machterwerb und Machterhalt sind ganz wesentlich vom Gelingen des persönlichen Medienauftritts abhängig“.[5] Personalisierung ist ein Mittel zum Machterwerb und der Machterhaltung, Personality-Talkshows scheinen der perfekte Ort dafür zu sein. Sie halten für einzeln auftretende Politiker ein ganzes Panorama menschelnder Fragestellungen bereit. Sie dienen als Bühnen der Politiker für ihre rollenpolyvalenten Darstellungen.[6] Die Politikvermittlung findet überwiegend anhand persönlich biographischer Erzählungen statt. Dadurch können komplexe Sachverhalte in der Politik anschaulich illustriert werden.[7] Zahlen, Daten und Fakten holen uns Menschen nicht ab. Storytelling hingegen bewegt den Menschen und schafft es Aufmerksamkeit in der überreizten Medienwelt zu ergattern. Politiker präsentieren sich oft als „netter Mensch“ der sympathisch wirkt und mit dem die Bevölkerung sich identifizieren kann. Auch wird der Bekanntheitsgrad gesteigert. Deswegen kommen oft diejenigen Politiker in eine Personality-Talkshow, für die eine allgemeine Bekanntheit, wie z.B. vor Wahlen, eine große Bedeutung trägt.[8] Gleichzeitig kann durch die Darstellung privater Rollen von politischen inhaltlichen Schwächen abgelenkt werden. So kommt es häufig vor, dass ein politischer Akteur mehrmals zum Gleichen Thema in verschiedenen Talkshows auftritt. Oft ist zu beobachten, dass Spitzenpolitiker zwar Gast einer Personality-Talkshow sind aber einzeln Interviewt werden. Andere Gäste werden dann ausgeblendet. Damit reduziert sich die Gefahr, dass unangenehme Fragen gestellt werden, welche nicht in die Inszenierungsvorstellung des Politikers passen. Der Politiker bringt sich auch selten in die Gesprächsrunde mit den anderen geladenen Gästen ein. Der Moderator hat somit mehr Möglichkeiten das Gesprächsthema gezielt zu lenken. Häufig ist dadurch ein rascher Themenwechsel vorhanden. Auch die Einflussmöglichkeit auf einen kooperativen oder konfrontativen Gesprächsverlauf nimmt zu. Moderatoren von Personality- Talkshows führen meistens kooperative Gespräche mit den Politikern und schaffen somit eine ideale Umgebung für politische Propaganda. Für die Politischen Akteure steht die Inszenierung in ihren Politischen Funktionsrollen im Vordergrund. Die Gästeauswahl ist der dramaturgische Kern der Personality-Talkshow. Politische Akteure müssen ein eindeutiges Meinungsprofil haben und vor allem das Talent ihre Meinung vor der Kamera gut herüberzubringen und Schlagfertig zu sein. Im Fokus hat der Politiker immer seine Politische Botschaft, die er mit allen Mitteln der Selbstdarstellung versucht zu übermitteln. Dabei überschneiden sich Funktions-und vermeintliche Privatrollen erheblich. Politische Fragen werden oft mit persönlichen Anekdoten beantwortet dabei vermischt sich Privates immer mehr mit dem Politischen und sind nicht mehr klar voneinander zu trennen.

2.2 Stand der Forschung

Mit dem wachsenden Angebot an Talkshows, tritt auch ein vermehrtes wissenschaftliches Interesse auf. Mittlerweile gibt es mehrere Überblicksdarstellungen und Typologisierungsversuche.[9] Es existiert eine überzahl an Einzelanalysen die sich verschiedenen Sendungen jedoch vor allem den Personality Talkshows widmen. Bei Analysen werden je nachdem, welche Erkenntnis man gewinnen will, zwischen verschiedenen Perspektiven gewählt wie z.B.: kommunikations- und medienwissenschaftlicher, linguistischer, psychologischer, mediensoziologischer und/ oder politikwissenschaftlicher Perspektive. Auch der Gegenstand der Analyse kann variieren. Man kann Formate, Inhalte, Strategien, Akteure, Rollen, Diskussionsmodi, Rezeptionsverhalten und Wirkungen der Talkshows unter die Lupe nehmen.[10]

Die ersten Arbeiten befassten sich in den achtziger Jahren mit dem Inhalt bzw. Mit der Gesprächsanalyse. Als Beispiel wären hier die „Elefantenrunden“ zu nennen, welche kurz vor Bundestagswahlen geführt werden.

In den neunziger Jahren gewannen stark kritisierte „confrontional talks“ an Aufmerksamkeit in der Forschung. Ab Mitte der neunziger Jahre gewannen vor allem die boomenden Daily Talks an Beachtung wegen der öffentlichen wachsenden Kritiken. Diese Talks wurden auf mehreren Ebenen Inhalt, Rezeption und Wirkung analysiert.[11] Es gibt einen neuen Forschungsstrang seit Ende der neunziger Jahre, welcher sich vermehrt mit dem Inhalt Politischer Talkshows auseinandersetzt.[12]

An dieser Stelle muss jedoch auch die große Forschungslücke erwähnt werden, welche die Wirkung von Politikerauftritten im Fernsehen betrifft. Die Kontingenzen und Kämpfe um Inszinierungsdominanz werden vernachlässigt. Diese Instanzen sind jedoch ausschlaggebend wie der Politikerauftritt zuhause bei den Zuschauern ankommt. Der Wandel in der Gesellschaft der Politikwahrnehmung und des Politikverständnisses ist zu wenig erforscht. Personality-Talkshows und die Inszenierung des Privaten in der Öffentlichkeit sind noch nicht genügend erforscht worden[13]. Außerdem ist eine Zunahme an Pseudowissenschaftlichen Betrachtungen aus der Medien und Kulturkritischen Perspektive zu beobachten. Ebenfalls herrscht eine Forschungslücke im internationalem Vergleich von Talkshows.[14]

Zudem lässt sich in Bezug auf Politik in Deutschlands Gesellschaft eine Paradoxie feststellen. Das Paradoxe besteht in dem gleichzeitigen Bedeutungsverlust und Bedeutungszuwachs von Politischen Eliten.[15] Politik wird zunehmend komplizierter und komplexer. Ein Großteil der Bevölkerung erkennt den korporativ kollektiven Charakter eines Politikers nicht. Ein Leihen Publikum hat kein Interesse, keine Zeit und keine Möglichkeit Tiefgründige Hintergrundinformationen zu erlangen oder die einzelnen Zusammenhänge zu verstehen, zumal wenn nicht einmal Politiker denn kompletten Durchblick haben. Hinter den Kulissen der Öffentlichkeit ist Politik ein durchwachsenes Plurales Geflecht. Eine Antwort auf dieses Problem ist die Komplexitätsreduktion. Vor allem bei Zuschauern die nicht in die Politik involviert sind. Bei der Komplexitätsreduktion wird die Politikvermittlung stark auf Personen bezogen. Der Fokus liegt nicht auf rationalen Fakten oder logischen und validen Argumenten, sondern auf der Emotionalen Gefühlsebene. Die Assoziationen mit einem Politiker als Privatperson werden auf die Partei desjenigen projiziert. Dies führt zu einem enormen Bedeutungszuwachs der einzelnen Person auf der Medialen Bühne. Gleichzeitig geschieht hinter der Bühne ein Bedeutungsverlust einzelner Personen. Viele korporative Akteure sind an einer Entscheidung beteiligt, keine Einzelperson die für Werbezwecke und Imagebildung benutzt wird. Wer in der heutigen Zeit erfolgreich mit seiner Politik sein will, muss beides beherrschen. Die Inszenierung auf der Medialen Vorbühne, sowohl das komplexe Verhandlungsgeschäft Hinter der Bühne.[16]

3. Markus Lanz- Die Sendung

„Markus Lanz“ ist eine Personality- Talkshow im ZDF, die den Namen ihres Moderators Markus Lanz trägt. Die 75-minütige Sendung wird dienstags bis donnerstags in der Zeit zwischen 23:15 Uhr und 00:30 Uhr ausgestrahlt. In der Regel wird die Talkshow einige Stunden vor der Ausstrahlung im ZDF-Studio in Hamburg-Altona aufgezeichnet. Mitunter gibt es auch Live-Übertragungen. Die Sendung ist damit einmal weniger, als die Vorgänger Sendung von Johannes B. Kerner zu sehen. Im Vergleich zu anderen Late-Night-Talkshows ist das jedoch relativ häufig. Produktionsfirma der Gesprächsrunde ist „Mhoch2“ mit dem Sitz in Hamburg Altona. Interessant ist, dass sie von Lanz zusammen mit Markus Heidemann geleitet wird. Gegründet wurde Sie am 27.12.2010. Ab Januar 2011 produziert sich der ZDF-Moderator praktisch selbst. Lanz und Heidemann besitzen jeweils 50 %[17]. Zuvor wurde die Talkshow fast drei Jahre weiter von der Firma „Fernsehmacher“ produziert, an welcher Heidemann und Kerner jeweils zur Hälfte beteiligt waren. Lanz hatte 2008 und 2009 die Vertretung in der Sommerpause für Kerners Talkshow übernommen. Als dieser überraschend das ZDF verließ, entwickelte sich die Sendung „Markus Lanz“ vom Lückenfüller zur Hit-Late-Night-Talkshow. Die erste Folge wurde am 03.06.2008 im ZDF ausgestrahlt.[18] Die immer gleiche Titelmusik zur Sendung ist der Song „Nur ein Wort“ von der Deutschen Band „Wir sind Helden“.[19] Die einzelnen Folgen stehen unter keinem generellen Thema. Das hat verschiedene Folgen. Zum einen besteht das Publikum gezwungener Maßen aus Leihen da Gäste aus diversen Interessensbereichen vorhanden sind. Dies führt zu einem idealen Ort der Selbstinszenierung von eingeladenen Politikern zur Durchsetzung Ihrer politischen Interessen, ohne auf konkrete Politische Inhalte eingehen zu müssen. Zum anderen ist es durch die Vielfalt an Themen die innerhalb einer Sendung, aber auch innerhalb des Interviews kaum möglich ins Detail zu gehen oder eine Inhaltlich anspruchsvolle Diskussion mit den anderen geladenen Gästen zu führen. Außerdem werden nur Themen behandelt die bereits hohe Präsenz in den Medien haben.

3.1 Die Gästeauswahl

Die Rollentypologie wird bereits zu Beginn der Sendung durch die Kurzportraits gegeben.[20] Lanz spricht meistens mit jedem Gast einzeln über ein aktuelles Thema, in welches der Gast entweder selbst involviert ist oder für das er Sachkunde aufweist. Wenn es die Situation zulässt, bringen sich die anderen Gäste in die Unterhaltung mit ein bzw. Diskutieren mit. Typische Themen sind z. B. aktuelle politische, gesellschaftliche oder sportliche Ereignisse. Auch kommen Gäste oftmals auf Grund eines neuen Films oder eines neuen Buchs in die Sendung. Die Redaktion ist stets bemüht Werbung für den Gast einzublenden. Die Gäste sind überwiegend mehr oder weniger prominent und einer breiten Öffentlichkeit bekannt. Zum Teil werden aber auch unbekannte Personen eingeladen, welche dann aber eine Geschichte mit aktuellem Bezug oder Interesse zu erzählen haben.[21] Lanz führt gelegentlich auch Einzelinterviews mit großen Persönlichkeiten durch, wie z.B.: Dr. Michael Otto, Bill Gates oder Karl Lagerfeld. Diese besonderen „Markus Lanz“ Sendungen beschäftigen sich dann intensiv mit einem Thema bzw. mit der Person. Meistens aber, sind drei bis sechs Gäste eingeladen.[22] In der Gesprächssendung geht es ganz klar nicht um die Vermittlung Politischer Inhalte, falls politische Gäste geladen sind, sondern vielmehr um eine Unterhaltungsshow am späten Abend. Dies ist auch an Lanz selbst zu erkennen, welcher eher als Alleskönner im deutschen Unterhaltungsfernsehn bekannt ist. Schließlich kann er Wetten, Kochen, Reden und Bücher schreiben. Seine Gesprächsrunde ist eher eine lockerer „Light-Night-Talk“ mit politischen Akzenten, die jedoch nur sehr oberflächlich behandelt werden. Hintergrundinformationen und Zusammenhänge zu Politisch relevanten Themen werden nicht gegeben. Dies ist auch nicht Ziel der Sendung.

3.2 Der Moderationsstil

„Es gibt schon sehr unterschiedliche Formen – aber ich denke, ein Interview ist im besten Falle ein Gespräch!“.[23] Dem Zitat von Dr. Betina Brecht wird Talkshowmaster Lanz nur allzu gerecht. Er wird beschrieben als „unterhaltend aber auch journalistisch hintergründig.“[24] Er verkörpert eine Mischung aus Ernst und Unterhaltung. Lanz nimmt nicht stur seine Rolle als Interviewer ein, sondern öffnet sich und lässt einen Teil seines Privaten Lebens mit ins Gespräch einfließen. Er hält seine eigene Position nicht immer zurück. So schafft er es selbst über Politischen Themen ein lockeres Plaudern zu zaubern. Es geht ihm bei Politischen Fragen weniger um sachliche Inhalte, sondern eher um Privates Insiderwissen zwischen den Politikern. Den Geheimnissen welcher kein Politiker in einer Politischen Debatte einfach so preisgeben würde. So oft es ihm gelingt, ist er mit seinen Gästen per Du. Zudem sucht er oft die Körperliche Nähe um Nachdruck oder Verständnis auszudrücken. Lanz entlockt politischen Akteuren Insiderinformationen indem er ein persönliches Verhältnis und eine Vertraute Atmosphäre zu seinen Gästen aufbaut. Er gibt sich harmlos und ist bekannt als gutaussehender, smarter und schlagfertiger Südtiroler mit Charm Faktor. Seine Gesprächsrunde wird unter anderem Unterhaltsam durch sein Repertoire an Witzen. Oft sind diese klassische Stereotypen, Ironie oder leichte Wortspiele. Seine Gesprächsgestaltung ist demzufolge eher gemäßigt und nicht zu provokativ. Lanz´ Fragetechnik ist eine Mischung aus offenen aber auch direkten, geschlossenen Fragen. Er kann jedoch auch Druck ausüben, wenn er merkt, dass Gäste Vorurteile, Ideologische Tiraden, Scheinargumentationen oder Ausweichmanöver von sich geben.

Lanz´ Moderationsstil ist geprägt von seiner Charakteristischen Gestik und Mimik sowohl auch der sich jedes Mal wiederholenden Floskeln. Während er das Studio betritt und in Richtung seines Stuhls läuft, begrüßt er die Zuschauer meistens mit seinem Spruch „Einen wunderschönen guten Abend, freu mich sehr, dass Sie dabei sind. Herzlich willkommen zu unserer Sendung.“ Die einleitenden Kurzportraits seiner Gäste sind kurz und knackig und haben einen sehr überspitzten Charakter. Dabei werden den verschiedenen Gästen schon ihre Rollen zugeschrieben, in denen sie präsentiert werden. „Ich freue mich sehr!“ ist nur eine von vielen Floskeln, nachdem er seine Gäste vorstellt. Der Zuschauer kann anhand der Kurzportraits bereits erfahren, wie sich das Gespräch entwickeln wird, wenn es nach Plan abläuft. Die stark variierenden Redezeiten zwischen den Gästen sowohl auch von einzelnen Gesprächsthemen werden bereits vorher von der Redaktion bestimmt.

3.3 Die Politikvermittlung

„Markus Lanz“ stellt eine typische Personality-Talkshow dar. Die Politische Gäste sind professionelle Selbstdarsteller die sich gekonnt vor der Kamera präsentieren. Politikvermittlung beruht auf Gegenseitigkeit. Das wachsende Desinteresse an politischen Angelegenheiten und der allgemeine Mangel an politischer Kompetenz schlägt sich auch auf den öffentlich-rechtlichen Sender ZDF aus. „Markus Lanz“ ist eine Unterhaltungsshow mit Politischen Elementen die dem Laienpublikum ein Beruhigendes Gefühl gibt. „Schließlich tut man etwas für seine Politikbildung“, könnte man sich bei dem Gespräch mit Philipp Rösler einbilden. Nur hat Röslers geheimnisvoller Geburtstag, oder sein Erlebnis beim Bäcker nichts mit Politikvermittlung zu tun. So werden ernsthafte Politische Themen leider von Amüsanten Persönlichen Stories verdrängt. Ein weiterer Punkt, der sich negativ auf die Politikvermittlung auswirkt ist der immer gleichbleibende Standpunkt im Zusammenhang mit der Gästeauswahl. In dem Fall Philip Rösler wurde ihm freien Lauf gewährt. Er muss keiner Opposition gegenargumentieren, sondern sich nur mit Lanz auseinandersetzen dessen Gedanken eher auf Quoten und möglichst viele Lacher ausgerichtet sind. Eine fettleibige Tine Wittler die versucht dem Magerwahn in Deutschland zu entkommen, wird der FDP kaum ernsthafte Konkurrenz machen. Die zusammengewürfelten Gäste aus verschiedenen Bereichen machen eine Politisch Wertvolle Argumentation sehr unwahrscheinlich.

Es besteht kein Zweifel darin, dass das Format „Markus Lanz“ keine ernsthafte Politikvermittlung betreiben kann, jedoch auch gar nicht will. Das war in den Anfängen noch anders, als die Sendung nur einmal die Woche lief. Lanz äußerte sich dazu: „Wir haben einen hohen Anspruch an Recherche, wir wollen Geschichten auch mal investigativer nachgehen, dann hieße das eher: einmal die Woche. Nur so ist das wirklich leisten.“[25] Mit dem heutigen Überangebot der Sendung von drei Mal die Woche ist dieses Vorhaben ganz gewollt nicht mehr möglich.

4. Analyse des Auftritts von Philipp Rösler

In diesem Teil geht es speziell um die Sendung, welche am 23. Februar 2012 ausgestrahlt wurde. Es werden an dem Gesprächsverlauf zwischen Lanz und Rösler verschiedene Inszenierungs- und Argumentationsmethosen Röslers aufgezeigt. Zunächst werde ich den thematischen Gesprächsverlauf mit der insgesamten Gesprächsdauer darstellen. Danach werde ich auf die Argumentationstechniken, Moderationstechniken, nonverbale Kriterien, Redevorbereitung und Selbstdarstellungsstrategien eingehen. Ziel dieser Analyse ist es herauszufinden in welchen Rollen Philipp Rösler sich inszeniert.

4.1 Philip Rösler

Für die Interpretation der Gesprächsanalyse wird ein kurzer Überblick über Röslers Biographischen und politischen Hintergrund geben.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Philipp Rösler wurde 1973 in Khán Kòa, Vietnam geboren. Im November 1973 wurde er mit ca. neun Monaten nach Deutschland adoptiert. Rösler war eines der vielen Elternlosen Kindern im Vietnamkrieg. Er wurde von einem Niederländischen Ehepaar Rösler, die bereits zwei leibliche Töchter hatten, adoptiert. Seine Mutter war Krankenschwester und sein Vater Pilot bei der Bundeswehr. Als Philipp Rösler vier Jahre alt war, trennten sich die Eltern und er wuchs bei seinem Adoptivvater Uwe Rösler (1941 – 2016) auf. Nach seinem Abitur trat er als Soldat auf Zeit und Sanitätsoffizieranwärter der Marine in die Bundeswehr ein. Er wurde für ein ziviles Humanmedizinstudium 1993 bis 1999 von Dienst befreit. 2002 Promovierte er. Rössler wurde im Jahre 2000 getauft und wurde damit Mitglied der katholischen Kirche. Er ist seit 2002 mit der Ärztin Wiebke Rösler verheiratet. Sie bekamen 2008 Zwillingstöchter.[26]

Röslers politische Karriere begann 1992 mit dem Eintritt in die Freie Demokratische Partei (FDP) und die Jungen Liberalen Niedersachsen. Nach seinem Humanmedizinstudium wurde er 1994 Kreisvorsitzender der Jungen Liberalen in Hannover- Stadt. Zwei Jahre später wurde er Landesvorsitzender der Jungen Liberalen Niedersachsen und Mitglied des Landesvorstands der FDP in Niedersachsen. Von 2001 bis 2004 war er ehrenamtlicher Generalsekretär der FDP Niedersachsen. 2002, wurde er als FDP-Kandidat zur Landtagswahl aufgestellt. 2006 erlangte er den Rang des Landesvorsitzenden der FDP Niedersachsen. Ab 2009 war er Minister für Wirtschaft, Arbeit und Verkehr. Daraufhin wurde er zwei Jahre lang Bundesminister für Gesundheit. Mai 2011 wurde Rösler mit 95,08 Prozent zum Bundesparteivorsitzenden gewählt. Damit hatte Philipp Rösler den Höhepunkt seiner politischen Karriere erreicht.[27] Nachdem es die FDP 2013 erstmals nicht in den Bundestag schaffte, beendet Rösler seine politische Karriere.

4.2 Kontextinformationen zur Sendung

Philipp Röslers Auftritt bei „Markus Lanz“ war eine strategische Entscheidung. Zum einem fanden die nächsten Bundestagswahlen schon kommendes Jahr am 22.September an. Für Philipp Rösler war es also wichtig, sympathiepunkte zu sammeln und sein Image aufzupolieren. Zum anderen war der eigentliche Grund der Einladung der „Coup“ der Freien Demokraten bei der Wahl des Bundespräsidenten 2012, welcher am Sonntag vor der ausgestrahlten Sendung geschehen ist. Die FDP verharrte auf ihren Kandidaten Joachim Gauck als Nachfolger von Christian Wulff. Merkel wollte Gauck partout nicht. Rösler hat ihn aber durchgesetzt. Merkel wurde vor Vollendete Tatsachen gestellt und hatte keine andere Wahl gehabt als ihn zu akzeptieren. Sonst müsste Sie die Koalition platzen lassen. Unionsfraktionsvize Michael Kretschme sprach von einem "gewaltigen Vertrauensbruch", der schwere Folgen für die Koalition und der Zusammenarbeit mit Angela Merkel von sich bringen wird. Die Durchsetzung Röslers war für die FDP ein großer Gewinn nachdem die Liberalen seit zwei Monaten bei Umfragen nur noch zwei bis drei Prozent bekamen.[28] Merkel erfährt von der Gauck Entscheidung der FDP erst durch die Presse. So ist die Stimmung der Kanzlerin am Sonntag am Tiefpunkt.

[...]


[1] Eimeren/Gerhard 1998: 601

[2] Berghaus/Staab 1995: 25

[3] Schicha/ Tenscher: Talk auf allen Kanälen 2002, S.10

[4] Bandtel: Riskante Bühnen 2015, S.130

[5] Dörner/Vogt 2009, S. 26

[6] Bandtel: Riskante Bühnen 2015, S.129

[7] Matthias Bandtel: Riskante Bühnen 2015, S.135

[8] Matthias Bandtel: Riskante Bühnen 2015, S.129

[9] Barloewen/Brandenburg 1975; Steinbrecher/ Weiske 1992; Foltin 1994; Fley 1997; Plake 1999

[10] Christian Schicha/ Jens Tenscher: Talk auf allen Kanälen 2002, S.15

[11] Bente/Fromm 1997; Paus-Haase 1999; Schneiderbauer 2001; Herrmann/Liinenborg 2001

[12] Tenscher 1999; Meyer et al. 2000, 2001; Nieland/Tenscher 2002; Schicha/Brosda 2002

[13] Dörner: Riskante Bühnen 2015, S.38

[14] Schicha/ Tenscher: Talk auf allen Kanälen 2002, S.16

[15] Dörner: Riskante Bühnen 2015, S.25

[16] Dörner: Riskante Bühnen 2015, S.27

[17] http://www.unternehmen24.info/Firmeninformationen/DE/3565497 (20.02.2017)

[18] https://de.wikipedia.org/wiki/Markus_Lanz_(Fernsehsendung) (20.08.17)

[19] https://de.wikipedia.org/wiki/Markus_Lanz_(Fernsehsendung) (20.08.17)

[20] Gäbler: „… und unseren täglichen Talk gib uns heute!“ 2011, S. 40

[21] https://de.wikipedia.org/wiki/Markus_Lanz_(Fernsehsendung) (20.08.17)

[22] Thomas Dechant/ Thomas Leif: Die Talk-Republik. Köpfe- Konzepte- Kritiker 2012, S.72

[23] Zitat: Bettina Braun, aus der Vorlesung: Theorien der Praxis SS17 #8

[24] ZDF: Programmdaten 2012

[26] https://de.wikipedia.org/wiki/Philipp_R%C3%B6sler (22.08.17)

[27] https://www.bundesregierung.de/Content/DE/Minister/vita-philipp-roesler.html;jsessionid=AA70ED019A7939A2D25938F44EEAE71D.s5t1?nn=437032 (22.08.17)

[28] http://www.spiegel.de/politik/deutschland/gauck-macher-roesler-aufstand-des-erniedrigten-a-816363.html (23.08.17)

Ende der Leseprobe aus 43 Seiten

Details

Titel
Die Selbstinszenierung von Politikern in Personality-Talkshows. Eine Gesprächsanalyse von Markus Lanz und Philipp Rösler
Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
Note
1,3
Autor
Jahr
2017
Seiten
43
Katalognummer
V385774
ISBN (eBook)
9783668600355
ISBN (Buch)
9783668600362
Dateigröße
939 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
FDP, Politik, Analyse, Talkshow, Gesprächsanalyse, Politikerauftritte, Markus Lanz, Philipp Rösler, Inszenierung, Selbstinszenierung, Gesellschaft, Show, ZDF, Politiker, Fernsehen, TV, Unterhaltung, Darstellung, Manipulation, Verhalten, Geschspäch, Interview
Arbeit zitieren
Lena Hochadel (Autor), 2017, Die Selbstinszenierung von Politikern in Personality-Talkshows. Eine Gesprächsanalyse von Markus Lanz und Philipp Rösler, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/385774

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