Eine Vielzahl verschiedener Soziolekte, Dialekte, Idiolekte und Regiolekte existiert aktuell auf der Erde. Weltweit werden ungefähr 4000 bis 7000 Sprachen gesprochen, die meisten davon in Afrika und Asien. In den letzten 500 Jahren hat sich allerdings die Anzahl aller Sprachen bereits um etwa 50% dezimiert.
Die Gründe dafür waren vielfältig. Bei Eroberungen und Missionierungen in der Kolonialzeit verschwanden beispielsweise Sprachminderheiten durch die Einführung von Amtssprachen durch die europäischen Siedler. Im letzten Jahrhundert verringerte sich die Anzahl zudem zunehmend durch die Ausbreitung der Massenmedien. Vermutlich werden in den nächsten 80 Jahren noch circa 10 bis 50% der heute gesprochenen Sprachen das 21. Jahrhundert überlebt haben. Sprachminderheiten, die oft beispielsweise durch Sprachkontakt oder Bilingualismus entstehen, verschwinden entweder zum Beispiel aufgrund von linguistischen Faktoren wie zunehmende Verschriftlichung, können aber auch durch natürliche Gegebenheiten bedingt sein, wie Hungersnöte oder Naturkatastrophen.
Die Untersuchung und Beschreibung von Sprache war lange Zeit, besonders im 19. Jahrhundert fast gänzlich historisch ausgerichtet. Hermann Paul, Anhänger der junggrammatischen Schule, sah beispielsweise ausschließlich die diachrone Betrachtung als Bereich der sprachwissenschaftlichen Theoriebildung und glaubte nicht, dass eine systematisch-synchronische Linguistik zur Erklärung von Sprache ausreiche. Dem entgegengesetzt war beispielsweise die Haltung des Strukturalisten Ferdinand de Saussure, welcher allein die synchronistische Sprachwissenschaft für seine Theorien heranzog.
Auf Grundlage der Erkenntnisse dieser modernen Sprachwissenschaft beschäftige ich mich in dieser Hausarbeit mit der Frage, inwieweit Sprachwandelprozesse miteinander interagieren. Hierzu werde ich im Folgenden die Sprachwandeltypen des phonologischen und des morphologischen Wandels beschreibend vergleichen, um anschließend die These zu untermauern, dass der phonologische Wandel den morphologischen beeinflusst.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Hauptteil
2.1 Lautwandel
2.2 Morphologischer Wandel
2.3 Interaktion zwischen den beiden Wandlungstypen
3. Fazit
4. Literatur
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Interaktion zwischen unterschiedlichen Sprachwandelprozessen, mit dem primären Fokus auf die Frage, wie phonologische Veränderungen morphologische Strukturen beeinflussen und formen.
- Grundlagen des Sprachwandels und seine innersprachlichen sowie gesellschaftlichen Ursachen
- Analyse des Lautwandels unter besonderer Berücksichtigung des Markiertheitsprinzips
- Untersuchung des morphologischen Wandels und dessen Abgrenzung vom lautlichen Wandel
- Wechselwirkungen zwischen phonologischen Veränderungen und morphologischer Sprachstruktur
Auszug aus dem Buch
2.1 Lautwandel
Lautlicher Wandel kann entweder phonetisch oder phonologisch motiviert sein und betrifft sowohl Lautabfolgen als auch individuelle Segmente von Lauten (vgl. Demske 2002, S. 304). Darüber hinaus unterscheidet man in sporadischen und regelmäßigen Lautwandel, je nachdem ob die Veränderung nur wenige Wörter oder ob der Wandel ein Lautsegment ausnahmslos betrifft (ebd.).
Ein Beispiel ist das Phänomen der Assimilation, also das der Angleichung von Lautsegmenten in einer Sequenz von Lauten zur artikulatorischen Simplifizierung. Es ist von partieller Assimilation die Rede, wenn sich Lautsegmente auf ihre Artikulationsart oder auf den Ort ihrer Artikulation anpassen (vgl. Demske 2002, S. 297). Der Artikulationsort des alveolaren Nasals wird etwa bei dem mittelhochdeutschen Wort wintbrâ (im Neuhochdeutschen Wimper) an den folgenden Verschlusslaut angeglichen (ebd.). Das mittelhochdeutsche Adjektiv tump, welches sich im Neuhochdeutschen zu dumm wandelt, illustriert hingegen den Vorgang der totalen oder auch vollständigen Assimilation zweier Lautsegmente. (vgl. Demske 2002, S. 298).
Im Folgenden möchte ich mich noch genauer mit der phonetischen Vereinfachung von schwerartikulierbaren Lautsequenzen beschäftigen und dazu das „Prinzip des innersprachlich bedingten Wandels“ nach Wurzel heranziehen (Wurzel 1996, S. 88). „Innersprachlich bedingter Wandel verläuft“ demzufolge in Richtung der Ersetzung von stärker markierten grammatischen Einheiten durch schwächer markierte grammatische Einheiten. Anders ausgedrückt: Innersprachlich bedingter Wandel führt immer zu einer Vereinfachung, einer Verbesserung der Sprachstruktur (ebd.).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Problematik des Sprachwandels ein und formuliert die Forschungsfrage, inwieweit phonologische und morphologische Wandelprozesse miteinander interagieren.
2. Hauptteil: Dieser Abschnitt erläutert die theoretischen Grundlagen des Sprachwandels, definiert Lautwandel sowie morphologischen Wandel und analysiert die Interaktion zwischen diesen beiden Wandlungsebenen.
2.1 Lautwandel: Hier werden Mechanismen wie die Assimilation und das Prinzip des innersprachlich bedingten Wandels im Kontext der Markiertheit erörtert.
2.2 Morphologischer Wandel: Dieses Kapitel betrachtet den Wandel der grammatischen Wortstruktur, einschließlich Abschwächungs- und Tilgungsvorgängen sowie der Grammatikalisierung.
2.3 Interaktion zwischen den beiden Wandlungstypen: Dieser Teil zeigt auf, wie phonologische Realisierungen Einfluss auf morphologische Strukturen nehmen können und stellt die systemimmanente Verbindung dar.
3. Fazit: Das Fazit fasst die Komplexität der Sprachwandelprozesse zusammen und bekräftigt die These, dass der phonologische Wandel den morphologischen beeinflusst.
4. Literatur: In diesem Verzeichnis wird die verwendete wissenschaftliche Fachliteratur aufgeführt.
Schlüsselwörter
Sprachwandel, Lautwandel, Morphologischer Wandel, Markiertheit, Phonologie, Morphologie, Assimilation, Sprachstruktur, Grammatikalisierung, Sprachwissenschaft, Sprachveränderung, diachrone Linguistik, innersprachlicher Wandel, artikulatorische Simplifizierung, Sprachsystem
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht die Mechanismen des Sprachwandels und beleuchtet dabei insbesondere das komplexe Zusammenspiel zwischen phonologischen und morphologischen Veränderungsprozessen innerhalb einer Sprache.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die Schwerpunkte liegen auf der Differenzierung zwischen Laut- und morphologischem Wandel, der Rolle des Markiertheitsprinzips sowie der systembedingten Wechselwirkung dieser beiden Ebenen.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Hauptziel besteht darin, zu belegen, dass der phonologische Wandel – etwa durch artikulatorische Vereinfachung – einen signifikanten Einfluss auf morphologische Sprachstrukturen ausübt.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit angewandt?
Die Arbeit basiert auf einer theoretischen Analyse sprachwissenschaftlicher Literatur, wobei Modelle zur Sprachwandeltheorie, wie das von Wolfgang Ulrich Wurzel, vergleichend herangezogen werden.
Welche Inhalte werden im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Einführung in den Sprachwandel, eine detaillierte Betrachtung von Laut- und morphologischem Wandel und eine abschließende Synthese, die die Interaktion dieser beiden Felder aufzeigt.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am stärksten?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Sprachwandel, Markiertheit, Phonologie, Morphologie und die Interaktion von Sprachebenen charakterisiert.
Welche Rolle spielt das Markiertheitsprinzip bei den untersuchten Wandlungsprozessen?
Das Markiertheitsprinzip dient als Erklärungsmodell: Sprachwandel erfolgt oft in Richtung des Abbaus stärker markierter, komplexerer Einheiten zugunsten schwächer markierter, einfacherer Strukturen.
Warum wird im Kontext des Wandels oft der Begriff „Sprachgebrauchswandel“ bevorzugt?
Der Autor führt an, dass „Sprachgebrauchswandel“ präziser ist, da Veränderungen nicht an der Sprache als statischem Objekt, sondern durch den Zugriff der Sprecher auf das Sprachsystem geschehen.
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- Anonym (Autor), 2017, Die Interaktion von sprachlichen Veränderungsprozessen und die phonologische Einflussnahme auf den morphologischen Sprachwandel, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/385796