Die Interaktion von sprachlichen Veränderungsprozessen und die phonologische Einflussnahme auf den morphologischen Sprachwandel


Hausarbeit, 2017

14 Seiten, Note: 1,3

Anonym


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Hauptteil
2.1 Lautwandel
2.2 Morphologischer Wandel
2.3 Interaktion zwischen den beiden Wandlungstypen

3. Fazit

4. Literatur

1. Einleitung

Eine Vielzahl verschiedener Soziolekte, Dialekte, Idiolekte und Regiolekte existiert aktuell auf der Erde. Weltweit werden ungefähr 4000 bis 7000 Sprachen gesprochen, die meisten davon in Afrika und Asien (vgl. Haarmann 2001, S. 95). In den letzten 500 Jahren hat sich allerdings die Anzahl aller Sprachen bereits um etwa 50% dezimiert.

Gründe dafür waren vielfältig. Bei Eroberungen und Missionierungen in der Kolonialzeit verschwanden beispielsweise Sprachminderheiten durch die Einführung von Amtssprachen durch die europäischen Siedler. Im letzten Jahrhundert verringerte sich die Anzahl zudem zunehmend durch die Ausbreitung der Massenmedien. Vermutlich werden in den nächsten 80 Jahren noch circa 10 bis 50% der heute gesprochenen Sprachen das 21. Jahrhundert überlebt haben (vgl. Haie 1992, S. 1 f.). Sprachminderheiten, die oft beispielsweise durch Sprachkontakt oder Bilingualismus entstehen, verschwinden entweder zum Beispiel aufgrund von linguistischen Faktoren wie zunehmende Verschriftlichung, können aber auch durch natürliche Gegebenheiten bedingt sein, wie Hungersnöte oderNaturkatastrophen (vgl. Wurm 1997, S. 37).

Die Untersuchung und Beschreibung von Sprache war lange Zeit, besonders im 19. Jahrhundert fast gänzlich historisch ausgerichtet (vgl. Wurzel 1996, S.75). Hermann Paul, Anhänger der junggrammatischen Schule, sah beispielsweise ausschließlich die diachrone Betrachtung als Bereich der sprachwissenschaftlichen Theoriebildung und glaubte nicht, dass eine systematisch-synchronische Linguistik zur Erklärung von Sprache ausreiche (vgl. Paul 1908) Dem entgegengesetzt war beispielsweise die Haltung des Strukturalisten Ferdinand de Saussure, welcher allein die synchronistische Sprachwissenschaft für seine Theorien heranzog (vgl. Saussure 1931).

Auf Grundlage der Erkenntnisse dieser modernen Sprachwissenschaft beschäftige ich mich in der vorliegenden Hausarbeit mit der Frage, inwieweit Sprachwandelprozesse miteinander interagieren. Hierzu werde ich im Folgenden die Sprachwandeltypen des phonologischen und des morphologischen Wandels beschreibend vergleichen, um anschließend die These zu untermauern, dass der phonologische Wandel den morphologischen beeinflusst.

2. Hauptteil

Wandel ist ein inhärentes Merkmal von Sprache. Als Bestandteil der Menschheit ermöglicht Sprache uns eine komplexe Form der Kommunikation und eine Weiterentwicklung der Gesellschaft in ihrer Umwelt (Vgl. Wurzel 1996, S. 76). Untrennbar verknüpft mit den Faktoren „Gesellschaft“ und „Umwelt“, verändert sich ebenso die Sprache (ebd.). Sprachwandel geht also mit einem permanenten Fortschreiten der menschlichen Kultur einher (Vgl. Wurzel 1991, S. 159).

Nie transportiert Sprache dabei einfach nur Informationen, sondern sie „ist immer auch an eine sozial-kommunikative Situation gebunden, innerhalb derer sie [...] spezifische Funktionen“ erfüllt (Tophinke 2002, S. 12). Diese unterliegen ebenfalls wiederum dem Wandel der Zeit. In den ,,Fehler[n] von heute“ sieht der Linguist Rudi Keller die „Normen von morgen“ (Keller 2009, S. 9).

Da Sprachwandel nur möglich ist, wenn die durch Normen geregelte, gesellschaftliche Komponente mitwirkt, spielt die Akzeptanz gegenüber sprachlichen Veränderungsprozessen eine bedeutende Rolle. (Wurzel 1991, S. 167) Je stärker eine Gesellschaft an ihren Normen festhält, umso weniger werden Sprachveränderungen angenommen. Dieser Anspruch auf eine normierte Sprache zeigt sich zum Beispiel in der Schule, wo unterschieden wird, zwischen Fach- und Umgangssprache. Es handelt sich dabei um Versuche, Sprache statisch zu fixieren.

Aber warum verändert sich Sprache? Hier stellt sich die Frage nach der Nutzungsperspektive: Wäre es treffender, anstatt von Sprachwandel besser von „Sprachgebrauchswandel“ zu sprechen, weil nicht Sprache an sich, sondern der Zugriff der Sprecherinnen auf das Sprachsystem sich entweder unbewusst, wie durch eine „unsichtbare Hand“ oder durch Sprachplanung verändert? (vgl. Keller, 2003).

Wolfgang Ulrich Wurzel geht bei der Untersuchung dieser Frage davon aus, dass alle Sprachveränderungen jeweils „‘zwei Seiten‘ haben, eine innersprachlich-grammatische und eine außersprachlich soziale“. Kein Wandel lasse sich dabei „auf eine der beiden Seiten reduzieren“, doch die Rolle der beiden Seiten ist bei den einzelnen Sprachwandeltypen sehr unterschiedlich. Die Bedingungen jeder der beiden Seiten können sowohl auslösende Bedingungen als auch Begleitbedingungen sein (Wurzel 1996, S. 80).

Obwohl es sich also um einen vielschichtigen Gegenstand handelt, beziehen wir uns, wenn es um Sprachwandel geht, häufig zunächst nur auf den lexikalischen Wandel. Beispiele sind hier Entlehnungen aus anderen Sprachen wie „e-mailen“ oder „chatten“, „en vogue“ oder „Cello“ oder Wortbedeutungswandel wie „tierisch“ (Demske 2002, S. 294). Neben dem des Wortschatzes verändern sich jedoch auch alle anderen Bereiche von Sprache regelmäßig, so auch der der Syntax, der Semantik, der Morphologie und der Phonologie.

Bei der Beschreibung von Sprachwandel sieht die Sprachwissenschaftlerin Damaris Nübling vier Dimensionen von Sprachwandel. So bezeichnet sie ihn als „soziales“, „kognitives“ und „biologisch-physiologisches Phänomen“, aber ebenso als Ergebnis „menschlicher Kreativität“. Innovation und Variation durch die Sprecherinnen sind dabei genauso Aspekte wie sprachökonomische Gesetzmäßigkeiten, (vgl. Nübling 2014, S. 108).

Wurzel unterscheidet insgesamt drei große Ebenen, welche Sprachwandel umfassen. Bei der zweiten und dritten Ebene handelt es sich einmal um den „semantisch- lexikalische[n] Wandel, bei dem neue Wörter hinzukommen oder gebildet werden“, und einmal um den Wandel durch „Sprach- und Dialektmischung, Kreolisierung [und] Normierung“ (Wurzel 1991, S. 162). Die erste Ebene, die für diese Arbeit von besonderem Interesse ist, ist die des sogenannten „natürlichen grammatischen Wandel[s]“, welcher den phonologischen, morphologischen und syntaktischen Wandel beinhaltet (Wurzel 1991, S. 163). Diesem liegt das sogenannte „Markiertheits-“ oder „Natürlichkeitsprinzip“ zugrunde (ebd.).

2.1 Lautwandel

Lautlicher Wandel kann entweder phonetisch oder phonologisch motiviert sein und betrifft sowohl Lautabfolgen als auch individuelle Segmente von Lauten (vgl. Demske 2002, S. 304). Darüber hinaus unterscheidet man in sporadischen und regelmäßigen Lautwandelje nachdem ob die Veränderung nur wenige Wörter oder ob der Wandel ein Lautsegment ausnahmslos betrifft (ebd.).

Ein Beispiel ist das Phänomen der Assimilation, also das der Angleichung von Lautsegmenten in einer Sequenz von Lauten zur artikulatorischen Simplifizierung. Es ist von partieller Assimilation die Rede, wenn sich Lautsegmente auf ihre Artikolationsart oder auf den Ort ihrer Artikulation hin anpassen (vgl. Demske 2002, S. 297). Der Artikulationsort des aveolaren Nasals wird etwa bei dem mittelhochdeutschen Wort wintbrâ (im Neuhochdeutschen Wimper) an den folgenden Verschlusslaut angeglichen (ebd.). Das mittelhochdeutsche Adjektiv tump, welches sich im Neuhochdeutschen zu dumm wandelt, illustriert hingegen den Vorgang der totalen oder auch vollständigen Assimilation zweier Lautsegmente, (vgl. Demske 2002, S. 298).

Im Folgenden möchte ich mich noch genauer mit der phonetischen Vereinfachung von schwerartikulierbaren Lautsequenzen beschäftigen und dazu das „Prinzip des innersprachlich bedingten Wandels“ nach Wurzel heranziehen (Wurzel 1996, S. 88). „Innersprachlich bedingter Wandel verläuft“ demzufolge in Richtung der Ersetzung von stärker markierten grammatischen Einheiten durch schwächer markierte grammatische Einheiten. Anders ausgedrückt: Innersprachlich bedingter Wandel führt immer zu einer Vereinfachung, einer Verbesserung der Sprachstruktur (ebd.).

Die Einführung des Begriffs der Markiertheit ist an dieser Stelle von Nöten, um die Beschreibung innersprachlichen Wandels besser verstehen zu können. Markiertheit reflektiert grammatische Komplexität, die die menschliche Sprachfähigkeit belastet. Markiertheit ist ein Bewertungsprädikat, das den jeweiligen konkreten grammatischen Einheiten zukommt (Wurzel 1996, S. 86).

Lautwandel verläuft also in eine vorgegebene Richtung, von artikulatorisch komplexen hin zu einfachen Formen. Aus den unterbewussten Bemühungen der Sprecherinnen, „markierte grammatische Einheiten zu vermeiden“ resultiert der Abbau von Markiertheit (Wurzel 1996, S. 88). Unmarkierte Wörter sind demnach diejenigen, welche simpel aufgebaut sind, beziehungsweise als Grundform gelten, während markierte Wörter in ihrem Aufbau komplexer und spezifischer sind (ebd.). Die Formen Lehrer und Lehrerin etwa spezifizieren durch ihre Markiertheit die Geschlechter.

Der Nachteil von stärker markierten Worten ist jedoch auf der anderen Seite, dass sie die Sprache durch ihre Komplexität schwieriger gestalten und belasten. An dieser Stelle setzt häufig Sprachwandel ein, um stark markierte Formen durch schwächere zu ersetzten (vgl. Wurzel 1996, S. 88).

2.2 Morphologischer Wandel

Morphologischer Wandel bezieht sich auf die grammatische Struktur der Wörter. Er zeichnet sich entweder durch den Verlust oder den Gewinn von Morphemen oder durch deren formale oder inhaltliche Veränderung aus. Dabei unterscheidet man zwischen internem und externem Wandel. Letzterer wird verursacht durch lautliche Veränderungen oder meint die „Morphologisierung syntaktischer Strukturen“, während der interne Wandel lediglich die rein morphologisch motivierten formalen oder inhaltlichen Veränderungen beschreibt (Demske 2002, S. 304). Veränderungen in der Flexions- als auch in der Wortbildungsmorphologie betrifft der morphologische Wandel dabei in gleichem Maße (ebd.).

[...]

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Die Interaktion von sprachlichen Veränderungsprozessen und die phonologische Einflussnahme auf den morphologischen Sprachwandel
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster  (Germanistisches Institut - Abteilung für Sprachdidaktik)
Veranstaltung
Sprach(wissenschaft)liche Faktenbereiche: Sprachwandel und Spracherwerb
Note
1,3
Jahr
2017
Seiten
14
Katalognummer
V385796
ISBN (eBook)
9783668601383
ISBN (Buch)
9783668601390
Dateigröße
488 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sprachwandel, morphologischer Wandel, phonologischer Wandel
Arbeit zitieren
Anonym, 2017, Die Interaktion von sprachlichen Veränderungsprozessen und die phonologische Einflussnahme auf den morphologischen Sprachwandel, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/385796

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