Phänomene des Sprachmittelns am Beispiel eines homileischen Gesprächs


Seminararbeit, 2001

37 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. zum erhobenen Material

III. Auswertung
III.1 Indirekte Adressierungen
III.2 Auf den Urheber der zu übermittelnden Äußerung referierende Begleitsätze oder Pronomina
III.3. Die aktive Teilnahme des Sprachmittlers an der Kommunikation
III.3.1 Durch einen der Interaktanten geforderte Teilnahme des Mittlers an der Kommunikation
III.3.2 Aus eigener Motivation initiierte Beiträge des Sprachmittlers
III.3.3 Metasprachliche turns zwischen Sprachmittler und einer Interaktionsseite

IV. Nicht in die andere Sprache übertragene Diskursab- schnitte
IV.1 Kognitionsbedingte Auslassungen
IV.2 Auslassung organisatorischer Gesprächspassagen
IV.3 Vergessen der Mittlerfunktion aufgrund der Involviertheit in die kommunikativen Inhalte
IV.4 Unübersetzes Expertenwissen des Mittlers
IV.5 Auslassung von Fragen
IV.6 Auslassung von Kommentaren zu bereits vollzogenen und gemittelten Äußerungen

V. Schluß

Literaturangabe

Gün: Günther, Vater von Kl, Stiefvater von Chr; spricht nur deutsch. Sprachmitteln in familiärer Situation

Kl: Kl aas, in Italien lebender Ehemann von Gia nna; spricht deutsch und italienisch.

Gia: Gia nna, Italienerin, zu Besuch bei Familie von Kl; spricht nur italienisch.

Chr: Chr istine, Stiefschwester von Kl; spricht deutsch und italienisch.

Fa: Fa bian, Freund von Chr; spricht nur deutsch.

Alle Personen sind anonymisiert, es werden Pseudonyme verwendet.

((Die Aufnahme fand am 27.12.2000 im Wohnzimmer von Gün ther und Chr istines Mutter statt und erfolgte mittels eines tragbaren Kassettenrecorders. Nebengeräusche werden in der Transkription nicht berücksichtigt.)) Dauer des Gesprächs ca. 6 Minuten.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

I. Einleitung

Der Sprachmittler ist der sprachgeschichtlichen Herleitung nach ein Medium, das zwei aufgrund einer Sprachbarriere voneinander getrennte Personen oder Personengruppen zwischen sich plazieren, um über es das Ziel der kommunikativen Verbindung und des gegenseitigen Verstehens zu erreichen. Prinzipiell müßte die Distanz des Sprachmittlers zu den beiden Sprachparteien gleich groß sein, um der Definition von Mittel gerecht zu werden.[1] Die getrennten Seiten sind nun in ihrer Interaktion geleitet von bestimmten, unter anderem auch durch ihre jeweilige Kultur geprägten Erwartungen an ihre Gesprächspartner. Da die Erwartungen der einen Seite unvereinbar sein können mit denen der anderen Seite, muß der Sprachmittler außerdem kulturell vermitteln.

Zu diesem Charakteristikum gesellen sich weitere Kriterien, die die Bedeutung von Sprachmittler präzisieren und an bestimmte Voraussetzungen knüpfen. Als Sprachmittler werden nämlich genau die Personen bezeichnet, die den beschriebenen Einsatz „unter institutionellen Anforderungen“[2] leisten, ohne professionelle, speziell ausgebildete Dolmetscher zu sein.[3] Sie übernehmen „wegen guter zweitsprachlicher Kenntnisse diese Funktion“[4] und handeln unvorbereitet und mündlich, „oft auf Basis spontaner Hilfe und unmittelbaren Bedarfs“[5]. Wenn die „translatorisch handelnde Person“[6] einem Menschen spontan hilft, dann muß zu dieser eine gewisse Nähe vorhanden sein, die gegenüber dem zweiten Konversationspartner wahrscheinlich nicht vorliegt, womit die neutrale Position der Mitte meist von vornherein ausgeschlossen ist. Faktoren wie die zusätzliche Erledigung dieser Aufgabe neben den eigentlichen Pflichten am Arbeitsplatz, die eventuelle Unbezahltheit sowie das Problem des institutionsspezifischen Fachwissens, welches der Sprachmittler häufig weder in der Primär- noch in der Sekundärsprache besitzt,[7] können ebenfalls die Motivation des mit der Aufgabe Betrauten und die Qualität der Kommunikation beeinflussen.

In der vorliegenden Arbeit soll diese Art des konsekutiven Dolmetschens, die sich sowohl vom simultanen Dolmetschen als auch vom konsekutiven Übersetzen unterscheidet, an konkretem empirischen Material nachvollzogen werden. Es gilt, zunächst die für dieses Material typischsten Merkmale des Sprachmittelns zu identifizieren und jeden Befund sogleich mit Forschungsbeispielen zu vergleichen. Dieser Vergleich geschieht zum Teil sehr implizit, da nicht alle Wissenschaftler, die Gespräche betrachten, an denen ein Sprachmittler beteiligt ist, ihren Schwerpunkt auf die Beschreibung der sprachmittlerischen Tätigkeit legen. Häufig steht im Vordergrund das Interesse, gravierende Mängel bei interkulturellem Zusammentreffen in Institutionen aufzuzeigen oder aber auf Probleme jeder Art von gedolmetschten Gesprächen im Kontrast zu monolingualen Kommunikationsabläufen hinzuweisen. Allerdings lassen sich anhand der transkribierten Gesprächsausschnitte dennoch Vergleiche anstellen, wodurch die Phänomene sichtbar werden sollen, die wirklich für die in solchen Situationen beobachteten Schwierigkeiten verantwortlich sind. So können sie von anderen typischen Sprachmittlungsphänomenen abgegrenzt werden, die ganz einfach eine nützliche Anpassung an die Anforderungen der Situation sind.

Die Untersuchung ergab, daß die problembereitenden Merkmale im vorliegenden Material im groben mit denen übereinstimmen, die Knapp und Knapp-Potthoff (1985) in einer idealtypischen Beschreibung anführen. Doch das Beschreibungsinstrumentarium der beiden Forscher, auf deren Aufsatz sich alle anderen zu Rate gezogenen Autoren beziehen, ist insbesondere im Hinblick auf die wesentliche Erscheinung der Nichtübersetzung bestimmter Gesprächspassagen noch weiter differenzierbar. Ein gesonderter Teil der Arbeit soll deshalb den diesbezüglich vorgefundenen Feinheiten gewidmet sein.

II. zum erhobenen Material

Mein Bestreben, eigenes Material zur Veranschaulichung des translatoritischen Prozesses des Sprachmittelns heranzuziehen, war insofern schwierig zu verwirklichen, als geeignete Sprecher einer geeigneten Sprache nicht jederzeit verfügbar waren und als es sich als problematisch erwies, auf Anhieb ein Gesprächsthema zu finden, sobald tatsächlich einmal die gewünschte Sprachenkonstellation gegeben war. Verlegenheit wegen des Mikrofons, Schüchternheit der Probanden und ein langsam anlaufendes, stockendes Gespräch sind hier personen- und situationsgebundene Faktoren, die nichts mit dem Sprachmitteln selbst zu tun haben. Das heißt, daß diese Barrieren hier z.B. auch bei Anwesenheit eines professionellen Dolmetschers bestanden hätten. Neben den Schwierigkeiten bei der Materialerhebung fällt außerdem auf, daß sich der Kontext von dem in den meisten wissenschaftlichen Aufsätzen beschriebenen unterscheidet. Dort werden vor allem stark formalisierte institutionelle Situationen des Sprachmittelns betrachtet, in denen als monolingual definierte Sprecher zweier verschiedener Sprachen mit einer konkreten Absicht aufeinander zugehen, die sie durch Kommunikation mit Hilfe einer dritten, beider Sprachen mächtigen Person durchzusetzen suchen. Dabei gilt die Aufmerksamkeit nicht immer vornehmlich dem Prozeß des Sprachmittelns, sondern eher den akuten Problemen, die dadurch für eine oder beide der durch die Sprachbarriere voneinander getrennten Personen resultieren. Beispiele für stark institutionalisierte Situationen, in denen Sprachmittler zum Einsatz kommen, sind die medizinische

Beratung[8], die Konsultation von Rechtsanwälten[9], die Asylanhörung[10] oder ärztliche Aufklärungs-gespräche[11].

In der vorliegenden Situation dagegen gibt es fünf Beteiligte, von denen vier als Primärsprache Deutsch sprechen und eine Italienisch. Zwei der Deutschen sind in der Lage, Äußerungen auf italienisch zu produzieren. Die anderen beiden verfügen lediglich über ein minimales, zum Teil auf die allgemeine Interaktionskompetenz beschränktes Verständnis des Italienischen, so wie die Italienerin nur sehr wenig deutsch versteht.

Der einzige Grund ihres Beisammenseins ist familiärer Art: ein Wiedersehen. Demnach liegt ein homileischer Kommunikationsrahmen vor, dessen Kommunikationsinhalte anders als in einer formellen institutionellen Situation nicht an einen geregelten Ablauf gebunden sind. Die geschilderte Situation unterscheidet sich insofern von einer natürlichen homileischen Situation, als alle Teilnehmer über den Zweck der Gesprächsaufnahme in Kenntnis gesetzt worden sind. Infolgedessen ist zu erwarten, daß sich die Anwesenden bemühen werden, die Studentin Chr bei der Gewinnung von Untersuchungsmaterial zum Sprachmitteln zu unterstützen. Der fehlende konkrete Kommunikationsanlaß dieser speziellen Situation führt dennoch dazu, daß vor allem Gia und Fa nicht wissen, was sie sagen sollen: (8/24, Gia): Non mi viene in mente. (10/29) Che devo dire? und (11/33 Fa): Was denn? Mir fällt auch nichts ein. Der selben Ursache zuzuordnen sind auch Kls und Güns initiierenden Versuche, wenigstens triviale Dinge zum Thema zu machen. Die gestellten Fragen nach derartigen Sachverhalten dienen hier ausschließlich dem oben erklärten Ziel. In 12/39, fragt Kl seinen Vater, seit wann dieser seinen Bart trägt, obwohl er das als Sohn genau weiß. Er agiert als Stellvertreter für Gia, von der eigentlich die Fragen erwartet werden. 19/71 von Gün: Hatte Gianna schon immer lange blonde Haare? ist ebenfalls rein phatischer Art.

Des weiteren sind die Mittlungsansätze der beiden italienischkundigen Deutschen nicht vollkommen ungeklärt und spontan, wie es bei vorausgehenden Treffen ohne Aufnahmegerät und angekündigtes Interesse der Fall war, sondern im Prinzip geregelt. Einer der Kommunikationsteilnehmer wurde kurz vor der Aufnahme um die Ausübung der Mittlerfunktion gebeten. Dies geschah in Analogie zu den Arbeitsbedingungen von Sprachmittlern in staatlichen oder betrieblichen Institutionen, die ebenfalls kurzfristig über das, was man von ihnen verlangt, informiert werden. Diese Rollenzuweisung schließt jedoch, wie sich zeigen wird, nicht aus, daß in dieser homileischen Situation auch die andere des Italienischen mächtige Person unwillkürlich zu mitteln oder direkt auf die italienischsprachigen Beiträge zu reagieren beginnt. Bekanntlich geschieht es in interkulturellen Interaktionen oft,

„daß die Beteiligten sich außer in ihrer Muttersprache auch noch in einer (ggf. in mehreren) anderen Sprachen ausdrücken können oder wollen. Wenn sie zum Beispiel über Fremdsprachenkenntnisse in der Muttersprache ihres Gegenüber verfügen, ziehen sie z.B. einen direkten Austausch in der Fremdsprache vor, so daß es zu einer exolingualen Kommunikationssituation kommt.“[12]

In anderen Fällen reagiert Chr auf deutsch spontan auf eine von ihr verstandene, noch nicht übersetzte Äußerung der Italienerin (vgl. 9/25). Um zu zeigen, daß sie die Verlegenheit von Probanden vor dem Mikrofon schon aus einer anderen Situation kennt und aus Erfahrung weiß, daß sie sich in Kürze legen wird, stellt sie in 9/26 einen Vergleich an, der nur ihr klar ist und den zu erläutern sie keine mehr Gelegenheit hat. Damit will sie Gia beruhigen. Daß der Versuch, jemanden zu beruhigen, sofort unternommen werden muß, wenn das Gegenüber Beunruhigung, Nervosität oder Ratlosigkeit signalisiert hat und nicht erst, wenn die entsprechende Äußerung übersetzt wurde, kann damit zusammenhängen, daß hier ein sogenanntes Paarformat vorliegt:

Nach aktuellem Wissenstand

„gehört die Paarsequenz zu den Basisformaten verbaler Interaktion im Alltag, d.h. der kommunikative Austausch zwischen den Interaktanten kommt zustande, indem ein Sprecher A etwas äußert, das als erster Teil einer Paarsequenz einen bestimmten zweiten Teil bei Sprecher B konditionell relevant setzt. Abweichungen von diesem Format werden markiert, denn so wie wir offenbar damit rechnen, daß auf eine Frage eine Antwort erfolgt, erwarten wir auf einen Gruß einen Gegengruß oder auf ein Kompliment eine Dankesäußerung.“[13]

Das bedeutet, daß Chr mit ihrer Reaktion zwar intuitiv nach der konditionellen Relevanz handelt, weil sie am reibungslosen Fortgang der Kommunikation interessiert ist, doch da der Beitrag auf deutsch erfolgt, fehlen Gia nun doch verständnisvolle Worte. Chr spricht hier entweder deutsch, weil ihr der Sprachunterschied durch das Verständnis des Italienischen gar nicht mehr bewußt ist, so daß das Gehörte für sie nichts Fremdes darstellt und sie deshalb das Gefühl hat, auch nicht in einer fremden Sprache reagieren zu müssen. Oder die Absicht, deutsch zu reden, damit der Mittler Kl möglichst häufig zum Einsatz kommt, ist selbst bei solch einer konditionellen Handlung unterschwellig noch im Bewußtsein.

Trotz dieses speziellen Hintergrunds halte ich diese Art von interkultureller Kommunikation für repräsentativ, denn ich persönlich habe sie so schon sehr häufig in zahlreichen Variationen erlebt.

III. Auswertung

III.1 Indirekte Adressierungen

Neben wenigen möglicherweise direkten Adressierungen, wie sie vom Dolmetschen bekannt sind (vgl. 25/101, 27/109, 27/111, 29/123 u. 30/128 von Gün sowie 28/118 u. 31/137 von Chr), überwiegen indirekte Adressierungen, wenn sich ein Interaktionspartner mit dem der anderen Sprache austauschen will.

1. (2/6 Chr): Sag ihr mal, daß sie lauter sprechen soll.

zeigt deutlich, daß mit der Äußerung eine Reaktion von Gia intendiert ist. Trotzdem richtet sich Chr nicht direkt an die Person, die die Nachgeschichte übernehmen soll, sondern indirekt, indem sie Kl bittet, die Aufforderung mit der Proposition „lauter sprechen“ an den gewünschten Adressaten (sag ihr) weiterzugeben. Beim professionellen Dolmetschen dagegen wird der Translator in der Regel nicht als Ansprechpartner wahrgenommen und daher auch nicht erst zu der Handlung, für die man ihn bezahlt, animiert. Statt dessen vollzieht sich dort die Adressierung meist direkt in der jeweiligen Ausgangssprache der Kommunikationspartner. Bei einem Anliegen wie oben, fände sich also vermutlich eine Bitte wie: „Könntest du bitte etwas lauter sprechen.

In

2. (7/20 Chr): Frag sie mal, was sie schon immer wissen wollte von Manfred und Florian.

liegt erneut keine direkte Adressierung vor, sondern ebenfalls eine Aufforderung an Kl, die Realisierung eines Sprechaktes für Chr zu übernehmen, nämlich die Frage mit dem angegebenen Inhalt an Gia zu stellen. Ähnlich verhält es sich mit
3. (19/73 Gün): Hatte Gianna schon immer lange Haare ?

und

4. (43/186 Chr): Weiß sie, worum es geht?

statt „Hattest du schon immer lange Haare?“ und „Weißt du, worum es geht?“. Wieder wird der Sprachmittler angesprochen, obwohl etwas über die anwesende Gia in Erfahrung gebracht werden soll. Dadurch, daß die Fragen, die nur Gia kompetent beantworten kann, an Kl gerichtet sind, enthalten sie implizit die Aufforderung, an sie weitergeleitet zu werden.

Das Phänomen, daß die Beteiligten sich an die translatorisch handelnde Person, statt direkt an die anderssprachigen Kommunikationspartner wenden, findet sich auch bei Rehbein, Mattel-Pegam und Apfelbaum. Im ersten Gespräch fordert der beratende Arzt die Mittlerin beispielsweise indirekt auf, seine Fragen an die türkischen Eltern weiterzuleiten:[14]

a) „Hat sie erzählt/ hat ihre Schwiegermutter erzählt, ob das Kind äh gebrochen hat?“ (S.385)
b) „Weiß sie das?“ (S.387)
c) „Haben noch andere Mütter Kinder mit Gelbsucht gehabt?“ (S.388)

In dem Material von Mattel-Pegam sprechen sich beide Seiten, der deutsche Rechstanwalt und der italienische Angeklagte, meist indirekt an. Nur einmal benutzt der Anwalt die Personaldeixis „Sie“, um direkt auf den Angeklagten zu referieren, was der Mittler allerdings nicht ins Italienische transformiert.[15]

a) „Frag ihn, ob er was Besonderes hat, weswegen ich kommen soll.“ (S.301)
b) „Aber er soll jetzt den Kopf nicht hängen lassen.“ (S.304)
c) „Per quale motivo lui si appella se questa revisione non è accettabile?/ Aus welchem Grund appelliert er, wenn diese Revision nicht annehmbar ist? (S.304)

Das bei Apfelbaum nach Scheffel zitierte Beispiel weist dieses Phänomen in Variationen ebenfalls auf, wobei hier nur die Seite des Beamten, der eine Asylanhörung durchführt, zugängig ist, da die turns des Asylbewerbers nicht abgedruckt sind:[16]

a) „Das können Sie ihm sagen: Ich glaub ihm nicht.“ (S.38)
b) „Wer hat ihm geholfen?“ (S.38 und S.39)
c) „Hat er meine Frage nicht verstanden?“ (S.39)

Obwohl auch in dem von Bührig und Meyer untersuchten Material ein Sprachmittler die Verständigung zwischen Arzt und Patient gewährleisten soll[17], finden sich in dem im Anhang abgebildeten Material keine Beispiele für indirekte Adressierungen. Der Arzt scheint das Aufklärungsgespräch so routinemäßig wie möglich abwickeln zu wollen und spricht, als wenn der Mittler gar nicht anwesend wäre, direkt die Patientin an, was dem Verhalten in einer Situation mit professionellem Dolmetscher ähnelt. Er will sich durch die Anwesenheit und Tätigkeit eines Dritten nicht aus dem Konzept bringen lassen, kann aber letztlich das geplante Schema für ein Aufklärungsgespräch wegen der Unterbrechungen durch den Sprachmittler doch nicht so standardmäßig wie im Normalfall füllen.[18]

In ihrer idealtypischen Beschreibung erfolgreicher Sprachmittlertätigkeit weisen nun die Autoren Knapp und Knapp-Potthoff ebenfalls auf dieses Phänomen hin. Sie nennen die indirekte Adressierung einen besonderen Fall der Perspektivierung, der dann vorliegt,

„wenn ein Sprecher sich mit einem Redebeitrag nicht an den anderen S wendet, sondern M direkt in seiner Funktion als Mittler anspricht, d.h. wenn ein S eine Äußerung der Art ,Frag doch mal, ob...’, ,Erklär ihm/ihr doch mal, daß...’ o.ä. macht und auf diese Weise M zur Realisierung einer Mitteilungsintention direkt beauftragt.“[19]

Diese expliziten Übermittlungsaufträge scheinen für eine erfolgreiche gedolmetschte Kommunikation nicht notwendig, aber auch nicht hinderlich zu sein, denn Knapp und Knapp-Potthoff zeigen im weiteren nur die besondere Anforderung an die translatorisch handelnde Person auf, die solch eine Äußerung nie wörtlich übertragen darf, sondern stets eine Transformation leisten muß. „’Frag ihn doch mal [...]’ ist von M in der Mittlung zu ‘What do you think about it’ umzuformen“[20] und nicht wörtlich in Please ask him ...

Möglicherweise ist die Häufigkeit dieses Phänomens im gemittelten Gespräch unter anderem

abhängig davon, wie stark die in den unterschiedlichen Sprachen interagierenden Personen den Mittler als vollwertigen Kommunikationspartner sehen. Es wäre des weiteren zu untersuchen, ob diese Formen in bestimmten Abschnitten des Gesprächs, zum Beispiel in der Einführung in ein neues Thema oder zum Abschluß eines Themas, häufiger auftauchen, oder ob ihr Vorkommen vollkommen willkürlich ist bzw. bestimmte psychische Ursachen hat.

III.2 Auf den Urheber der zu übermittelnden Äußerung referierende Begleitsätze oder Pronomina

Der einleitende Matrixsatz in

1. (5/16 Kl): Ha detto che non siamo persone vecchie, anziane. (Er hat gesagt, daß wir keine alten, älteren Leute sind).

verdeutlicht, daß diese Assertion nicht Kls Gedanken entstammt, sondern Güns (siehe 5/15). Bei Anwesenheit eines professionellen Dolmetschers stünde von vornherein fest, daß letzterer dem jeweiligen Sprecher lediglich seine Stimme leiht, ohne seine eigenen Gedanken mit in die Konversation einzubringen. Wenn er dies doch tut, dann so versteckt, daß es möglichst niemandem auffällt.

Ein ähnlicher Begleitsatz findet sich in

2. (6/19 Kl): Dice di parlare più forte. (Er sagt, lauter zu sprechen).

Hier verweist Kl ebenfalls auf Gün als Urheber des direktiven Sprechaktes mit der Proposition „lauter sprechen“. An wen allerdings die Aufforderung gerichtet ist, läßt sich wegen der gängigen Infinitivkonstruktion nach dice im Gegensatz zur deutschen Version nicht erkennen (vgl. Gün an Chr 6/18: Du sollst lauter reden). Mit dem italienischen Satz können entweder alle Teilnehmer der Konversation gemeint sein oder nur die Angesprochene, also Gia. Diese Ungenauigkeit könnte dazu führen, daß Gia sich allmählich von allen Seiten gegängelt fühlt, da sie meinen muß, erst von Chr, dann auch noch von Gün zum lauten Sprechen aufgefordert zu sein. Daß es sich um einen Scherz zwischen Gün und Chr handelt, erfährt sie nicht.

Ohne Mißverständnisse funktionieren dagegen die ebenfalls eingeleiteten Sätze in den folgenden Beispielen.

3. (20/74 Chr): Also, Gianna hatte gerade gesagt, daß sie Männer...

und

4. (37/161 Kl): [Dice che qui c’è] una scuola... ([ Er sagt, daß es hier] eine Schule gibt...).

[...]


[1] Vgl. Kluge, F.: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. Bearbeitet von E. Seebold. 23., erw. Aufl. Berlin; New York: de Gruyter, 1995, S.563; Pinloche, A.: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. Dictionnaire étymologique de la langue allemande. Troisième édition, revue et corrigée. Paris: Librairie Larousse, 1930, S.376-377 und Drosdowsky, G. (Hrsg.): Duden. Etymologie. Herkunftswörterbuch der deutschen Sprache. 2., völlig neu bearbeitete u. erw. Aufl. Mannheim, Wien, Zürich: Dudenverlag, 1989.

[2] Rehbein, J.: Ein ungleiches Paar - Verfahren des Sprachmittelns in der medizinischen Beratung. In: Rehbein, J. (Hrsg.): Interkulturelle Kommunikation. Tübingen: Gunter Narr Verlag, 1985, S.420-448; S.420.

[3] Ebd., S.421.

[4] Ebd.

[5] Ebd.

[6] Nach Bührig, K.: Konsekutives Übersetzen Englisch-Deutsch. In: Gerzymisch-Arbogast, H. et al. (Hrsg.): Wege der Übersetzungs- und Dolmetschforschung. Jahrbuch Übersetzen und Dolmetschen. Tübingen: Gunter Narr Verlag, 1999, S.241-266; S.241.

[7] Vgl. Rehbein, J.: Ein ungleiches Paar, 1985, S.421.

[8] Vgl. Rehbein, J.: Medizinische Beratung Türkischer Eltern. In: Rehbein, J. (Hrsg.): Interkulturelle Kommunikation. Tübingen: Gunter Narr Verlag, 1985, S.349-419 und Rehbein, J.: Ein ungleiches Paar, 1985, S.420-448.

[9] Vgl. Mattel-Pegam, G.: Ein italienischer Strafgefangener konsultiert einen deutschen Rechtsanwalt. In: J. Rehbein (Hrsg.): Interkulturelle Kommunikation, Tübingen: Gunter Narr Verlag, 1985, S.299-323.

[10] Vgl. Apfelbaum, B.: „I think I have to translate first ...“ Zu Problemen der Gesprächsorganisation in Dolmetschsituationen sowie zu einigen interaktiven Verfahren ihrer Bearbeitung. In: Apfelbaum, B. u. Müller, H. (Hrsg.): Fremde im Gespräch, gesprächsanalytische Untersuchungen zu Dolmetschinteraktionen, interkultureller Kommunikation und institutionalisierten Interaktionsformen. Frankfurt/M.: IKO - Verlag für Interkulturelle Kommunikation, 1998, S.21-46.

[11] Vgl.. Bührig, K. und Meyer, B.: Fremde in der gedolmetschten Arzt-Patienten-Kommunikation. In: Apfelbaum, B. u. Müller, H.(Hrsg.): Fremde im Gespräch ..., 1998, S. 85-110.

[12] Apfelbaum, B.: „I think I have to translate first...“, 1998, S.27.

[13] Ebd., S.37.

[14] Rehbein, J.: Medizinische Beratung Türkischer Eltern, 1985, S.349-419.

[15] Mattel-Pegam, G.: Ein italienischer Strafgefangener konsultiert einen deutschen Rechtsanwalt, 1985, S.299-323.

[16] Apfelbaum, B.: „I think I have to translate first ...“ 1998, S.21-46.

[17] Der Onkel der Patientin übernimmt die Rolle als nicht-professioneller Sprachmittler. Vgl. Bührig, K. und Meyer, B.: Fremde in der gedolmetschten Arzt-Patienten-Kommunikation, 1998, S.86-87.

[18] Vgl. ebd., S.97.

[19] Knapp, K. u. Knapp-Potthoff, A.: Sprachmittlertätigkeit in interkultureller Kommunikation. In: Rehbein J. (Hrsg.): Interkulturelle Kommunikation. Tübingen: Gunter Narr Verlag, 1985, S.450-463; S.456.

[20] Ebd.

Ende der Leseprobe aus 37 Seiten

Details

Titel
Phänomene des Sprachmittelns am Beispiel eines homileischen Gesprächs
Hochschule
Universität Hamburg  (Insitut für Germanistik I)
Veranstaltung
Seminar 1c: Dolmetschen, Übersetzen, Sprachmitteln
Autor
Jahr
2001
Seiten
37
Katalognummer
V3859
ISBN (eBook)
9783638123860
Dateigröße
775 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Inkl. 11 Seiten Gesprächstranskript. 549 KB
Schlagworte
Laiendolmetschen, italienisch-deutsch
Arbeit zitieren
Martina Ochs (Autor), 2001, Phänomene des Sprachmittelns am Beispiel eines homileischen Gesprächs, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/3859

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Phänomene des Sprachmittelns am Beispiel eines homileischen Gesprächs



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden