Analytik der Macht – Genealogie von Biopolitik und Biomacht


Essay, 2005
14 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhalt:

1. „Bio-Macht und Bio-Politik I“ nach Michel Foucault

2. „Bio-Macht und Bio-Politik II“ nach Michel Foucault

3. „Bio-Macht - Bio-Politik – Rassismus – Foucaults Beitrag zur Rassismustheorie“ nach Angelika Magiros

4. „Biopolitik und der Begriff des ‚Lebens’: Ökonomisierung des Lebens – Subjektivierung von Lebenswert“

5. „Biopolitische Produktion“ nach Antonio Negris und Michael Hardts Empire. Die neue Weltordnung.

1. Essay zum Thema „Bio-Macht und Bio-Politik I“ nach Michel Foucault

Der Wille zum Wissen[1] ist der erste Band des Klassikers Sexualität und Wahrheit von Michel Foucault, wo er nicht die Entwicklung der Sexualität analysieren möchte, sondern vielmehr untersucht, wie Verhaltensweisen zu Wissensobjekten werden. Beschäftigte er sich in Überwachen und Strafen[2] maßgeblich mit nicht-diskursiven Machtpraktiken körperlicher Disziplinierung, so untersucht er in Der Wille zum Wissen diskursive, also wissenserzeugende Praktiken. Foucault hantiert über einen Macht-Wissens-Komplex, wo die Bedingungen nicht-diskursiver Sichtbarkeit und diskursiver Sagbarkeit miteinander bandagiert sind, wobei er schon in Überwachen und Strafen nicht nur von einer nicht-diskursiven Macht sprach, sondern auch von einem Macht-Wissens-Komplex; hier allerdings führt er den Begriff des Dispositivs ein, der zur Kennzeichnung des Macht-Wissens-Komplexes dienen soll. Dispositive sind machtstrategische Verknüpfungen von Diskursen und Praktiken, von Wissen und Macht; anders als zunächst die Diskurse nur einzelne Aussagen nach bestimmten Regeln verknüpften, wo sich nur Außen und Innen, das Andere und das Gleiche, diskursive und nicht-diskursive Praktiken entgegenstanden.

Während Foucault in Überwachen und Strafen das Gefängnis als ein Kerkerdispositiv bezeichnet hat, wo Strafsetzungen, Strafvollzug, Körperpolitik und Körpertechnik sich zu einem Gemisch kollektivierten und im Panoptikum einen Ort des Gesehenwerdens ohne Sehen fanden, stellt er das Sexualitätsdispositiv als Vorrichtungen und Apparate dar, die sich z.B. um den Sex (den angeblich naturhaften Akten der Lust) gruppiert haben und einen wahren Diskurs über ihn produzieren und ihn verwalten. Dispositive sind in diesem Beispiel also Netzwerke heterogener Elemente aus Gesprächen, Gefühlen, Gesetzen, Wissen, Institutionen, etc. Im Sexualitätsdispositiv verbinden sich all diese Elemente und produzieren einen Diskurs über die Sexualität und ein Wissen von dieser. Es ist also in gewisser Weise das Mittel oder die Vorrichtung für eine strategische Operation, die ein Wissen vom Sex entfalten will, die den Sex in den individuellen Körpern verankert, und die so etwas wie die Sexualität produziert und hervorbringt.

Dem gegenüber setzt Foucault das Allianzdispositiv, welches sich auf ein System des Heiratens und der Verwandtschaft stützte, welches sich auch zwischen die Sexualbeziehungen geschaltet hat, deren zentraler Ort die Familie gewesen ist. Das Regelsystem auf dem das Allianzdispositiv aufbaute war eines, das das Erlaubte und das Verbotene definierte und dessen wichtigste Funktion es gewesen ist, das Spiel der Beziehungen zu reproduzieren und ihr Gesetz aufrechtzuerhalten, es ist also fest angebunden an das Recht. Während es im Allianzdispositiv noch konkret um die Beziehung zwischen Partnern ging, geht es im Sexualitätsdispositiv vielmehr um Intensitäten. Der zentrale Angriffspunkt des Sexualitätsdispositivs ist der Körper. Jenes schafft also eine Ordnung der Körper und schließt sie an eine bestimmte - bürgerliche, kapitalistische, industrielle - Ökonomie an. Diese Ökonomie stützt sich nicht mehr auf ein Allianzsystem, welches allein einer Ökonomie der Reproduktion gehorchte, setzt aber dennoch am bevorzugten Ort der Allianz an, nämlich der Familie. Die Familie wird ein Ort der sexuellen Disziplinierung und Kontrolle, die Eltern werden zu Vermittlern des Sexualitätsdispositivs und stützen sich nach außen auf die Medizin des Sexes.

In Überwachen und Strafen stellte Foucault seine Repressionshypothese auf. Danach kann Repression und Überwachung nicht einfach als ein einseitiges Verhältnis einer Einwirkung auf einen zuvor ‚ganzen Körper’ oder ‚ganzen Geist’ verstanden werden. Macht, und mit ihr auch Repression, sind nicht nur unterdrückend, sondern auch produktiv. Das heißt, dass erst durch die Machtstrukturen überhaupt die Subjekte konstituiert werden, die dann eine Gesellschaft bilden. Diese hatte somit umgekehrt behauptet, man habe versucht, den Sex aus den Diskursen auszuschließen. Seit dem 18. Jahrhundert wird der Sex ständig unterdrückt (sei es durch die Verbannung des Sexes ins elterliche Schlafzimmer oder durch das Absprechen der Sexualität gegenüber Kindern etc.) und hier kommt wieder die Macht ins Spiel, denn diese sei es, die unterdrückt werde, die uns am Sprechen hindert. Indem wir aber die Wahrheit über unseren Sex sagen, würden wir uns dieser Macht entziehen. Doch befreit der Sprecher nicht nur seine Sexualität, sondern erzielt noch einen weiteren positiven Effekt, indem er entschlossen über das redet, was er verschweigen soll, entzieht er sich bis zu einem gewissen Punkt der Macht. Vom Sex und seiner Unterdrückung zu reden hat etwas von einer entschlossenen Überschreitung. Das ist es, was Foucault als den ‚Gewinn des Sprechers’ bezeichnet. Der Sprecher nimmt eine destruktive Haltung gegenüber der unterdrückenden Macht ein. Das, was Foucault dieser Repressionshypothese entgegensetzt, ist, dass sie selber zum Spiel der Macht gehört, dass sie in eine ‚allgemeine Ökonomie der Diskurse über den Sex anzusiedeln’ ist.

Der Gewinn des Sprechers kann nur dadurch erreicht werden, dass die Macht sich verschleiert, dass sie codiert wird. Die Macht ist nur erträglich, wenn sie Auswege anbietet, Möglichkeiten suggeriert, sich ihr zu entziehen. Die Macht produziert somit Diskurse, die ihr anscheinend zuwiderlaufen. Aber sie schafft damit gleichzeitig eine Anreizung zu weiteren Diskursen, die sie weiter etablieren.

Foucault stellt fest, dass in keiner anderen Gesellschaft soviel über den Sex geredet worden ist, wie in der unseren. Es ist ein Imperativ errichtet worden, der von einem fordert, aus seinem ganzen Begehren einen Diskurs zu machen, der fordert, alles über seinen Sex zu sagen, nichts zu verschweigen. In den letzten drei Jahrhunderten ist ein ganzer Apparat um den Sex aufgebaut worden, der eigens dafür gedacht ist, den Sex eines jeden zum Sprechen zu bringen.

In einem Interview mit Hubert Dreyfus und Paul Rabinow[3] behauptet Michel Foucault, Sex sei langweilig, allerdings ging es ihm nicht um den Spaß an der sexuellen Handlung an sich, sondern vielmehr darum, dass das Sprechen von Sex für ihm ausdruckslos sei. Auch in diesem Essay sollte nicht die sexuelle Handlung im Vordergrund stehen, eher ging es mir hier um die Verhältnisse und Strukturen, in die ein Sprechen vom Sex eingebunden ist, in denen sich der Sex entfaltet. Es ging mir um die Frage nach Sex und Macht und wie Foucault diese beantwortet. Weiterhin versuchte ich, herauszufinden, unter welchen Voraussetzungen sich ein Diskurs über den Sex etablieren konnte und wie sich dieser Diskurs zur Macht, zur Wahrheit oder auch zu einer Ökonomie der Körper verhält, wobei ich hierauf tiefer in darauffolgenden Essays einzugehen vermag.

2. Essay zum Thema „Bio-Macht und Bio-Politik II“ nach Michel Foucault

In seiner Vorlesung am Collège de France vom 17. März 1976 und in dem Buch In Verteidigung der Gesellschaft[4] führt Michel Foucault das Konzept der Biomacht ein, indem er eine analytische und historische Abgrenzung unterschiedlicher Machtmechanismen vornimmt und die Souveränitätsmacht der Biomacht gegenüberstellt.

Die Souveränität zeichnet sich Foucault zufolge durch Machtbeziehungen, vor allem in Form der Vereinnahmung des Lebens durch die Macht, aus. Die Eigenart dieser Machttechnologie ist dadurch gekennzeichnet, dass sie im äußersten Falle sogar über das Leben der Untertanen verfügen kann. Zwar galt dieses souveräne „Recht über Leben und Tod“[5] der Untertanen seit langem nur in eingeschränkter Form und mit erheblichen Qualifizierungen, es symbolisiert jedoch den Extrempunkt einer Macht, die im Wesentlichen als Zugriffsrecht funktionierte. Diese Macht und das „Recht der Souveränität“[6] wird seit dem 17. Jahrhundert zunehmend von einer neuen Machtform -einem neuen Recht- überlagert, deren Ziel die Verwaltung, Sicherung, Entwicklung und Bewirtschaftung des Lebens ist. Im Gegensatz zur Souveränitätsmacht, die sterben macht oder leben lässt, lässt die neue Macht sterben und macht leben. Die repressive Macht über den Tod wird in eine Macht über das Leben eingeordnet – eine Biomacht, die es nicht mit Rechtssubjekten als mit Lebewesen zu tun hat.

Foucault unterscheidet hier zwei Entwicklungsachsen der politischen Technologie des Lebens, die sich nicht gegenseitig ausschließen, sondern durch ein Bündel von Zwischenbeziehungen miteinander verbunden sind: die disziplinäre Technologie des Körpers -Disziplinierung des Individualkörpers- einerseits und die regulatorische Technologie -Regulierung der Bevölkerung- andererseits.[7]

Die bereits seit dem 17. Jahrhundert existierende Disziplinartechnologie zielt auf die Dressur und Überwachung des individuellen Körpers; sie betrachtet den Menschen als eine komplexe Maschine und verfolgt das Ziel, die Steigerung der Fähigkeiten und Kräfte dieser Mensch-Maschine mit ihrer Integration in wirtschaftliche Produktions- und politische Herrschaftssysteme zu verbinden. Demgegenüber tritt in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts eine andere Machttechnologie auf, die sich nicht auf den Körper der Individuen, sondern auf den kollektiven Körper einer Bevölkerung richtet. Nicht Disziplin und Dressur, sondern Regulierung und Kontrolle sind die zentralen Instrumente, welche hier zum Einsatz kommen. Es handelt sich um eine „Technologie, die [...] durch globales Gleichgewicht auf etwas wie Homöostase zielt: auf die Sicherheit des Ganzen vor seinen inneren Gefahren“[8]. Diese beiden Machttechnologien unterscheiden sich sowohl in ihren Zielen und Instrumenten oder dem Zeitpunkt ihres Auftretens, als auch in ihrer räumlichen Situierung bzw. politischen Lokalisierung. Die Disziplinen entwickeln sich bereits seit dem Beginn des 17. Jahrhunderts im Rahmen partikularer Institutionen, wie z.B. der Armee, der Schule, dem Hospital oder der Werkstatt, etc., die Regulierung der Bevölkerung dagegen organisiert sich um die Mitte des 18. Jahrhunderts durch die Zentralinstanz des Staates. Es lassen sich also zwei Reihen unterscheiden: „die Serie Körper – Organismus – Disziplin – Institution; und die Serie Bevölkerung – biologische Prozesse – Regulierungsmechanismen – Staat“[9]. Die Bevölkerung ist für Foucault allerdings kein rechtlich-politischer Gesellschaftskörper, sondern eine eigenständige biologisch-politische Entität, die sich über Phänomene wie Geburten- und Sterberate, Gesundheitsniveau, Lebensdauer der Gesamtheit der Individuen, Produktion der Reichtümer und ihre Zirkulation etc. etablieren.

[...]


[1] Foucault, Michel. Sexualität und Wahrheit. Band 1. Der Wille zum Wissen. Frankfurt am Main 1991

[2] Foucault, Michel. Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses. Frankfurt am Main 1976

[3] Dreyfus, Hubert L./Rabinow, Paul. Michel Foucault. Jenseits von Strukturalismus und Hermeneutik. Weinheim 1994

[4] Foucault, Michel. In Verteidigung der Gesellschaft. Vorlesungen am Collège de France (1975-76). Vorlesung vom 17. März 1976. Frankfurt am Main 1999

[5] ebd., S. 277

[6] ebd., S. 278

[7] Vgl. a.a.O., S. 287-288

[8] ebd., S. 288

[9] ebd., S. 289

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Analytik der Macht – Genealogie von Biopolitik und Biomacht
Hochschule
Universität Hamburg  (Institut für Sozialwissenschaften)
Veranstaltung
Oberseminar
Note
1,3
Autor
Jahr
2005
Seiten
14
Katalognummer
V38591
ISBN (eBook)
9783638376020
Dateigröße
573 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Schlagworte
Analytik, Macht, Genealogie, Biopolitik, Biomacht, Oberseminar
Arbeit zitieren
Agnes Szuszkiewicz (Autor), 2005, Analytik der Macht – Genealogie von Biopolitik und Biomacht, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/38591

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