Nathan der Weise - Vom Fragmentenstreit zum dramatischen Gedicht


Hausarbeit, 2004
19 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1 Aufbau und Ziel der Ausarbeitung
1.2 Die Aufklärung als beherrschende Geistesrichtung

2. Vom Fragmentenstreit zum dramatischen Gedicht
2.1 Grundzüge der Orthodoxie
2.2 Die Fragmente des Hermann Samuel Reimarus
2.3 Lessing und der Fragmentenstreit
2.4 Nathan der Weise als dichterisches Mittel im Fragmentenstreit

3. Schlussbemerkungen
3.1 Auswirkungen des Fragmentenstreits

4. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

1.1 Aufbau und Ziel der Ausarbeitung

Gotthold Ephraim Lessing wurde am 22. Januar 1729 als Sohn eines evangelischen Pfarrers in Kamenz (Sachsen) geboren. Er verstarb am 15. Februar 1781 in Braunschweig. Lessing besuchte die Fürstenschule St. Afra in Meißen und begann 1746 sein Theologie- und Philologie-Studium in Leipzig. 1748 beschloss er als einer der ersten Schriftsteller frei, also ohne Geldgeber, die eventuell Einfluss auf seine Schriften hätten nehmen können, zu arbeiten. Eines seiner letzten Werke war das 1779 erschienene dramatische Gedicht „Nathan der Weise“.[1] Doch was veranlasste Lessing ein solches hochpolitisches Drama zu schreiben, in dem kritische theologische Fragen verarbeitet werden?

Um dies zu klären, werde ich mein Hauptaugenmerk auf den damaligen Fragmentenstreit richten. Das Herausstellen des Ablaufs sowie dessen Auswirkungen, sind Ziel meiner Arbeit. Dabei steht im Zentrum meiner Untersuchung Lessings Werk „Nathan der Weise“, welches aus dem Fragmentenstreit hervorging. Vorgestellt werden im Hauptteil die zwei unversöhnlichen Parteien, die sich im Fragmentenstreit gegenüberstanden: Die orthodoxe Buchstabengelehrsamkeit des Pastors Goeze, die stur auf den Machtinteressen von Staat und Kirche beharrte und die Verfechter einer kritisch gebrauchten Vernunft, die als einzige Autorität nur sich selbst verpflichtet ist und der sich auch Staat und Kirche nicht entziehen können. Aufgezeigt soll werden wie sich aus diesem Streit das dramatische Gedicht entwickelte und welche Absichten Lessing damit bezweckte.

Den Hauptteil vorangestellt sind die so genannten Grundlagen, in denen die Epoche der Aufklärung erläutert wird. Dies ist notwendig, um das Kernthema bearbeiten und verstehen zu können. So wird das dramatische Gedicht in seinem historischen Kontext eingeordnet. Schwerpunkt hierbei liegt in dem Aufzeigen der Theologie der damaligen Zeit und es soll die Frage geklärt werden, in wieweit Lessing mit dem aufklärerischen Gedankengut übereinstimmte.

Abschließend werde ich in meiner Arbeit auf die Auswirkungen des Fragmentenstreits weisen. Hierbei soll aufgezeigt werden, welchen großen Einfluss das Werk und der Fragmentenstreit auf die damalige und nachfolgende Generation hatte und bis heute ausübt.

1.2 Die Aufklärung als beherrschende Geistesrichtung

Lessing lebte im Zeitalter der Aufklärung, die Ende des 17. Jahrhunderts in England ihren Ausgang nahm und im 18. Jahrhundert das geistige Leben in ganz Europa und Nordamerika bestimmte. Sie wurde im Wesentlichen vom Bürgertum getragen. Ihr Grundanliegen war es, dem Menschen mit Hilfe der Vernunft zum „Ausgang aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit“[2] zu verhelfen. Die Aufklärung war allgemein eine Epoche in der Geschichte der Völker, in der die religiösen Überlieferungen, die sittlichen Vorschriften, die Gesetze und politischen Einrichtungen nicht mehr einfach geglaubt und hingenommen, sondern dem Urteil der Vernunft unterworfen wurden. Die Literatur und insbesondere das Theater leisteten einen wesentlichen Beitrag die neuen Ideen verwirklichen zu können. Das Wort Aufklärung nahmen die Schriftsteller ernst und ganz wörtlich. Dichtung sollte den Leser und den Theaterbesucher aufklären, wie es mit der Welt stand, was er falsch sah und wann er sich falsch verhielt.[3] Lessing war ein Befürworter dieser Epoche:

„Lessing gilt als herausragender Vertreter der Ideale und Aktivitäten der Aufklärung in ihrem Eintreten für

die Vernunft, Toleranz, Freiheit, Menschlichkeit, gegen Vorurteil, kirchliche Bevormundung und

Fürstenwillkür.“[4]

In der Theologie führte die Auseinandersetzung mit der kirchlichen Orthodoxie zur Entwicklung einer eigenständigen Theologie der Aufklärung. Das Selbstverständnis der Menschen durch das orthodoxe Gedankengut, an das zu glauben, was die Tradition überlieferte, geriet ins Wanken:

„[…] [Die Aufklärung] richtete sich gegen die Meinung, dass die Berichte der Bibel nicht natürlich, sondern unmittelbar

als göttlich zu begreifen sind. Durch die moderne, vorraussetzungslose, kritische wissenschaftliche Methode versuchte die

Aufklärung den Nachweis zu führen, dass das als Offenbarung Ausgegebene geschichtlich und als solches begreifbar sei

aus Menschlichem.“[5]

Nicht mehr Gott, sondern der Mensch selbst, war beherrschend in der Geistesrichtung des 18. Jahrhunderts. Es wurde versucht die Religion aus den Bindungen der Tradition zu lösen und das Verhältnis von Vernunft und Offenbarung neu zu bestimmen.[6] Durch öffentliche Diskussionen mischte sich auch erstmals das bürgerliche Volk in theologische Fragen ein. Laien veröffentlichten theologische Schriften und Theologen versuchten, im Laienpublikum eine gezielte Meinung über theologische Dinge zu fördern, um eine kirchenpolitische Position durchsetzen zu können. Anhand dieser Entwicklung entstand eine Mannigfaltigkeit von theologischen Positionen und somit eine Komplexität der Theologie. Daraus ergab sich, dass die Theologie „[…] weder konservativ noch reformierend war, sondern beides gleichzeitig.“[7]

Die Aufklärung ist ein Ereignis, das Lessing um der Eigenart des Glaubens willen bejaht hat. Auch er versuchte, das Verhältnis von Vernunft und Offenbarung neu zu definieren, was in seiner veröffentlichten Schrift „Erziehung des Menschengeschlechts“ zum Ausdruck kommt.[8] Einen erneuten Versuch, dieses Kernproblem zu thematisieren, unternimmt Lessing im „Nathan der Weise“ in der Form eines dramatischen Gedichts. Das Ideal der allgemein geforderten religiösen Toleranz fand vollendeten Ausdruck:

„Das Wahrheitsproblem der Religionen ist dem Verfügungsbereich der theoretischen Vernunft entzogen und

der praktischen Vernunft zur Entscheidung vorgelegt. […] Die sittliche Praxis wird zum Kriterium der

Beantwortung der Frage nach der wahren Religion. […] Die vielberufene Toleranz erwächst bei Lessing […]

einem leidenschaftlichen Interesse an den Wirkungen eines lebendigem Glauben, bei dem allein die

Wirksamkeit und Lebendigkeit für seine Wahrheit zeugen.“[9]

Wesentlich waren ihm die Toleranz und die Vorstellung einer vernunftsgemäßen „natürlichen Religion“, in der die konfessionellen Grenzen bedeutungslos wurden. Diese Forderung prägte die Epoche der Aufklärung maßgebend.[10]

2. Vom Fragmentenstreit zum dramatischen Gedicht

Wie bereits erwähnt standen sich im Fragmentenstreit der orthodoxe Pastor Goeze und Lessing als Dichter der Aufklärung gegenüber.

2.1 Grundzüge der Orthodoxie

Zum besseren Verständnis wird im Folgenden kurz der Inhalt der Orthodoxie beschrieben.

Als Orthodoxie bezeichnet man die durch den Streit um die „wahre Lehre“ charakteristische Phase der evangelischen Theologie von Ende des 16. bis Anfang des 18. Jahrhunderts. Maßgeblich für diese Theologie war das durch denkerische klare Erfassen und Durchdringen der Heiligen Schrift als inspiriertes Wort Gottes. Die Bibel galt als wortwörtlich vom Heiligen Geist diktiert. Sie wurde jeder Kritik enthoben und hatte wissenschaftlichen Rang.[11] Die Schrift galt in allen Aussagen als unfehlbar. Die Propheten, Schreiber und Evangelisten erscheinen als reine Werkzeuge, sind wie „Stifte“ des Heiligen Geistes:

„Die Bibel als das so vorliegende Buch ist eine unmittelbare Hervorbringung Gottes und enthält somit

automatisch die Wahrheit, gegen die es keine Möglichkeit des Einspruchs gibt.“[12]

Nach orthodoxer Auffassung ist die Authentizität der Schrift durch das Dogma der Inspiration verbürgt, dass die Bibel als Gottes eigene Selbstbekundung dem Zugriff der Vernunft entzieht: Wort der Bibel = Wort Gottes = Gott selbst.[13] Die Wahrheit der Schrift wird nicht an den Denkvoraussetzungen und dem Wirklichkeitsverständnis der Neuzeit bemessen, sondern bleibt theologisch-dogmatisch.

2.2 Die Fragmente des Hermann Samuel Reimarus

Den wesentlichen Inhalt des Gelehrtenleben des Philosophen, Theologen und Orientalisten Hermann Samuel Reimarus, der am 22.12.1694 in Hamburg geboren und dort am 1.4.1768 verstorben ist, bestimmte neben den orientalischen Sprachen die Bibelkritik, die die Orthodoxie nicht zuließ.[14] Reimarus war überzeugter und bekennender Deist. Seiner Ansicht nach hat Gott die Welt zwar erschaffen und mit vernünftigen Naturgesetzen ausgestattet, aber er greift seit der Erschaffung der Welt nicht mehr aktiv in die Welt ein. Ebenso war Reimarus ein Anhänger der Vernunft. Ihm lagen daran, die Wahrheiten der natürlichen Religion zu vernünftiger Erkenntnis zu bringen. Er befragte die christliche Religion nach dem vernünftigen Grund ihrer Lehre.[15] In diesem Sinne verfasste er die Schriften „Die vornehmsten Wahrheiten der natürlichen Religion“ sowie seine „Apologie für die vernünftigen Verehrer Gottes“. Der allergrößte Teil der „Apologie“ ist der Auseinandersetzung mit dem Alten Testament und dem Neuen Testament gewidmet.[16] Reimarus plädiert für

„[…] eine vernünftige, praktische Religion, die auf den Grundsätzen vernünftiger Gotteserkenntnis, tätiger

Nächstenliebe, der Respektierung der Bürgerpflichten und des tugendhaften Lebenswandel beruht.“[17]

Reimarus untersucht kritisch die Offenbarungswahrheiten der christlichen Religion mit dem Grundpostulat aufklärerischer Philosophie.[18] Bei ihm werden allgemeine Quellen unserer Erkenntnis, nämlich Erfahrung, Wissenschaft und Glauben nach Maßgaben der Vernunftregeln dargestellt. Nach Reimarus steht der Glaube dabei der vernünftigen Einsicht in das Mögliche oder Notwendige gegenüber.[19]

Er kommt zu dem Schluss, dass weder das Alte Testament noch das Neue Testament den Anspruch des Christentums auf göttlicher Offenbarung rechtfertigen. Für ihn gab es keine Wunder, daher sind für ihn die Propheten, Apostel und auch Jesus Christus Betrüger, wenn sie behaupten Wunder zu tun. Seiner Ansicht nach erschuf Gott eine Welt, in der das materielle, geistige und sittliche Leben nach feststehenden Gesetzen geregelt ist und in der jegliches Wunder und jeder übernatürliche Eingriff ausgeschlossen sind.[20] Er klagt die Apostel an, die Geschichte und Lehre Jesu verfälscht zu haben.[21] Des Weiteren wies er Widersprüche in den biblischen Auferstehungsgeschichten nach:

„Die Lehre von der Erlösung der Menschheit durch den leidenden Christus sei ein Konstrukt der Jünger, zu

dessen Stützen sie den Leichnam Jesu Christi gestohlen und die Geschichte von der Auferstehung erfunden

hätten.“[22]

Die Gottessohnschaft Jesu stritt er ab.

Auch war Reimarus sich stets bewusst, dass seine Schriften für ihn Gefahren in sich birgten. Er wusste, dass bei

„[…] konsequenter Anwendung der kritischen Methodenvernunft im Bereich des Glaubens, der Offenbarung

und der biblischen Überlieferung die These von der Vernünftigkeit des Christentums nicht aufrecht erhalten

werden kann.“[23]

In einem Nachlass-Fragment zur „Apologie“ formulierte Reimarus:

„Die vernünftige Religion ist demnach die Grundveste aller Religionen, und von Heyden, Juden, Christen,

Türken, als wahr und unleugbar erkannt. Wenn auch irgend eine Religion die Haupt-Artikel der vernünftigen

nicht kennete oder leugnete und etwas denselben widersprechendes lehrete: so würden alle ihre Geheimnisse,

Stiftungen und Gebräuche, welche sie als aus einer Offenbarung, hinzufügen wollte, nicht bestehen, noch den

Namen einer Religion verdienen können.“[24]

Um sich und seine Familie zu schützen ließ er seine Handschriften nicht veröffentlichen. Lediglich Freunde und Gleichgesinnte hatten zu seinen Lebzeiten die Möglichkeit zur Einsicht in sein Gedankengut.[25]

[...]


[1] Vgl. Pfützner, Peter: Gotthold Ephraim Lessing: Nathan der Weise – Interpretationen und unterrichtsbezogene Hinweise, S.5ff.

[2] Imanuel Kant

[3] vgl. Schweikle, Günther und Irmgard: Metzler Literatur Lexikon, S.29ff.

[4] Brockhaus Enzyklopädie, Band 13, S. 311

[5] Rohrmoser, Günther: Lessing und die religionsphilosophische Fragestellung der Aufklärung, aus: Veröffentlichung der Joachim Jungius Gesellschaft der Wissenschaften: Lessing und die Zeit der Aufklärung, S. 116

[6] vgl. Brockhaus Enzyklopädie, Band 2, S. 304 ff.

[7] Boehart, William: Zur Öffentlichkeitsstruktur des Streites um die Wolfenbüttler Fragmente aus: Freimark, Peter; Kopitzsch, Franklin; Slessarev, Helga (Hrsg.): Lessing und die Toleranz, S.147

[8] vgl. Rohrmoser, Günther: Lessing und die religionsphilosophische Fragestellung der Aufklärung, aus: Veröffentlichung der Joachim Jungius Gesellschaft der Wissenschaften: Lessing und die Zeit der Aufklärung, S. 126

[9] ebenda, S. 127

[10] vgl. Brockhaus Enzyklopädie, Band 2, S. 304 ff.

[11] vgl. ebenda, Band 16, S. 288 f.

[12] Rohrmoser, Günther: Lessing und die religionsphilosophische Fragestellung der Aufklärung, aus: Veröffentlichung der Joachim Jungius Gesellschaft der Wissenschaften: Lessing und die Zeit der Aufklärung, S. 116

[13] vgl. ebenda, S. 116

[14] Pfützner, Peter: Gotthold Ephraim Lessing: Nathan der Weise – Interpretationen und unterrichtsbezogene Hinweise, S. 12

[15] Bollacher, Martin: Lessing: Vernunft und Geschichte, S.18

[16] vgl. Lacher, Reimund: Biogr.-Bibliogr. Kirchenlexikon, Band 7, Spalten 1514 – 1520

[17] Bollacher, Martin: Lessing: Vernunft und Geschichte, S.18 f.

[18] vgl. ebenda, S.6 f.

[19] vgl. ebenda, S.12

[20] vgl. Pfützner, Peter: Gotthold Ephraim Lessing: Nathan der Weise – Interpretationen und unterrichtsbezogene Hinweise, S. 12

[21] vgl. ebenda, S. 12

[22] Brockhaus Enzyklopädie, Band 18, S. 236

[23] Bollacher, Martin: Lessing: Vernunft und Geschichte, S. 17

[24] Reimarus, Hermann Samuel: Apologie oder Schutzschrift, Bd.II, S.667 f.

[25] vgl. Pfützner, Peter: Gotthold Ephraim Lessing: Nathan der Weise – Interpretationen und unterrichtsbezogene Hinweise, S. 12

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Nathan der Weise - Vom Fragmentenstreit zum dramatischen Gedicht
Hochschule
Technische Universität Carolo-Wilhelmina zu Braunschweig  (Neuere Deutsche Literatur)
Veranstaltung
Lessings Dramen und Dramentheorie
Note
1,7
Autor
Jahr
2004
Seiten
19
Katalognummer
V38593
ISBN (eBook)
9783638376044
Dateigröße
551 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Nathan, Weise, Fragmentenstreit, Gedicht, Lessings, Dramen, Dramentheorie, Thema Nathan der Weise
Arbeit zitieren
Christina Hundeshagen (Autor), 2004, Nathan der Weise - Vom Fragmentenstreit zum dramatischen Gedicht, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/38593

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