Kriegsenkel des Zweiten Weltkriegs. Die Folgen des Trauma-Erbes


Hausarbeit, 2017
18 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

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Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung ... 1
2. Das Trauma der Kriegskinder ... 2
2.1. Trauma-Ereignis ... ........ 2
2.2. Trauma-Erleben ... 2
2.3. Trauma-Bewältigung ... 3
2.4. Trauma-Folgen ... 4
2.4.1. Die Posttraumatische Belastungsstörung ... 4
2.4.2. Folgen für soziale Bindungen und Emotionen ... 5
2.4.3. Folgen der Heimatlosigkeit ... 5
3. Kriegsenkel ... 6
3.1. Die Generation ... 6
3.2. Das Trauma-Erbe ... 6
3.2.1. Übertragung durch Erziehung und Sozialisation ... 6
3.2.2. Das große Schweigen ... 7
3.2.3. Spiegelneuronen und Resonanz ... 8
4. Lebenswelt ... 8
4.1. Das Trauma-Erbe in der Lebenswelt ... 8
4.2. Essentielle Folgen ... 9
4.2.1. Heimatlosigkeit ... 9
4.2.2. Bindungsschwierigkeiten ... 9
4.2.3. Selbstwertgefühl und Identität ... 10
5. Fazit ... 11
6. Quellenverzeichnis ... 13

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1. Einleitung
Florian Illies (2003) beschreibt in seinem journalistischen Essay
,,Generation Golf.
Eine Inspektion"
die Lebenswelt der zwischen 1965 und 1975 Geborenen. Illies
stellt fest, dass sich die von ihm bezeichnete ,Generation Golf` in einer egoistischen
Grundhaltung von ihren Vorgängern der 68er-Generation mittels ,,Entidealisierung"
und ,,Entpolitisierung" abgrenzt (ebd.: S. 185). Die Werte der von ihm beschriebenen
Jugend sind geprägt durch Oberflächlichkeit, auf Materielles und Äußerlichkeiten
fokussiert. Illies sieht darin die Abkehr vom Postmaterialismus der Vorgänger-
generation, ohne eine direkte Auseinandersetzung mit dieser (vgl. ebd., S. 185 ff.).
Der Soziologe Markus Klein hat die Existenz der ,Generation Golf' und deren
Prozess der Abkehr mittels einer Längsschnittstudie empirisch untersucht und
bewiesen (vgl. Klein 2003, S. 99 ff.). Mit dem Älterwerden verbindet Illies eine
gewisse Orientierungslosigkeit und ein Festhalten an der Vergangenheit. Im letzten
Kapitel stellt er die Vermutung an, dass diese Generation es sein wird, ,,die den
Therapeuten auch in Deutschland zu so einem wichtigen Berufsstand macht, wie er
es in Amerika bereits ist." (Illies 2003: S. 185).
In dieser Hausarbeit soll ein Zusammenhang zwischen der Kriegsvergangenheit der
Eltern und der psychischen Belastung dieser Generation herausgearbeitet werden.
Der Prozess, der zu der Erkenntnis führte, dass es einen möglichen Einfluss des
Trauma-Erbes der Kriegskinder gibt, wurde 2002 durch die Novelle des
Schriftstellers Günther Grass ausgelöst. Er setzte mit
,,Im Krebsgang"
erstmals ein
Zeichen für die öffentliche Thematisierung des Leids der deutschen Kriegs-
generation. Die erneute Aufarbeitung des zweiten Weltkriegs und seiner Folgen
wurde daraufhin in einem Artikel des ,,Spiegel" angeregt. Es wurden weitere Bücher
und Artikel geschrieben, Filme zu diesem Thema produziert (vgl. Bode 2004, S. 17
f.). Sabine Bode veröffentlichte 2004 ein Buch über
,,Die vergessene Generation"
,
in dem sie die Sicht der Generation schildert, die ihre Kindheit und Jugend während
des zweiten Weltkriegs erlebt hat.
In diesem Zusammenhang entwickelte sich das Interesse an der möglichen
Übertragung dieser Belastungen an die Folgegeneration, zu der auch die
,Generation Golf` gehört. Bode nahm das Thema 2009 journalistisch auf und schrieb
,,Kriegsenkel. Die Erben der vergessenen Generation"
. Mittlerweile gibt es
zahlreiche journalistische Darstellungen der Biografien Betroffener. Aber auch
Trauma Therapeuten wie das Ehepaar Gabriele Frick-Baer und Udo Baer oder die
Psychologin Bettina Alberti stellen in ihrer Praxis Zusammenhänge fest und
beschreiben diese in ihren Büchern. Sie gewähren einen Einblick in
transgenerationale Beziehungen und Bindungen, die auf die Lebenswelt der
Kriegsenkel Einfluss nehmen.
Die Ergebnisse aus der Angehörigenforschung, die sich mit den Belastungen in den
Familien psychisch Erkrankter befasst, konzentrierten sich lange auf die Eltern und
(Ehe-)PartnerInnen. Durch die Zunahme der psychischen Erkrankungen, ins-
besondere der Depression, wächst mittlerweile neben dem psychiatrisch-
psychologischen auch das gesellschaftlich gesundheitspolitische Interesse (vgl.
Sollberger et al. 2005, S. 157 f.). In 2005 wurde durch Albert Lenz in
,,Kinder
psychisch kranker Eltern"
die Belastung der Kinder mit psychisch kranken Eltern
unter Berücksichtigung aktueller Familien- und Copingforschung beschrieben. In
diesem Buch werden nicht nur die Kinder, sondern auch die erwachsenen
Nachkommen psychisch Kranker einbezogen. Die Erkenntnisse lassen sich auf die
Thematik der Kriegsenkel als Kinder psychisch belasteter Eltern übertragen.

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Um hierfür ein Verständnis zu entwickeln, bedarf es im zweiten Kapitel dieser
Hausarbeit zunächst der fachlichen Begriffsdefinition des Kriegs-Traumas und
seiner Auswirkungen auf die Kriegskinder. Wird der Trauma-Begriff in der heutigen
Zeit beinahe inflationär verwendet (vgl. Welzer 2009, S. 81), wirkt das Kriegs-
Trauma in Art und Dauer in besonderer Weise und zieht langfristige Folgen nach
sich. Im dritten Kapitel wird verdeutlicht, wer zu der betroffenen Generation der
Kriegsenkel zählt und auf welchen Wegen eine Übertragung der Belastungen
erfolgen kann. Was zu der Lebenswelt gehört und welche zentralen Folgen auf sie
einwirken wird im vierten Kapitel behandelt. Biografische Beispiele sollen die
Zusammenhänge veranschaulichen.
Abschließend lassen sich Bewältigungsmöglichkeiten aufzeigen und mit einem
Blick in die Zukunft lässt sich darstellen, welche Chancen sich für die Generation
der Kriegsenkel bieten. Neben der Behandlung durch Therapeuten kann hier die
Soziale Arbeit viel bewirken. Grundlagen hierfür bieten beispielsweise die Theorien
von Lothar Böhnisch und Hans Thiersch.
Es gilt noch klarzustellen, dass nicht alle Angehörigen der Generation betroffen
sind. Diese Arbeit wird sich auf die Lebenswelt der Nachkommen der
Nachkriegsgeneration konzentrieren, die unter den Folgen des Trauma-Erbes
leiden.
2. Das Trauma der Kriegskinder
a. Trauma-Ereignis
Das Wort Trauma stammt ursprünglich aus dem Altgriechischen und bedeutet
übersetzt ,Wunde`. Es wurde in der Medizin, in der Psychologie und in der
Psychotherapie zur Bezeichnung von schweren körperlichen bzw. psychischen
Verletzungen eingeführt. Das Trauma-Ereignis inklusive der unmittelbaren Zeit
danach ist der Auslöser einer Stressreaktion im Körper. Es stellt eine Belastung dar,
die vorhandene Bewältigungsmöglichkeiten überfordert und die Psyche dadurch
dauerhaft verletzt. Die Betroffenen können die Situation nicht kontrollieren oder
handelnd eingreifen (vgl. Baer/Frick-Baer 2012, S. 18 f.).
Trauma-Ereignisse können in zwei Kategorien eingeteilt werden, die sich in der
erlebten Zeit unterscheiden. Es gibt die einmaligen traumatischen Erfahrungen von
kurzer Dauer und lang andauernde chronische Geschehnisse (vgl. Hammer/Plößl
2015, S. 224). Hierbei ist der Krieg eine der größten, meist einen langen Zeitraum
andauernden, psychischen Belastungen, sowohl für die Täter als auch für die Opfer.
Als ,,man-made-Desaster" (Alberti 2014: S. 37) wird er durch Menschen ausgelöst
und unterscheidet sich hiermit von Trauma-Ereignissen wie z.B. Naturkatastrophen.
Der Krieg bringt Not und tiefe Existenzängste mit sich, trennt Menschen
voneinander. Zudem offenbart er unvorstellbare Zerstörungsfähigkeiten und eine
unglaubliche Brutalität von Menschen. Die Betroffenen erleben Vernichtung,
Zerstörung, Töten und Sterben (vgl. ebd., S. 37).

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b. Trauma-Erleben
Mit einer fehlenden Handlungsfähigkeit sind die Betroffenen einem Trauma-Ereignis
ausgeliefert und erfahren dabei ein Ohnmachtsgefühl, das sie in ihrer Selbst-
wirksamkeit erschüttert. Sie sind ungeschützt und sehen sich existenziell bedroht
(vgl. Baer/Frick-Baer 2012, S. 19).
Im Erleben traumatischer Erlebnisse spielen sich biologisch-neuronale Prozesse im
Gehirn ab. Gute und schlechte Erfahrungen werden im Gehirn im limbischen
System gespeichert. Dort befindet sich die Amygdala, die auch als Mandelkern
bezeichnet wird. Sie speichert Gefahrensituationen, um entsprechend lebens-
notwendige Reaktionen wie beispielsweise Flucht oder Kampf zu aktivieren.
Geschieht dieses im Zusammenhang lang andauernder, nicht auszuhaltender
traumatischer Erlebnisse, folgen eine starke Ohnmacht und Hilflosigkeit. Aufgrund
der Überforderung der eigenen Ressourcen kann sich die Anspannung nicht
abbauen. Die Betroffenen schützen sich mittels Dissoziation, dem Isolieren und
Trennen von dem Erlebten. Jedoch bleiben Teile der Erinnerung im Unbewussten
erhalten (vgl. Hammer/Plößl 2015, S. 221 ff.). Fischer und Riedesser (2009: S. 118)
beschreiben es wie folgt: ,,das Unbewusste entspricht jenen Handlungen, von denen
ich weiß, ohne zur Kenntnis zu nehmen, dass ich von ihnen weiß."
Im zweiten Weltkrieg gab es vielfältige traumatische Ereignisse, derer die
Menschen ausgesetzt waren. Sie hielten viele Jahre an, was die Qualität des
Erlebens intensiv beeinflusste. Ständige Bombenangriffe mit ihrer Vernichtungs-
kraft, daraus resultierende Todesfälle und bedrohliche Trennungen innerhalb des
sozialen Umfelds führten zu einer ständigen Angst. Flucht und Vertreibung, die
Evakuierungen und Kinderlandverschickungen der direkten Nachkriegszeit hatten
Trennungen und Verlust der Heimat zur Folge. Die Betroffenen litten unter
Hungersnöten, waren unterernährt. Aktive und passive Gewalterfahrungen wie
Verwundungen, Tötungen und zahlreiche Vergewaltigungen waren Ereignisse, die
oft nicht verarbeitet werden konnten.
Die Kriegskindergeneration erfuhr diese traumatischen Erlebnisse in Kindheit und
Jugend. Die kollektive Hilflosigkeit gegenüber einer Situation, die sie nicht
verändern konnten, war eine der zentralen Erfahrungen, denen Kinder und Jugend-
liche in dieser Zeit ausgesetzt waren. Sie ertrugen zahlreiche Verluste ihrer
zentralen Bezugspersonen und es gab keine Zeit diese zu betrauern. Sie verloren
ihr Zuhause, erlebten Härte und unzählbare Gewalt (vgl. Radebold 2009, S. 45 ff.).
Die Abwesenheit der Väter, die im Krieg fielen oder stark traumatisiert
zurückkehrten, nahm zusätzlich großen Einfluss auf das Erleben des Kriegs-
Traumas. Oft waren die Väter psychisch abwesend und emotional unerreichbar (vgl.
ebd., S. 176 ff.). Die Grundbedingungen für eine gesunde und stabile Entwicklung
der Babys und Kleinkinder lagen nur eingeschränkt oder gar nicht vor. Die Mütter
als bedeutende Bindungspersonen waren durch die Bombenangriffe, die
Ungewissheit über den Verbleib bzw. den Verlust der Ehemänner und nicht selten
durch Vergewaltigungen selbst stark traumatisiert (vgl. Ustorf 2013, S. 27 f.).

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c. Trauma-Bewältigung
Die Art des Trauma-Erlebens, individuelle Ressourcen und Bewältigungsmöglich-
keiten beeinflussen die Fähigkeiten zur Trauma-Bewältigung. Die Kriegskinder
erlebten eine besonders schwere dauerhafte existenzielle Bedrohung. Die Trauma-
tisierungen wirkten noch in die Nachkriegszeit hinein, so dass es erst spät oder oft
gar nicht zu einer Bewältigung kommen konnte (vgl. Baer/Frick-Baer 2012, S.
22).
Die ersten Jahre nach Kriegsende waren weiterhin durch Hunger, Armut und
beengten Wohnraum geprägt. Das Erlebte wurde kollektiv verdrängt und abge-
spalten. Die wiederkehrenden Traumatisierungen waren nicht mehr aushaltbar,
hinzu kamen der Scham und die Schuldgefühle über die Gräueltaten. Die
Deutschen waren gebrandmarkt und wurden schuldig gesprochen.
Mit der großen Aufgabe des Wiederaufbaus und der Tüchtigkeit der späteren
Wirtschaftswunderjahre wurde die Verarbeitung in einem großen Maße
kompensiert. Für die Trauma-Bewältigung gab es keinen Platz (vgl. Alberti 2014, S.
44 f.). Kindern wurde die Fähigkeit zugesprochen, schnell zu vergessen. Was sie
wirklich fühlten und brauchten, wurde nicht wahrgenommen (vgl. ebd., S. 100).
Ein weiterer Aspekt der Trauma-Bewältigung ist der Zustand der Betroffenen und
ihres sozialen Umfelds vor dem Ereignis. Hierzu gehören eine stabile Persönlichkeit
und gesunde soziale Bindungen (vgl. Baer/Frick-Baer 2012, S.
22 f.). Beides hatte
in der Zeit vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs kein ausreichendes
Fundament.
Kinder und Jugendliche waren einer autoritären Erziehung ausgesetzt, die ihren
Ursprung in preußischen Erziehungsidealen hatte und männliche Tugenden
propagierte. Es gab pädagogische Leitsätze, die Durchhaltevermögen verlangten
und Schwäche verurteilten. Die Münchner Ärztin Johanna Haarer schrieb in den
dreißiger Jahren drei Erziehungsratgeber, deren Inhalt nachhaltig bis weit in die
sechziger Jahre Beachtung fand. Sie wirkte mit ihren Regeln negativ auf die
wichtige Bindung zwischen Mutter und Kind ein und lehnte bedeutende menschliche
Emotionen und Bedürfnisse ab. Die Mütter distanzierten sich emotional und
physisch von ihren Kindern. Diese sollten gehorchen und wurden bestraft, wenn sie
es nicht taten. In der Hitler-Jugend und dem Bund Deutscher Mädel wurde die
autoritäre Erziehung fortgeführt. Durch Ignorieren der Bedürfnisse und Ablehnung
der Persönlichkeit der Kinder und Jugendlichen sollten diese letztendlich Halt in der
Einheit der Gruppe suchen. Individualität und eigene Persönlichkeit waren nicht
gefragt (vgl. Alberti 2014, S 89 ff.).
d. Trauma-Folgen
Die wiederkehrenden, dauernden Traumatisierungen und eine fehlende bzw.
beeinträchtigte Trauma-Bewältigung zogen zahlreiche nachhaltige Folgen für die
Kriegskinder mit sich. Die Mangelernährung hinterließ körperliche, gesundheitliche
Probleme. Besonders die tatsächlichen psychischen Auswirkungen blieben
gesellschaftlich lange unentdeckt, mit unterschiedlichen Ursachen (Bode 2004, S.
11 ff.). In den sechziger und siebziger Jahren wurden Kuren bewilligt, allerdings
mittels der ,,Phantasiediagnose vegetative Dystonie" (ebd.: S. 32).
Die Deutschen als Täter und zugleich als Opfer von Traumatisierungen
anzuerkennen, gelingt erst seit wenigen Jahren. Die Dissoziation des
Geschehenen, die kollektive Verdrängung und das Schweigen der Betroffenen
beeinflussten die Folgen nachhaltig (vgl. Alberti 2014, S. 100 f.).
Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Kriegsenkel des Zweiten Weltkriegs. Die Folgen des Trauma-Erbes
Hochschule
Fachhochschule Kiel
Note
1,3
Autor
Jahr
2017
Seiten
18
Katalognummer
V385960
ISBN (eBook)
9783668625020
ISBN (Buch)
9783668625037
Dateigröße
563 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
kriegsenkel, traumaaerbe
Arbeit zitieren
Nadine Pinnow (Autor), 2017, Kriegsenkel des Zweiten Weltkriegs. Die Folgen des Trauma-Erbes, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/385960

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