Gegenüberstellung des offenen und geschlossenen Dramas anhand von J.W. von Goethes "Iphigenie auf Tauris" und Georg Büchners "Woyzeck"


Facharbeit (Schule), 2015

13 Seiten, Note: Sehr gut


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Das Drama allgemein

2 Das geschlossene Drama: „Iphigenie auf Tauris“
2.1 Inhalt und Aufbau
2.2 Die Titelfigur „Iphigenie“
2.3 Sprache und Stil
2.4 Zeitgeschichtliche Hintergründe

3 Das offene Drama: „Woyzeck“
3.1 Inhalt und Aufbau
3.2 Die Titelfigur „Woyzeck“
3.3 Sprache und Stil
3.4 Zeitgeschichtliche Bezüge zum Werk „Woyzeck“

4 Literaturverzeichnis

1 Das Drama allgemein

Die Dramatik zählt neben der Lyrik und der Epik zu den drei großen literarischen Gattungen. Entwickelt wurde das Drama (von altgriech. dráma: Handlung) im antiken Griechenland des 5. Jahrhunderts vor Christus. Seine Besonderheit liegt darin, dass die Texte als Grundlage für Theaterstücke gedacht sind. Bezeichnend für diese Gattung ist die Darstellung einer in sich geschlossenen Handlung durch Dialoge, welche unmittelbar auf der Bühne präsentiert wird. Neben den Dialogen enthält ein Dramentext Anweisungen für die Schauspieler und seit dem 19. Jahrhundert auch für Regisseure. Seine Konzeption ist vor allem darauf ausgerichtet, ein Theaterpublikum zu erreichen. Gegliedert sind Dramen in Akte, die sich jeweils wiederum in Auftritte oder Szenen unterteilen. Das Wort „Drama“ ist zudem ein Oberbegriff, der weit gefasst ist. So stellen Tragödie und Komödie die Hauptformen der dramatischen Dichtkunst dar. Nach Aristoteles hat die Tragödie eine kathartische, also reinigende Wirkung auf den Zuschauer, die durch das Jammern (eleos) und das Schaudern (phobos) hervorgerufen werden sollte. Die Tragikkomödie gilt als Verschmelzung der beiden genannten Formen. Weitere Genres dieser Kategorie sind das bürgerliche Trauerspiel (18. Jahrhundert), das epische, das absurde oder soziale Drama, welche sich jeweils vor dem Hintergrund der epochenspezifischen Eigenheiten entwickelt haben.

2 Das geschlossene Drama: „Iphigenie auf Tauris“

Die geschlossene (tektonische) Form des Dramas findet sich vor allem in der fünfaktigen Tragödiendichtung. Das theoretische Grundgerüst für diesen Aufbau geht auf den griechischen Philosophen Aristoteles (384 -322 v.Chr.) zurück. Als wesentlichstes Moment in der Komposition des geschlossenen Dramas gilt die Einheit von Handlung, Ort und Zeit. Man nennt dieses Strukturmerkmal auch die „aristotelische Dreieinheit“. Bis zum 19. Jahrhundert wurden klassische Dramen nach diesen und anderen strengen Formregeln aufgebaut. Bekannte Stücke sind u.a. Sophokles' „Antigone“, Goethes „Torquato Tasso“ oder seine „Iphigenie auf Tauris“. Goethe verfasste den Text der „Iphigenie“ zunächst in Prosaform, welcher 1779 in Weimar uraufgeführt wurde. Erst Jahre später und nach einigen Neufassungen überschrieb er, bei seiner Italienreise 1786, das Stück in einen Blankvers, das die endgültige Fassung darstellen sollte. Als Vorlage diente dabei „Iphigenie bei den Taurern“ vom griechischen Dramatiker Euripides.

2.1 Inhaltund Aufbau

Der Aufbau des Stücks folgt der klassischen Komposition und gliedert sich in fünf Akte. Im klassischen Drama sind jedoch auch Ein- und Dreiakter möglich. Die Handlung ist in sich geschlossen und entwickelt sich kontinuierlich auf ein Ziel hin. Die Szenen sind miteinander verknüpft, ergeben und bedingen sich gegenseitig. Der Konflikt zwischen Protagonist und Antagonist ist Ausgangspunkt der äußeren Handlung und entspricht gleichzeitig dem viel komplexeren inneren Kampf des Gewissens der jeweiligen Figuren. Es gibt keine zeitlichen Brüche und die dargestellte Zeit im Stück entspricht der tatsächlichen Spieldauer (zeitdeckende Darstellung). Darüberhinaus gibt es nur einen einzigen Schauplatz, den „Hain vor Dianens Tempel“.

I. Aufzug. Exposition: Das Stück beginnt mit der für das klassische Drama typischen Exposition. Der Eingangsmonolog dient der Einführung in die Ausgangssituation der Protagonistin. Man erfährt von der Lage vor dem Trojanischen Krieg. Iphigenie ist Priesterin der Göttin Diana auf Tauris. Diana hat ihr das Leben gerettet und Iphigenie fühlt sich ihr nun zu Dank verpflichtet. Gleichzeitig jedoch quält Iphigenie die Sehnsucht nach ihrer Heimat und ihrer Familie. Arkas, des Königs engster Berater, kündigt Thoas' Kommen an. Der Taurerkönig Thoas, der Iphigenies Herkunft nicht kennt, begehrt sie und macht ihr einen Heiratsantrag. Um Thoas nicht zu beleidigen, gibt sie sich als Tantalidin zu erkennen. Dies ist das erste „erregende Moment“, in welchem die Konfliktsituation in Gang kommt und Spannung erzeugt wird. Iphigenies Herkunft aus verfluchtem Geschlecht, sollte sie vor dem Eheverlangen Thoas' bewahren. Der Taurerkönig aber reagiert mit Zorn darauf und führt das Menschenopfer, welches er zuvor auf Iphigenies Wunsch hin abschaffen lies, wieder ein. Hierin findet sich das zweite Moment, in dem Drama eine Erregung erfährt. Zwei auf der Insel gelandete Fremde sollen nun dem Ritual zum Opfer fallen. Iphigenie ist als Priesterin für den Vollzug verantwortlich. Sie weiß nicht, dass es sich bei den beiden Fremden um ihren Bruder Orest und dessen Freund Pylades handelt.

II. Aufzug. Steigerung: Orest hat seine Mutter Klytämnestra und ihren Liebhaber Aigisthos erschlagen, weil sie seinen Vater Agamemnon ermordet hat. Nun glaubt Orest, von den Erinnyen (Rachegöttinen) verfolgt zu werden. Dem Wahnsinn verfallen, sieht er sich dem Tode nahe. Pylades indessen, sinnt auf Rettung und ist nicht bereit ins Schattenreich überzutreten. Er erinnert sich an den Orakelspruch Apollos, der besagt, dass Orest Erlösung finde, wenn er das Bildnis der Schwester von Tauris zurück nach Delphi bringe. Gemeint ist jedoch Orests Schwester Iphigenie. Durch Pylades und Orest erfährt Iphigenie vom Tod ihres Vaters und iher Mutter, sowie auch von ihrem eigenen vermeintlichen Tod als auch vom Ausgang des Trojanischen Krieges. Weder Orest noch Pylades oder Iphigenie wissen, wen sie vor sich haben. Hier steigert sich die Spannung zum dritten Mal.

III. Aufzug. Höhepunkt/Peripetie·. Iphigenie und Orest erkennen einander. Orest ist dem Wahnsinn, der Raserei verfallen. Im Glauben daran, von den Erinnyen verfolgt zu sein, versinkt er in Ermattung, getrieben von zunehmender Verwirrung. In der vollkommen tragischen Situation Orests findet sich der Höhepunkt des Dramas. Auch Iphigenies Gefährdung steigert sich zunehmend. Sie begreift, dass sie sich zwischen ihrem Bruder und Thoas entscheiden muss. Iphigenie fleht Diana an, Orest zu retten. Schließlich erwacht er aus der Betäubung und dem Wahnsinn und sieht sich, sowie das gesamte Geschlecht des Tantalus vom Fluch befreit. Pylades drängt zur Flucht.

IV. Aufzug. retardierendes Moment/Umkehr·. Thoas schöpft Verdacht und Arkas drängt in Thoas' Namen Iphigenie zur Beschleunigung des Opfers. Iphigenie versucht ihren Bruder und dessen Freund durch eine List zu retten und das Orakel Apollos zu erfüllen, indem sie verkündet, dass das Bildnis der Göttin durch einen Mörder besudelt worden sei. Doch Iphigenies Zweifel über die Richtigkeit ihrer geplanten Flucht verstärken sich. Sie würde Thoas und Arkas, die sie beide schätzt, betrügen und verlassen. In einem großen Monolog, dem sie das Parzenlied anschließt, wägt sie alle Entscheidungen ab. Im Parzenlied erinnert sie den Sturz der Titanen, die Tantalusqualen und die Unerbittlichkeit der Götter, deren Flüche nicht mit Recht verbunden sind.

V. Aufzug. Katastrophe/Lösung: Thoas erkennt den geplanten Betrug und versucht Iphigenie zum Opfer zu zwingen. Iphigenie beruft sich aber auf ihre Entscheidungsfreiheit. Orest und Pylades drängen, das Bild der Göttin zu rauben. Iphigenie, unfähig zur Lüge und im Vertrauen auf Thoas' edle Gesinnung, erzählt die Wahrheit und gesteht den Betrug. Orest will sich den Weg in die Freiheit erkämpfen, doch Iphigenie greift beruhigend und schlichtend ein. Thoas erlaubt schließlich dir Rückkehr der drei in ihre Heimat. Das Orakel erfüllt sich, indem Orest nun seine Schwester und nicht das Bildnis der Göttin aus Tauris führt. Thoas verabschiedet sich und will zukünftig zwischen Griechen und Taurem Gastfreundschaft walten lassen.

2.2 Die Titelfigur „Iphigenie“

Iphigenie, Tochter des Königs von Mykene Agammenon und dessen Frau Klytämnestra, wurde in Aulis auf dem Weg zum Trojanischen Krieg von ihrem Vater geopfert, weil das Orakel es befahl. Sie wurdejedoch von der Göttin Diana gerettet und nach Tauris gebracht, um ihr dort zu dienen.

Sie stammt aus dem verfluchten Tantalusgeschlecht. Tantalus hat die Götter provoziert, indem er seinen Sohn Pelops geschlachtet hat und ihn den Göttern als Speise vorgesetzt hat. Er wollte damit ihre Allwissenheit prüfen, doch die Götter erkannten den Betrug. Zudem hat Tantalus den Göttern Nektar und Ambrosia gestohlen und den Menschen gebracht. Die Götter haben ihn daraufhin mit einem Fluch belegt, der Tantalus' Schicksal und das aller nachfolgenden Gererationen bestimmen sollte. Die Ahnengeschichte Iphigenies ist somit geprägt von Hass, Neid, Verrat und Mord.

Auf der Insel fühlt sie sich nicht heimisch und Sehnsucht nach ihrer Heimat Griechenland plagt sie. Thoas, der Taurerkönig hält sie jedoch auf Tauris fest. Sie beklagt ihr Schicksal als Frau, die eng an jenes des Mannes gebunden sei und sie somit zur Tatenlosigkeit verurteilt. Thoas, der sie undingt ehelichen möchte, ist in ihren Augen mehr ein Vater als ein Ehemann. Iphigenies Situation ist insgesamt unzufriedenstellend für sie und löst innerliche Spannungen aus. Sie ist im ständigen Konflikt zwischen der Erfüllung ihrer Pflicht als Priesterin einerseits und ihrem Wunsch nach Hause zurückzukehren andererseits. Dabei hofft sie auf die Hilfe der Götter, sieht aber ein, dass sie selbst Handeln muss und entschließt sich, ihr Schicksal in die Hand zu nehmen, auch wenn sie sich dadurch in Gefahr bringt. Im letzten Aufzug des Stücks, in dem noch alles möglich ist, sowohl Untergang als auch Rettung, entscheidet sich Iphigenie dafür, den Konflikt durch Ehrlichkeit zu lösen und nicht durch List und Lüge. Hierin kommt das Humanitätsideal Goethes schließlich zum Tragen. Iphigenie verkörpert die vollkommene Reinheit, Tugendhaftigkeit und Sittlichkeit. Unabhängigkeit und Selbstbestimmung tritt an die Stelle von göttlicher Determination.

2.3 Sprache und Stil

Im gesamten Stück treten lediglich fünf Figuren auf, die alle gleichwertig, mündig und zur Reflexion fähig sind. Ihre Beziehung zueinander unterliegt, gemäß des restlichen Aufbaus einer strengen Symmetrie. Iphienie als Protagonistin befindet sich zwischen den Männerpaaren Thoas/Arkas und Orest/Pylades.

Die Sprache ist ganz im Stil des klassischen Dramas nach Aristoteles. Alle Figuren im Stück besitzen diese Eloquenz, die gleichzeitig auf die Zugehörigkeit zu einer hohen Schicht hinweist (Ständeklausel). Die besondere Sprache, die Goethe für sein Stück verwendet, dient dazu, es auf die höchstmögliche künstlerische und vor allem geistige Ebene zu stellen. Sie stützt die Ideale, welche Goethe in seinem Stück zu vermitteln sucht. Dazu gehören Toleranz, Menschlichkeit und Sittlichkeit. Der Eingangsmonolog ist, wie der Großteil des Stücks, durch fünfhebige jambische Blankverse geprägt, die von mehreren Abstrakta wie z.B. Heiligtum, Geist, Wille, Herz, etc. getragen werden. Zudem wird auf das Personalpronomen "ich" verzichtet und anstatt dessen werden Possesivpronomen wie "mein Herz" oder "meine Seele" verwendet. Es werden auch noch weitere Umschreibungen, die für das geschlossene Drama kennzeichnend sind benutzt. So wird zum Beispiel aus "ich gewöhne mich" ein unpersönliches "es gewöhnt sich...". Vor die Eigennamen werden schmückende Beiwörter gesetzt (statt Thoas - "ein edler Mann"). Der Satzbau ist durch Inversionen geprägt (..."schon einem rauen Gatten zu gehorchen"... ; ..."Auch hab ich stets auf die gehofft und hoffe...") und es finden sich einige nachgestellte Genitive ("Das Land der Griechen mit der Seele suchend..."; "des größten Königs verstoßne Tochter..."), sowie viele Substantivierungen in dem Textauszug. Auffällig ist der Übergang von einer subjektiven Reflexion im ersten Teil des Textauszugs [bis Vers 14] zu einer verallgemeinernden, sentenzartigen Sprache der Iphigenie im zweiten Teil [ab Vers 15].

„Iphigenie“ ist, bis auf das Parzenlied, im Blankvers geschrieben, wie es in der Klassik üblich war. Das ist ein fünfhebiger Jambus ohne Endreim, bei dem sich männliche (betont endend) und weibliche (unbetont endend) Kadenzen abwechseln. Die Sprechweise, die einerseits auf den gehobenen Stil des Werkes hinweist, wirkt andererseits sehr künstlich, emphatisch und übersteigert und dient als solches der Idealisierung der Wirklichkeit. Der ausgeprägte hypotaktische Satzbau sowie der Nominalstil tragen zusätzlich dazu bei. Auffallend ist zugleich die enge Dialogführung. Der Dialog wird durch das Stilmittel der Stychomythie (das Aufnehmen von Stichwörtern in die eigene Rede) zum Rededuell konstruiert. Goethe folgt hierbei Euripides. Dies war für das antike Drama typisch dramatische Wechselgespräch. Der Dialog ist zudem der Motor der Handlung. Weiters werden häufig Sentenzen (allgemeingültige Sätze) verwendet, die sich über das Persönliche erheben und somit überindividuellen Erfahrungen entsprechen.

2.4 Zeitgeschichtliche Hintergründe

Die Entstehungszeit der Iphigenie fällt in den Übergang der literarischen Epochen der Aufklärung, der Empfindsamkeit und des Sturm und Drang zur Klassik. Das Aufbegehren der Stürmer und Dränger ging über zu abgeklärter Reife und den idealen Vorstellungen der Klassiker.

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Details

Titel
Gegenüberstellung des offenen und geschlossenen Dramas anhand von J.W. von Goethes "Iphigenie auf Tauris" und Georg Büchners "Woyzeck"
Note
Sehr gut
Autor
Jahr
2015
Seiten
13
Katalognummer
V386124
ISBN (eBook)
9783668602861
ISBN (Buch)
9783668602878
Dateigröße
511 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Goethe, Iphigenie auf Tauris, Büchner, Woyzeck, offenes Drama, geschlossenes Drama, Gegenüberstellung, Vergleich
Arbeit zitieren
Manuela Mikl (Autor), 2015, Gegenüberstellung des offenen und geschlossenen Dramas anhand von J.W. von Goethes "Iphigenie auf Tauris" und Georg Büchners "Woyzeck", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/386124

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