Die philosophische Science-Fiction des Stanislaw Lem. Welche bekannten philosophischen Lehren spiegeln sich im Kultroman "Solaris" wieder?


Essay, 2017

6 Seiten


Leseprobe

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Der im Jahre 1961 erschienene Science - Fiction Roman ,,Solaris" zählt zu den bekanntesten
und erfolgreichsten Schaffenswerken des polnischen Schriftstellers Stanislaw Lem.
1
Die erste
filmische Umsetzung des Romans gelang dem russischen Regisseur Andrei Tarkowski im
Jahre 1972.
2
Die Handlung des Romans ist in ferner Zukunft angesiedelt. Der Menschheit
gelang es bereits durch erhebliche Fortschritte in der Raumfahrt scheinbar unüberwindbar
geglaubte Distanzen zwischen den heimischen Sonnensystem und fremden Sternenwelten
zurückzulegen. Diese Entwicklung vollzog sich unter dem zivilisatorischen Drang des
Aufspürens und der Kontaktherstellung mit extraterrestrischem Leben. Der Name ,,Solaris"
bezeichnet einen Planeten und dessen zugehörige anthropogen - orbitale Forschungsstation,
welche diesen Kontakt hergestellt hat. Die Oberfläche von Solaris ist durch einen sonderbaren
Ozean gekennzeichnet. Der Korpus dieses ,,Ozeans" entspricht einer undefinierten,
physiologisch- dynamischen, jedoch scheinbar hochintelligenten Materie.
Im Zentrum der Handlung steht der Protagonist Kris Kelvin, welcher in seiner Funktion als
Psychologe die seltsamen Entwicklungen auf der Forschungsstation rekonstruieren und
rationale Erklärungsansätze hierfür finden soll. Jedoch wird Kelvin bei seinem fortwährenden
Aufenthalt auf Solaris selbst in den Bann der kosmopsychogenen Auswirkungen des Planeten
gezogen und mit dem Auftauchen seiner längst verstorbenen Frau Harey konfrontiert, die
dieser aus seinem Bewusstsein in eine materielle Form transformieren konnte. Das
Hauptanliegen der Forscher besteht nun darin, herauszufinden ob, und welche Form der
Intelligenz dem Planeten Solaris zuzuschreiben ist, durch welche es ermöglicht, solche
Prozesse hervorzurufen. Im Grunde stellt der Roman also die Frage, wie sich Menschen
verhalten würden, wenn sie mit intelligentem - extraterrestrischen Lebensformen konfrontiert
wären, die sich ihrer gewohnten Wahrnehmungs - und Beurteilungskriterien vollständig
entziehen und jegliche Versuche fehlschlagen, mittels bewährter naturwissenschaftlicher
Methoden, fundierte empirische Erkenntnisse zu erlangen. Somit entwirft Lem nach Ursula K.
Le Guin durch ,,Solaris" eine Parabel der schlimmsten Enttäuschung des menschlichen
Wissensdranges, der Unmöglichkeit letzter Erkenntnis.
3
In ,,Solaris" finden sich neben
kritischen Ansätzen des Utopismus, Anthropozentrismus und technokratischer
Naturbeherrschung also prioritär metaphysische- und erkenntnistheoretische Grundfragen der
Philosophie wieder, welche im Kontext der futurologischen Vorstellung einer anthropogenen
1
vgl.
Kirsner, Inge: Erlösung im Film. Praktisch ­ theologische Analysen und Interpretationen, Band 26,
Kohlhammer ­ Verlag, Stuttgart, 1 . Aufl., 1996, S. 206.
2
vgl. Ebd., S. 236.
3
vgl. Lem, Stanislaw: Solaris, Irmtraud Zimmermann - Göllheim, List- Verlag, Berlin, 8. Aufl. (1. Auflage
2006), 2014, S. 7 u. 8., (im Folgenden zitiert als ,, Lem: Solaris").

2
Expansion ins Weltall, eine enorme Bedeutsamkeit, sowie einen gleichzeitig reflektiven
Funktionszusammenhang erhalten. Generationen von Wissenschaftlern gelang es nicht die
physikalischen Gesetzmäßigkeiten hinter dem Mysterium des Planeten aufzudecken.
Unzählige wissenschaftliche Hypothesen wurden durch die die Bildung scheinbar
willkürlicher ozeanischer Plasmasubstanzen in Form von Mimoiden und Symmetriaden
unmittelbar verworfen.
4
Ein Kernpunkt des Erkenntnisprozesses stellt also das Motiv der
Kausalität wahrnehmbarer Naturereignissen dar. Deutliche Bezüge finden sich an dieser Stelle
zu dem Hauptvertreter des Britischen Empirismus, David Hume. So heißt es in seinem
Traktat über die menschliche Natur: ,,Die Natur nötigt uns mit absoluter und unabwendbarer
Notwendigkeit, Urteile zu fällen, ebenso wie sie uns nötigt zu atmen und zu empfinden."
5
Hume begreift demnach Schlussfolgerungen, welche sich auf die Kausalität von Ereignissen
beziehen als naturgegeben, als einen natürlichen Wesenszug des Menschen. Im Falle der
Solaristen scheint in diesem Kontext der Betrachtung, der Drang nach Urteilsbildung über die
ablaufenden Prozesse des Ozeans somit durchaus nachvollziehbar. Jedoch gibt es nach Hume
zugleich keine vernünftige oder begründbare Rechtfertigung für die Schlussfolgerung von
Ursache und Wirkung.
6
Auch durch unzählige Beobachtungen, sinnliche Erfassung und
Wahrnehmung der Ozeandynamik und deren plasmatischer Konstruktionen könnte kein
konstantes wissenschaftliches Urteil über seine wahre Beschaffenheit formuliert werden.
Somit bestünde die Möglichkeit variierender Bedingungen und wechselnder physikalisch ­
chemischer Grundlagen. Die Prämisse der Narration ergibt sich aber wiederum aus der
permanenten Anwendung dieses induktiven Schlussverfahrens als Mittel der
Erkenntnisgewinnung.
Hume
betrachtet
anstelle
kausaler
Bedingungen,
die
gewohnheitsmäßigen Überzeugungen der Menschen als Grundlage ihrer Wissensansprüche.
7
Der Wissenschaftstheoretiker und analytische Philosoph Karl Popper pflichtet Hume an dieser
Stelle bei und sieht ebenfalls keine Rechtfertigung der Induktion im Kontext
wissenschaftlicher Erkenntnisgewinnung.
8
Demnach projektieren die Solaristen aufgrund
ihrer geistigen Gewohnheiten ausschließlich vermeintliche Naturgesetze der Erde auf alle
Teile des Kosmos. Sie schaffen Gesetzmäßigkeiten mit einer fast naiven Vorstellung, die
Natur müsste sich danach richten oder sich diesen unterwerfen. Der Solarist Snaut
4
vgl. Ebd., S. 166.
5
Hume, David: Ein Traktat über die menschliche Natur. Buch I ­ Über den menschlichen Verstand,
Theodor Lipps, Meiner ­ Verlag, Hamburg, 1. Aufl., 2013, S.231.
6
vgl. Buckingham, Will, Burnham, Douglas, Hill, Clive, u.a.: Das Philosophie Buch. Große Ideen und ihre
Denker, Binder, Klaus & Leineweber, Bernd, Dorling - Kindersley, München, 1.Aufl., 2011, S.152.
7
vgl. Ebd., S.153.
8
vgl. Popper, Karl: Vermutungen und Widerlegungen. Das Wachstum wissenschaftlicher Erkenntnis, Mohr
Siebeck, Tübingen, 2.Aufl., 2009, S.62.

3
verdeutlicht jenes durch sein Äußerung:
,,Wir brauchen keine anderen Welten. Wir brauchen
Spiegel. Mit anderen Welten wissen wir nichts anzufangen. Es genügt uns unsere eine, und
schon ersticken wir an ihr. Wir wollen das eigene idealisierte Bild finden."
9
Einen weiteren
Betrachtungspunkt der Narration bildet die Frage, wieviel Ungewissheit der Mensch durch
seine kosmische Expansion zu ertragen im Stande ist. Die Verdeutlichung einer
Unmöglichkeit kausaler Schlüsse auf Grundlager a posteriorischer Erfahrung durch Hume,
führt uns zu Immanuel Kant, dem wohl einflussreichsten neuzeitlichen Philosophen, welcher
nicht nur empirische und rationalistische Erkenntnisansätze in seinem Transzendentalem
Idealismus verbinden konnte, sondern auch die Grenzen des menschlichen Verstandes
untersuchte.
10
Durch die Frage, ob es erfahrungsunabhängiges Wissen der Welt gibt, erhielt
die, innerhalb der Neuzeit, zunehmend losgesagte Disziplin der Metaphysik, einen erneuten
Aufschwung. Die Metaphysik [griech. Meta ta physika ­ ,,hinter dem Physischen"] wurde
durch Aristoteles initiiert und später durch Thomas v. Aquin und Thomas Hobbes
unterschiedlich weitergestaltet. Als Disziplin hebt sie das Seiende an sich zum
Betrachtungsobjekt und die Untersuchung der Elemente und Fundamentalbedingungen dieses
Seienden.
11
Hierbei bezieht sie sowohl die Lehre der Ontologie, Kosmologie, als auch
Eschatologie
12
ein und erhält durch letztere einen theologischen Teilcharakter. Lem dringt mit
seiner Erzählung bis zum Ende des menschlichen Erkenntnishorizontes vor und leitet zu
einem transzendenten Übergangspunkt hin. Interessant ist hierbei die Vorstellung, dass trotz
stetig fortschreitender naturwissenschaftlichen Entdeckungen und Entwicklungen, welche
eine weltraumfahrende Zivilisation zwangsläufig begleiten, die metaphysische Dimension
eine zunehmend größere Rolle spielt. Vermeintlich gesicherte Wissensbestände
transzendieren und werfen den Menschen auf die Grundlage seiner eigenen Begrenztheit und
eschatologischen Unmöglichkeit zurück. So wird die Reise in dystopischen Science- Fiction
Erzählungen, wie die des begnadeten Stanislaw Lem, nicht ausschließlich zu einer Reise in
die Tiefen des Weltalls, sondern vielmehr in die Tiefen des menschlichen Bewusstsein: ,,Das
ist eine Arbeit, die sich im Kampf um die Einsicht in Außermenschliches, gegen die
Menschheit selbst wendet, gegen den Menschen, eine eigentümliche, auf uns als Gattung
gemünzte Schmähschrift, wütend in ihrer kahlen Mathematik [...].".
13
Und so entlässt uns
der Roman. Doch aufrechterhalten bleibt ein deprimierender Nachgeschmack der
9
Lem: Solaris, S. 101.
10
vgl. Buckingham, Will, Burnham, Douglas, Hill, Clive, King, u.a.: Das Philosophie Buch. Große Ideen und
ihre Denker, Binder, Klaus & Leineweber, Bernd, Dorling - Kindersley, München, 1.Aufl., 2011, S.171.
11
vgl. Schmidt, Heinrich: Philosophisches Wörterbuch, Neu bearb. Von Schischkoff, Georgi, Band 13, Alfred
Kröner Verlag, Stuttgart, 22. Aufl., 1991.
12
vgl. Ebd.
13
Lem: Solaris, S. 225.
Ende der Leseprobe aus 6 Seiten

Details

Titel
Die philosophische Science-Fiction des Stanislaw Lem. Welche bekannten philosophischen Lehren spiegeln sich im Kultroman "Solaris" wieder?
Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena  (Institut für Philosophie)
Autor
Jahr
2017
Seiten
6
Katalognummer
V386172
ISBN (eBook)
9783668614024
Dateigröße
490 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
science-fiction, stanislaw, welche, lehren, kultroman, solaris
Arbeit zitieren
Erik Schittko (Autor), 2017, Die philosophische Science-Fiction des Stanislaw Lem. Welche bekannten philosophischen Lehren spiegeln sich im Kultroman "Solaris" wieder?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/386172

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