Aussteiger auf La Gomera. Zwischen dem Streben nach einem exotischen Leben und der Last der Alltagsbewältigung


Hausarbeit, 2015

16 Seiten, Note: 1,8


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Der Ausstieg im 21. Jahrhundert

3 Aussteigerkultur auf La Gomera
3.1 Die Tourismus – und Migrationsentwicklung auf La Gomera
3.2 Aussteigertypen und ihre Motive

4 Lebensrealität der Aussteiger auf La Gomera

5 Zusammenfassung

6 Fazit

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1 Einleitung

„Manchen Menschen erscheint ihre Kultur als fremd und bedrohlich. Die Konventionen, unter denen sie leben, stellen für sie lästige Zwänge dar“ (Stagel 1974:78)

Viele Menschen träumen in ihrem Leben vom Auswandern, dem Sprung in eine andere Kultur, dem Kennenlernen neuer Bräuche, dem Erforschen unbekannter Landschaften innerhalb anderer Klimazonen, inklusive andersartiger Flora und Fauna. Wer ertappt sich nicht an einem verregneten Sonntagnachmittag mit Aussicht einer neu beginnenden Arbeits- oder Schulwoche bei dem Abschweifen in die „eigene Inselidylle“, in der das Leben abenteuerlicher, abwechslungsreicher, bunter, einfach lebenswerter aussieht.

Einen Indikator solcher „Traumvorstellungen“ kann man in dem fortwährenden Boom des Tourismus- und Freizeitsektors erkennen. Nicht umsonst bezeichnet der Volksmund die jährliche Urlaubssaison als die „schönste Zeit des Jahres“.

Beliebte deutsche Reiseziele sind nach wie vor Südpazifikinseln wie Tahiti, die Malediven, die Dominikanische Republik oder die Kanaren.

Vorzüglich also Regionen, welche fernab von der alltäglichen Erfahrung und Raumwahrnehmung des deutschen Bundesbürgers liegen und eine Vielfalt von neuen und unbekannten Eindrücken bieten. Die jährliche Urlaubszeit stellt geradezu eine vierzehntägige Alltagsflucht dar. Doch was ist mit denjenigen Menschen, die nicht mehr zurückkehren? Die Thematik Flucht und Emigration steht im aktuell politischen Fokus. Doch wovor fliehen die Einwohner wohlhabender Industrienationen und was erhoffen sie sich auf ihrer Suche nach selbstbestimmten Glück und Freiheit?

Immer häufiger suchen Menschen Alternativen zu ihrem Leben in einer leitungsorientierten, nach materiellen Werten strebenden Gesellschaft, die geprägt ist von der Komplexität eines schnellebigen Alltags. Oftmals sind diese Alternativen mit einem Ortswechsel verbunden.

Im Rahmen dieser Hausarbeit soll das Phänomen des Aussteigens beleuchtet und in einen spezifischen Kontext auf der Kanareninsel La – Gomera eingebettet werden.

In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage, welche Aussteigertypen aus der Emigrationsentwicklung der Insel hervorgehen. Insbesondere sollen individuell- geprägte Erwartungen an die Veränderungen des Lebensraumes deutscher Emigranten untersucht werden. Die Betrachtungen zielen auf die Untersuchung einer erfolgreichen- oder nicht erfolgreichen Verwirklichung anfangs vorhandener Ideale und Vorstellungen, welche sich in der veränderten Lebenssituation wiederspiegeln. Der Fokus liegt hierbei auf dem gescheiterten Ausstieg mit seinen Folgewirkungen und der Suche nach Gründen für diese Entwicklung.

2 Der Ausstieg im 21. Jahrhundert

Nach Spendlingwimmer (2011:14f.) bedeutet Aussteigen, die Wahl einer alternativen Lebensform, gekoppelt an das freiwillige Verlassen einer angestammten Personengruppe über einen längeren, meist unbestimmten Zeitraum. Außerdem lassen sich die Handlungen der Aussteiger nur im Zusammenhang und damit kontrastierend zu den vorhandenen gesellschaftlichen Normen und Zielvorstellungen verstehen.

Deutlich erscheint vor allen Dingen das vereinende Band, welches die Aussteiger umgibt. Dieses beruht nach Grossarth (2002:11) grundlegend auf dem Hinterfragen des eigenen Lebens, welches in Verbindung mit einer gewissen Unzufriedenheit und der Suche nach der verlorenen Sinnhaftigkeit der eigenen Existenz steht. Die Pluralisierung der Lebensstile und Freizeitmöglichkeiten, die ständige Verfügbarkeit von Konsumgütern und Dienstleitungen, sowie der zunehmende Einfluss der medialen Sozialisierung lassen die genannte Suche fortwährend schwerer erscheinen (Spendlingwimmer 2011:20f.).

Eine Vielzahl der Menschen ist unzufrieden mit dem „Hamsterrad“, welches durch Medialisierung, Konsumzwang und politische-, sowie wirtschaftliche Krisen immer stärker angetrieben wird (Bude 2014: 52).

Um so begreiflicher ist somit der Schritt hin zu einer selbstbestimmten Lebensführung durch autarke Lebensweisen im subsistenzwirtschaftlichen Sinne (Grossarth 2002:12). Sind die Menschen hinter diesen Auffassungen etwa gescheiterte ökonomische Existenzen, romantische Idealisten oder eine Handvoll Hippies und übermäßige Puristen?

Nach Valli (2013:12) findet sich ein anderes Bild des Aussteigers.

Dieses setzt sich aus einem Konglomerat besonnener, fleißiger und strukturierter Menschen zusammen, welche als Netzunabhängige, oder „off the grid“ in den USA bekannt sind. Ihr Bestreben ist ein einfaches Leben, welches durch die Rückbesinnung zur Natur und dem Erlernen handwerklicher Fertigkeiten (Valli 2013:200f.), gekennzeichnet ist.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb.1: Aussteigernomaden in den Rocky Mountains - präindustrielle Form der Feuerentfachung

Der Hang zum utopischen Denken scheint nach Pentzlin (1985:70) in der Natur des Menschen zu liegen und mündet bei Aussteigern getragen von individuellen Leitmotiven in eine radikale Lebensumstellung und der Beseitigung erfahrener Mängel.

Oftmals stellen Inseln nach Clasen - Holzberg (1997) Orte für Sehnsüchte nach Glück und paradiesischem Leben dar, welche eine gewisse Unerreichbarkeit und zivilisatorische Abkopplung, sowie den Einklang und die Harmonie mit der Natur beinhalten. Sie scheinen somit den Nährboden utopistischer Umsetzungen zu bilden und als Fundament für einen Neuanfang zu dienen.

3 Aussteigerkultur auf La Gomera

La Gomera, die Isla Ronda (runde Insel), ist die „alternative Kanareninsel“. Sie misst lediglich 370 Quadratkilometer, beherbergt nur 22000 Einwohner und ist von geringer touristischer Infrastruktur geprägt (Paskiewicz & Paskiewicz 2013:123). Während Einige ihr lediglich einen urlaubsgebundenen Tagesbesuch abstatten, werden Andere angezogen, durch die von Steuer (1996:14f.) beschriebenen einzigartigen Landschaftsausprägungen, gekennzeichnet durch Zerklüftungen und Zerfurchungen, sowie ein auf Vulkanismus und Erosion beruhendes Gebirgsrelief, in Verbindung mit dem milden und temperaturbeständigen Klima.

Die Kanarischen Inseln werden als „Die glücklichen Inseln“ (Göschel 1985:95) bezeichnet. Deshalb ist es naheliegend, dass sich europäische Aussteiger, zur Selbstverwirklichung ihres eigenen Glücks, wie es Pentzlin (1985:112) beschreibt, auf die am meisten entkoppelte der kanarischen Inseln begeben, welche gerade durch fehlenden Kommerz, Naturverbundenheit und „Echtheit“ heraussticht (Paskiewicz & Paskiewicz 2013:123).

Der Begriff Aussteiger scheint in Verbindung mit La Gomera eine gängige Symbiosestellung zu besitzen. So wird in den deutschen Medien beispielsweise vom „Tal der Paradiesvögel“ (Reuter 1998) gesprochen und damit das gängige Klischee von Aussteigern auf La Gomera, in Form von „kiffenden und nackig- sonnenbadende Gelegenheitsfreaks“ (vgl. Müllender 1999:20), bedient.

Begründen lässt sie diese Darstellung damit, dass La Gomera in den 1960er Jahren von Menschen entdeckt wurde, die der vorherrschenden Hippibewegung angehörten, und eine alternative Lebensweise anstrebten.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2: Alternative Lebensweise als Straßenmusikanten

Diese stellt nach Simon (1993) ein verzerrtes Bild dar und ist eine spannendere Aussteigervorstellung als „das Leben von zum Beispiel Residenten, die an sechs Tagen in der Woche im Valle Gran Rey um sieben Uhr aufstehen, um zu ihrem 8- Stundenjob in der Autovermietung zu gehen“ (Schick 2006:43).

In diesem Zusammenhang ist zu klären, welche Aussteigertypen sich wirklich auf La Gomera sammeln, welche Motive, Ziele und Wertvorstellungen sie besitzen.

Zum Verständnis soll zunächst ein Überblick über die Tourismus – und Migrationsentwicklung auf der Insel gegeben werden.

3.1 Die Tourismus – und Migrationsentwicklung auf La Gomera

Das Verständnis der Herausbildung differenzierter Lebensweisen von Emigranten, kann nur durch das Aufzeigen historischer, politischer und sozialer Zusammenhänge anhand der vorherrschenden Tourismusentwicklung gelingen.

Im Jahre 1971 hieß es noch von La Gomera: „Gomera und Hierro haben keinen Fremdenzustrom aufzuweisen. Die Schiffverkehrsbindungen zu diesen Inseln sind mangelhaft, und über Flugplätze verfügen sie nicht“ (Riedel 1971:34).

Wie man aus den Aufzeichnungen von Nooteboom (1992:362) entnehmen kann, ist La Gomera im Vergleich zu den kanarischen Nachbarinseln Gran Canaria und Teneriffa bis in die 1980er Jahre noch ein Geheimtipp.

Die bis zu diesem Zeitraum vorhandenen ausländischen Besucher waren lediglich einige Individualtouristen (Schick 2006:69).

Die einheimischen Gomeros betrieben im traditionell geprägten Umfeld Subsistenzwirtschaft durch Fischerei, Viehzucht und Ackerbau. Über die Jahre entwickelte sich eine touristische Infrastruktur mit der Folge der Errichtung von Ferienwohnungen und Gastronomiegewerbe.

Dies steht exemplarisch für die Tertiärisierung der Insel (Schick 2006:71).

Es herrscht eine Koexistenz von traditionellen Unterkünften in kleinen Fischereidörfern wie La Dama und hochmodernen Hotelkomplexen, wie den Jardin Tecina am Playa de Santiago vor.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 3: Das Hotel Jardin Tecina am Playa de Stantiago

Hiermit erfolgt eine kommerzielle Aufladung durch die Vermarktung des Ortes im Sinne eines „komfortablen Aussteigerlebens“ (Paskiewicz & Paskiewicz 2013:128).

[...]

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Aussteiger auf La Gomera. Zwischen dem Streben nach einem exotischen Leben und der Last der Alltagsbewältigung
Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena  (Institut für Geographie)
Veranstaltung
Seminar Didaktik II - Exkursionsseminar La Gomera
Note
1,8
Autor
Jahr
2015
Seiten
16
Katalognummer
V386174
ISBN (eBook)
9783668603417
ISBN (Buch)
9783668603424
Dateigröße
739 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
La Gomera, Aussteiger, Auswandern, Utopie, Breakaway Communities
Arbeit zitieren
Erik Schittko (Autor), 2015, Aussteiger auf La Gomera. Zwischen dem Streben nach einem exotischen Leben und der Last der Alltagsbewältigung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/386174

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