Für Novalis‘ Roman „Die Lehrlinge zu Sais“ ist die Spiegelbildlichkeit von Mensch und Natur zentral. Darüber hinaus steht diese Thematik auch im Mittelpunkt von Novalis‘ poetologischem und philosophischem Projekt einer Moralisierung der Welt. Die Arbeit nimmt eine Lektüre des Romans vor und bettet die Erkenntnisse in den umfassenden Themenkomplex ein. Dabei zieht sie auch Verbindungslinien zu den philosophischen Konzepten von Fichte, Hegel und Schelling. Die Untersuchung gelangt zu dem Resümee, dass die Phänomenologie des ‚Gefühls‘ eng mit dem Verhältnis der Spiegelbildlichkeit des Menschen zur Natur, seinem moralischen Handeln und seiner Erfahrung des Absoluten verbunden ist.
Inhaltsverzeichnis
1. Vorüberlegungen: Das Verhältnis der Spiegelbildlichkeit von Mensch und Natur
2. Die Rede des „ersten[r] Mannes“
3. Das Verhältnis von Novalis zu Fichtes „Wissenschaftslehre“
4. Immanenz und Transzendenz
5. Manfred Franks Deutung der Philosophie von Novalis
6. Weltimmanenz in der Deutung Mahoneys
7. Die Figur der „docta ignorantia“ und deren Problematik
8. Welt und Natur als „Schauplatz einer wahren Kirche“
9. Menschengeschichte als Naturgeschichte
10. Die „Vernunft“ in den „Lehrlingen“ und bei Hegel
11. Das „Gewissen“ in „Heinrich von Ofterdingen“ in Beziehung zur „Vernunft“ in „Die Lehrlinge von Sais“
12. Die Sphäre der „höhern Natur“
13. Die Fabel als literarische Form der Sittlichkeit
14. Welche ist die Sphäre Gottes?
15. Das „moralische Organ“
16. ‚Ich‘ und Naturgeschichte
17. Die „goldene Zeit“: Möglichkeit einer Erfüllung oder nie zu Erreichendes?
18. Die „Weltseele“ des Universums und der „Idealwelt“
19. Novalis‘ magischer Idealismus
20. Aufhebung der Dualität von Denken und Fühlen im künstlerischen Prozess
21. Novalis‘ Projekt einer Phänomenologie
22. Die „höhere (krumme) Regel“
23. Die Natur als immer neue Frage und Antwort
24. Die „intellektuelle Anschauung“ bei Novalis und in der idealistischen Philosophie
25. Das Primat der Tätigkeit beim Künstler und im Ethischen
26. Schlusswort
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht das komplexe Verhältnis von Mensch, Natur und dem Absoluten in den Werken von Novalis, insbesondere in den „Lehrlingen zu Sais“. Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Novalis durch eine „Moralisierung“ der Welt die scheinbare Kluft zwischen Idealismus und Realismus überbrückt und dabei dem menschlichen Handeln sowie dem „Gefühl“ eine zentrale, erkenntnistheoretische Rolle zuweist.
- Die Spiegelbildlichkeit des Verhältnisses von Mensch und Natur.
- Die kritische Auseinandersetzung mit Fichtes „Wissenschaftslehre“.
- Die Bedeutung von Sittlichkeit, Gewissen und „magischem Idealismus“.
- Der Vergleich von Novalis' Naturphilosophie mit Hegels dialektischem System.
- Die Rolle des Künstlers als Vermittler zwischen dem Absoluten und der Sinnenwelt.
Auszug aus dem Buch
2. Die Rede des „ersten[r] Mannes“
„‚Die anderen reden irre‘, sagt ein erster Mann zu diesen. ‚Erkennen sie in der Natur nicht den treuen Abdruck ihrer selbst?‘“
An dieser Stelle tritt das Verhältnis der Spiegelbildlichkeit hervor, wie ich es oben schon zitiert habe. Die Passage lautet: Man steht mit der Natur gerade in so unbegreiflich verschiedenen Verhältnissen, wie mit den Menschen.“ (68) Danach ist die Natur als „entsetzliches Tier“ (75) nur die „Mißgeburt[en] einer entarteten Phantasie“. (70) Dies sei aber ein Produkt einer „regellosen Einbildungskraft“ (75), die diese aus „Schwäche“ (75) produziere. Dieses Verhältnis zur Natur als Spiegelbildlichkeit scheint sich aber zu unterscheiden von den zuvor genannten Verhältnissen. Dort ist einmal von einem Kampf der Freiheit mit der Natur die Rede. Das andere Mal von einer vollkommenen Loslösung des Reiches der Freiheit von der Natur. Ein solcher Kampf und eine solche Loslösung bestehen offensichtlich nicht in dem vom „ernsten Mann“ beschriebenen Verhältnis. Denn dort wird davon gesprochen, dass eine „Kenntnis der Natur“ (75) zu erlangen ist. Und weiter, dass sie sich „vor ihm öffnen“ (76) wird. Und trotzdem fühlt sich der Mensch als „Herr der Welt, sein Ich schwebt mächtig über diesem Abgrund, und wird in Ewigkeiten über diesem endlosen Wechsel erhaben schweben.“ (75)
Zusammenfassung der Kapitel
1. Vorüberlegungen: Das Verhältnis der Spiegelbildlichkeit von Mensch und Natur: Führt in die grundlegende Konzeption der Spiegelbildlichkeit zwischen menschlichem Blick und Natur ein, die als Basis der Untersuchung dient.
2. Die Rede des „ersten[r] Mannes“: Interpretiert eine Schlüsselstelle, in der Novalis eine qualitativ höhere Naturbetrachtung formuliert, die andere Formen einschließt und übersteigt.
3. Das Verhältnis von Novalis zu Fichtes „Wissenschaftslehre“: Analysiert, wie Novalis sich vom Fichteschen Ich-Idealismus absetzt und ein weltimmanentes, „lebendiges“ Prinzip postuliert.
19. Novalis‘ magischer Idealismus: Untersucht die Transformation des Magischen ins Moralische, bei der der Dichter durch sein „moralisches Organ“ die Welt gestaltet.
26. Schlusswort: Führt die Argumente zusammen und bekräftigt, dass bei Novalis Erkenntnis und Moralisierung des Universums untrennbar mit dem „Gefühl“ verbunden sind.
Schlüsselwörter
Novalis, Die Lehrlinge zu Sais, Heinrich von Ofterdingen, Spiegelbildlichkeit, magischer Idealismus, Vernunft, Sittlichkeit, Naturphilosophie, Fichte, Handeln, Gefühl, moralisches Organ, Transzendenz, Immanenz, Weltseele.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht das philosophische Verständnis von Novalis bezüglich des Verhältnisses von Mensch und Natur, wie es in seinen Werken, insbesondere den „Lehrlingen zu Sais“, dargestellt wird.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zu den zentralen Themen gehören die Konzepte des „magischen Idealismus“, das Verhältnis zwischen Ich und Nicht-Ich, die moralische Deutung der Natur und die Rolle der Kunst als Vermittler des Absoluten.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, nachzuweisen, dass Novalis durch seine spezifische Philosophie eine „Moralisierung“ der Welt anstrebt, in der Natur und Geist in einem harmonischen Bund stehen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine philosophisch-literaturwissenschaftliche Interpretation, die Novalis' eigene Schriften mit zeitgenössischen philosophischen Positionen, insbesondere von Fichte und Hegel, in Beziehung setzt.
Was wird im Hauptteil der Arbeit primär behandelt?
Der Hauptteil analysiert zentrale Textpassagen aus Novalis' Werk, arbeitet die Differenz zu zeitgenössischen Philosophen heraus und expliziert Begriffe wie „Gefühl“, „Gewissen“ und „moralisches Organ“.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Die Begriffe „Spiegelbildlichkeit“, „magischer Idealismus“, „Vernunft“, „Sittlichkeit“ und das „moralische Organ“ sind essenziell für das Verständnis der Argumentation.
Wie unterscheidet sich Novalis' Ansatz von dem Fichtes?
Im Gegensatz zu Fichte, dessen „Ich“ transzendent bleibt und das Nicht-Ich unendlich einholen muss, postuliert Novalis bei Novalis eine weltimmanente Sphäre, in der sich Mensch und Natur harmonisch begegnen können.
Welche Rolle spielt die Kunst im Verständnis von Novalis?
Die Kunst ist bei Novalis kein bloßes ästhetisches Spiel, sondern das höchste „Organ“, um das Undarstellbare und das „Selbstbewusstsein des Universums“ in der Welt erfahrbar zu machen.
- Arbeit zitieren
- Magister Artium Bernhard Paha (Autor:in), 1993, Die Spiegelbildlichkeit von Mensch und Natur. Die "Lehrlinge zu Sais" und Novalis' Projekt einer Moralisierung von Mensch, Welt und Natur, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/386205