Gretchen Reinwalds letztes Schuljahr - Beispiel für Backfischliteratur des späten 19. Jahrhunderts


Hausarbeit (Hauptseminar), 2004

17 Seiten, Note: 2


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung

2. Literaturtheoretische Hintergründe
2.1. Backfischliteratur
2.2 „Gretchen Reinwald“ als Beispiel für Backfischliteratur

3. Konzepte und Möglichkeiten der Behandlung im Unterricht
3.1. Warum gerade „Gretchen Reinwald“?
3.2. Welche Schüler als Zielgruppe?
3.3. Literaturdidaktische Auseinandersetzung mit dem Buch-verschiedene Herangehensweisen anhand ausgewählter Stellen im Buch
3.3.1. Literarisch-Diskursiv
3.3.2. Gesprächsorientiert
3.3.3. Handlungs-Projektorientiert
3.3.4. Integrativ-Fächerübergreifend

4. Reflektion

5. Literatur

6. Anhang

1. Einleitung

„Backfischliteratur“-und das in der Schule? Das waren meine ersten Gedanken, als ich im Rahmen des Deutschdidaktikseminars „Literarische Familienbilder zwischen Idylle und Katastrophe“ die Behandlung des Buches „Gretchen Reinwalds letztes Schuljahr“ übernahm.

Ich assoziierte sofort den erhobenen Zeigefinger, die kaiserzeitliche Moral und das antiquierte Geschlechterverständnis von Romanen wie Emmy von Rhodens „Trotzkopf“ oder Thekla von Gumperts „Backfischchen“. Ein wenig später erinnerte ich mich aber auch an die Faszination und Spannung mit der ich selbst als 8 bis10 jährige die 4 Bände des „Trotzkopf“ gelesen hatte und begann mich mit dem Thema differenzierter auseinander zu setzten. So wurde die Beschäftigung mit „Gretchen Reinwald“ für mich zu einer interessanten und zuweilen auch überraschenden Reise in eigene unhinterfragt übernommenen Vorstellungsmuster und Prägungen, welchen heute mit 15 Jahren Abstand ganz andere Bedeutung zukommt.

Im Zuge der Auseinandersetzung mit dem Thema fiel mir zunehmend auf, dass die Beschäftigung mit der Backfischliteratur im Rahmen der Geschichte der Mädchenliteratur in Bezug auf dieses Buch ebenso hoch interessant ist, wie das Herausgreifen einzelner Themenkomplexe zur Behandlung im Unterricht. Aber auch der Vergleich dieser Art Lektüre mit anderen zeitgenössischen Herangehensweisen an das Thema „Familie“ kann zu interessanten kultur- und sprachgeschichtlichen Erkenntnissen führen. Dies kann im Literaturunterricht über den Vergleich mit beispielweise Franz Kafka („Der Vater“) oder Thomas Mann („Die Buddenbrooks“) aber auch fachübergreifend im Kunstunterricht oder im Geschichtsunterricht (Quellenarbeit, zeitgenössische Frauenzeitschriften, erste Fotografien) geschehen.

Leider ist es in dieser Arbeit nur möglich, einen Bruchteil der verschiedenen Möglichkeiten aufzuzeigen, die eine Beschäftigung mit dem Thema zulassen. Da die Auseinandersetzung mit „Gretchen Reinwald“ vorrangig im Hauptseminar „Familienbilder zwischen Idylle und Katastrophe“ stattfand, werde ich mich hauptsächlich auch auf die Ergebnisse des Seminars beziehen.

Außerdem soll darauf hingewiesen werden, dass der in der Arbeit übliche Buchtitel „Gretchen Reinwald“ sich auf das Buch „Gretchen Reinwalds letztes Schuljahr“ bezieht. Eine Bearbeitung des vorangehenden Sapper Buches: „Gretchen Reinwalds erstes Schuljahr“ war aufgrund von Beschaffungsproblemen (Buch ist vergriffen und weder über ebay.de, amazon.de oder Fernleihe zu bekommen) leider nicht möglich.

Im ersten Teil der Arbeit also, soll der Schwerpunkt auf die literaturtheoretischen und gesellschaftlichen Hintergründe der Backfischliteratur im Allgemeinen gelegt werden. Ich möchte aufzeigen, wie es zur Herausbildung einer speziellen Backfischliteratur kam, sowie deren Aufbau und Ziele beschreiben. Danach werde ich auf die Autorin von „Gretchen Reinwalds letztes Schuljahr“, Agnes Sapper und ihr Werk im Besonderen hinweisen und schließlich ihr Buch „Gretchen Reinwalds letztes Schuljahr“ im Hinblick auf seine Stellung in der Backfischliteratur einordnen.

Der zweite Teil der Arbeit beschäftigt sich mit den Möglichkeiten einer literaturdidaktischen Umsetzung des Buches im Deutschunterricht verschiedener Schularten. So soll hier aufgezeigt werden, ob und warum „Gretchen Reinwald“ sich zur Behandlung im Unterricht anbietet und auf welche Weise eine Beschäftigung mit dem Buch fruchtbar sein könnte. Besonderer inhaltlicher Schwerpunkt soll hier - wie durch das Seminar vorgegeben - auf die Berücksichtigung der Familienmodelle im Backfischroman gelegt werden. So werden in der Arbeit verschiedene Herangehensweisen an das Thema Familienstrukturen vorgestellt und diskutiert. Da ein Großteil davon schon im Seminar erprobt wurde, sollen Erfahrungsberichte mit den jeweiligen Formen der Literaturdidaktik hier zur Diskussion geeigneter Formen der Literaturvermittlung beitragen.

Am Ende der Arbeit sollen persönliche Einschätzung der Verwendbarkeit des Buches im Literaturunterricht der Schule, sowie Vor- und Nachteile einer Behandlung von Backfischliteratur im Deutschunterricht unter Verwendung der im Seminar erworbenen Ergebnisse diskutiert werden.

Hilfreiche Literatur zum Thema Backfischliteratur und Familienmodelle um die Jahrhundertwende waren: Dagmar Grenz und Gisela Wilkendings: „Geschichte der Mädchenliteratur[1] “, Gisela Wilkendings Aufsatz: „Das bürgerliche Familienmodell im Spiegel der „klassischen“ Pensionsgeschichte[2] “, sowie Erwin Geitners: „Die Darstellung der Familie in Kinder und Jugendbüchern“[3] in welchen der neueste Forschungsstand zu diesem Thema aufbereitet wird. Schon etwas älter, aber trotzdem hilfreich hat sich Dagmar Grenz Vorgängerbuch zur „Geschichte der Mädchenliteratur“, nämlich: „Mädchenliteratur“[4] erwiesen. Für die literaturdidaktische Aufbereitung des Stoffes stützt sich meine Arbeit hauptsächlich auf Klaus Michael Bogdal/Hermann Korte: „Grundzüge der Literaturdidaktik“[5]. Für die verschiedenen Formen des Umganges mit Romanen im Unterricht bezog ich mich im Referat auf Karl Schusters: „Einführung in die Fachdidaktik Deutsch“[6]. Da ich erst NACH dem Referat im Seminar darüber informiert wurde, dass dieses Buch zur Unterrichtsvorbereitung nicht geeignet ist, tauchen seine Ansätze in dieser Arbeit zwar auf, sollen aber durch die Inhalte des Materialbandes SS 2003 des Lehrstuhls Didaktik der deutschen Sprache und Literatur an der Universität Bamberg und Klaus Maiwalds: „Literatur lesen lernen[7] “ ergänzt werden. Einige weitere Literaturnachweise stammen aus dem Internet (Werk Agnes Sappers, Lehrpläne), diese sind an der passenden Stelle ordnungsgemäß gekennzeichnet.

2. Hintergründe

2.1. Backfischliteratur

Backfischliteratur kann als die erste Epoche der Mädchenliteratur bezeichnet werden. Sie entwickelte sich ab etwa 1850 aus der biedermeierisch-idyllischen Umkehr- und Abkehrgeschichte zu einer eigenen Form der Literatur, speziell für Mädchen aus dem höherem Bürgertum zwischen „Kinderstube und Salon“[8], also im Alter zwischen 12 und 14 Jahren.

Dieser literarischen Entwicklung ging eine Veränderung der Lebensumstände und Familienstrukturen des Bürgertums voraus, welches in der Zeit zwischen 1800 und 1900 erheblich an gesellschaftlichem Einfluss gewann. Im Zusammenhang mit dem aufkommendem Kapitalismus und der ausschließlichen Berufstätigkeit des Mannes veränderte sich die Rolle der Frau ebenfalls von Grund auf. Durch die Trennung von Produktion (also Arbeitsstelle) und Familie entfernten sich die Geschlechterrollen voneinander. Der Mann sorgte für den finanziellen Erhalt der Familie. Die Frau war für das Hauswesen, die Kindererziehung und - mit der Verbesserung der Einkommenslage und der daraus resultierenden Dienerschaft- oft hauptsächlich für Repräsentationspflichten zuständig![9] Diese Entwicklungen führten zu einem völlig neuen Frauenbild. Zeitgenössische Quellen sprechen von einer Rückkehr zur „seelenvollen Weiblichkeit, der sanftmütigen, häuslichen Frau, die sich mit Hingabe um das Wohl und die Bildung der Kinder sorgt, und ihrem Ehemann in ehelicher Liebe verbunden ist“[10] und so –zumindest nach außen hin- das Bild einer harmonischen Familie aufrecht erhielt[11].

Parallel mit dem Aufstieg des Bürgertums verbesserten sich auch die Möglichkeiten des Buchdrucks. Aufgrund dieser Entwicklung veränderte sich auch die Stellung der literarischer Bildung. Auch Frauen sollten nun belesen und gebildet sein. So überrascht es nicht, dass sich im Spannungsfeld zwischen veränderter Frauenrolle und leichterer Zugänglichkeit zu Literarischem sich eine neue Form der Literatur, nämlich die Mädchen- und ein wenig später die Backfischliteratur entwickelte. Diese sollte die Mädchen auf ihre spätere Rolle als Ehefrau, Mutter und Gesellschafterin vorbereiten.

[...]


[1] Grenz, Dagmar, und Wilkending, Gisela: Geschichte der Mädchenliteratur. Juventa Weinheim und München: 1997

[2] Wilkending, Gisela: Das bürgerliche Familienmodell im Spiegel der „klassischen“ Pensionsgeschichte in: Ewers, H-H.:Familienszenen, Juventa, Weinheim und München, 1999, S. 41-63.

[3] Geitner, Erwin, Die Darstellung der Familie in Kinder- und Jugendbüchern heute. Rheinfelden: Schäuble Verlag 1996.

[4] Grenz, Dagmar: Mädchenliteratur. Stuttgart: Metzlersche Verlagsbuchhandlung, 1981

[5] Bogdal, Klaus-Michael und Korte, Hermann: Grundzüge der Literaturdidaktik. München, 2002

[6] Schuster, Karl : Einführung in die Fachdidaktik Deutsch. Hohengehren: Schneider Verlag 2001

[7] Maiwald, Klaus: Literatur lesen lernen, Begründung und Dokumentation eines literaturdidaktischen Experiments Hohrengehren: Schneider Verlag, ,2001.

[8] Grenz, Dagmar: Mädchenliteratur: S 217.

[9] Vergl: Geitner, Erwin, Die Darstellung der Familie..S. 20

[10] Vergl: Wilkending, Gisela: Das bürgerliche Familienmodell ...S. 48.

[11] Vergl: Geitner, Erwin, Die Darstellung der Familie .S. 21

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Gretchen Reinwalds letztes Schuljahr - Beispiel für Backfischliteratur des späten 19. Jahrhunderts
Hochschule
Otto-Friedrich-Universität Bamberg  (Lehrstuhl für Didaktik der deutschen Sprache und Literatur)
Veranstaltung
Literarische Familienbilder im Deutschunterricht
Note
2
Autor
Jahr
2004
Seiten
17
Katalognummer
V38644
ISBN (eBook)
9783638376457
Dateigröße
581 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Gründliche Auseinandersetzung mit dem Thema Backfischliteratur am Beispiel des Romanes Gretchen Reinwald von Agnes Sapper
Schlagworte
Gretchen, Reinwalds, Schuljahr, Beispiel, Backfischliteratur, Jahrhunderts, Literarische, Familienbilder, Deutschunterricht
Arbeit zitieren
Anja Rein (Autor), 2004, Gretchen Reinwalds letztes Schuljahr - Beispiel für Backfischliteratur des späten 19. Jahrhunderts, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/38644

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