Angesichts der zentralen Bedeutung, die audiovisuelle Medien wie der Kinofilm, das Radio und später vor allem das Fernsehen für die Alltagskultur des 20. Jahrhunderts innehaben, wurde in den Kulturwissenschaften ein pictorial turn und später ein iconic turn gefordert: Die in den Geisteswissenschaften vorherrschende Fokussierung auf reine Schriftzeugnisse sollte überwunden werden. Auch in der Geschichtswissenschaft setzt sich zunehmend die Erkenntnis durch, dass bewegte Bilder einen Quellenwert besitzen.
Die Annahme, dass das Massenmedium Fernsehen (und jedes andere Massenmedium) einem Spiegel der Gesellschaft gleicht, der relevante Themen und zugrunde liegende Einstellungen abbildet, bedarf einer Operationalisierung der medialen Funktion des Mediums. Dasselbe gilt für die Medienwirkungen, also den Wandel von Geisteshaltungen durch Einflussnahme auf die Zuschauer.
Einen Beitrag, um die „Medienblindheit“ der Geschichtswissenschaft zu erhellen, können die Medien- und Kommunikationswissenschaften liefern. Diese Arbeit soll den Film "Smog" unter Zuhilfenahme medienwissenschaftlicher Theorien analysieren. Dabei soll die Quelle umfassend in ihrem zeitgeschichtlichen Hintergrund verortet werden: Als medialer Ausdruck gesellschaftlicher Wahrnehmungsmuster, aber auch als Ergebnis des künstlerischen Schaffens der Beteiligten.
In der Analyse werden u.a. der narrative (Story und Dramaturgie), visuelle (Symbole, Komposition, Schnitt) und sprachliche Code (Dialoge) sowie Rezeption und Ideologischer Code im Film untersucht.
Inhaltsübersicht
1 Medientheorien
1.1 Versuch einer Systematisierung und Vorauswahl, Forschungsüberblick
1.2 Medium und Medialität – Einige Grundannahmen
1.3 (Massen)Medien und Gesellschaft: Gesellschaftliche „Realität“ ist Medienrealität
1.4 Cultural Studies als Medienanalyse
1.4.1 Stuart Hall: Das „encoding/decoding“-Modell
1.4.2 John Fiske: Ideologie als Code
1.5 Filme und Fernsehsendungen als Zeichensysteme
1.6 Medientheorien in der geschichtswissenschaftlichen Quellenanalyse: Ein Zwischenfazit
2 Medienproduktanalyse: „Smog“
2.1 Der Film: Künstlerische Codes
2.1.1 Narrativer Code: Story und Dramaturgie
2.1.2 Visueller Code: Symbole, Komposition, Schnitt
2.1.3 Auditiver Code: Geräusche und Musik
2.1.4 Sprachlicher Code: Dialoge
2.2 Rezeptionsmöglichkeiten und Rezeption
2.3 Ideologische Codes und Diskurse im Film
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den Fernsehfilm „Smog“ (1972) als historische Quelle unter Verwendung medienwissenschaftlicher und kulturwissenschaftlicher Ansätze. Ziel ist es, das Potential fiktionaler audiovisueller Medien für die zeithistorische Forschung aufzuzeigen und dabei zu klären, inwieweit der Film zeitgenössische Mentalitäten und gesellschaftliche Einstellungen widerspiegelt.
- Analyse der Konstruktion sozialer Realität durch audiovisuelle Massenmedien.
- Anwendung des „encoding/decoding“-Modells nach Stuart Hall auf ein konkretes Medienprodukt.
- Untersuchung der filmästhetischen und narrativen Codes des Films „Smog“.
- Operationalisierung kulturwissenschaftlicher Begriffe wie Ideologie und Diskurs für die historische Quellenanalyse.
- Reflektion über die Möglichkeiten und Grenzen der mentalitätsgeschichtlichen Interpretation filmischer Quellen.
Auszug aus dem Buch
2.1.4 Sprachlicher Code: Dialoge
Die Übermittlung von Bedeutungen übernimmt bei „Smog“ vor allem der Dialog. Die Sprechakte in den einzelnen Szenen sind neben vereinzelten Einblendungen die wichtigste Orientierung in den wechselnden Szenen. Dabei werden den Protagonisten in ihren kurzen Dialogpassagen „typische“, also durch Alltagswissen mit den Personengruppen schematisch verbundene Stile des Ausdrucks, der Wortwahl und der Inhalte in den Mund gelegt. Die Verwendung dieser Schemata bis hin zum örtlichen Dialekt verstärkt ebenfalls die authentische Wirkung, übermittelt aber durch die Vielzahl der enthaltenen Protagonisten mit ihren inhaltlich jeweils spezifisch beschränkten Aussagen dennoch eine große Zahl an Informationen.
Einige Beispiele sollen dies erläutern: Kurz vor Ende des dritten Handlungstages und der folgenden Auflösung finden Gespräche zwischen der Geschäftsführung der „Globag“ und einigen protestierenden statt. Diese sind schätzungsweise Anfang 20 und sind durch Kleidung (uneinheitlich, Jeans) und Frisuren (Bärte, längere Haare) mit den visuellen codes der zeitgenössischen Studentenproteste gekennzeichnet, ihre Gegenüber im Anzug. Die Protestierenden verweisen auf ihre bereits beim Bau der Werke vor einigen Jahren geäußerten Bedenken hinsichtlich der Luftreinhaltung, während die Gegenseite auf die Notwendigkeit gesamtwirtschaftlichen Wachstums verweist und anderslautende Meinungen als „ähnlich wie der Morgenthauplan“ disqualifiziert. Gleichzeitig erfolgt der Hinweis auf die Möglichkeit einer Fertigung in den Niederlanden, denn „woanders nimmt man uns mit Kusshand“, so die Figur des Direktor Grobeck. Beide Gruppen knüpfen mit ihren Dialogen an spezifische Diskurse an: Die Vertreter der Industrie an einen ökonomischen Wachstumsdiskurs, der allgemeines Wachstum durch Arbeitsplätze mit individuellem Wohlstand assoziiert. Die Protestgruppe referiert dagegen auf eine Sinnkonstruktion, die individuelles und gemeinschaftliches Wohl non-materiell definiert, zum Beispiel über Gesundheit und Zugang zu Naturgebieten.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Medientheorien: Dieses Kapitel systematisiert medienwissenschaftliche Ansätze und etabliert einen konstruktivistischen Rahmen, um Massenmedien als Akteure bei der gesellschaftlichen Wirklichkeitskonstruktion zu verstehen.
2 Medienproduktanalyse: „Smog“: In diesem Hauptteil wird der Film anhand spezifischer Codes (narrativ, visuell, auditiv, sprachlich) analysiert, um die ideologischen Diskurse und die intendierten Lesarten des Werks herauszuarbeiten.
Schlüsselwörter
Medienwissenschaft, Cultural Studies, Smog, Wolfgang Petersen, Fernsehfilm, Konstruktivismus, Historische Quellenanalyse, Zeithistorie, Encoding-Decoding, John Fiske, Stuart Hall, Mentalitätsgeschichte, Medienanalyse, Filmcode, Gesellschaftliche Realität.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, wie Historiker fiktionale Fernsehfilme als Quellen nutzen können, um mentalitätsgeschichtliche Einsichten über die Gesellschaft zu gewinnen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind Medien als Instrumente der Wirklichkeitskonstruktion, die Rolle von Ideologie in populärkulturellen Medien und die Analyse filmischer Codes.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, zu prüfen, ob und wie der Film „Smog“ zeitgenössische Einstellungen und Mentalitäten der frühen 1970er Jahre in Deutschland reflektiert.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden verwendet?
Es werden medienwissenschaftliche Theorien, insbesondere Ansätze der Cultural Studies wie das „encoding/decoding“-Modell von Stuart Hall und John Fiskes semiotische Filmanalyse, auf einen historischen Film angewandt.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil widmet sich der detaillierten Analyse des Films „Smog“ hinsichtlich seiner narrativen, visuellen, auditiven und sprachlichen Gestaltungselemente.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Medienanalyse, Cultural Studies, Konstruktivismus, historische Quellenanalyse und den spezifischen Untersuchungsgegenstand „Smog“ charakterisieren.
Warum wurde gerade der Film „Smog“ für die Untersuchung ausgewählt?
Der Film von 1972 gilt als Wendepunkt im Umweltbewusstsein der Bundesrepublik und bietet durch seine fiktive Darstellung eines Smog-Alarms reiches Material für die Untersuchung gesellschaftlicher Wahrnehmungsmuster.
Inwiefern beeinflussen Ideologien die filmische Darstellung im untersuchten Werk?
Die Arbeit zeigt auf, dass der Film verschiedene gesellschaftliche Diskurse – wie etwa einen ökonomischen Wachstumsdiskurs gegenüber einem postmaterialistischen Wohlstandsverständnis – anhand codierter Dialoge und filmästhetischer Mittel gegeneinander ausspielt.
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- M.A. Christoph Sprich (Author), 2011, Zugänge der Medienwissenschaften und Cultural Studies zu Fernsehsendungen als historische Quelle. Code, Ideologie und Rezeption im Fernsehfilm „Smog“, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/386538