Vom Tod Gottes in Nietzsches "Also sprach Zarathustra"


Essay, 2017
4 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Vom Tod Gottes in Also sprach Zarathustra

„Gott ist todt!“[1] – Zu dieser berühmten Sentenz aus Die Fröhliche Wissenschaft stellt Friedrich Nietzsche in seinem Folgewerk, Also sprach Zarathustra, an zahlreichen Stellen explizite Bezüge her. Was der „Tod Gottes“ für die weiteren großen Gedanken Zarathustras – die zugleich auch in Nietzsches Spätwerk einen thematischen Kanon bilden – bedeutet, lässt sich aus einem Zitat der Nachgelassenen Fragmente Nietzsches bestimmen, wo er sich „als der erste vollkommende Nihilist Europas, der aber den Nihilismus selbst schon in sich zu Ende gelebt hat“[2] bezeichnet. Der „Übermensch“ und die „Ewige Wiederkunft des Gleichen“ sind so als immunologische Antwort auf jenen Nihilismus hin zu verstehen, der aus dem „Tode Gottes“ resultiert. Mit ihrer Hilfe soll es dem Einzelnen gelingen, „den Nihilismus selbst schon in sich zu Ende“[3] zu leben, was heißt ihn aus eigener Kraft zu überwinden. Wenn also der „Tod Gottes“ die gesamte dichterische Komposition des Zarathustras implizit als basso continuo durchdringt, so kann ich mich in dieser kurzen Reflexion nur auf jene Textpassage von Also sprach Zarathustra beschränken, in der das Thema „Vom Tod Gottes“ am drastischsten hervorklingt. Ich werde mich im Folgenden auf das Kapitel „Zarathustra’s Vorrede“ konzentrieren, da hier zum einen das erste Mal vom „Tode Gottes“ die Rede ist, und sich zum anderen hier die Bedeutung dieses Gedanken für die Gesamtkomposition des Zarathustras am deutlichsten erkennen lässt.

Nach langjähriger Einsamkeit steigt Zarathustra aus seinem Gebirge hinab, um wieder unter die Menschen zu treten. Auf diesem Weg stellt sich ihm derselbe Greis entgegen, der ihm zehn Jahre zuvor beim Erklimmen des Gebirges begegnete, als Zarathustra seine „Asche zu Berge“[4] trug. Der Greis führte in diesem Zeitraum ein Eremiten-Dasein zur Huldigung Gottes. Als Zarathustra ihm sein Vorhaben eröffnet, „den Menschen ein Geschenk“[5] zu bringen, rät der Greis ihm dazu, den Menschen doch etwas abzunehmen. Aber Zarathustra scheidet ungerührt von dem Greis, ihm hätte er nichts zu geben und wenn er ihn nicht eilig verlassen würde, müsste er ihm tatsächlich etwas abnehmen[6]. Wieder für sich alleine verwundert sich Zarathustra schließlich über den Greis: „Sollte es denn möglich sein! Dieser alte Heilige hat in seinem Walde noch Nichts davon gehört, dass Gott todt ist!“[7].

Es ist bezeichnend, dass der „Tod Gottes“ als erster der großen Gedanken Zarathustras im Werk erwähnt wird. Der „Tod Gottes“ ist ein genuiner Gedanke Zarathustras. Er steht nicht für einen einfachen Atheismus, der auch den gemeinen Menschen auf dem Markt bekannt ist, denen Zarathustra später den „Übermenschen“ verkünden wird[8] ; auch wenn er zuerst am Greis als Archetyp eines Gottgläubigen kontrastiert wird. Die Formulierung „Gott ist tot“ trägt einen größeren semantischen Gehalt als etwa die Behauptung „Gott existiert nicht“. Mit dem Prädikat „tot“ wird Gott nicht nur negiert, er wird als eine der Zeit unterworfene Entität gedeutet, da er, um sterben zu können, auch gelebt haben muss. Diese Vorstellung eines der Zeit unterworfenen Gottes steht allerdings im Gegensatz zu dem jüdisch-christlichen Glauben an die Ewigkeit JHWs[9]. Mit der scheinbar widersprüchlichen Attribuierung von Zeitlichkeit wird also nicht bloß die Idee des ewigen Gottes dementiert, es wird vor allem auch die implizierte ewige Relevanz dieser Idee für den Menschen verneint. Für lange Zeit war Gott die sinn- und wertstiftende Instanz der Menschen und ihres Zusammenlebens. Wer auf Gott vertraute wurde auch für die ewige Gültigkeit der von Gott stammenden Werte versichert und durfte sich in einer religiösen Gemeinschaft mit anderen Menschen verbunden fühlen. Zarathustra nun offenbart sich den Menschen an dem Punkt einer historischen Zäsur, bei der die Idee Gottes ihre Bedeutung eingebüßt hat. In diesem Sinne stellt der „Tod Gottes“ auch eine Zeitdiagnose dar. Die Menschen haben jedoch die folgeschweren Konsequenzen dieses „Todes“ nicht begriffen. Zarathustra verkündet den Übermenschen als „Sinn der Erde“[10], doch wird er verlacht, weil die säkulare Enttäuschung noch überhaupt nicht als Sinnverlust erfahren wird. Die Menschen glauben zwar nicht mehr an jene Werte, die unmittelbar an Gott gebunden waren, aber noch immer glauben sie an die Möglichkeit ewiger, universeller Werte an sich, wie etwa das Glück, das auch gemeinschaftsstiftend wirkt[11]. Die Einsicht, dass Gott erst die Bedingung der Möglichkeit solcher unbedingten Werte war, hat sich noch nicht eingestellt. In der Fröhlichen Wissenschaft bezeichnet Nietzsche diese sich verzögernde Einsicht für die weitreichenden Folgen von „Gottes Tod“ als Schatten Gottes: „[…] Gott ist todt: aber so wie die Art der Menschen ist, wird es vielleicht noch Jahrtausende lang Höhlen geben, in denen man seinen Schatten zeigt. — Und wir — wir müssen auch noch seinen Schatten besiegen!“[12].

Zarathustra ist jedoch diesen Höhlen entstiegen, als er seine „Asche zu Berge“ trug. Diese Asche kann als Folge der existentiellen Auseinandersetzung mit dem Nihilismus gedeutet werden, der aus dem „Tode Gottes“ resultiert und alle vormals als sicher gegoltene Werte verschwelt. Zarathustra ist diese Asche in seiner Einsamkeit fruchtbar geworden und so kommt er auch zu der Einsicht, dass seine Lehren zur Überwindung des Nihilismus nur von wenigen Einzelnen, den „Schaffenden“[13], aufgenommen werden können: „Den Einsiedlern werde ich mein Lied singen und den Zweisiedlern; und wer noch Ohren hat für Unerhörtes, dem will ich sein Herz schwer machen mit meinem Glücke“[14]

Um sich noch einmal zu vergegenwärtigen, inwiefern die Gedanken des „Übermenschen“ und die „Ewige Wiederkunft des Gleichen“ auf dem „Tode Gottes“ gründen, ist es hilfreich ihre gemeinsamen Merkmale an denen der Idee Gottes zu kontrastieren. Gott steht für das unbedingt Allgemeine, das jede Vereinzelung in seiner Transzendenz aufhebt. Sein Wort besitzt unanfechtbare Gültigkeit, richtet sich an alle Menschen in demselben Maße und währt ewig. Zarathustras Lehren werten das Einzelne hingegen auf. Dies betrifft sowohl den vereinzelten Menschen, als auch seine intrapsychischen Triebe und Affekte, die sich nicht miteinander aussöhnen lassen. Sie betonen auch die Leiblichkeit und Erdgebundenheit des Menschen. Schließlich besitzen sie auch einen reflektiven Moment ihrer eigenen relativen Gültigkeit und damit verbunden auch ihrer zeitlichen Dimension. Deshalb müssen sie sich gerade an die „Schaffenden“ richten, die dazu bereit sind, sich zyklisch in immer fortwährender Selbstüberwindung zur einzigen Richtinstanz des eigenen Lebens zu erheben.

Literatur

Friedrich Nietzsche, Also sprach Zarathustra I – IV. In: Kritische Studienausgabe in 15 Bänden, hrsg. von Giorgio Colli und Mazzino Montinari, Band 4, dtv/de Gruyter 1988.

Friedrich Nietzsche, Morgenröte. Idyllen aus Messina. Die fröhliche Wissenschaft. In: Kritische Studienausgabe in 15 Bänden, hrsg. von Giorgio Colli und Mazzino Montinari, Band 3, dtv/de Gruyter 1988.

Friedrich Nietzsche, Nachgelassene Fragmente 1887-1889. In: Kritische Studienausgabe in 15 Bänden, hrsg. von Giorgio Colli und Mazzino Montinari, Band 13, dtv/de Gruyter 1988.

[...]


[1] Nietzsche, Die fröhliche Wissenschaft, S. 481

[2] Nietzsche, Nachgelassene Fragmente 1887-1889, S. 190

[3] Nietzsche, Nachgelassene Fragmente 1887-1889, S. 190

[4] Nietzsche, Zarathustra, S. 12

[5] Nietzsche, Zarathustra, S. 13

[6] Vgl. Nietzsche, Zarathustra, S. 12-14

[7] Nietzsche, Zarathustra, S. 14

[8] Vgl. Nietzsche, Zarathustra, S. 14-16

[9] Vgl. 2. Mose 15:18

[10] Nietzsche, Zarathustra, S. 14

[11] Vgl. Nietzsche, Zarathustra, S. 14-15

[12] Nietzsche, Die fröhliche Wissenschaft, S. 467

[13] Nietzsche, Zarathustra, S. 26

[14] Nietzsche, Zarathustra, S. 27

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Details

Titel
Vom Tod Gottes in Nietzsches "Also sprach Zarathustra"
Hochschule
Universität Wien  (Fakultät für Philosophie und Bildungswissenschaft)
Note
1,0
Autor
Jahr
2017
Seiten
4
Katalognummer
V386597
ISBN (eBook)
9783668606135
Dateigröße
426 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Nietzsche, Gott, Tod, Also sprach Zarathustra, Föhliche Wissenschaft
Arbeit zitieren
Linus Hellwig (Autor), 2017, Vom Tod Gottes in Nietzsches "Also sprach Zarathustra", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/386597

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