Immer wieder passieren zahlreiche Verkehrsunfälle auf stark befahrenen Straßen, gewaltgeladene Auseinandersetzungen werden inmitten großer Menschenmengen ausgefochten oder man beobachtet einen älteren Mann im Supermarkt, der sich schmerzerfüllt an die Brust greift – auf den ersten Blick scheinen all diese Notsituationen willkürlich gewählt und ganz unterschiedlich zu sein. Doch was sie alle miteinander verbindet ist die Reaktion der Zeuginnen und Zeugen, die erschreckenderweise in vielen Fällen sehr passiv ausfällt. Die Medien berichten regelmäßig von derartigen Vorfällen, in denen eine notwendige Hilfeleistung nicht erfolgt ist und damit zu einer wesentlichen Verschlimmerung der Situation der oder des Hilfebedürftigen geführt hat. Dabei schüttelt man als Rezipientin oder Rezipient zumeist nur unverständnisvoll den Kopf und fragt sich, was für ein kaltherziger Mensch dies doch gewesen sein muss, der nicht geholfen hat. Reflektiert man hingegen das eigene Verhalten in bereits erlebten Notsituationen, so hat man nach kurzer Bedenkzeit vielleicht einen persönlichen Vorfall vor Augen, bei dem man im Nachhinein lieber anders gehandelt und zumindest Hilfe angeboten hätte. Als kaltherzig und egoistisch würde sich deshalb jedoch noch niemand bezeichnen.
Doch was ist es dann, was uns Menschen in Notsituationen manchmal dazu treibt, nicht zu helfen? Neben einer Reihe von entwicklungspsychologischen und persönlichen Gründen, auf die ich im Rahmen dieser Seminararbeit nicht genauer eingehen werde, gibt es entscheidende situative Einflussfaktoren. Im Folgenden werde ich diese sowie die Motive des Helfens umfassend anhand eigener Praxisbeispiele und Experimente erläutern sowie einige der dargestellten Theorien aus meiner eigenen Sicht kritisch hinterfragen. Ergänzt wird die theoretisch-praktische Betrachtung durch eine eigens durchgeführte empirische Untersuchung in Form eines anonymen Online-Fragebogens, den 422 Personen ausgefüllt haben.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Wodurch kennzeichnet sich eine akute Notsituation?
3. Hilfreiches Verhalten, prosoziales Verhalten, Altruismus – wo liegen die Grenzen?
4. Wie kommt es zu einer Hilfeleistung und wie kann sie gehemmt werden?
4.1 Bemerken des Notfalls
4.1.1 Reizüberflutung
4.1.2 Kognitive Eingeschränktheit und „Tunnelblick“
4.2 Die Situation als Notfall interpretieren
4.2.1 Uneindeutigkeit einer Situation
4.2.2 Bystander-Effekt I: Pluralistische Ignoranz
4.3 Verantwortung übernehmen
4.3.1 Bystander-Effekt II: Verantwortungsdiffusion
4.3.2 Bystander-Effekt III: Bewertungsangst
4.4 Möglichkeiten der Hilfe
4.4.1 Spezifische Kenntnisse in Notsituationen
4.4.2 Subjektives Kompetenzgefühl
4.5 Hilfeleistung
4.5.1 Arousal/Cost-Reward-Modell nach Piliavin et al. (1981)
5. Einfluss von Stimmungen und Gefühlen
5.1 Affekt-Priming-Modell
5.2 Affekt-als-Information-Modell
5.3 Schuldgefühle
5.4 Inneres Stimmungsmanagement
6. Wer trägt die Schuld an der Not?
7. Motive des Helfens – gibt es wahren Altruismus?
7.1 Empathie-Altruismus-Hypothese
7.2 Reziprozität von prosozialem Verhalten und menschlichem Wohlbefinden
8. Empirische Untersuchung zu prosozialem Verhalten
9. Fazit
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die vorliegende Seminararbeit untersucht die psychologischen und situativen Einflussfaktoren, die Menschen in Notsituationen dazu bewegen können, Hilfe zu leisten oder diese zu unterlassen. Ziel ist es, die Diskrepanz zwischen der moralischen Erwartung an Zivilcourage und der häufig zu beobachtenden Passivität von Zeugen zu erklären, wobei sowohl theoretische Modelle als auch eine eigene empirische Untersuchung herangezogen werden.
- Psychologische Dynamiken in Notsituationen (z.B. Bystander-Effekt).
- Einflussfaktoren auf das Hilfeverhalten, wie Interpretation der Lage, Verantwortungsgefühl und Kompetenzerleben.
- Die Rolle von Stimmungen, Emotionen und Altruismus bei der Entscheidung zum Helfen.
- Kritische Reflexion der Kosten-Nutzen-Abwägung bei Hilfeleistungen.
- Empirische Analyse von Gründen für unterlassene Hilfeleistung basierend auf einer Online-Umfrage.
Auszug aus dem Buch
4.2.2 Bystander-Effekt I: Pluralistische Ignoranz
Zahlreiche Studien zum sogenannten Bystander-Effekt belegen: je mehr Menschen an einer Notsituation bewusst beteiligt sind und dabei voneinander wissen, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit, dass eine oder einer der Zuschauerinnen und Zuschauer helfend einschreitet. Umgekehrt ist eine Hilfeleistung am ehesten dann zu erwarten, wenn eine einzelne Person mit einer Notsituation konfrontiert wird oder zumindest davon ausgeht, die alleinige Zeugin oder der alleinige Zeuge zu sein. Deshalb ist dieser Effekt auch als Effekt der Anzahl bekannt (vgl. Hewstone/Jonas/Stroebe 2007, S.302).
In einem beispielhaften Versuch von Latané und Darley (1968) wurden eine Rauchentwicklung und der anschließend ausgelöste Feueralarm innerhalb eines Raumes simuliert, während die Versuchsperson einen Fragebogen ausfüllte. Im ersten Durchgang war die Person alleine im Raum, woraufhin 75% aller Probanden dem Versuchsleiter die Rauchentwicklung meldeten. Im zweiten Durchgang, in dem die Testperson von mehreren fremden, tatenlosen Schauspielerinnen und Schauspielern umgeben war, fielen die Reaktionen jedoch deutlich passiver aus: nur noch 38% meldeten den Notfall (vgl. Fischer/Asal/Krueger, 2013, S.50).
Das Experiment stellte auf eindrückliche Art und Weise dar, wie durch das gemeinsame Abwarten und die Passivität anderer Zeuginnen und Zeugen jede und jeder Einzelne in der prosozialen Handlungsfähigkeit gehemmt wird. „Wenn hier niemand etwas tut, dann wird es wohl auch nicht so schlimm sein“ (Gollwitzer/Schmitt 2009, S.178), denken sich in diesen Situationen die Beteiligten, was letztendlich zu einer kollektiven Fehlattribution führt (vgl. Gollwitzer/Schmitt 2009, S.178). Dieses psychologische Phänomen ist als pluralistische Ignoranz bekannt, die besagt: „je mehr Personen in einer Notfallsituation anwesend sind, desto länger dauert es, bis sich eine Person entschließt, einzugreifen“ (Gollwitzer/Schmitt 2009, S.179).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die Diskrepanz zwischen der Erwartung an prosoziales Verhalten und der häufig beobachteten Passivität von Zeugen bei Notsituationen und stellt die Zielsetzung der Arbeit dar.
2. Wodurch kennzeichnet sich eine akute Notsituation?: Dieses Kapitel definiert die Merkmale einer akuten Notsituation und deren Anforderungen an potenzielle Helfer unter Berücksichtigung von Unvorhersehbarkeit und Zeitdruck.
3. Hilfreiches Verhalten, prosoziales Verhalten, Altruismus – wo liegen die Grenzen?: Hier werden die Begriffsdefinitionen und Abgrenzungen zwischen hilfreichem Verhalten, prosozialem Verhalten und dem Altruismus als uneigennützige Handlungsweise erläutert.
4. Wie kommt es zu einer Hilfeleistung und wie kann sie gehemmt werden?: Das Kapitel analysiert den Prozess des Helfens mittels des Fünf-Stufen-Modells von Latané und Darley und beleuchtet verschiedene Hemmfaktoren wie Reizüberflutung und den Bystander-Effekt.
5. Einfluss von Stimmungen und Gefühlen: Hier wird untersucht, wie positive oder negative Stimmungen sowie Schuldgefühle die Entscheidung zum Helfen über verschiedene Modelle wie das Affekt-Priming-Modell beeinflussen.
6. Wer trägt die Schuld an der Not?: Dieses Kapitel beleuchtet, ob und wie die wahrgenommene (Selbst-)Schuld des Opfers an der Notsituation die Hilfsbereitschaft von Zeugen beeinflusst.
7. Motive des Helfens – gibt es wahren Altruismus?: Hier werden die Empathie-Altruismus-Hypothese und die reziproke Beziehung zwischen prosozialem Verhalten und persönlichem Wohlbefinden diskutiert, um die Frage nach wahrem Altruismus zu erörtern.
8. Empirische Untersuchung zu prosozialem Verhalten: Das Kapitel präsentiert die methodische Durchführung und die Ergebnisse der eigenen Online-Umfrage unter 422 Personen zu den Gründen unterlassener Hilfeleistung.
9. Fazit: Das Fazit fasst die Erkenntnisse zusammen und gibt Handlungsempfehlungen zur Stärkung der Zivilcourage in der Öffentlichkeit.
Schlüsselwörter
Prosoziales Verhalten, Notsituation, Hilfeleistung, Bystander-Effekt, Altruismus, Pluralistische Ignoranz, Verantwortungsdiffusion, Bewertungsangst, Zivilcourage, Sozialpsychologie, Empathie-Altruismus-Hypothese, Arousal/Cost-Reward-Modell, Hemmfaktoren, Motivationspsychologie, Onlineumfrage.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der sozialpsychologischen Frage, warum Menschen in Notsituationen häufig passiv bleiben, anstatt Hilfe zu leisten, und welche Faktoren dieses Verhalten steuern.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen umfassen die Definition von Notsituationen, psychologische Hemmmechanismen wie den Bystander-Effekt, den Einfluss von Emotionen auf das Helfen sowie die wissenschaftliche Debatte um die Existenz von wahrem Altruismus.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das primäre Ziel ist es, die situativen Einflussfaktoren zu identifizieren, die eine Hilfeleistung hemmen, und diese durch eine eigene empirische Untersuchung zu untermauern.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit kombiniert eine umfassende theoretische Literaturanalyse zu sozialpsychologischen Modellen mit einer quantitativen empirischen Untersuchung in Form eines anonymen Online-Fragebogens.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert schrittweise die Hindernisse bei der Hilfeleistung – vom Bemerken der Situation über die Interpretation als Notfall bis hin zur tatsächlichen Hilfeleistung – sowie die Einflüsse von Stimmungslagen und Motivationsstrukturen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den wichtigsten Begriffen zählen Prosoziales Verhalten, Bystander-Effekt, Pluralistische Ignoranz, Zivilcourage, Altruismus und die Kosten-Nutzen-Abwägung.
Was besagt die „pluralistische Ignoranz“ nach Latané und Darley?
Sie besagt, dass Menschen in einer Gruppe dazu neigen, die Passivität anderer als Signal zu deuten, dass kein Notfall vorliegt („wenn niemand reagiert, wird es wohl nicht schlimm sein“), wodurch die individuelle Hilfsbereitschaft sinkt.
Welches Ergebnis lieferte die eigene empirische Umfrage?
Die Umfrage ergab, dass besonders die Uneindeutigkeit der Situation und die Kosten der Hilfe (z.B. Zeitverlust) Hauptgründe für unterlassene Hilfeleistung sind, wobei auch die wahrgenommene Selbstverschuldung des Opfers eine überraschend hemmende Rolle spielt.
Wie kann man laut Autor dem Bystander-Effekt entgegenwirken?
Man sollte in einer Menschenmenge eine Person direkt und persönlich ansprechen („Du in der blauen Jacke, ruf den Notruf!“), um die Verantwortungsdiffusion aufzuheben und die Person handlungsfähig zu machen.
- Citar trabajo
- Bianca Matt (Autor), 2017, Verkehrsunfall und niemand hilft – warum?, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/386618