Wie viel Humor verträgt ein Heiliger Stuhl? Das Verhältnis der katholischen Kirche zur Satirezeitschrift "Titanic"


Hausarbeit, 2016
15 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. „Was darf die Satire?“

3. Klagen der katholischen Kirche gegen „Titanic“
3.1 Der Missbrauchsskandal
3.2 „Vatileaks“

4. Reaktionen
4.1 Kirche
4.2 „Titanic“

5. Fazit

Literaturverzeichnis

Anhang

Wie viel Humor verträgt ein Heiliger Stuhl?

Über das Verhältnis der Katholischen Kirche zur Satirezeitschrift „Titanic“ „Wenn einer bei uns einen guten Witz macht, dann sitzt halb Deutschland auf dem Sofa und nimmt übel. [...] Die Satire beisst [sic!], lacht, pfeift und trommelt die große, bunte Landknechtstrommel gegen alles, was stockt und träge ist.“

Kurt Tucholsky (1919)

1. Einleitung

Was Kurt Tucholsky der deutschen Gesellschaft anno 1919 attestierte, scheint auch heute, fast ein Jahrhundert später noch zuzutreffen. In schöner Regelmäßigkeit gelingt es deutschen Satirikern, lebhafte und emotionale Debatten über die Grenzen der Satire und des Humors auszulösen. Noch immer hallt die Diskussion um Jan Böhmermanns Schmähgedicht auf den türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan im Frühjahr 2016 nach. Fühlten sich in diesem Fall ein ausländischer Politiker und viele seiner Landsleute beleidigt, so reagieren oftmals Religionsgemeinschaften am heftigsten auf Satiren gleich welcher Art ihrer Religion. In dieser Arbeit soll der Frage nachgegangen werden, wie es um das Verhältnis zwischen der katholischen Kirche und dem deutschen Satiremagazin „Titanic“ bestellt ist.

Grundlage der Arbeit ist die Analyse ausgewählter Satiren der „Titanic“, die aufsehenerregende Streitigkeiten zwischen der Kirche bzw. Gläubigen und der Redaktion der Titanic auslösten, und der rechtlichen Konsequenzen dieser. Ferner handelt es sich um das Titelblatt der Aprilausgabe 2010 sowie das Titelblatt und die Rückseite der Juliausgabe 2012. In beiden Fällen, versuchte die katholische Kirche vergeblich, die weitere Verbreitung dieser Ausgaben zu verhindern. Ausgesucht wurden diese beiden Fälle aufgrund des enormen Medienechos, welches sie nach sich zogen. Andere Rechtsstreitigkeiten zwischen Kirche und „Titanic“ erlangten keine derartige Aufmerksamkeit und stießen demnach auch keine gesellschaftlichen Debatten an.

Der Forschungsstand zum Thema Satire und Christentum ist sehr dünn, um nicht zu sagen kaum vorhanden. Literatur zu dem Thema bezieht sich fast ausschließlich auf Karikaturen (Müller, 1996, Gardes, 2008), neuere Literatur vor allem auf Karikaturen des islamischen Propheten Mohammed (Debatin, 2007), welche immer wieder Proteste von Muslimen verursachen und schließlich im Anschlag auf das französische Satireblatt „Charlie Hebdo“ Anfang 2015 gipfelten. Die Arbeit wird sich daher auf die Analyse der genannten Fälle und die Gegenüberstellung gegensätzlicher Meinungen zu dem Thema beschränken.

2. „Was darf die Satire?“

Immer, wenn satirische Darstellungen in der Kritik stehen, wird die Frage gestellt: Darf man das? Ist das überhaupt erlaubt? Bereits 1919 stellte der Autor und Journalist Kurt Tucholsky in seinem Essay „Was darf Satire?“ die Gretchenfrage: „Was darf die Satire?“ (Tucholsky, 1919, S. 1). Platt gesagt, darf sie, was nicht verboten ist. Sie ist grundsätzlich von der Kunst- und Meinungsfreiheit gedeckt und findet ihre Schranken in den allgemeinen Gesetzen (Artikel 5, Grundgesetz). Wie andere Veröffentlichungen auch darf sie beispielsweise nicht beleidigend sein, zu Straftaten aufrufen oder unwahre Behauptungen verbreiten, solange dies nicht eindeutig als satirische Übertreibung zu erkennen ist. Auch ist Satire, genau wie ernste Publikationen dem deutschen Pressekodex unterstellt. Für satirische Darstellungen sind im Besonderen die Ziffern 1, 9, 10 und 12 bedeutend. Ziffer 1 beinhaltet das Gebot der „Achtung vor der Wahrheit, die Wahrung der Menschenwürde und die wahrhaftige Unterrichtung der Öffentlichkeit“. Ziffer 9 verbietet es, Menschen in unangemessener Weise in Wort oder Bild in ihrer Ehre zu verletzen. Ziffer 10 mahnt den Verzicht der Schmähung religiöser, weltanschaulicher oder sittlicher Überzeugungen an. Ziffer 12 schreibt vor, dass niemand auf aufgrund seines Geschlechts, einer Behinderung oder der Zugehörigkeit ethnischen, religiösen, sozialen oder nationalen Gruppe diskriminiert werden darf. (Deutscher Presserat)

„Je suis Charlie!“ Mais est-ce que nous sommes Charlie toujours?

Nach dem Terroranschlag auf die Redaktionsräume von „Charlie Hebdo“ war der Satz „Je suis Charlie“ („Ich bin Charlie“) als Zeichen der Anteilnahme in der freiheitlich-demokratischen Welt allgegenwärtig. Weiterhin sollte dadurch die Freiheit der Meinungsäußerung und der Kunst, insbesondere der Satire, zum Ausdruck gebracht werden. Jedoch kann durchaus bezweifelt werden, ob jede dieser Solidaritätsbekundungen ein aufrichtiges Bekenntnis zur Satire und Kunstfreiheit war, oder ob sie in vielen Fällen eher ein Symbol gegen den Terror war. Gerade im Fall der Kirchen ist von einer bedingungslosen Solidarisierung mit „Charlie Hebdo“ nicht auszugehen. Erscheinen deren Satiren (auch auf das Christentum) oft schärfer als die der deutschen Kollegen von der „Titanic“. Wie reagiert also die katholische Kirche, wenn sie von Humoristen angegriffen wird?

3. Klagen der katholischen Kirche gegen „Titanic“

Insgesamt achtmal leitete die katholische Kirche rechtliche Schritte gegen Darstellungen der „Titanic“ ein (Bartle, 2016). Wie bereits erwähnt, werden im Folgenden die zwei aufsehenerregendsten Rechtsstreitigkeiten dargestellt.

3.1 Der Missbrauchsskandal

Im April 2010 veröffentlichte die Titanic ein Titelblatt, das einen gekreuzigten Jesus und einen katholischen Geistlichen zeigt. Der Geistliche ist dem Betrachter ab- und dem Kreuz zugewandt. Das Kruzifix hängt in der Höhe, dass der Kopf des

Geistlichen den Körper Jesu zur Hälfte verdeckt und nur der Oberkörper sichtbar ist. Der Kopf befindet sich etwas auf Hüfthöhe der Statue. Aus einer Wunde im Brustbereich der Statue tropft Blut. Die Handhaltung des Geistlichen und der Gesichtsausdruck der Jesusstatue implizieren, dass der Geistliche sich oral an Jesus vergeht. Die Bildunterschrift lautet: „Kirche heute“.

Die Darstellung ist eine Anspielung auf die zahlreichen Fälle, in denen katholische Geistliche sich an Kindern vergingen, und die nach Meinung der „Titanic“ zu zaghafte Aufklärung dieser durch die Kirche. Bei der zuständigen Staatsanwaltschaft in Frankfurt gingen 18 Strafanzeigen nach § 130 StGB Volkverhetzung oder § 166 StGB Beschimpfung von Bekenntnissen, Religionsgesellschaften und Weltanschauungsvereinigungen ein (Welt, 2010). Beim Deutschen Presserat wurden insgesamt 198 Beschwerden eingereicht (Focus, 2010). Die Beschwerden wurden nach den Ziffern 9 - Schutz der Ehre, Ziffer 10 - Religion, Weltanschauung, Sitte und Ziffer 11 - Sensationsberichterstattung eingereicht. Der Presserat verzichtete jedoch auf Maßnahmen. Das Titelbild kritisiere die Missbrauchsfälle in der Kirche und schmähe nicht den christlichen Glauben an sich. Satire könne pointiert sein und an Grenzen gehen. Die Darstellung sei ebenfalls nicht ehrverletzend gegenüber katholischen Würdenträgern und auch nicht unangemessen sensationell. (Deutscher Presserat, 2010) Auch die Staatsanwaltschaft entschied sich schließlich, kein Verfahren gegen die „Titanic“ einzuleiten. Durch das Cover der „Titanic“ werde der öffentliche Frieden nicht gestört, das sei er bereits durch die Missbrauchsfälle. Satire lebe von Verzerrung und Übertreibung. Zudem sei der Vorwurf der Volksverhetzung nicht haltbar, da keine Bevölkerungsgruppe, sondern mit der katholischen Kirche eine Institution kritisiert werde. (Becker, Meedia, 2010)

3.2 „Vatileaks“

Das Cover der im Juli 2012 erschienenen Ausgabe der „Titanic“ zeigt Papst Benedikt XVI. vor hellblauem Hintergrund, wie er mit beiden Händen dem Betrachter zuwinkt. Seine weiße Soutane ist vom Hüftbereich abwärts mit einem großen, länglichen, gelben Fleck beschmutzt. In der rechten, oberen Ecke des Bildes steht geschrieben: „Halleluja im Vatikan“. In der Mitte des Bildes steht in größerer Schrift: „Die undichte Stelle ist gefunden!“. Auf der Rückseite der Ausgabe ist Papst Benedikt von hinten zu sehen. Auf der Soutane befindet in Gesäßhöhe ein brauner Fleck. Die Schlagzeile in der Mitte des Bildes lautet hier: „Noch eine undichte Stelle gefunden!“.

Die „undichte Stelle“ spielt auf die sogenannte „Vatileaks-Affäre“ an. Im Zuge dieser gelangten ab 2011 vertrauliche Dokumente aus dem Vatikan an die Öffentlichkeit. In diesen geht es um Korruption, Günstlingswirtschaft und Kritik an der Vatikan-Bank (Spiegel, 2012) sowie um eine homosexuelle Lobby innerhalb des Vatikans. (WAZ, 2013) Hauptverdächtig, die Unterlagen den Medien zugespielt zu haben, war der päpstliche Kammerdiener Paolo Gabriele. Er wurde im Oktober 2012 von einem italienischen Gericht wegen schweren Diebstahls zu einer Haftstrafe von 18 Monaten verurteilt. (Tribunale dello stato, 2012) Rund drei Wochen später trat er die Strafe in einem vatikanischen Gefängnis an. Nach zwei Monaten Haft vergab Papst Benedikt Gabriele im Dezember 2012 und begnadigte ihn. (SZ, 2012) Es halten sich immer noch Zweifel an Gabrieles (Allein-)Schuld, da auch nach seiner Verhaftung noch vertrauliche Dokumente veröffentlicht wurden. (Spiegel, 2012) Die „Titanic“ nahm die Suche nach dem „Maulwurf“ zum Anlass für die Darstellung Benedikts. Die „undichte Stelle“ ist hier doppeldeutig gemeint. Einmal weist sie auf die Person hin, die für die Veröffentlichungen verantwortlich ist, weiterhin soll sie auf die bildlich angedeutete Inkontinenz Benedikts hinweisen, die ihm von der „Titanic“ scherzhalber unterstellt wird, was wiederum eine Anspielung auf sein hohes Alter ist.

Im Gegensatz zu vorherigen Satiren der „Titanic“ klagten diesmal keine einzelnen Gläubigen, sondern die katholische Kirche selbst. Die Kirche erwirkte vor der Pressekammer des Hamburger Landgerichts eine einstweilige Verfügung gegen den Titanic-Verlag. Die Juliausgabe durfte vorerst nicht mehr verbreitet werden. Die „Titanic“ ließ umgehend Einspruch gegen die Entscheidung einlegen. (Focus, 2012) Zur Verhandlung vor dem Hamburger Landgericht am 31. August 2012 kam es allerdings gar nicht erst. Einen Tag zuvor zog die Kirche den Antrag zurück. (Krei, 2012) Über die genauen Gründe hierfür kann nur spekuliert werden, die Deutsche Bischofskonferenz machte dazu keine Angaben. Es könnte die Furcht vor einer Niederlage des Stellvertreters Gottes auf Erden vor einem weltlichen Gericht gewesen sein. Aber auch im Falle eines Sieges hätte die „Titanic“ in der Öffentlichkeit als kleine, von der großen Kirche unterdrückte Zeitung dastehen können.

Konsequenzen hatte das Titelbild für die „Titanic“ trotzdem. Beim Deutschen Presserat gingen insgesamt 182 Beschwerden gegen das Cover ein. Er sprach schließlich eine Rüge nach Ziffer 9 des Pressekodex, die den Schutz der persönlichen Ehre gebietet, aus. Satire dürfe Missstände mit Stilmitteln wie Übertreibung, drastischer Sprache oder Ironie kritisieren, jedoch sei die Darstellung entwürdigend und ehrverletzend und überschreite die Grenze der unverletzlichen Würde eines Menschen. (Deutscher Presserat, 2012)

4. Reaktionen

4.1 Kirche

Offizielle Äußerungen von hochrangigen katholischen Kirchenvertretern zu den genannten oder anderen Satiren sind leider nur sehr spärlich vorhanden. Von den acht Fällen, in denen die katholische Kirche gegen die „Titanic“ klagte, erfolgte auch nur einmal, im Zuge der Vatileaks-Satire, eine Klage aus dem Vatikan. Die übrigen Klagen gingen zumeist von privaten Gläubigen oder kleineren Organisationen aus. Aus ihren einzelnen Überzeugungen Bilder für die gesamten Katholiken in Deutschland oder Institutionen wie die Deutsche Bischofskonferenz abzuleiten, ist natürlich problematisch. Der Vatikan reagiert in der Regel auf Satiren, Karikaturen, Parodien oder ähnliches gar nicht, nur im Falle der Darstellung eines inkontinenten Papstes gelang es der „Titanic“ eine Reaktion des Heiligen Stuhls zu provozieren. Die Deutsche Bischofskonferenz äußerte sich über ihren Sprecher zu dem Fall. So habe die „Titanic“ Grenzen überschritten. Das Bild sei keine Satire, sondern eine „Demütigung und Verächtlichmachung des Papstes“. Es gehe der Kirche darum, die Persönlichkeitsrechte des Papstes zu verteidigen. (TZ, 2012) Diese Ansicht deckt sich weitgehend mit der des Deutschen Presserates.

[...]

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Wie viel Humor verträgt ein Heiliger Stuhl? Das Verhältnis der katholischen Kirche zur Satirezeitschrift "Titanic"
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz  (Institut für Publizistik)
Note
1,3
Autor
Jahr
2016
Seiten
15
Katalognummer
V386624
ISBN (eBook)
9783668608672
ISBN (Buch)
9783668608689
Dateigröße
532 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Satire, Kirche, Titanic, Katholische Kirche, Vatikan, Papst, Benedikt, Ratzinger
Arbeit zitieren
Jimmy Both (Autor), 2016, Wie viel Humor verträgt ein Heiliger Stuhl? Das Verhältnis der katholischen Kirche zur Satirezeitschrift "Titanic", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/386624

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