Jugendsprache in Buenos Aires. Das Phänomenen des Sprachwandels aus lexikologischer Sicht


Bachelorarbeit, 2016
51 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einführung
1. Gegenstand und Zielsetzung der Arbeit
2. Substandardsprachen: Abgrenzung und Funktionen

II. Standardisierung
1. Theoretischer Hintergrund
2. Präsentation der Studie
2.1 Methodik
2.2 Ergebnisse
3. Zusammenfassung und Interpretation

III. Age-grading
1. Theoretischer Hintergrund
2. Präsentation der Studie
2.1 Methodik
2.2 Ergebnisse
3. Zusammenfassung und Interpretation

IV. Rolle der Medien
1. Theoretischer Hintergrund
2. Präsentation der Studie
2.1 Methodik
2.2 Ergebnisse
3. Zusammenfassung und Interpretation

V. Fazit und Ausblick

VI. Bibliographie

VII Anhang
1. Übersicht der quantitativ-lexikalischen Datenanalyse
2. Index der Lunfardismen

I. Einführung

1. Gegenstand und Zielsetzung der Arbeit

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit der Sprechweise jugendlicher Bewohner von Buenos Aires, der Hauptstadt Argentiniens, auf der Grundlage einer soziolinguistischen Studie, die in den Monaten Mai bis Juli 2015 an mehreren Schulen von Buenos Aires durchgeführt wurde. Ein Großteil der mittels Fragebogen erhobenen Daten wurde bereits in einer vorangegangenen Arbeit (Mittermüller 2015) ausgewertet. Im Mittelpunkt der Untersuchung standen dort der Zusammenhang von Jugendsprache mit der Sondersprache Lunfardo, sowie der Einfluss extralinguistischer Faktoren auf die Sprache Jugendlicher.1 Vorliegende Arbeit widmet sich nun der Untersuchung von Phänomenen des Sprachwandels - ein sehr wichtiger und interessanter Aspekt der Jugendsprachforschung, da Jugendlichen als „grandes renovadores del lenguaje" (Conde 2011: 19) bei der Evolution von Sprache eine Protagonistenrolle zukommt. Hierfür werden quantitative Daten, ähnlich wie in der ersten Arbeit jedoch unter einem anderen Gesichtspunkt ausgewertet und außerdem qualitatives Datenmaterial hinzugezogen. Es gibt dabei drei Foki: Sprachwandel durch Standardisierung, age-grading Muster und Wortbildung sowie die Rolle der Medien im Sprachwandelprozess.

Da Jugendsprache zu den Substandardsprachen zählt, wird in Teil I dieser Arbeit einführend auf deren Charakteristika und sozialsymbolische Funktionen eingegangen, bevor im weiteren Verlauf der Arbeit unterschiedliche Aspekte von Sprachwandel und Jugendsprache jeweils theoretisch erläutert, empirisch überprüft und abschließend interpretiert werden. Teil II widmet sich dabei dem Sprachwandel durch Standardisierung, welcher anhand quantitativer Daten im Wortschatz Jugendlicher von Buenos Aires festgemacht wird. In Teil III werden typische Merkmale von Jugendsprache, sogenannte age-grading Muster im Lexikon der Jugendlichen untersucht. Der Fokus liegt dabei auf der Innovation der Sprecher, weshalb insbesondere Mechanismen der Neologismenbildung genauer betrachtet werden. Teil IV beschäftigt sich mit möglichen (auch globalen) Einflüssen der Mediennutzung auf den Sprachgebrauch Jugendlicher und geht insbesondere auf die Rolle der Neuen Medien bei der Verbreitung sprachlicher Innovationen ein.

Abschließend sollen in Teil V herausgearbeitete Zusammenhänge zwischen Medienrealität, Jugendsprache und Sprachwandel zusammengefasst und ein Ausblick für die weitere Forschung gegeben werden. Detaillierte Datenanalysen, das Erhebungsinstrument sowie dazugehörige Erläuterungen sind im Anhang einzusehen.

2. Substandardsprachen: Abgrenzung und Funktionen

„No es posible interpretar fenómenos de una lengua sin tener en cuenta un hecho fundamental: la lengua no es algo abstracto, sino el producto del acto social creativo de sus hablantes" (Kubarth 1986: 210). Mit diesen Worten beschreibt Kubarth die Essenz des Paradigmenwechsels, der in den 1960er Jahren zur Geburt der Soziolinguistik führte. Diese hat die Auffassung von Sprache als statisches Regelsystem und reines Kommunikationsmittel zugunsten der sozialsymbolischen Funktion von Sprache hinter sich gelassen. Die Soziolinguistik sieht Sprache als Spiegel der Gesellschaft, oder wie es Teruggi ausdrückt, als „barómetro muy sensible" (1974: 169) für soziale Veränderungen, nicht zuletzt deshalb, weil sich die Sprecher mit ihrer Hilfe - bewusst oder unbewusst - innerhalb der Gesellschaft positionieren. Calvet sieht in der individuellen Ausdrucksweise „una manera de reivindicar su pertenencia a un grupo social, a un lugar o a una franja etaria" (1994, zitiert nach Conde 2011: 51).

So ist es nicht verwunderlich, dass sich soziale Gruppen, wie die Jugend, seit jeher eigener Sprachgebrauchsweisen bedienen und diese stetig formen und weiterentwickeln.2 Bei der sogenannten Jugendsprache können Abweichungen von der Standardsprache sowohl im Lexikon, als auch in Phonologie, Syntax und Diskursstrategien beobachtet werden, weshalb sie unter die Substandardsprachen fällt. Trotz der Offensichtlichkeit dieses Phänomens gestaltet sich seine linguistische Einordnung und Abgrenzung jedoch schwierig. Gerdes formuliert das Problem einer eindeutigen Definition von Jugendsprache(n) wie folgt:

Zwischen Standardsprache, Umgangssprachen, Regionalsprachen, Soziolekten etc. sind die Jugendsprachen als nicht genau abgrenzbares Kontinuum angesiedelt und verfügen über fließende Übergangsbereiche zu jeweils anderen Sonder- und Gruppensprachen wie auch zur Standard- und Mediensprache. (2013: 9)

Tatsächlich lassen sich in der Sprechweise Jugendlicher Elemente all dieser Gruppen wiederfinden, jedoch nur in der ,richtigen' Kombination machen sie Jugendsprache aus. Zum Teil wird sie aufgrund ihrer alle linguistischen Ebenen umfassenden Andersartigkeit als eigene Sprachvarietät angesehen. Da es sich dabei jedoch nicht um einen homogenen, durchgängigen Stil handelt, spricht man aktuell von einem „Ensemble subkultureller Stile" (Neuland 2008b: XI), welches eine „Menge von Präferenzmustern" (Androutsopoulos 1998: 24) umfasst.3

Aufgrund ihrer Abweichungen von der dominanten, institutionalisierten Sprachform (wie z.B. Hochdeutsch), nehmen diese sogenannten ,nicht-standardsprachlichen Varietäten', oder auch ,Substandards', in der Regel einen niedrigeren Status ein als diese. Ihre Verwendung, insbesondere in akademischen oder formellen Kontexten wird von der Gesellschaft deshalb oft „explizit oder implizit negativ sanktioniert" (Neuland 22007b: 145).4

Aufgrund dieser sozialen Stigmatisierung haben alle Substandard-Varietäten jedoch auch das Potenzial, bestimmte Funktionen von gesellschaftlicher Bedeutung zu erfüllen. Wenn nämlich davon ausgegangen werden kann, dass ein Sprecher der Standardsprache mächtig ist, so ist es seine bewusste Entscheidung, sich eines Substandards zu bedienen, und stellt somit eine markierte Redeweise dar (vgl. Kailuweit 2005). Es wird also aus bestimmten, meist bewussten Beweggründen auf diese Alternative zurückgegriffen, was sicherlich der Tatsache geschuldet ist, dass bei substandardsprachlichem Vokabular nicht so sehr die Denotation - also das, was ,objektiv' gesagt wird - im Vordergrund steht, sondern vielmehr sein konnotativer Wert, das ,Gemeinte' (vgl. Conde 2011). Einerseits verleiht dies dem Gesagten mehr Expressivität, was in der Jugendsprach-Forschung gar als Primärzweck angesehen wird (vgl. Androutsopoulos 2000), andererseits erlaubt es dem Sprecher selbst, auf diese Weise seine Gruppenzugehörigkeit zu definieren. Denn eine der wichtigsten sozialsymbolischen Funktionen von Sprache ist die Abgrenzung von anderen und damit die Herstellung sozialer Identität. Dies gilt für Sprecher von Regionalsprachen, wie der Lunfardo, die sich damit vor allem geografisch situieren (vgl. u.a. Martínez & Molinari 2011), ebenso wie für Jugendliche, die sich auf diese Weise von den Erwachsenen oder auch anderen Jugendgruppen abgrenzen und als Teil ihrer peer group positionieren (vgl. u.a. Androutsopoulos 1998 und Neuland 22007a).

Substandardsprachen haben jedoch noch in vielerlei anderer Hinsicht Bedeutung für ihre Sprecher. Eine davon ist die Ermöglichung vertrauensvoller Kommunikation, indem eine intime Gesprächssituation hergestellt wird, die soziale und emotionale Nähe zwischen den Konversationspartnern ausdrückt. Daneben wird vor allem ein Aufbegehren gegen die Normen der Gesellschaft angeführt, was besonders für Sprecher im Jugendalter eine große Rolle spielt, die sich entwicklungspsychologisch betrachtet in einer Phase der Rebellion befinden. In diesem Zusammenhang ist auch oft von der sogenannten reversed morality die Rede, wobei gerade linguistische Tabubrüche und andere verbale Angriffe auf die Werte der dominanten Gesellschaft als subversive Sozialkritik gewertet werden (vgl. Teruggi 1974). Substandardvarietäten werden demnach zwar stigmatisiert, können ihren Sprechern jedoch gerade dadurch auch etwas Heldenhaftes, verrucht Rebellisches und damit sogar ein gewisses Prestige verleihen, wie es Kailuweit (2005) für den compadrito im Migrationsmilieu des Buenos Aires vor gut 100 Jahren bemerkt. Dieser positive Effekt des Gebrauchs von Substandardsprachen auf die coolness von Sprechern wurde in der Jugendsprachforschung bereits empirisch nachgewiesen: Scholten (1988, nach Androutsopoulos 2005a) konnte Korrelationen zwischen der Beliebtheit von Teenagern innerhalb ihrer Freundeskreise und der vermehrten Verwendung von nicht- standardsprachlichen Varianten feststellen.

Sondersprachen eignen sich jedoch nicht nur dafür, sich durch mutiges Rebellieren hervorzutun, sie zeugen auch von der Kreativität der Sprecher, die mit Wortwitz und Sprachspielen versuchen ihre Gesprächspartner zu beeindrucken oder zu unterhalten. Nicht zuletzt deshalb haben substandardsprachliche Strukturen auch in kulturellen Ausdrucksformen, allen voran in der Musik, ihren Platz. An eben diesen ludischen Zweck substandardsprachlicher Ausdrucksweisen ist wohl auch ein Großteil ihrer sprachlichen Innovationen gekoppelt (vgl. Schlobinski 2002).

Die aus dieser knappen Darstellung hervorgegangenen funktionalen Gemeinsamkeiten von Substandardsprachen scheinen sich mit einigen zentralen sozialen Bedürfnissen Jugendlicher zu decken und diese daher besonders anzusprechen. Nach Wolfram & Fasold verwenden gerade jugendliche Sprecher gerne nicht-standardsprachliche Ausdrümargin-top:0cm;margin-right:.8pt;margin-bottom:0cm;margin-left:1.65pt;margin-bottom:.0001pt;text-align:justify;text-justify:inter-ideograph;line-height:20.5pt;text-autospace:none;">Teruggi stellte dies beispielsweise Ende der 70er Jahre des 20. Jahrhunderts für den Lunfardo fest: „se está formando en la actualidad 1978 un novel lunfardo que es obra de la juventud" (21978: 48 f.) und das, obwohl heute, besonders unter Jugendlichen in Buenos Aires die Ansicht verbreitet ist, Lunfardo sei die verstaubte Sprache des Tango und der compadritos längst vergangener Zeiten. Auch Conde (2011) bemerkt dieses Phänomen, schlägt jedoch vor, den novel lunfardo nicht als etwas vom Alten abgegrenztes Anderes, sondern vielmehr den Lunfardo allgemein als etwas kontinuierlich Erneuertes zu verstehen. Sondersprachen, wie Argots und Jugendsprachen gehen also zu einem gewissen Grad ineinander über und speisen sich gegenseitig.

Auf welche Weise sprachliche Neuerungen aus dem jugendsprachlichen Milieu auch in die Standardsprache eingehen und somit zu ihrem Wandel beitragen können, werden wir im folgenden Kapitel erläutern.

II. Standardisierung

1. Theoretischer Hintergrund

In der vorangegangenen Darstellung zu Stellung und Funktion von NichtStandardsprachen, wie der Jugendsprache, wurde das dynamische Spannungsverhältnis zwischen dominanter Sprachform und Substandard bereits angedeutet. In diesem Abschnitt wird nun erläutert, wieso die dabei wirkenden sozialen Kräfte entscheidende Faktoren für den Sprachwandel sind.

Ausgangspunkt ist, dass sich Sprecher im sogenannten linguistic market ständig einem Druck von zwei (bzw. drei) Seiten ausgesetzt sehen: Der offensichtlichere der beiden ist der Normdruck der Standardsprache, welche als dominante Form das höhere Prestige aufweist und somit einen großen normativen Einfluss auf die Sprecher hat, welche bei einer Normabweichung, wie bereits erwähnt, in der Regel mit gesellschaftlichen Sanktionen rechnen müssen (vgl. Neuland 22007b). Dieser soziale Druck ,von oben', hat demnach einen homogenisierenden Effekt auf die Sprache, welcher laut Kubarth (1986) und Teruggi (1974) zusätzlich dadurch verstärkt wird, dass sich Sprecher in der Regel an der ,Oberschicht' orientieren und ihre Sprechweise gerne an die ihrer Idole anpassen.

Wie bereits angesprochen, kann das soziale Prestige jedoch auch ,kippen' und umgekehrt diejenigen favorisieren, welche gegen die vorgegebenen Normen verstoßen. Außerdem stellt ein Sprecher durch die Verwendung des Substandards klar, Teil seiner peer group zu sein, mit der Erfindung neuer Wörter kann er sich gleichzeitig einen höheren Rang innerhalb der Gruppe sichern, indem er als kreativer Innovator heraussticht. Diese Person kann wiederum als Vorbild für andere Gruppenmitglieder wirken, welche sich an ihr orientieren. Das angesprochene Bedürfnis nach Originalität und Zugehörigkeit liegt zwar, laut Teruggi (1974), allgemein in der Natur des Menschen, ist jedoch entwicklungspsychologisch gesehen gerade in der Orientierungsphase der Jugend von besonderer Wichtigkeit. Laut Eckert, ist insbesondere das Bestreben Identität herzustellen, das sie „emotional involvement in social identity" (1988: 206) nennt, für Jugendliche wichtiger als für Sprecher aller anderer Altersgruppen, weshalb diese ihre sprachlichen Muster auch entsprechend stärker an ihre Gruppenstrukturen anpassen. Es besteht laut Eckert (1988) ein erstaunlich starker Konformismus innerhalb der Gruppen, auch peer pressure genannt, der mitunter eine wichtige Rolle beim Sprachwandel spielt. Zu dem Normdruck der dominanten Sprache und dem sozialen Druck ,von unten' - der Reiz des Substandards, für den speziell jugendliche Sprecher empfänglich zu sein scheinen (vgl. Neuland 22007b) - kommt also noch ein weiterer Druck ,von innen' (der Gruppe selbst) hinzu. Ersterer wirkt normierend, die beiden letzteren fördern hingegen die Produktivität von Nicht-Standardmustern.5

Verlässt man diese sprecherorientierte Sichtweise und wechselt in die etwas abstraktere, systemorientierte Perspektive, so kann festgestellt werden, dass diese Kräfte, indem sie auf die Sprecher wirken, letztlich auch Auswirkungen auf die Sprache selbst haben. Neuland (22007b) benutzt hierfür die Begriffe Destandardisierung bzw. Restandardisierung, wobei sich ersterer auf die gruppenspezifische Stilbildung, also das Hervorbringen neuer Varianten bezieht, letzterer auf deren Eingliederung in die Standardsprache, welche dadurch verändert wird. Sprachwandel basiert also auf einer Art Kreislauf sprachlicher Standardisierung.

Die schwedische Soziolinguistin Ulla-Britt Kotsinas hat zur Veranschaulichung der Verbreitung linguistischer Innovation, speziell auf morphologischer Ebene, statt eines Kreislauf-Modells, ein Stufen-Modell ausgearbeitet, nach welchem sich neue Varianten vom unmittelbaren Freundeskreis der Innovatoren über größere jugendliche Netzwerke, hin zum Lexikon der allgemeinen Jugend- und später auch der Umgangssprache Erwachsener entwickeln können, bis sie in manchen Fällen schließlich in das Standardvokabular einer ganzen Sprechergemeinschaft eingehen. Interessant ist dabei, dass der Verwendung eines Neologismus mit jeder Stufe eine jeweils neue soziosymbolische Funktion zugewiesen werden kann, von denen bereits einige angesprochen wurden. Angefangen von individueller Hervorhebung, über den Ausdruck von Gruppenzugehörigkeit, bis hin zu lokaler und später altersspezifischer Identität, bekommt die Substandard-Variante eine immer neue soziale Bedeutung und verliert dabei gleichzeitig immer mehr ihr anfängliches Stigma (vgl. Kotsinas 1997, nach Androutsopoulos 2005b).

Der Standardisierungsprozess wird dabei von verschiedenen Faktoren, wie beispielsweise den Medien, unterstützt. Erlangte der Lunfardo erst durch die medialen Formen Tango und sainete seine ursprüngliche Popularität, so wurden neue Wortschöpfungen später von elektronischen Medien wie Radio und Fernsehen verbreitet,6 während heutzutage vor allem digitale Medien, mit ihrem Charakter verschriftlichter Oralität, zur deren Diffusion beitragen. Da in dieser Arbeit der Rolle der Medien im Sprachwandelprozess ein separates Kapitel gewidmet ist, soll an dieser Stelle nicht näher darauf eingegangen werden. Einen weiteren Grund für die „massenhafte Verbreitung" (Neuland 2008b: 15) jugendsprachlicher Varianten auch unter Erwachsenen, sieht Neuland in der „Prestigefunktion von Jugendlichkeit [...] Wissen über Jugendlichkeit enthält zugleich das Gebrauchswertversprechen, sich über dieses Wissen ein Stück der eigenen Jugendlichkeit zurückzuerobern" (2008b: 15). Außerdem haben Varianten, die in einem „prestigious urban centre [oder einem] trendy subcultural style" (Androutsopoulos 2000: 172) entstanden sind, aufgrund ihres höheren Ansehens eine größere Chance auch überregional Verwendung zu finden. Diese Beobachtung ist für diese Arbeit insofern interessant, als es sich bei Buenos Aires um eine der, auch kulturell, einflussreichsten Metropolen des cono sur handelt.

Mit ihrer fortschreitenden Standardisierung verlieren Neologismen jedoch nicht nur schrittweise ihr Stigma, sondern natürlicherweise auch ihre ursprünglichen Funktionen als markierte Redeweise. Die so bedeutende Expressivität von Substandard-Varianten leidet bereits unter ihrer häufigen, ritualisierten Verwendung, oder - wie Kailuweit es mit Bezug auf den Lunfardo ausdrückt -„jeder allzu gebräuchliche Lunfardismus [...] driftet gleichermaßen in die Denotivität ab und kann bestenfalls noch als Argentinismus identitätsstiftende Funktion gewinnen." (2005: 307). So wie Jugendsprache automatisch uncool wird, wenn sie in der Werbung eingesetzt oder gar von den Eltern benutzt wird, benötigt jede Sondersprache ihre ständige Aktualisierung. Die Dynamiken sind dabei jedoch recht unterschiedlich. Wie Teruggi (1974) feststellt, ist beispielsweise der Lunfardo im Vergleich zum nordamerikanischen slang oder dem französischen argot eher träge, sein Repertoire erneuert sich jedoch zumindest teilweise mit jeder neuen Generation, schon allein deshalb, da der Kontext, in und für welchen ein Lunfardismus einst kreiert wurde, meist so nicht mehr existiert. Auf diese Weise entstehen unter anderem neue Bedeutungen und Konnotationen für dieselben Wörter, was in Kapitel 2.2 (Teil III) anhand einiger konkreter Beispiele deutlich werden wird.

2. Präsentation der Studie

Sprachwandel wurde lange Zeit im Rahmen der historischen Linguistik untersucht, wobei der Zustand einer Sprache zu verschiedenen historischen Zeitpunkten miteinander verglichen wurde. Neben dieser diachronen Betrachtungsweise können jedoch auch aus einer synchronen Perspektive Rückschlüsse auf Prozesse von Innovation und Standardisierung gezogen werden, beispielsweise indem Verwendungskontexte evaluiert und Lexeme unterschiedlichen Entstehungsdatums auf ihre Bekanntheit und ihren Gebrauch hin miteinander verglichen werden. So kann der Grad der Stigmatisierung bestimmter Ausdrücke bestimmt und festgestellt werden, an welcher Stelle im Kreislauf (bzw. auf welcher Stufe) der Standardisierung sich diese befinden. Bei der Auswertung der Studienergebnisse in Mittermüller (2015) konnte herausgefunden werden, dass der Gebrauchskontext eines Lunfardismus nicht nur von den soziodemografischen Merkmalen der Sprecher, sondern auch vom Ausdruck selbst abhängt. Hierzu stellen die Ergebnisse der Studie heraus, dass sehr gebräuchliche und bekannte Lunfardismen vermehrt auch in formelleren Kontexten benutzt werden, sich demnach also auf höheren Stufen des Modells von Kotsinas befinden und im Begriff sind, ihren exklusiv jugendsprachlichen Charakter zu verlieren (vgl. Mittermüller 2015). Da die bereits vorliegenden Ergebnisse auf Korrelationen zwischen dem Verwendungskontext einer Substandard-Variante und ihrer Popularität hinweisen, gilt es nun zu überprüfen, ob der Grad der Standardisierung auch von dem ,Alter' der Variante abhängt.

Dafür müsste folglich gelten, dass ältere Wörter generell einen höheren Grad der Standardisierung aufweisen, also weniger sozial stigmatisiert und auch weiter verbreitet sind. Neuere Ausdrücke befänden sich vermutlich auf unterschiedlichen, jedoch in der Regel eher früheren Stufen der Standardisierung und würden daher auch unterschiedlich stark verwendet.

Für die Studie können wir, basierend auf der dargelegten Theorie, demnach folgende Hypothesen aufstellen:

1) Ältere Lunfardismen (lunfardismos clásicos) werden von mehr Jugendlichen gekannt als neuere.

2) Neuere Lunfardismen (lunfardismos actuales) werden unter Freunden mehr benutzt als ältere.

3) Lunfardismos clásicos werden in formelleren Kontexten mehr benutzt als neuere.

4) Lunfardismos clásicos haftet weniger Stigma an als neueren, jugendsprachlichen Ausdrücken.

5) Lunfardismos actuales weisen größere wortspezifische Unterschiede im Gebrauch und in der Bekanntheit auf als ältere.

Da das Alter der Sprecher wesentlichen Einfluss auf deren Ausdrucksweise hat (vgl. Mittermüller 2015), ist es auch interessant herauszufinden, ob ein Vergleich des passiven und aktiven Wortschatzes unterschiedlicher jugendlicher Altersgruppen Hinweise auf den Standardisierungsgrad von Ausdrücken liefert. Mit zunehmendem Alter der Sprecher sollte dabei der Verwendungs- und Bekanntheitsgrad neuerer Substandard-Varianten abnehmen, während ältere - unter Umständen standardisiertere - Formen von jüngeren Sprechern nicht mit derselben Häufigkeit realisiert werden. Es gilt also zusätzlich folgende These zu überprüfen:

6) Ältere Jugendliche kennen und benutzen mehr lunfardismos clásicos als jüngere und umgekehrt.

2.1 Methodik

Bevor die Ergebnisse vorgestellt und im Hinblick auf die aufgestellten Hypothesen analysiert werden, soll noch einmal knapp die zugrundeliegende Studie vorgestellt, die Vorgehensweise bei der Datenerhebung und -auswertung erklärt, sowie auf Stichprobe und Stimuli eingegangen werden.

Datenerhebung

Aufgrund der Natur des Lunfardo als Erweiterung des spanischen Wortschatzes (vgl. Conde 2011), wurde in dieser Studie ein lexikologischer Ansatz gewählt und mit einem korrelativen Design kombiniert. Hierfür wurde mithilfe des kostenlosen Online-Tools Umfrage Online (https://www.umfrageonline.com) ein soziolinguistischer Fragebogen (in Papier- und Onlineform) entwickelt, welcher anhand einer Item-Liste sowohl den aktiven und passiven Wortschatz der Studienteilnehmer zu erfassen vermag, als auch deren soziodemografische Daten.7

Stichprobe

Die Stichprobe umfasst 175 weibliche und männliche Jugendliche8, die die Klassen 1 bis 6 der Sekundarstufe einer weiterführenden Schule (escuela secundaria) in Buenos Aires besuchen. Die Operationalisierung der Variable ,Alter' erfolgte anhand der Klassenstufe, welche zu insgesamt drei Altersgruppen zusammengefasst wurden. Basierend auf den soziodemografischen Angaben der Probanden konnten folgende soziolinguistische Sprechergruppen gebildet werden:9

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Stimuli

Als Stimuli wurden in einer Item-Liste insgesamt 52 Ausdrücke mit jeweils einem kurzen Beispielsatz tabellarisch und in zufälliger Reihenfolge dargeboten.10

Beispiel-Item: paja (p.ej. „Me da paja ir al colegio hoy”)11

Die Items wurden nach Alter sortiert und jeweils einer der folgenden Kategorien zugeordnet:12

a) Lunfardismos clásicos: Vor dem Jahr 2000 entstandene und als nicht jugendspezifisch eingestufte Ausdrücke.
b) Lunfardismos actuales: Innerhalb der letzten 10 Jahre entstandene und als jugendspezifisch bzw. jugendtypisch13 klassifizierte Ausdrücke.

Aufgeschlüsselt ergibt sich somit folgende Item-Zusammensetzung:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 2: Zusammensetzung der Items nach Kategorie

Die Items konnten von den Teilnehmern entweder als unbekannt (no la conozco) oder als bekannt, aber nicht von ihnen benutzt (la conozco pero no la uso) eingestuft werden. Wenn die Teilnehmer das Wort hingegen selbst benutzen, sollten sie angeben, mit welchen Gesprächspartnern sie das für gewöhnlich tun. Hierbei standen drei Optionen (Mehrfachauswahl möglich) mit steigendem Grad an Formalität und Intimität zur Wahl: a. mit Freunden (con amigos), b. mit Eltern (con mis padres), c. mit Lehrern (con mis profesores). Im Gespräch mit Freunden ist die Intimität am größten und es handelt sich in der Regel um in etwa gleichaltrige Jugendliche. Dieser Gebrauchskontext kann also als hochgradig informell gelten. Es kann davon ausgegangen werden, dass die Eltern für die Schüler zwar auch informelle Gesprächspartner darstellen, da eine gewisse familiäre Vertrautheit gegeben ist, jedoch besteht hier ein großer Altersunterschied. Das höchste Maß an Formalität liegt jedoch vermutlich bei Gesprächen mit Lehrern vor, welche einerseits erwachsene Respektpersonen sind, andererseits auch Erziehungsbeauftragte in einem Kontext, der normgerechtes Sprechen fordert und fördert.

2.2 Ergebnisse

Im Folgenden werden die Ergebnisse der soziolinguistischen Erhebung dargestellt und im Hinblick auf die bereits aufgestellten Hypothesen analysiert.14 In einem ersten Schritt werden die Items der beiden Kategorien lunfardismos clásicos und lunfardismos actuales miteinander verglichen und auf ihren Grad der Stigmatisierung und Standardisierung hin untersucht, bevor die anschließend in Zusammenhang mit der Variable ,Alter' gebracht werden, um Hypothese 6 zu überprüfen.15

Wie erwartet, werden Ausdrücke, die zum lunfardo clásico gehören, von mehr Personen gekannt als Expressionen, die erst in den letzten 10 Jahren entstanden sind. Während ein lunfardismo clásico von nur durchschnittlich 10,2% der Teilnehmer als unbekannt eingestuft wird, liegt dieser Anteil bei den lunfardismos actuales bei 16,7%, womit sich Hypothese 1 in dieser Untersuchung als korrekt herausstellt (vgl. Abbildung 1). Entgegen der Hypothese 2, die besagt, dass neuere Lunfardismen im Gespräch mit Freunden von mehr Teilnehmern benutzt werden als ältere, gaben bei letzteren jedoch mit durchschnittlich 53,8% mehr Teilnehmer an, dies zu tun, während aktuellere Lunfardismen von den Studienteilnehmern mit durchschnittlich 50,1% etwas weniger unter Freunden verwendet werden. Auch für die Gesprächskontexte Eltern und Lehrer ist der Mittelwert für ältere Lunfardismen - diesmal wie erwartet - höher (Hypothese 3).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Verwendung älterer und neuerer Lunfardismen Abbildung 2: Kontextsensitivitätswerte älterer und nach Gesprächskontext. neuerer Lunfardismen nach Gesprächskontext.

Am größten fällt der Unterschied zwischen älteren und neueren Ausdrücken beim Gesprächskontext Eltern aus: Klassische Lunfardismen werden im Schnitt von 20,9% der Teilnehmer auch im Gespräch mit ihren Eltern benutzt, während es bei neueren Ausdrücken lediglich 15,9% sind. Für Gespräche mit Lehrern liegen die Werte bei 6,4% und 5,3% respektive.

[...]


1 Es finden sich daher in dieser Arbeit immer wieder Bezugnahmen, sowohl auf den Lunfardo, als auch auf Ergebnisse und theoretische Grundlagen, die bereits in der früheren dargelegt wurden. Auch auf Studiendesign und Methodenkritik wird hier nicht in gleichem Umfang eingegangen, sondern vielmehr auf die ausführliche Darstellung in Mittermüller (2015) verwiesen.

2 Die linguistische Erforschung der Ausdrucksweisen Jugendlicher begann in Deutschland jedoch erst Ende des 19. Jahrhunderts mit dem sogenannten Studenten-, bzw. Schülerdeutsch (vgl. Neuland 2007c).

3 Um der Lesbarkeit willen, wird in dieser Arbeit weiterhin der vereinfachende Begriff 'Jugendsprache' verwendet, ohne dabei jedoch die tatsächliche Komplexität des Phänomens zu ignorieren.

4 Dies hat unterschiedliche, oft auch mit der Entstehungsgeschichte dieser Sondersprachen in Verbindung stehende Gründe. Für das Stigma von Jugendsprachen wird beispielsweise aus kulturpsychologischer Sicht das "Spannungsverhältnis zwischen den Generationen" (Neuland 2008b: 9) verantwortlich gesehen.

5 Teruggi nennt diesen Zwiespalt "doble norma lingüística" (1978: 273) und unterscheidet dabei zwischen einer passiven und einer aktiven Norm. Letztere, welche in den meisten Gesprächskontexten realisiert und sozusagen als 'persönlicher Standard' angesehen wird, ist bei Erwachsenen demnach für gewöhnlich die Standardsprache, bei Jugendlichen hingegen der Substandard.

6 Vgl. Teruggi (1974) für eine ausführliche Beschreibung des historischen bzw. Conde (2011) für die des aktuellen Medieneinflusses auf den Lunfardo.

7 Der vollständige Fragebogen kann im Anhang eingesehen werden.

8 Wenn nicht explizit hervorgehoben, so sind mit der Plural-Bezeichnung "Jugendliche" stets Jugendliche beiderlei Geschlechts gemeint.

9 Hier ist anzumerken, dass einige Teilnehmer den Fragebogen zwar inhaltlich vollständig bearbeiteten, jedoch nur einige oder in zwei Fällen keinerlei, persönliche Angaben machten. Diese Fragebögen wurden daher zwar bei der Auswertung der Item-Liste berücksichtigt, fließen jedoch aus offensichtlichen Gründen nicht in die soziolinguistische Auswertung mit ein, weshalb die Gesamtanzahl in der Tabelle (173 Teilnehmer) von der tatsächlichen Teilnehmerzahl (175 Jugendliche) abweicht.

10 Unter den 52 Ausdrücken befanden sich neben 45 Lunfardismen auch sieben Expressionen aus dem reggaetón -Jargon, auf die in dieser Arbeit aufgrund der veränderten Fragestellung nicht weiter eingegangen wird. Wir betrachten also auch bei der Auswertung lediglich 45 Items.

11 Im Anhang befindet sich die vollständige Item-Liste sowie deren erklärende Übersetzung.

12 Die Auswahl und Kategorisierung der Lunfardismen erfolgte auf Basis verschiedener Lexika und Internetquellen (vgl. Mittermüller 2015). Außerdem stützt sich die Einordnung auf die fachliche Einschätzung des Lunfardo-Experten und Autor mehrerer Wörterbücher Oscar Conde. Bei der Auswahl und den Beispielsätzen der lunfardismos actuales wirkten insbesondere auch jugendliche Informanten, welche persönliche Kontakte der Autorin in Buenos Aires sind, mit.

13 Als jugendspezifisch werden Muster oder Lexeme betrachtet, welche exklusiv von Jugendlichen verwendet werden. Als jugendtypisch hingegen gelten solche, welche in stärkerem Maße von Jugendlichen realisiert werden (vgl. Androutsopoulos 1998). Auf diese Begriffe wird in Teil III dieser Arbeit im Zusammenhang mit dem Konzept des age-grading noch genauer eingegangen.

14 Die Aufbereitung der digitalisierten Datensätze, sämtliche Berechnungen wie Mittelwerte und Standardabweichungen, erfolgte mithilfe des Tabellenkalkulationsprogramm Microsoft Excel. 13

15 Der Übersichtlichkeit und der Aussagekraft zuliebe, werden im Folgenden vornehmlich Mittelwerte und lediglich in einigen relevanten Fällen Wort-für-Wort Analysen dargestellt. Die vollständigen Daten der einzelnen Items können jedoch im Anhang eingesehen werden.

Ende der Leseprobe aus 51 Seiten

Details

Titel
Jugendsprache in Buenos Aires. Das Phänomenen des Sprachwandels aus lexikologischer Sicht
Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg  (Romanisches Institut)
Note
1,0
Autor
Jahr
2016
Seiten
51
Katalognummer
V386636
ISBN (eBook)
9783668606272
ISBN (Buch)
9783668606289
Dateigröße
755 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sprachwandel, Jugendsprache, Lunfardo, Argentinien, Buenos Aires, Age grading, Medien, Standardsierung
Arbeit zitieren
Julia Mittermüller (Autor), 2016, Jugendsprache in Buenos Aires. Das Phänomenen des Sprachwandels aus lexikologischer Sicht, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/386636

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