Die Jugendsprache "Lunfardo". Eine soziolinguistische Studie unter Schülern in Buenos Aires


Forschungsarbeit, 2015
60 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I Einleitung und Zielsetzung der Arbeit

II Theorie
1. Lunfardo und Jugendsprache
2. Stigma und Funktion
3. Einfluss extralinguistischer Parameter
3. 1 Geschlecht
3.2 Alter
3.3 Sozioökonomischer Status
3.4 Subkultur und Musikkonsum

III Studie
1. Methodik und Forschungsdesign
1.1 Methodische Überlegungen
1.2 Stichprobe
1.3 Stimuli
1.4 Operationalisierung der Variablen
2. Analyse der Studienergebnisse
2.1 Aufbereitung der Datensätze
2.2 Darstellung der Ergebnisse
3. Zusammenfassung und Interpretation der Ergebnisse
4. Inhalts- und Methodenkritik
4.1 Wahl der Methode
4.2 Wahl des Befragungskontextes
4.3 Güte der Antworten
4.4 Stimuli
4.5 Form des Fragebogens
4.6 Erhebung der Variablen

IV Fazit und Ausblick

V Bibliographie

VI Anhang
1. Datenanalyse der Studie
1.1 Ergebnisse der Item-Liste
1.2 Ergebnisse nach Geschlecht
1.3 Mittelwerte für die Variable 'Alter'
1.4 Mittelwerte für die Variable 'sozioökonomischer Status'
1.5 Mittelwerte für die Variablen 'Subkultur und Musikkonsum'
2. Stimuli der Item-Liste
3. Fragebogen

I Einleitung und Zielsetzung der Arbeit

Mit dieser Arbeit soll ein erster Beitrag zur Erforschung der, Ende des 19. Jahrhunderts im Großraum Buenos Aires (Argentinien) entstandenen Sondersprache Lunfardo im Hinblick auf die sogenannte 'Jugendsprache'1 geleistet werden. Obwohl innerhalb der letzten Jahrzehnte - besonders seit José Gobello mit der Gründung der Academia Porteña del Lunfardo den, bis dahin als Gaunersprache stigmatisierten Argot zum akademischen Forschungsgegenstand machte - ein nicht geringer Forschungsaufwand betrieben wurde, fehlt jegliche Art von Studie, die sich speziell mit der Sprache der Jugendlichen in diesem Zusammenhang beschäftigt. Dies verwundert umso mehr, als die offensichtlichen Überschneidungen und gegenseitigen Kontributionen dieser beiden Nicht-Standardsprachen bereits von einer Reihe von Forschern angemerkt wurden (vgl. u.a. Androutsopoulos 1998, Conde 2011, Gobello & Oliveri 2003 und Teruggi 1974).

Dieser Arbeit zugrunde liegt eine soziolinguistische Studie, die in den Monaten Mai bis Juli 2015 an mehreren Schulen von Buenos Aires durchgeführt wurde. Ziel ist es, durch die Auswertung der gesammelten Daten beide Perspektiven der Soziolinguistik zu kombinieren. Erstens sollen mögliche Einflüsse verschiedener sozialer Faktoren auf die Sprache mithilfe von Korrelationen analysiert werden. Dabei liegt der Fokus neben den traditionellen soziodemografischen Variablen auf solchen, die sich gerade in jüngster Forschung als maßgeblich erwiesen haben. Diese sind die Gruppenzugehörigkeit der Sprecher, genauer gesagt deren Identifikation mit Subkulturen sowie ihr Musikkonsum (vgl. u.a. Neuland 22007b).

Zweitens wird auch die Bedeutung und Funktion von Sprache in der Gesellschaft genauer betrachtet, indem die Varietäten auf ihr soziales Stigma hin untersucht werden. Ein Schwerpunkt der Arbeit liegt dabei auf der Subkultur der cumbieros2 . Aufgrund ihres gruppenspezifischen Vokabulars (lunfardo cumbiero bzw. lunfardo villero3 ), der Verbindung mit dem Musikstil cumbia villera und ihres marginalen Status wegen, ist diese besonders interessant für eine solche soziolinguistische Untersuchung. Als eine der ersten Arbeiten zum Thema Lunfardo und Jugendsprache ist es außerdem ein weiteres Anliegen dieser Arbeit, aufzuzeigen, in welchen Teilbereichen sich zukünftige Forschungsprojekte als sinnvoll und nötig erweisen können.

Der Aufbau gliedert sich in zwei große Teile: Darstellung der Theorie (Teil II) und Präsentation der Studie (Teil III). In Kapitel 1 des Theorie-Teils wird der Untersuchungsgegenstand vor dem Hintergrund der wichtigsten, der Studie zugrundeliegenden, sozio- bzw. varietätenlinguistischen Konzepte definiert und abgegrenzt. In Kapitel 2 wird näher auf Sondersprachen und ihre Rolle in der Gesellschaft eingegangen, bevor in Kapitel 3 der aktuelle Forschungsstand zum Einfluss nicht-sprachlicher Variablen auf die Lexik von Sprechern anhand von Literatur aufgearbeitet wird. Daraus werden anschließend die Hypothesen für den empirischen Teil abgeleitet werden.

In Teil III wird die Studie präsentiert und diskutiert. Kapitel I beschreibt Methodik, Stichprobe und Stimuli der Studie sowie die Operationalisierung der einzelnen Variablen. Die Darstellung der Ergebnisse erfolgt in Kapitel 2, deren Zusammenfassung und Interpretation in Kapitel 3. Am Ende werden sowohl Methode als auch Ergebnisse kritisch beleuchtet (Kapitel 4). Die Arbeit schließt mit einem Fazit und Ausblick für die weitere Forschung in diesem Bereich (Teil IV).

II Theorie

1. Lunfardo und Jugendsprache

"No es posible interpretar fenómenos de una lengua sin tener en cuenta un hecho fundamental: la lengua no es algo abstracto, sino el producto del acto social creativo de sus hablantes" (Kubarth 1986: 210). Mit diesen Worten beschreibt Kubarth die Essenz des Paradigmenwechsels, der in den 1960er Jahren zur Geburt der Soziolinguistik führte. Diese hat die Auffassung von Sprache als statisches Regelsystem und reines Kommunikationsmittel zugunsten der sozialsymbolischen Funktion von Sprache hinter sich gelassen. Die Soziolinguistik sieht Sprache als Spiegel der Gesellschaft, oder wie es Teruggi ausdrückt, als "barómetro muy sensible" (1974: 169) für soziale Veränderungen, nicht zuletzt deshalb, weil sich die Sprecher mit ihrer Hilfe - bewusst oder unbewusst - innerhalb der Gesellschaft positionieren. Calvet sieht in der individuellen Ausdrucksweise "una manera de reivindicar su pertenencia a un grupo social, a un lugar o a una franja etaria" (1994, zitiert nach Conde 2011: 51). Damit sind bereits drei der vier Achsen angesprochen, die in der Varietätenlinguistik Beachtung finden. Die Varietätenlinguistik ist eine der Teildisziplinen der Soziolinguistik, welche sich besonders als theoretische Grundlage für die Untersuchung von Sondersprachen - wie es der Lunfardo und die Jugendsprache sind - eignet, da sie sich nicht mit der 'abstrakten' Standardsprache, sondern mit ihren tatsächlich von Sprechern realisierten Varietäten beschäftigt. Diese Achsen sind 1. die diatopische (Sprache und ihre Verteilung im Raum), 2. die diastratische, oder auch soziolektale Achse sowie 3. die diachronische, welche die Sprache in ihrer zeitlichen Entwicklung beschreibt, aber zu einem gewissen Maße auch - genau wie die anderen Ebenen - synchronisch betrachtet werden kann, indem entweder Sprecher unterschiedlicher Altersgruppen oder Lexeme und ihr Grad an Standardisierung untersucht werden. Hinzu kommt die diaphasische Perspektive, welche berücksichtigt, dass die Art sich auszudrücken je nach Gesprächssituation, -kontext und Funktion variiert.4

Bevor wir uns der Abgrenzung des Forschungsgegenstandes der Studie widmen, lohnt ein kurzer Blick auf die - nicht ganz unproblematische5 - Definition der beiden Begriffe 'Lunfardo' und 'Jugendsprache', um klarzustellen, wie sie in dieser Arbeit verstanden und verwendet werden. Unter den zahlreichen Definitionsversuchen stellt sich insbesondere Condes Definition von Lunfardo als "[v]ocabulario integrado por voces y expresiones de diverso origen no registrados en los diccionarios del español corriente, que el hablante de Buenos Aires utiliza en oposición al habla en general" (2004: 205) für diese Arbeit als brauchbar heraus, da in ihr einerseits der nicht-standardsprachliche Charakter des Lunfardo deutlich wird, der sich schon bei Teruggi wiederfindet, wenn er Lunfardo als "una lengua subestándar de tipo familiar o popular" (1974: 17) bezeichnet. Andererseits wird auch klar, dass es sich beim Lunfardo lediglich um ein lexikalisches Repertoir handelt, das den Wortschatz der Basissprache Spanisch erweitert. Im Gegensatz dazu können bei der sogenannten 'Jugendsprache' Abweichungen von der Standardsprache sowohl im Lexikon, als auch in Phonologie, Syntax und Diskursstrategien beobachtet werden. Es handelt sich also um eine eigene Sprachvarietät, welche jedoch nicht als homogener, durchgängiger Stil, sondern vielmehr als ein "Ensemble subkultureller Stile" (Neuland 2008b: XI) verstanden wird, welche eine "Menge von Präferenzmustern" (Androutsopoulos 1998: 24) umfasst. Um der Lesbarkeit willen, wird in dieser Arbeit weiterhin der vereinfachende Begriff 'Jugendsprache' verwendet, ohne dabei die tatsächliche Komplexität des Phänomens zu ignorieren.

Trotz der angesprochenen strukturellen Unterschiedlichkeiten weisen Lunfardo und Jugendsprache viele Gemeinsamkeiten und Überschneidungen auf. Als Substandards sind beide Sondersprachen, wie wir im folgenden Kapitel noch genauer sehen werden, generell zu einem gewissen Grad von Marginalität und sozialer Stigmatisierung gekennzeichnet und erfüllen daher auch sehr ähnliche Funktionen. Dies mag auch einer der Gründe sein, weshalb sich gerade jugendliche Sprecher gerne des Lexikons von Nicht-Standardsprachen bedienen (vgl. Bloomfield 1984 und Lodge 1992, nach Androutsopoulos 22005a) und gleichzeitig selbst auch einen erheblichen Teil zu ihm beitragen. Denn entgegen der heute, besonders unter Jugendlichen verbreiteten Ansicht, Lunfardo sei die verstaubte Sprache des Tango und der compadritos längst vergangener Zeiten, wird in folgendem Zitat sehr gut deutlich, was schon Teruggi Ende der 80er Jahre des 19. Jahrhunderts feststellte: "se está formando en la actualidad 1978 un novel lunfardo que es obra de la juventud" (21978: 48 f.). Conde schlägt vor, den novel lunfardo jedoch nicht als etwas vom Alten abgegrenztes Anderes zu verstehen, sondern vielmehr den Lunfardo allgemein als kontinuierlich Erneuertes, denn "[s]implemente aquel 'viejo' lunfardo en las décadas sucesivas se vio ampliado con generosidad por medio de palabras provenientes de diversos ámbitos" (2011: 136).

Dadurch ist zugleich ein wesentliches Charakteristikum des Lunfardo angesprochen, nämlich dass er vom Vokabular mehrerer Fach- und Sondersprachen unterschiedlichster Bereiche, wie Sport, Musik und Medien gespeist wird. Im Sinne Francois-Geigers (1987, nach Conde 2011), kann der Lunfardo demnach als argot-común bezeichnet werden, der sich aus jergas (Fachsprachen) und neo-argots (bspw. Jugendsprachen) zusammensetzt. Eine schematische Darstellung dieser Zusammensetzung könnte in etwa so aussehen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Überschneidungen im Lexikon von Lunfardo und Jugendsprache. Quelle: Darstellung der Autorin.

Fokus dieser Arbeit ist demnach eben dieser (in der Darstellung markierte) Überschneidungsbereich von Lunfardo und Jugendsprache, also Lunfardismen, welche von jugendlichen Sprechern benutzt werden, genauso wie aktuelle jugendsprachliche Ausdrücke, welche das Potenzial besitzen, in das sondersprachliche Vokabular, auch älterer Sprecher, einzugehen.

Angesichts der aufgezeigten reziproken Relevanz von Lunfardo und Jugendsprache ist es sehr verwunderlich, dass es bisher noch keine, der Autorin bekannten, Studien gibt, welche diese Varietäten mit dem Fokus auf die jeweils andere untersucht und aufeinander bezieht. Lediglich Zabel (2004) widmet den Jugendlichen ein kurzes Kapitel in ihrer Magisterarbeit, welcher eine soziolinguistische Untersuchung der passiven und aktiven Kompetenz von Lunfardo zugrundeliegt. Doch auch sie kommt zu dem Schluss, dass weitere Forschung mit eben diesem Schwerpunkt sinnvoll und notwendig sei, wie sie beispielsweise bereits seit geraumer Zeit für den slang in den Vereinigten Staaten betrieben wird.

Voneinander getrennt gibt es hingegen eine Anzahl von Publikationen, welche sich mit Lunfardo bzw. Jugendsprache im Zusammenhang mit Themen wie Musik, Subkulturen, ihrer sozialen Rolle, ihrem Stigma oder auch dem Einfluss extralinguistischer Faktoren beschäftigen. Diese Arbeit ist daher auch der Versuch einer Synthese des Einzelwissens über Lunfardo beziehungsweise über Jugendsprache, indem zusammenführende Hypothesen generiert und mithilfe der durchgeführten Studie überprüft werden.

2. Stigma und Funktion

Neben der (offiziellen) Standardsprache gibt es in einer Sprechergemeinschaft, wie bereits erwähnt, sogenannte nicht-standardsprachliche Varietäten, oder auch Substandards, welche aufgrund ihrer Abweichungen von der dominanten Sprachform (wie z.B. Hochdeutsch) in der Regel einen niedrigeren Status in der Gesellschaft einnehmen als der institutionalisierte Standard. Ihre Verwendung in akademischen oder formellen Kontexten wird daher oft "explizit oder implizit negativ sanktioniert" (Neuland 22007b: 145). Sowohl bei Jugendsprachen, als auch bei Lunfardo, handelt es sich um eben solche von der Gesellschaft stigmatisierte Substandards. Im Falle der Jugendsprache wird dieser Umstand durch die meist lautstarke Empörung über den 'Sprachverfall der heutigen Jugend' offensichtlich, der sich als historisches Phänomen bereits viele Jahrhunderte zurückverfolgen lässt. Wie auch der jahrzehntelang als "léxico de la delincuencia" (Conde 2011: 46) angesehene Lunfardo, erfährt auch die Jugendsprache teilweise eine gewisse Kriminalisierung. Im Deutschland des 17. Jahrhundert wurde Jugendsprache interessanterweise gerade aufgrund der frequenten Entlehnungen aus der Gaunersprache Rotwelsch kritisiert (vgl. Neuland 2008a) und auch heute wird sie aufgrund ihrer ebenso marginalisierten Stellung beispielsweise im jugendsprachlichen Wörterbuch von Eike Schönfeld "mit der Knastsprache in Zusammenhang gebracht" (Schlobinski 2002: 16). Während aus kulturpsychologischer Sicht das "Spannungsverhältnis zwischen den Generationen" (Neuland 2008b: 9) für das Stigma von Jugendsprachen verantwortlich gesehen wird, so erklärt Teruggi das des Lunfardo mit dessen - allen Argots gemeinen - Ursprung als Soziolekt marginalisierter Gruppen: "su cuna ha sido la miseria material y moral, su nodriza, la mala vida" (1974: 93). Auch wenn sich die Sondersprache längst in allen Gesellschaftsschichten und in ganz Argentinien verbreitet hat (vgl. u.a. Conde 2011 und Martínez & Molinari 2011), so bleibt notwendigerweise doch ein gewisses soziales Gefälle zwischen Standard und Substandard bestehen, das den Erhalt seiner Vielzahl an Funktionen garantiert.

Wenn nämlich davon ausgegangen werden kann, dass ein Sprecher der Standardsprache mächtig ist, so ist es seine bewusste Entscheidung, sich einer Substandardvariante zu bedienen und kann somit als markierte Redeweise gelten (vgl. Kailuweit 2005). Es wird also aus bestimmten, meist bewussten, Beweggründen heraus auf Substandards zurückgegriffen, was sicherlich der Tatsache geschuldet ist, dass bei substandardsprachlichem Vokabular nicht so sehr die Denotation - also das, was 'objektiv' gesagt wird - im Vordergrund steht, sondern vielmehr sein konnotativer Wert, das 'Gemeinte' (vgl. Conde 2011). Einerseits verleiht dies dem Gesagten mehr Expressivität, was in der Forschung zur Jugendsprache gar als ihr Primärzweck angesehen wird (vgl. Androutsopoulos 2000), andererseits erlaubt es dem Sprecher selbst auf diese Weise seine Gruppenzugehörigkeit zu definieren. Denn eine der wichtigsten sozialsymbolischen Funktionen von Sprache ist die Abgrenzung von anderen und damit die Herstellung sozialer Identität. Dies gilt für Sprecher des Lunfardo, die sich damit vor allem geografisch situieren (vgl. u.a. Martínez & Molinari 2011), ebenso wie für Jugendliche, die sich auf diese Weise von den Erwachsenen abgrenzen und als Teil ihrer peer group positionieren möchten (vgl. u.a. Neuland 22008b).

Substandardsprachen erfüllen jedoch noch weitere wichtige soziale Funktionen. Eine davon ist die Ermöglichung vertrauensvoller Kommunikation, wie sie Gobello in seiner vielzitierten und der wohl bekanntesten Definition des Lunfardo als "[lo] que habla el porteño cuando empieza a entrar en confianza" (1959, zitiert nach Conde 2011: 130) hervorhebt. Daneben werden vor allem Rebellion und ein Aufbegehren gegen die Normen der Gesellschaft angeführt, was besonders im Jugendalter eine große Rolle einnimmt. Conde nennt die Verwendung des Lunfardo statt der Standardsprache, "un modo de situarse con relación al poder que esta representa, una manera de eludir los tabúes a través del lenguaje y una cierta forma de resistencia" (2011: 20). In diesem Zusammenhang ist auch oft von der sogenannten reversed morality die Rede, wobei gerade linguistische Tabubrüche und andere verbale Angriffe auf die Werte der dominanten Gesellschaft als subversive Sozialkritik gewertet werden (vgl. Teruggi 1974). Substandardvarietäten werden also zwar stigmatisiert, können seinen Sprechern jedoch gerade dadurch auch etwas Heldenhaftes, verrucht Rebellisches und damit sogar ein gewisses Prestige verleihen, wie es Kailuweit (2005) für den compadrito im Migrationsmilieu des Buenos Aires vor gut 100 Jahren bemerkt. Dieser positive Effekt des Gebrauchs von Substandardsprachen auf die 'Coolness' von Sprechern wurde in der Jugendsprachforschung bereits empirisch nachgewiesen: Scholten (1988, nach Androutsopoulos 22005a) konnte Korrelationen zwischen der Beliebtheit von Teenagern innerhalb ihrer Freundeskreise und der vermehrten Verwendung von nicht- standardsprachlichen Varianten feststellen.

Sondersprachen eignen sich jedoch nicht nur dafür, sich durch mutiges Rebellieren hervorzutun, sie zeugen auch von der Kreativität der Sprecher, die mit Wortwitz und Sprachspielen versuchen ihre Gesprächspartner zu beeindrucken oder zu belustigen. Nicht zuletzt ob des ludischen Effekts haben sowohl der Lunfardo, als auch die Jugendsprache in kulturellen Ausdrucksformen, allen voran in der Musik, ihren Platz.

Für die empirische Untersuchung dieser Arbeit bedeutet dies demnach, dass Lunfardo seiner Eigenschaft als Substandard wegen unter Jugendlichen vermutlich sehr verbreitet ist. Aufgrund ihres Stigmas kann jedoch davon ausgegangen werden, dass Lunfardismen vornehmlich unter Freunden benutzt werden, während in formellen Kontexten eher auf die dominante Sprache zurückgegriffen wird. Daraus können wir folgende generelle Hypothesen ableiten:

1. Generelle Hypothesen

a) Jugendliche haben einen großen passiven Wortschatz des Lunfardo.
b) Jugendliche benutzen viele Lunfardismen.
c) Die Verwendung von Lunfardismen nimmt mit steigendem Formalitätsgrad des Gesprächskontextes ab.

3. Einfluss extralinguistischer Parameter

Die Soziolinguistik geht davon aus, dass soziodemografische Faktoren, wie Alter, Geschlecht oder auch der sozioökonomische Status einer Person, deren Sprache beeinflussen. Der Lunfardo war ehemals ein männergeprägter, in den conventillos von Buenos Aires beheimateter und somit der Unterschicht zugeordneter Soziolekt, der noch bis in die 50er und 60er Jahre des vergangenen Jahrhunderts eher eine Domäne der älteren Sprecher war. Teruggi weist jedoch schon 1974 auf seine bereits fortgeschrittene Liberalisierung hin und mittlerweile sind Lunfardismen so selbstverständlich Teil der Umgangssprache ausnahmslos aller Gesellschaftsgruppen, dass diese Tatsache ein wesentliches Charakteristikum des Lunfardo darstellt, das ihn von anderen Sondersprachen unterscheidet, die Soziolekte (also Stile bestimmter sozialer Gruppen) geblieben sind. Wenngleich heutzutage also weder Alter, Geschlecht noch Schicht tatsächlich determinieren, ob eine Person in Alltagsgesprächen auf Lunfardismen zurückgreift, so gibt es, wie wir sehen werden, doch Unterschiede im Gebrauch, die mit diesen Faktoren korrelieren. Aus einer solchen soziolinguistischen Perspektive wurde der Lunfardo unter anderem von Teruggi (1974) und Kubarth (1986) betrachtet, wobei ersterer sich aufgrund der dürftigen Studienlage fast ausschließlich auf Studien zum slang in den USA oder seine persönliche Erfahrung stützt, während Kubarth eigene Untersuchungen zur habla porteña sowie zur Spracheinstellung der Bewohner von Buenos Aires anstellte. Diese Autoren sowie die sehr viel aktuellere Studie von Zabel (2004), deren Studie an die Kubarths aus dem Jahre 1986 angelehnt ist, bilden die theoretische Grundlage der im Folgenden aufgestellten Hypothesen, was den Lunfardo anbelangt.

Aus dem Bereich der Jugendsprachforschung wurde das Paper Research on Youth-Language von Androutsopoulos (22005a) als Referenzwerk gewählt, da sie als ausführliche Metastudie Ergebnisse verschiedener Studien aus diesem Forschungsbereich darstellt.

3. 1 Geschlecht

Hinsichtlich der Geschlechterdifferenz stellt Zabel (2004) in ihrer Studie fest, dass weibliche und männliche Teilnehmer die ihnen präsentierten Lunfardismen zwar in gleichem Ausmaße kennen, bei der Verwendung ist der Anteil der Männer jedoch sehr viel höher, besonders bei als anstößig empfundenen Wörtern (malas palabras), sowie in formellen Kontexten. Auch Kubarth kommt zu dem Ergebnis, dass besonders Frauen unter einem starken sozialen Druck stehen, was sich in deren negativen Haltung gegenüber der nicht-standardsprachlichen Varietät mit geringerem sozialem Prestige äußert und Frauen daher sensibler für Gesprächskontexte macht:

[A]parece muy claramente que el factor social tiene un peso más fuerte sobre el juicio de las mujeres [...]nos parece poder afirmar que las mujeres muestran una mayor conciencia sociolingüística en el sentido de que su reacción frente a otros grupos y sus formas particulares de hablar se deja guiar más por el estigma o prestigio social inherente a tales formas. (1986: 194)

Die Vermutung liegt also nahe, dass Frauen ihre Wortwahl zu einem höheren Grad an die Gesprächssituation anpassen als Männer und stärker zwischen formellen und informellen Kontexten unterscheiden.

Im Bereich der Jugendsprachforschung ist die Studienlage bezüglich des Faktors 'Geschlecht' uneinheitlicher. Androutsopoulos (22005a) weist auf viele Studien hin, die das klassische Schema reproduzieren, nachdem Jungen mehr umgangssprachliche Varietäten benutzen als Mädchen, während einige Studien, gerade was das Lexikon betrifft, den umgekehrten Fall aufzeigen.

Basierend auf der präsentierten Forschungslage werden für diese Studie folgende zu prüfende Hypothesen für den Faktor 'Geschlecht' aufgestellt:

2. Hypothesen: Geschlecht

a) Mädchen und Jungen unterscheiden sich nicht hinsichtlich ihres passiven Wortschatzes.
b) Jungen benutzen mehr Lunfardismen als Mädchen.
c) Jungen benutzen mehr 'anstößige' Ausdrücke als Mädchen.
d) Mädchen sind kontextsensitiver als Jungen.

3.2 Alter

Neben dem Geschlecht beeinflusst vermutlich auch das Alter von Sprechern deren Gebrauch von Lunfardismen. Aufgrund des ständigen Sprachwandels gibt es einerseits Ausdrücke, die fast ausschließlich von Angehörigen älterer Generationen verwendet werden, während es andererseits eine große Anzahl 'neuer' Wortschöpfungen gibt, welche hauptsächlich von Jugendlichen gekannt und benutzt werden (vgl. Conde 2011 und Zabel 2004). Da die in dieser Arbeit präsentierte Studie die erste zu Lunfardo mit speziellem Fokus auf jugendliche Sprecher darstellt, liegen zu diesem Zeitpunkt noch keine Vergleichsdaten vor, die Unterschiede im Gebrauch des Lunfardo innerhalb dieser Altersgruppe (Adoleszenz) aufzeigen. Die Jugendsprachforschung gibt hier jedoch einige Anhaltspunkte. Mehrere Studienergebnisse legen nahe, dass der Gebrauch von stigmatisierten Varianten in der Adoleszenz mit dem Alter stetig abnimmt. Eine solche Entwicklung wurde beispielsweise von Henne (1986, nach Androutsopoulos 22005a) besonders für das Lexikon von Schülern nachgewiesen, indem er eine vermehrte Verwendung von Nicht-Standardvarianten in der frühen Adoleszenz feststellt. Ältere Jugendliche (15-17 Jahre) hingegen benutzen, laut einer Studie von de Klerk (1997, nach Androutsopoulos 22005a), mehr Kraftausdrücke als jüngere (12-14 Jahre). Für den passiven Wortschatz lässt sich aufgrund der größeren Lebenserfahrung älterer Jugendlicher vermuten, dass diese mehr Lunfardismen kennen.

Aus dieser Darstellung lassen sich demnach folgende Hypothesen für die Studie ableiten:

3. Hypothesen: Alter

a) Ältere Jugendliche kennen mehr Lunfardismen als jüngere.
b) Jüngere Jugendliche benutzen mehr Lunfardismen als ältere.
c) Ältere Jugendliche benutzen mehr anstößige Ausdrücke als jüngere.

3.3 Sozioökonomischer Status

Am widersprüchlichsten ist die Studienlage, was den Einfluss der Variable sozioökonomischer Status (SS) auf den Gebrauch von Lunfardo bzw. Jugendsprache anbelangt. Teruggi behauptet zwar es existiere "una relación directa entre cultura indivual y empleo de los argotismos: la gente inculta e ineducada los utiliza en mayor cantidad, la clase intelectual en menor proporción" (1974: 142),6 räumt jedoch an anderer Stelle ein, gerade angehende Universitätsstudenten seien "los más grandes usuarios y creadores de vocablos" (1974: 174). Wie anfangs bemerkt, betont Conde (2011) vor allem die weite Verbreitung des Lunfardo in allen sozialen Schichten des Landes, mit Ausnahme des in den Vororten von Buenos Aires entstandenen lunfardo villero. Dieser gilt als die Ausdrucksweise der marginalisierten Gesellschaftsgruppen, welche durch die politischen Gegebenheiten in den 1990er Jahren und die dadurch hervorgerufene enorme Jugendarbeitslosigkeit sowie die beeinträchtigte Bildungssituation nach der Krise im Jahr 2001 entstanden. Als solche wird der lunfardo villero und seine Sprecher von der Gesellschaft stigmatisiert, erhält jedoch zugleich eine starke identitätsstiftende Qualität, welche in dem orgullo villero Ausdruck findet (vgl. u.a. Barría 2005, de Gori 2005 und Semán & Vila 2011a, Tranchini 2008). Der Stolz und Zusammenhalt der villeros 7 gegen die dominanten gesellschaftlichen Gruppen ist auch wesentlicher Bestandteil der cumbia villera, auf die im nächsten Abschnitt ausführlicher eingegangen wird.

[N]aturalmente este sector de la sociedad argentina se forja, como puede, su propio lenguaje [...] Es en este sentido que puede considerarse a esta subclase del lunfardo un marcador social. Este uso lingüístico, identificado por la utilización de un lunfardo suburbano, marca al hablante como procedente de un medio determinado, pero lo que en ese medio se constituye como un salvoconducto identitario, fuera de ese ambito muy a menudo implica su estigmatización. (Conde 2011: 137)

Die identitätsstiftenden Qualität des lunfardo villero auf der einen, sowie die Stigmatisierung seiner Sprecher auf der anderen Seite, kann als Indiz für einen Zusammenhang zwischen Wohnviertel, Gesellschaftsschicht und Ausdrucksweise gedeutet werden. Wenn man bedenkt, dass fast die Hälfte aller Befragten in Kubarths (1986) Studie 'schlechte Sprache' mit ärmeren Stadtvierteln assoziiert, so scheint ein solcher Zusammenhang zumindest fest im Bewusstsein vieler Menschen verankert zu sein. Dies deckt sich auch mit der Annahme, dass formal gebildete Personen auf mehrere unterschiedliche Sprachregister zurückgreifen und ihre Ausdrucksweise daher besser an den jeweiligen Gesprächskontext anpassen können (vgl. Kailuweit 2005, Kubarth 1986 und Teruggi 1974).

Umso mehr erstaunen die Ergebnisse von Zabel (2004), wonach Studienteilnehmer mit Universitätsabschluss mehr Lunfardismen kennen und auch benutzen als solche mit Sekundär- oder lediglich Grundschulabschluss. Da weder Daten, noch allgemeine Aussagen bezüglich des passiven Wortschatzes von Sprechern unterschiedlicher sozialer Schichten vorliegen, wird davon ausgegangen, dass die Variable 'sozioökonomischer Status' diesen nicht wesentlich beeinflusst.

Laut Meta-Analyse von Androutsopoulos (22005a) folgt auch der Gebrauch von Jugendsprache, dem 'klassischen' Muster, tritt also vermehrt bei Jugendlichen aus schlechteren sozioökonomischen Verhältnissen auf, wobei er einige Arbeiten hervorhebt, die darauf hinweisen, dass sowohl die Stellung eines Teenagers in seiner peer group, als auch seine Einstellung zur Schule, weit mehr Einfluss auf seine Sprechweise haben kann als sein SS (vgl. auch Eckert 1997). Im Freundeskreis weniger beliebte und mehr schulorientierte Jugendliche benutzen demnach weniger nicht-standardsprachliche Varianten.

Folgende Hypothesen gilt es demnach zu überprüfen:

4. Hypothesen: Sozioökonomischer Status

a) Angehörige unterschiedlicher sozialer Schichten unterscheiden sich nicht hinsichtlich ihres passiven Wortschatzes.
b) Jugendliche aus besseren sozioökonomischen Verhältnissen benutzen mehr Lunfardismen als solche aus schlechteren.
c) Jugendliche aus schlechteren sozioökonomischen Verhältnissen benutzen mehr Lunfardismen in formellen Kontexten als solche aus besseren.
d) Jugendliche aus schlechteren sozioökonomischen Verhältnissen kennen mehr lunfardo villero als solche aus besseren.
e) Jugendliche aus schlechteren sozioökonomischen Verhältnissen benutzen mehr lunfardo villero als solche aus besseren.
f) Lunfardismos villeros/cumbieros sind stigmatisierter und werden weniger in formellen Kontexten benutzt als andere Lunfardismen.

3.4 Subkultur und Musikkonsum

Neben den bereits ausgeführten klassischen soziodemografischen Variablen haben sich, wie bereits erwähnt, gerade im Bereich der Jugendsprache andere, womöglich sehr viel aussagekräftigere Faktoren herauskristallisiert, die den Sprachgebrauch beeinflussen. Aufgrund der wichtigen identitätsstiftenden Funktion von Sprache (vgl. Kapitel 2) ist dies allen voran die Zugehörigkeit von Sprechern zu Subkulturen mit ihrem spezifischen Vokabular und der oft dazugehörige Musikstil. So wie Lunfardo einst die Sprache der compadritos und des Tango war, so formte sich im Zuge des Erfolgs des argentinischen Rocks (rock nacional) in den 70er Jahren, ein vocabulario rockero, das neben älteren Lunfardismen eine Reihe neuer Ausdrücke aus der Jugendsprache aufgriff und unter seinen Anhängern, den rockeros bzw. rolingas verbreitete. Seither gab es eine Vielzahl von sogenannten tribus urbanas in Argentinien, die mit ihrem gruppenspezifischen Vokabular zum Lexikon des Lunfardo beitrugen (vgl. u.a. Conde 2007, Oliveri 2009 und Terrio 2004). Anfang der Jahrtausendwende wurde mit der cumbia villera eine neue Subkultur geboren, die sich aufgrund ihrer marginalisierten Stellung, besonders stark mit ihrer Sprache von der 'restlichen' Gesellschaft abzugrenzen versucht: "La identidad villera posee [...] un acervo de palabras comunes e identificatorias que componen una comunidad de sentido para los grupos juveniles" (de Gori 2005: 368). Trotz, oder gerade wegen des hohen Stigmas des lunfardo villero sind die cumbieros, wie bereits erwähnt, stolz auf ihre Identität und Sprache8. Es ist daher zu erwarten, dass Personen, die sich dieser Subkultur zugehörig fühlen, ihre Redeweise nicht zu verstecken versuchen und ihre Wortwahl auch nicht in gleichem Maße an den Gesprächskontext anpassen wie andere Gruppen. Der Musik kommt in diesem Rahmen eine doppelte Funktion zu: Erstens ist sie wichtiger Teil und Verstärker der Gruppenidentität, zweitens spielt sie, wie auch moderne Massenmedien, eine wichtige Rolle bei der Verbreitung von Sprache (Conde 2011), besonders was das Lexikon betrifft: "Adolescents’ well-known engagement with pop and media culture means that the resources they draw on in their linguistic identity construction are not only local, but also global, especially on a vocabulary level" (Androutsopoulos 22005a: 1502).9

Im Hinblick auf die dargelegte Forschungslage erwarten wir folgende Einflüsse von Subkulturen und Musik auf die Sprache der Studienteilnehmer:

5. Hypothesen: Subkultur und Musikkonsum

a) Angehörige einer Subkultur kennen und benutzen mehr Lunfardismen, die dieser Subkultur zugeordnet werden als andere Personen.
b) Konsumenten einer Musikrichtung kennen und benutzen mehr Lunfardismen, die dieser Musikrichtung zugeschriebenen werden als Personen, die andere Musikstile bevorzugen.
c) Lunfardismos cumbieros haben mehr Stigma und werden weniger in formellen Kontexten benutzt als andere Lunfardismen.
d) Cumbieros benutzen lunfardismos cumbieros mehr in formellen Kontexten, sind also nicht so kontextsensitiv wie andere Personen.

III Studie

1. Methodik und Forschungsdesign

Im Rahmen eines Aufenthalts der Autorin in Buenos Aires zwischen April und Juli 2015 wurde eine soziolinguistische Befragung unter Schülern mittels Fragebogen durchgeführt, um den in der Einleitung formulierten Forschungsfragen nachzugehen. Im Folgenden werden nun dessen Konzeption, die Operationalisierung der einzelnen Parameter, die Vorgehensweise bei der Erhebung und Auswertung der Daten sowie Stichprobe und Stimuli vor einem theoretischen Hintergrund erläutert.

1.1 Methodische Überlegungen

In der Jugendsprachforschung kann, laut Androutsopoulos (1998), zwischen drei großen Forschungsperspektiven unterschieden werden: Diese sind 1. die korrelative, welche jugendtypische Sprachphänomene mithilfe quantitativer Methoden erfasst und mit außersprachlichen, soziolinguistischen Parametern in Bezug setzt, 2. die lexikologische Perspektive, welche das jugendtypische bzw. jugendspezifische Vokabular untersucht sowie 3. die interaktionale, welche jugendliche Sprechstile im konkreten Gespräch zum Fokus hat. Androutsopoulos (1998) weist in seinem Beitrag vor allem auf die Wichtigkeit der Zusammenführung dieser Perspektiven und der Verfolgung mehrdimensionaler Forschungsansätze hin. Aufgrund der Natur des Lunfardo wurde in dieser Studie ein lexikologischer Ansatz gewählt und mit einem korrelativen Design kombiniert. Für lexikologische Forschungsdesigns bieten sich Fragebögen mit Item-Listen an, mit denen sowohl der aktive als auch der passive Wortschatz der Studienteilnehmer ermittelt werden kann. Zudem können dabei gleichzeitig die soziodemografischen Daten sowie andere zu untersuchende Parameter erhoben werden.

Da mit dieser Studie eine erste Annäherung an das Forschungsfeld angestrebt wird, bietet sich eine Methode mit quantitativem Schwerpunkt an.10

1.2 Stichprobe

Stichprobengrößen variieren in der Jugendsprachforschung je nach Studie, sind jedoch sogar bei den größten ihrer Art11 kaum repräsentativ. Daher erhebt auch diese Studie keinerlei Anspruch auf statistische Repräsentativität, sondern hat lediglich zum Ziel, mögliche Zusammenhänge - Korrelationen, nicht Kausalitäten - zwischen Variablen und Sprachgebrauch aufzuweisen, die der Theoriebildung sowie als Ansatzpunkt für weitere Forschung dienen können.

Um eine möglichst breite Streuung der Stichprobe zu gewährleisten, wurden insgesamt 200 Papierfragebögen12 an vier Lehrerinnen in Buenos Aires verteilt, mit der Bitte, diese von ihren Schülern ausfüllen zu lassen. Es wurde ausdrücklich darauf hingewiesen, dass die Teilnahme freiwillig ist und bei Nicht-Teilnahme keinerlei Nachteile für die Schüler entstehen.

Auf diese Weise konnten Jugendliche zwischen 13 und 20 Jahren, aller Klassenstufen von 1 bis 6, an acht weiterführenden Schulen (escuelas secundarias) mit unterschiedlicher Schwerpunkt-Ausrichtung und unterschiedlichen akademischen sowie sozioökonomischen Niveaus13 erreicht werden. Bis auf eine private, aber fast vollständig vom Staat subventionierte Schule im Großraum Buenos Aires (provincia), waren alle Schulen öffentlich und befinden sich in der Hauptstadt Buenos Aires (capital) bzw. an deren Grenze.

Der gleiche Fragebogen14 war außerdem online unter dem Link https://www.umfrageonline.com/s/cuestionario_2015 zugänglich und wurde an die Schüler einer privaten Schule in der Hauptstadt weitergegeben, von denen 17 an der Umfrage teilnahmen. Zudem wurde der Link zum Onlinefragebogen an neun Einzelpersonen im Zielgruppenalter (13 bis 20 Jahre) geschickt. Diese besuchen verschiedene öffentliche und

[...]


1 Eine ausführlichere Erörterung des Begriffs folgt in Kapitel 1: "Lunfardo und Jugendsprache".

2 Cumbieros sind eine um die Jahrtausendwende in Buenos Aires entstandene und daher regional stark vertretene subkulturelle Gruppe.

3 Die Begriffe lunfardo villero und lunfardo cumbiero werden in dieser Arbeit gleichbedeutend verwendet. In Kapitel 3.3 (Teil II) werden die entsprechenden Zusammenhänge genauer erklärt.

4 In dieser Arbeit werden vor allem die diastratische sowie die diaphasische Perspektive berücksichtigt - die diachronische soll hier lediglich angerissen und in einer separaten Arbeit mit dem Fokus auf Sprachwandel und Standardisierungsprozesse genauer betrachtet werden. Auf die diatopische Achse wird nicht näher eingegangen, da der Untersuchungsgegenstand der Studie geografisch auf Buenos Aires festgelegt, und damit räumlich ohnehin sehr begrenzt ist.

5 Eine umfassende Diskussion und verschiedene Ansätze zur Definition des Lunfardo finden sich in Conde (2011), vgl. vor allem Kapitel I.7. Für eine ausführliche Erörterung des Begriffs 'Jugendsprache' vgl. Androutsopoulos (1998).

6 Teruggi bezieht sich hier aufgrund fehlender Daten auf Ergebnisse der nordamerikanischen slang -Forschung, allen voran auf Wentworth & Flexner, 1960.

7 Bewohner der villas miserias, wie die Elendsviertel im Großraum Buenos Aires genannt werden.

8 C umbieros und villeros werden, bezüglich ihrer Sprechweise gemeinhin als dieselbe gesellschaftliche Gruppe angesehen, der derselbe Soziolekt zuzuordnen ist. Zur Abgrenzungsproblematik vgl. Kapitel 4.4 (Teil III).

9 Auf die damit angedeutete homogenisierende Wirkung moderner Massenmedien auf die Jugendsprache wird im Zusammenhang mit der Auswertung des qualitativen Teil des Fragebogens näher einzugehen sein.

10 Der Fragebogen wurde durch die Erhebung qualitativer Daten ergänzt, in dieser Arbeit kommt jedoch, um den Rahmen nicht zu sprengen, lediglich der quantitative Teil zur Auswertung und Interpretation, in einer weiteren Arbeit soll die Analyse des qualitativen Teils erfolgen.

11 Das dreijährige DFG-Forschungsprojekt Wuppertaler Fragebogen beispielsweise ist mit 1200 Befragten das bisher umfangreichste in Deutschland.

Quelle: http://www2.uni-wuppertal.de/fba/germanistik/Homepage_Neuland/dfg/projektverlauf.htm

12 Der Fragebogen wurde mithilfe des Online-Tools Umfrage Online (https://www.umfrageonline.com) erstellt und direkt vom Portal als PDF-Datei heruntergeladen. Der Zugang erfolgte über ein kostenloses Studentenkonto.

13 Zur Problematik der Bestimmung dieses Merkmals vgl. Kapitel 4.6 (Teil III).

14 Der einzige Unterschied zwischen der Online- und der Papierversion ist aus offensichtlichen Gründen die zufällige Reihenfolge der Item-Liste sowie, aus Gründen der besseren Übersichtlichkeit, deren Unterteilung in zwei Tabellen statt einer.

Ende der Leseprobe aus 60 Seiten

Details

Titel
Die Jugendsprache "Lunfardo". Eine soziolinguistische Studie unter Schülern in Buenos Aires
Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
Note
1,0
Autor
Jahr
2015
Seiten
60
Katalognummer
V386639
ISBN (eBook)
9783668647503
ISBN (Buch)
9783668647510
Dateigröße
961 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Lunfardo, Jugendsprache, Soziolinguistik, Argentinien, Spanisch, Slang, cumbia villera, Buenos Aires, Musik
Arbeit zitieren
Julia Mittermüller (Autor), 2015, Die Jugendsprache "Lunfardo". Eine soziolinguistische Studie unter Schülern in Buenos Aires, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/386639

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