[...] Gibt es ein Lebensrecht für alle Menschen und muss dieses begründbar sein? Gibt es ein „lebenswertes“ und ein „lebensunwertes“ Leben? Worüber definiert sich der Wert eines Menschen? Diese Fragen, auf die die Antworten unserem allgemeinen Menschenbild und dem in Artikel 1 des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland statuierten Grundsatz folgend keiner langen Diskussion bedürften, sind durch verschiedene Entwicklungen in jüngster Vergangenheit in den Fokus des allgemeinen Interesses geraten und sind so selbstverständlich wie angenommen nicht mehr zu beantworten. Zu diesen Entwicklungen gehört unter anderem der Fortschritt im Bereich der molekularen Medizin und der Gentechnologie, durch den die wesentlichen Kernaussagen und ethischen und moralischen Vorstellungen von Menschenwürde und Menschsein in Frage gestellt werden. Die Hoffnungen, die durch die neuen medizinischen Möglichkeiten entstanden, nämlich das Heilen von bisher unheilbaren Krankheiten oder die gezielte Prävention von Gebrechen durch genetische Eingriffe, stehen in einem krassen Gegensatz zu den potentiellen Gefahren dieser Technik. Dies sind die durch die Optimierung möglich werdenden Einstellungen der Gesellschaft zu den mit Mängeln Behafteten, die durch den neuen Anspruch der Gefahr der Selektion unterliegen. Anders ausgedrückt: Der „perfektionierte“ Mensch kann als Maßstab die Existenz des „fehlerhaften“ Menschen bedrohen, dessen Sein als „vermeidbarer Schaden“ bewertet wird. Es geht hierbei also nicht um eine bloße Vor- oder Nachteilsdiskussion für bestimmte Personen, sondern tatsächlich um Leben- oder Sterbenlassen. Im folgenden werde ich versuchen, die Prozesse, die diese Entwicklung bedingen, herauszuarbeiten und ihre Ursachen anhand der Problematik der Eugenik, also der „(...) praktische(n) Anwendung der Erkenntnisse der Humangenetik,(...)“2 in Bezug auf Menschen mit Behinderung zu untersuchen, da gerade diese Menschen von den Folgen der fortschreitenden Biomedizin betroffen sind. Der Fokus wird dabei auch auf dem eigentlichen Zweck der Technik liegen, da diese nie wertfrei sein kann und eine von Menschen entwickelte Technik immer - egal, ob es sich dabei um die Erfindung des Rades oder der Atombombe handelt - ein mit einem bestimmten Wert verbundenes Phänomen ist. Im Bereich des medizinischen Fortschritts heißt die Frage also: Handelt es sich bei technischen Möglichkeiten um eine Art der pränatalen Selektion oder eine Prävention von Behinderung?
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Das „gute Leben“?
3. Der Begriff der „Würde des Menschen“
4. Die Problematik des moralischen Dilemmas
5. Selbstbild und Anspruch der Medizin
5.1. Die „Einbecker Empfehlungen“
6. Möglichkeiten der pränatale Diagnostiken
6.1. Ultraschalluntersuchung
6.2. Fruchtwasseruntersuchung
6.3. Präimplantationsdiagnostik
6.4. Abtreibung als Folge
6.5. „Neugeboreneneuthanasie“
6.6. Die „Praktische Ethik“ Peter Singers
7. Negative Eugenik - Positive Eugenik - „Liberale Eugenik“?
8. Schlussgedanken
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die ethischen Implikationen des medizinischen Fortschritts im Bereich der molekularen Medizin und Gentechnologie, insbesondere in Bezug auf die pränatale Diagnostik und den Umgang mit Menschen mit Behinderung, um zu klären, ob moderne Verfahren zur Prävention von Behinderung führen oder eine neue Form der Selektion darstellen.
- Menschenwürde und der Wert des menschlichen Lebens
- Ethische Dilemmata in der modernen Medizin
- Techniken der pränatalen Diagnostik und deren Konsequenzen
- Die Philosophie Peter Singers und ihre Auswirkungen auf die Ethikdebatte
- Eugenische Strömungen (negative, positive und liberale Eugenik)
Auszug aus dem Buch
6.3. Präimplantationsdiagnostik
Bei der Präimplantationsdiagnostik (PID) handelt es sich um eine Technik, die in Deutschland zwar durch das Embryonenschutzgesetz noch verboten ist, in anderen Ländern aber bereits als eine gängige Methode zur Verhinderung von Geburten mit Gendefekten praktiziert wird. Dabei wird ein künstlich erzeugter Embryo noch vor der Implantation in die Gebärmutter auf mögliche Defekte der DNA untersucht, um so das Risiko einer genetisch bedingten Behinderung auszuschließen. Das bedeutet, dass Embryonen mit nicht gewünschten körperlichen und psychischen Eigenschaften als „fehlerhaft“ ausgefiltert und nicht ausgetragen werden. Der verständliche Wunsch aller Eltern nach einem gesunden Kind führt also zu einer Art Selektion, bei der das Individuum in seiner Lebenswertigkeit auf sein zu erwartendes Erscheinungsbild reduziert wird. Alle den Erwartungen nicht entprechenden in vitro erzeugten Embryonen müssen verworfen werden, da sie keinen weiteren Zweck erfüllen. SPECK sieht hierin „(...) das grundlegende Problem des gezielten Embryonen-Verbrauchs.“14 Eine weitere Gefahr sieht er in den sozialpsychologischen Folgen einer solchen Praxis.
Die vorbestimmten Gene würden demnach zum Schlüssel zum Erfolg „(...) und nicht Sozialisation und Leistung (...)“.15 Hier drängt sich der Vergleich zu dem in HUXLEYS Zukunftsroman „Brave New World“ geschilderten Szenario auf, in dem die natürlich Gezeugten und dem Zufall der Natur Überlassenen durch die „Gezüchteten“ als unnatürlich zu minderwertigen Menschen degradiert werden.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die Spannung zwischen dem medizinischen Fortschritt zur Krankheitsheilung und den damit verbundenen ethischen Gefahren einer möglichen Selektion menschlichen Lebens.
2. Das „gute Leben“?: Dieses Kapitel hinterfragt den philosophischen Begriff des „guten Lebens“ und seine Bedeutung für das ärztliche Handeln.
3. Der Begriff der „Würde des Menschen“: Hier wird der absolute Wert des Menschen und das unveräußerliche Recht auf Schutz des Lebens, beginnend bei der Empfängnis, erörtert.
4. Die Problematik des moralischen Dilemmas: Der Autor erläutert die Unvereinbarkeit ethischer Verpflichtungen, exemplarisch dargestellt an der Abtreibungsthematik.
5. Selbstbild und Anspruch der Medizin: Es wird die medizinische Berufsethik analysiert, die durch den technologischen Fortschritt zunehmend unter Druck gerät.
6. Möglichkeiten der pränatale Diagnostiken: Dieses zentrale Kapitel beschreibt verschiedene diagnostische Verfahren und ihre ethische Problematik hinsichtlich Selektion und Abtreibung.
7. Negative Eugenik - Positive Eugenik - „Liberale Eugenik“?: Eine kritische Auseinandersetzung mit verschiedenen eugenischen Strömungen und deren philosophische Einordnung.
8. Schlussgedanken: Der Autor resümiert die Notwendigkeit einer inneren moralischen Instanz und fordert eine kritische Auseinandersetzung mit den Schattenseiten des technischen Fortschritts.
Schlüsselwörter
Pränatale Diagnostik, Ethik, Menschenwürde, Gentechnologie, Selektion, Behindertenfeindlichkeit, Eugenik, Medizinethik, Embryo, Präimplantationsdiagnostik, Lebenswert, Utilitarismus, Peter Singer, Bioethik, Moral.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert die ethischen Herausforderungen, die durch den Fortschritt der modernen Medizin und Gentechnologie entstehen, und deren Einfluss auf den Umgang mit Menschen mit Behinderung.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zu den zentralen Themen gehören die Definition der Menschenwürde, das moralische Dilemma der Abtreibung, verschiedene pränatale Diagnoseverfahren sowie die theoretischen Konzepte der Eugenik.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, herauszuarbeiten, ob moderne biomedizinische Entwicklungen lediglich der Prävention von Leiden dienen oder als riskante Form der Selektion menschlichen Lebens betrachtet werden müssen.
Welche philosophische Methode wird angewandt?
Der Autor nutzt eine philosophisch-ethische Analyse, um Begriffe wie das „gute Leben“ oder „Würde“ zu klären und diese in den Kontext aktueller medizinischer Praktiken zu setzen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil befasst sich detailliert mit den verschiedenen Methoden der pränatalen Diagnostik (z.B. Ultraschall, Fruchtwasseruntersuchung, PID) und deren moralischer Bewertung sowie der Philosophie von Peter Singer.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind insbesondere Pränatale Diagnostik, Menschenwürde, Eugenik, moralisches Dilemma und der Schutzraum menschlichen Lebens.
Warum wird Peter Singer in dieser Arbeit thematisiert?
Singer dient als Repräsentant utilitaristischer Ansichten, deren Akzeptanz der Tötung behinderter Säuglinge der Autor als eine bedenkliche Polarisierung der ethischen Diskussion interpretiert.
Welche Bedeutung hat der Begriff der „liberalen Eugenik“?
Der Begriff beschreibt eine moderne Form der Eugenik, die sich auf private Entscheidungen werdender Eltern stützt und unter dem Deckmantel individueller Wahlfreiheit eine neue Wertung menschlichen Lebens implizieren kann.
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- Fabian Göbel (Author), 2004, Ethische Fragen an die moderne Medizin in Bezug auf molekulare und gentechnische Entwicklungen und deren Bedeutung für Mensch und Gesellschaft, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/38665