In den letzten Jahren scheinen die Nachrichtenbeiträge über den Terror des sogenannten Islamischen Staates, dem Heiligen Krieg im Namen Allahs, nicht abzureißen. Das Bild des Islam verschlechtert sich in der westlichen Gesellschaft zusehends und gleichzeitig steigt die Angst vor weiteren Angriffen. Es wird mit dem Finger auf ein Problem gezeigt, welches auch vor unserer
eigenen Haustür besteht. Greifen denn nicht auch teilweise Christen, Hindus und andere religiöse Gruppierungen, Muslime auf Grundlage einer eingebildeten, ethischen Überlegenheit an?
Hier setzen tiefgreifende Erforschungen des Phänomens, welches wir als Fundamentalismus kennen, an. Für viele Christen ist dieses Phänomen jedoch gar nicht so präsent wie es meiner Meinung nach sein sollte. Natürlich sind es immer nur Minoritäten, die sich einem fundamentalistischen Gedankengut zugehörig fühlen, jedoch sollte sich ein Christ darüber
bewusst werden, was in den Untergründen seiner Konfession vonstattengeht. Folglich sollte auch in den Medien so über dieses Problem gesprochen werden, dass das überreligiöse Ausmaß deutlich wird. Denn mit der Transparenz kann Aufklärung und mit der Aufklärung Prävention geschaffen werden.
Nur wenn man in seiner eigenen Religion die Zeichen einer Tendenz zum Fundamentalismus erkennen kann, kann man sich davor schützen, selbst dafür anfällig zu werden. Wie in einem der folgenden Kapitel nämlich noch erläutert werden wird, haben vor allem die Führungspersönlichkeiten in (christlich-)fundamentalistischen Gruppierungen eine hohe Anziehungskraft auf eine bestimmte Art von Menschen.
Bevor wir jedoch über das Problem eines protestantischen und römisch-katholischen, Fundamentalismus sprechen können, müssen wir zunächst einen Blick auf die Entstehungsgeschichte des christlichen Fundamentalismus´ und ihre Gründe werfen.
So finden sich die Anfänge, wie in vielen Büchern zu lesen ist, im vorigen Jahrhundert. Jedoch kann man den Anstoß eines solchen Denkens höchstwahrscheinlich schon im 19. Jahrhundert datieren. Die naturwissenschaftliche Forschung und ihre Methoden befanden sich auf dem Vormarsch und bis dahin gängige Wahrheiten wurden in ihren Grundfesten erschüttert. Auch das Bild des Individuums wurde anders gezeichnet. Nach und nach wurden Lebensweisen akzeptiert, die zuvor gesellschaftlich nicht akzeptabel waren. Das Subjekt eroberte sich einen neuen Freiraum, der Platz und Möglichkeit zu verschiedenster Entfaltung ließ. [...]
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Begriffsklärung „(Religiöser) Fundamentalismus“
3. Voraussetzung für die Entstehung eines Fundamentalismus
3.1 Die psychische Voraussetzung: Existentielle Krisen
3.2 Die funktionelle Voraussetzung: Fundamentalistische Akteure
3.3 Die soziale Voraussetzung: Gesellschaft der Moderne
4. Christlicher Fundamentalismus
4.1 Ein typisch römisch-katholischer Fundamentalismus
4.2 Ein typisch protestantisch-charismatischer Fundamentalismus
5. Fazit: Entstehung und Spielarten des christlichen Fundamentalismus
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Ursachen und Erscheinungsformen des religiösen Fundamentalismus, wobei der Fokus insbesondere auf dem christlichen Fundamentalismus liegt. Das Ziel ist es, die psychologischen, funktionalen und gesellschaftlichen Voraussetzungen zu identifizieren, die Individuen für fundamentalistische Ideologien empfänglich machen, und dabei die Unterschiede zwischen katholischen und protestantischen Ausprägungen aufzuzeigen.
- Analyse der psychologischen Disposition und existentieller Krisen bei Fundamentalisten.
- Untersuchung der Rolle charismatischer Führungspersönlichkeiten für die Indoktrination.
- Betrachtung der gesellschaftlichen Modernisierung als Auslöser für fundamentalistische Gegenbewegungen.
- Kontrastierung der römisch-katholischen und protestantisch-charismatischen Fundamentalismus-Spielarten.
Auszug aus dem Buch
3.1 Die psychische Voraussetzung: Existentielle Krisen
Darf man dem Politologen Thomas Meyer glauben, so treffen immer drei Faktoren aufeinander bei der Entstehung eines Fundamentalismus: „[...] das Zusammentreffen existentieller Krisen, die Disposition eines großen Teils der Gesellschaft und die Wirksamkeit fundamentalistischer Akteure.“
Zu einem Ausweg aus den zuerst benannten existentiellen Krisen wird dann der Fundamentalismus. Er soll ersetzen, was in der Jugend am dringlichsten vermisst wurde, so beispielsweise in der Familie. Demnach sollen durch ihn jegliche Ungewissheiten und Verunsicherungen überwunden werden und an deren Stelle Sicherheit, Orientierung und Identitätsstiftung treten. Um ein derart hohes Verunsicherungspotential und eine solch planlose Suche nach der eigenen Identität zu entwickeln, kommt man bei dem Versuch der Ergründung jener psychologischen Auffälligkeiten zwangsläufig zu dem Heranwachsen und der Entwicklung eines Individuums zurück.
So fällt einem wohl vor allem bei dem Terminus Krise anhieb das Stufenmodell von Erik Erikson ein, welches darauf basiert, dass jede Lebensphase durch eine Krise gekennzeichnet ist. Auch Freuds Entwicklungstheorie kann hier von Nutzen sein. Um den Rahmen der Arbeit nicht zu sprengen, werden demnach im Folgenden lediglich diese beiden Entwicklungsmodelle als Erklärungsmöglichkeit für psychische Beweggründe des Hingezogenfühlens zu einer fundamentalistischen Gruppierung angeführt.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die aktuelle Relevanz des Themas Fundamentalismus angesichts globaler Konflikte und definiert das Ziel der Arbeit, die Hintergründe dieser Ideologie zu ergründen.
2. Begriffsklärung „(Religiöser) Fundamentalismus“: Dieses Kapitel erarbeitet eine Arbeitsdefinition des Fundamentalismus, wobei Merkmale wie Intransigenz, Dualismus, Reduktionismus und Diskursunfähigkeit hervorgehoben werden.
3. Voraussetzung für die Entstehung eines Fundamentalismus: Hier werden drei Säulen der Entstehung analysiert: die psychische Disposition (Krisen), die Rolle von Akteuren (Führung) und die gesellschaftliche Moderne.
4. Christlicher Fundamentalismus: Dieses Kapitel differenziert zwischen dem römisch-katholischen Fundamentalismus, der sich stark an Hierarchie und Tradition orientiert, und dem protestantisch-charismatischen Fundamentalismus, der den Fokus auf den Bibelabsolutismus und individuelle Gotteserfahrungen legt.
5. Fazit: Entstehung und Spielarten des christlichen Fundamentalismus: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und resümiert, wie sowohl psychische Verunsicherung als auch gesellschaftlicher Druck zur Radikalisierung beitragen.
Schlüsselwörter
Fundamentalismus, Christlicher Fundamentalismus, Religiöser Fundamentalismus, Existentielle Krisen, Identitätsstiftung, Römisch-katholischer Fundamentalismus, Protestantisch-charismatischer Fundamentalismus, Bibelizismus, Radikalisierung, Ideologie, Moderne, Gesellschaftskritik, Autoritarismus, Dualismus, Tradition
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit befasst sich mit der Entstehung und den spezifischen Erscheinungsformen des Fundamentalismus im christlichen Kontext.
Welches sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die psychologischen Ursachen, die Bedeutung charismatischer Anführer und der Einfluss der modernen Gesellschaft auf fundamentalistisches Denken.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist die Erforschung der Faktoren, die Menschen dazu bewegen, sich fundamentalistischen Ideologien anzuschließen, und die Analyse der Unterschiede zwischen verschiedenen christlichen Spielarten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine theoretische Analyse unter Einbeziehung psychologischer Entwicklungsmodelle (Erikson, Freud) sowie die Untersuchung von Literatur zu den Themen Fundamentalismus und Religionssoziologie.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung psychischer, funktionaler und gesellschaftlicher Entstehungsvoraussetzungen sowie eine konkrete Gegenüberstellung katholischer und protestantischer Ausprägungen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Fundamentalismus, Radikalisierung, Identität, Bibelabsolutismus und moderne Gesellschaft geprägt.
Wie unterscheidet der Autor den katholischen vom protestantischen Fundamentalismus?
Der katholische Fundamentalismus orientiert sich stärker an kirchlicher Hierarchie und Tradition, während der protestantische Fundamentalismus primär auf einen strikten Bibelabsolutismus und subjektive charismatische Erlebnisse setzt.
Welche Rolle spielen „existentielle Krisen“ laut der Arbeit?
Existentielle Krisen gelten als ein zentraler Auslöser; sie erzeugen Verunsicherung, die durch die rigiden Strukturen und die scheinbare Sicherheit des Fundamentalismus kompensiert werden soll.
Warum wird die Moderne als Faktor für Fundamentalismus gesehen?
Die Moderne bringt Pluralität, Orientierungslosigkeit und den Verlust traditioneller Werte mit sich, was bei verunsicherten Individuen das Bedürfnis nach eindeutigen, schwarz-weißen Weltsichten verstärkt.
Welche Bedeutung haben „charismatische Führungspersönlichkeiten“?
Sie dienen als Identifikationsfiguren, die den verunsicherten Anhängern Stabilität vermitteln, ihre Ideologie rhetorisch simplifizieren und eine exklusive „Wahrheit“ garantieren.
- Arbeit zitieren
- Romina Hermes (Autor:in), 2017, Entstehung und Spielarten des christlichen Fundamentalismus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/386691