Ein Vergleich der Handlungsfreiheiten von Eve und Adam in "Der zerbrochene Krug" von Heinrich von Kleist


Hausarbeit, 2014

13 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

1
1. Einleitung
Das Lustspiel ,,Der zerbrochene Krug" von Heinrich von Kleist ist auf den ersten Blick
ein Gerichtsstück mit einem klaren Fall: Ein Krug wurde zerbrochen. Nun
verkompliziert sich die Tatsache aber durch zwei Gegebenheiten. Erstens: Der Täter ist
(für den Rezipienten im frühen Verlauf des Stückes offensichtlich) der Richter Adam.
Zweitens: Eve, die einzige Person, die diese Tatsache bezeugen kann, wird durch
verschiedene äußere und innere Zwänge davon abgehalten, das Publikum und die
restlichen Anwesenden aufzuklären. Natürlich steckt hinter dem zerbrochenen Krug
mehr als nur kaputtes Porzellan. Der Richter Adam, so wird im Laufe des Stückes klar,
wollte mithilfe eines gefälschten Einzugsschreibens, nach dem Eves Verlobter Ruprecht
nach Indien hätte marschieren müssen, unzüchtige Taten von Eve erpressen. Als er
dabei von Ruprecht ertappt wird und flieht, zerbricht erwähnter Krug. Da Eve die Sache
nicht aufklären kann oder will, werden die Geschehnisse zusehends komplizierter.
In dieser Arbeit werde ich nun die zwei Hauptpersonen des Stückes, Eve und Adam,
genauer in Bezug auf ihre Handlungsfreiheiten betrachten. Eve ist, wie oben erwähnt,
durch innere und äußere Zwänge gebunden, die ich genauer untersuchen werde,
wohingegen Adam versuchen muss, alles in seiner Macht stehende zu unternehmen, um
zu verbergen, dass er der allein Schuldige ist. Dabei hat aber auch er innerhalb gewisser
Grenzen zu agieren.
Ziel der Arbeit soll es sein, eine Bewertung beider Personen bezüglich ihrer
Handlungsfreiheiten durchzuführen.
Diese Arbeit wird sich an der Bühnenfassung des Stückes orientieren, und den ,,Variant"
nicht mit einbeziehen. Dies geschieht einerseits aus Platzgründen, andererseits
interagieren Eve und Adam im Variant nicht mehr. Die Absichten Eves, die im Variant
ausführlich erläutert werden, sind in der Bühnenfassung in ausreichendem Maße für
diese Arbeit dargelegt.

2
2. Der Richter Adam
Adam ist nicht nur der Dorfrichter von Huisum, dem Ort, an dem das Stück spielt,
sondern auch der Dreh- und Angelpunkt des Stückes. Schließlich vereinigt er in sich
sowohl die höchste richterliche Instanz im Dorf, als auch den tatsächlich Schuldigen im
Prozess. Es ist offensichtlich, dass diese Tatsache das Stück vorantreibt und ebenfalls
für das komische, ja ,,lächerliche Geschehen um den Dorfrichter Adam"
1
sorgt.
Dabei ist ,,Adams Spontaneität und situative Schläue [...] kennzeichnend für seine
Vorgehensweise"
2
. Eben diese Vorgehensweise werde ich jetzt untersuchen. Ich werde
dabei chronologisch vorgehen und zuerst die Zeit vor Beginn des Prozesses
untersuchen, dann die Zeit während des Prozesses um schließlich ein Fazit zu ziehen.
2.1 Vor Beginn des Prozesses
Die Zeit vor dem Beginn des Prozesses um den zerbrochenen Krug ist für Adam geprägt
von bösen Überraschungen. Ohnehin gezeichnet durch schwere Verletzungen im
Gesicht, die von der vorherigen Nacht her rühren
3
, erfährt er vom Schreiber Licht, dass
der Gerichtsrat Walter zu Besuch kommt
4
, daraufhin bemerkt er, dass seine Perücke
fehlt
5
, was in Kombination mit dem Besuch des Gerichtsrats eine denkbar schlechte
Ausgangssituation ergibt, denn ,,die Blöße, die sich Adam gibt, untergräbt seine
persönliche wie juridische Autorität"
6
. Schließlich hat er, gleich einer prophetischen
Vorhersehung einen Traum, in dem er sowohl Richter als auch Angeklagter war und sich
selbst ,,den Hals ins Eisen [judicirte]"
7
. Dieser Traum wird zur Wahrheit, als der vorerst
letzte Schock für ihn eintritt: Der Prozess, der geführt werden soll, geht um einen Krug,
1
S. Ulrich Fülleborn: Die frühen Dramen Heinrich von Kleists. München 2007. S. 80
2
S. Karin Ockert:Recht und Liebe als symbolisch generalisierte Kommunikationsmedien in den Texten Heinrich von Kleists. St.
Ingberg: Röhrig 2005. S.64
3
Vgl. Heinrich von Kleist: Der zerbrochne Krug. Berlin: Realschulbuchhandlung Reimer, 1811. Digitale Volltext Ausgabe in
Wikisource, URL:http://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Der_zerbrochene_Krug_(Kleist)_007.jpg&oldid=1343226
(Version vom 15.11.2010) . S. 13
4
Vgl. ebd. S. 15
5
Vgl. ebd. S. 28ff.
6
S. Anke van Kempen: Die Rede vor Gericht. Prozeß, Tribunal, Ermittlung: Forensische Rede und Sprachreflexion bei Heinrich
von Kleist, Georg Büchner und Peter Weiss. Freiburg im Breisgau 2005. S. 68
7
S. Heinrich von Kleist: Der zerbrochne Krug. Berlin: Realschulbuchhandlung Reimer, 1811. Digitale Volltext Ausgabe in
Wikisource, URL:http://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Der_zerbrochene_Krug_(Kleist)_007.jpg&oldid=1343226
(Version vom 15.11.2010) . S.33

3
den Adam selber aller Wahrscheinlichkeit nach zerbrochen hat. Außerdem ist unter den
Zeugen Eve, die er unter falschem Zeugnis und mithilfe eines gefälschten Briefes zu
unsittlichen Taten bringen wollte
8
. Diese Erkenntnis kommt allerdings erst knapp vor
Beginn des Prozesses.
Die für diese Arbeit wichtige Frage ist nun, inwiefern Adam hier Handlungsalternativen
hat, die er nutzt oder nicht nutzt. Von seinen Entscheidungen am Anfang des Stückes
hängt viel ab, da sie unmittelbar mit der weiteren Handlung zusammenhängen. Jedoch
beginnt Adam das Stück und seinen ersten Auftritt sogleich mit einer Lüge über seine
Verletzung. Dem folgt eine Lüge über den Verbleib seiner Perücke. Man bemerkt
schnell, dass ,,Adams Geschichten [ein Eigenleben] entwickeln [...], das sie der
Kontrolle ihres Erfinders entzieht"
9
. Eine Chance, sich vor dem Prozess aus der
Bredouille zu ziehen hätte Adam möglicherweise gehabt, wenn er den Gedanken, sich
entschuldigen zu lassen, weiter verfolgt hätte
10
. Schließlich hat er eine ernste
Kopfverletzung. Sich dazu starke Kopfschmerzen, Übelkeit oder ähnliches
auszudenken, hätte sicherlich in den Möglichkeiten Adams gelegen. Es ist allerdings
nicht nachzuvollziehen, warum er relativ schnell von seiner Eingebung ablässt.
Sicherlich jedoch ist das teilweise auf Schreiber Licht zurückzuführen, der die ganze
Zeit über auf ihn einredet. Dennoch bestand hier eine gewisse Freiheit, die er nicht
genutzt hat. Weiterhin ist es denkbar, dass Adam Angst hat, dass Licht ihm die Zügel
komplett aus den Händen nimmt, wenn er nicht selbst zum Prozess erscheint
11
.
Außerdem weiß Adam zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass Eve beim Prozess
anwesend sein wird und ein Fall zur Verhandlung kommt, bei dem er selbst der
Schuldige ist.
Es ist natürlich nicht bewiesen, dass der Prozess eine völlig andere Richtung genommen
hätte, wenn Adam sich entschuldigt hätte, doch die Wahrscheinlichkeit, dass es für ihn
glimpflicher ausgegangen wäre, besteht.
8
Vgl. Heinrich von Kleist: Der zerbrochne Krug. Berlin: Realschulbuchhandlung Reimer, 1811. Digitale Volltext Ausgabe in
Wikisource, URL:http://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Der_zerbrochene_Krug_(Kleist)_007.jpg&oldid=1343226
(Version vom 15.11.2010). S. 150 ff.
9
S. Anke van Kempen: Die Rede vor Gericht. Prozeß, Tribunal, Ermittlung: Forensische Rede und Sprachreflexion bei Heinrich
von Kleist, Georg Büchner und Peter Weiss. Freiburg im Breisgau 2005. S. 32
10
Vgl. Heinrich von Kleist: Der zerbrochne Krug. Berlin: Realschulbuchhandlung Reimer, 1811. Digitale Volltext Ausgabe in
Wikisource, URL:http://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Der_zerbrochene_Krug_(Kleist)_007.jpg&oldid=1343226
(Version vom 15.11.2010). S. 23
11
Vgl. hierzu ebd. S. 19

4
Seinen Handlungsfreiraum nutzt Adam hingegen gut, als er mit Gerichtsrat Walter über
Recht und Gesetz in Huisum spricht
12
. Er erhält Zustimmung von Walter, der selbst
keine ganz klare Meinung von den momentanen Gesetzen hat:
,,Es fehlt an Vorschriften, ganz recht. Vielmehr
Es sind zu viel, man wird sie sichten müssen."
13
Anscheinend verstehen sich beide Figuren anfangs gut miteinander. Adam ist froh, dass
Walter sich freut, wenn das, was er beurteilen soll ,,erträglich ist"
14
. Die Stimmung trübt
sich jedoch mit Adams nächstem Fehler bei der Erwähnung der fünften Kasse, die er in
diesen Zeiten gar nicht führen dürfte. Man sollte annehmen können, dass Adam sehr
wohl wusste, dass er diese Kasse nicht führen durfte, dennoch erwähnt er sie gegenüber
Gerichtsrat Walter, der daraufhin sehr irritiert reagiert, es jedoch vorerst übergeht
15
.
Adam hätte mit einem Verschweigen der verbotenen Kasse möglicherweise verhindern
können, dass Walter schon zu Beginn misstrauisch wird.
2.2 Während des Prozesses
Der Prozess selbst ist für Adam eine Zwickmühle. Einerseits zwingt ihn ,,sein Amt [...],
das Verfahren zu führen"
16
andererseits muss er ,,versuchen, die Ermittlung des
Tathergangs zu verhindern"
17
. So gerät er zwischen mehrere Fronten, die sowohl von
innen als auch von außen auf ihn einwirken, während er versuchen muss, den Verdacht
von sich abzuwälzen. Dabei ,,glänzt er mit einer umwerfenden Lügenphantasie"
18
,
dennoch gerät seine Handlungsfreiheit immer mehr in Bedrängnis. ,,Seine Rede verwirrt
12
Vgl. Heinrich von Kleist: Der zerbrochne Krug. Berlin: Realschulbuchhandlung Reimer, 1811. Digitale Volltext Ausgabe in
Wikisource, URL:http://de.wikisource.org/w/index.php?title=Seite:Der_zerbrochene_Krug_(Kleist)_007.jpg&oldid=1343226
(Version vom 15.11.2010). S. 35 f
13
S. ebd.S. 36
14
S. ebd. S. 35
15
Vgl.. ebd. S. 38
16
S. Anke van Kempen: Die Rede vor Gericht. Prozeß, Tribunal, Ermittlung: Forensische Rede und Sprachreflexion bei Heinrich
von Kleist, Georg Büchner und Peter Weiss. Freiburg im Breisgau 2005. Seite 34.
17
S. ebd. S. 33 f
18
S. Ulrich Fülleborn: Die frühen Dramen Heinrich von Kleists. München 2007. S. 82.
Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Ein Vergleich der Handlungsfreiheiten von Eve und Adam in "Der zerbrochene Krug" von Heinrich von Kleist
Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen
Note
1,3
Autor
Jahr
2014
Seiten
13
Katalognummer
V386852
ISBN (eBook)
9783668613720
ISBN (Buch)
9783668613737
Dateigröße
569 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
vergleich, handlungsfreiheiten, adam, krug, heinrich, kleist
Arbeit zitieren
Peter Oliver Greza (Autor), 2014, Ein Vergleich der Handlungsfreiheiten von Eve und Adam in "Der zerbrochene Krug" von Heinrich von Kleist, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/386852

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