Erziehung und Gewalt. Ein Widerspruch?


Hausarbeit (Hauptseminar), 2015
23 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

1. Die menschliche Natur

2. Unser Grundgesetz – Basis des demokratischen Staates

3. Klaus Hurrelmanns Thesen zur Sozialisation

4. Historischer Ansatz

5. Ausweitung des Gewaltbegriffs

6. Karl Marx: Materialistische Gesellschaftstheorie

7. John Locke und Immanuel Kant

8. Erziehung und Zwang nach Heitger

9. Zurück zum Beginn

10. Literaturverzeichnis

Vorwort

In aktuellen pädagogischen Theorien wird rigoros Abstand genommen von Gewalt in der Erziehung. Neuere pädagogische Konzepte distanzieren sich von Manipulation und Machtausübung gegenüber zu Erziehenden und postulieren, dass Erziehung und Gewalt sich gegenseitig ausschließen. Erziehung hat hier schnell seine Grenzen erreicht. Dann ist von Sozialisation und Kinderregierung die Rede.

ABER: Ist das realistisch? Schaffen nicht gar Machtstrukturen erst die Voraussetzungen für Erziehung? Ist somit Gewalt innerhalb der Erziehung nicht stets vorhanden oder muss sie aus dem Erziehungsprozess herausgehalten werden?

ACHTUNG: Es kommt darauf an, wie Gewalt definiert wird bzw. ob sie innerhalb der Erziehung legitimiert werden kann. Welche Facetten von Gewalt gibt es? Aus welchen Gründen wird Gewalt angewandt? Wo genau beginnt Gewalt? Und gehört das alles zum Erziehungsbegriff dazu oder muss es eine strikte Abgrenzung geben?

MEINE THESE: Wer von gewaltfreier Erziehung spricht, vertuscht Wahrheiten oder idealisiert zumindest sehr stark und distanziert sich von der pädagogischen Realität. Erziehung ohne Gewalt ist unmöglich oder aber der Erzieher ist nicht ehrlich zu seinen zu Erziehenden.

Ich möchte in den folgenden Ausführungen versuchen, diese These unter Zuhilfenahme verschiedener Ansatzpunkte zu betrachten und zu belegen. Ich werde aus pädagogischer, aber auch aus soziologischer sowie psychologischer Sicht Betrachtungen anstellen. Oft wird tatsächlich der heute negativ konnotierte Erziehungsbegriff zugunsten des (ästhetischeren, nicht negativ belegten) Bildungsbegriffes zu vermeiden gesucht. Im deutschen Sprachraum wird versucht zu idealisieren. Aber ist dies nicht Schönfärberei? Fakt ist, dass es stets ein Machtgefälle gibt im Erziehungsverhältnis. Der Erzieher hat seinem „Zögling“ Vieles voraus: Ausgehend vom höheren biologischen Alter und der meist überlegenen Körpergröße über die weiter entwickelten Wert- und Moralvorstellungen, über das Wissen, die Fertigkeiten und Fähigkeiten bis hin zur Erfahrung, Gelassenheit und Weisheit kann das Gefälle vielfältige Facetten aufweisen. Manche Pädagogen gehen sogar vom Verstand des Kindes als „weißes Blatt“ aus (vgl. Locke, 1690, Kap.1 §2), das während des Erziehungsprozesses „beschrieben“ werden muss. Dafür bedarf es einer fähigeren und damit führenden Person in allen relevanten Bereichen.

Auf den folgenden Seiten werde ich jedoch ebenso hinterleuchten, was an meiner These fraglich sein kann. Wo könnte das Problem liegen, welche Gefahren bestehen? Oft wird aus Angst versucht, sich von Gewalt in der Erziehung zu distanzieren, da mit negativen Konsequenzen für das Zusammenleben und für die Gesellschaft gerechnet wird. Seit Ende des Zweiten Weltkriegs hat man schließlich dazu gelernt...

1. Die menschliche Natur

An den Beginn der Überlegungen stelle ich Gedanken über die menschliche Natur. Welche Beziehung besteht zwischen der Gewalt und unseren ureigensten Hormonen wie Adrenalin und Testosteron? Aus Ängsten, Kontrollverlust und Ärger werden diese Hormone im Körper ausgeschüttet. Daraus wiederum entstehen Aggressionen und Gewalt, da heute oft keine Fluchtmöglichkeit, wie es in grauer Vorzeit der Fall war, besteht. Dieser Mechanismus ist uns allen angeboren, nicht antrainiert oder erlernt. Wenn es nun unser Anspruch wäre, Gewalt aus der Erziehung unserer Nachkommen ganz zu verbannen, würden wir dann nicht unsere eigene Natur unterdrücken? Wir würden unseren nachfolgenden Generationen beibringen, dass derartige Gefühle nicht erwünscht sind und abgelehnt sowie unterdrückt werden müssen. Ist nicht allein die Verleugnung der menschlichen Natur schon Gewaltanwendung gegenüber unserer eigenen Spezies? Wir sind Wesen mit Hang zum Beherrschen, mit dem Willen andere zu führen und nach unseren Interessen zu beeinflussen. Wir tun das ständig, nicht nur mit unserer eigenen Spezies, sondern mit der gesamten lebenden und nicht lebenden Welt, die uns umgibt. Der Mensch sieht sich selbst als Beherrscher der Welt, er glaubt sich den Tieren überlegen, er nutzt die Ressourcen der Erde für seine Zwecke und beutet sie aus. Steht es uns Menschen zu, unseren Kindern vorzugaukeln, Gewalt sei nicht relevant für sie? Dabei lebt die Gesamtheit der Menschen ihnen etwas ganz anderes vor. Indem wir ihnen zeigen, dass verschiedene Arten von Gewalt zum Leben dazu gehören, versetzen wir sie doch erst in die Lage, diese als solche zu erkennen und sich damit auseinander zu setzen. Je nach Situation können sie sich ihr dann entgegen stellen (das heißt: verteidigen) oder distanzieren (das heißt: flüchten).

Ein Teilgebiet der Psychologie und Verbindungsstück zur Soziologie ist die Sozialpsychologie. Ihr Hauptforschungsgebiet ist das menschliche Verhalten in Gruppen. Deindividuation ist hierbei das Schlüsselwort, zu welchem immer wieder erneut experimentiert wird und das stets eine eigenartige Faszination auf uns ausübt. Gewalt, die in Gruppensituationen zur Norm (= Normalität) wird, nimmt das Individuum nicht mehr reflektiert wahr. Vielmehr folgen die Gruppenmitglieder dieser Norm. Ein einzelnes Individuum hingegen würde diese niemals zum Handlungsmittelpunkt machen. Menschen sind von Natur aus folgsam, einer Autorität wird zunächst gehorcht. Eine spätere Reflexion kann folgen, jedoch sind wir zunächst alle vor Autoritätsfolgsamkeit infolge von fehlenden Handlungsalternativen nicht gefeit. Eine Vielzahl von Experimenten gibt es hierzu. Ich erinnere an das Gehorsams-Experiment von Stanley Milgram aus dem Jahr 1961 (vgl. Milgram, S.371ff.): Eine überzeugende Autoritätsperson übernimmt und verteilt die Verantwortung für Gewalteinwirkung auf einen Schüler. Der Anteil derer, die den Anweisungen des „Professors“ ohne weitere Fragen Folge leisten, ist hoch: 65% töten ihre „Schüler“, obwohl es ihnen freigestellt ist, die Situation jederzeit zu verlassen! Ist es ratsam, dieses Experiment unter dem Blickwinkel der Erziehungsmethoden und -ziele der 60er Jahre zu betrachten oder sagt es uns vielleicht etwas über unser typisch menschliches Gruppenverhalten und Anpassungsvermögen aus? Ein weiteres Beispiel: Philip Zimbardo (vgl. Zimbardo: Das Stanford-Gefängnis-Experiment) musste sein Stanford-Prison-Experiment nach sechs Tagen abbrechen. Der Grund: nicht weiter verantwortbare, deindividuierte Gewalt. Auch hier wurde den Probanden vorher gesagt, sie beteiligten sich freiwillig an diesen Forschungen und sie könnten jederzeit aussteigen. Keiner stieg aus. Betrachten wir dieses Experiment unter dem Gesichtspunkt der Erziehungsmethoden der 80er Jahre? Oder fragen wir uns eher, ob es determiniertes Verhalten in Gruppensituationen auch heute noch unverändert gibt?

Was uns diese Beispiele über die menschliche Natur verraten, sei wie folgt erläutert: Wir leben stets in Gruppen, sind in Rollensituationen verankert und von Gruppennormen determiniert. Keiner von uns ist gänzlich frei von der Umwelt und unbeeinflusst von der uns umgebenden Welt. Jeder von uns strebt nach Konformität, sei es in normativer Hinsicht (das heißt: Wie werde ich akzeptiert und angenommen?) oder in informativer Hinsicht (das heißt: Was ist faktisch richtig?). Natürlich sind diese Gruppenphänomene durch Bildung einer reflektierten Meinung reduzierbar oder gar ausschaltbar, aber ganz grundlegend ist das Streben nach Konformität ein archaisches Verhaltensmuster, das in früheren Zeiten zum Überleben notwendig war und uns heute noch in Form des deindividuierten Verhaltens in all seinen Facetten beschäftigt. Deshalb erneut die Frage: Sollen wir unsere Natur unterdrücken? Oder ist es nicht besser, uns selbst so zu akzeptieren, wie wir sind und zu lernen, damit umzugehen und bei Bedarf gegenzusteuern? Was ich hiermit zeigen möchte, ist folgendes: In jeglichen sozialen Situationen und Kontexten werden wir alle mit Werten, Normen und Regeln konfrontiert. Wir ordnen uns ihnen unter und lassen uns damit Gewalt antun. Wir lassen uns – freiwillig oder ohne es zu bemerken – in Normen pressen, die unsere Persönlichkeitsentwicklung beeinflussen. In jeder beliebigen Situation unseres Daseins sind wir irgendeiner Einwirkung von Gewalt ausgesetzt, pädagogische Situationen eingeschlossen.

Was ich in den meinen Ausführungen zeigen möchte, ist folgendes: Gewalt begegnet uns ständig in den verschiedensten Formen. Oft bemerken wir es nicht und glauben, völlig frei zu sein in unseren Entscheidungen. Jedoch der Schein trügt: Der Mensch ist ein grundsätzlich gewaltbereites Wesen und ist dadurch sowohl in der Lage, sich unterzuordnen als auch sich zu verteidigen oder aus der Situation auszubrechen. Beide Seiten sind wichtig, sichern unser Dasein. Wir sollten also nicht vergessen, unseren nachfolgenden Generationen beides mit auf den Weg zu geben! Warum also wird so oft versucht, Gewalt aus der Erziehung auszuklammern? Liegt es an der Definition von Gewalt und daran, wie weit der Gewaltbegriff gefasst wird? Oder liegt es an der Definition von Erziehung und daran, wie weit der Erziehungsbegriff gefasst wird? Ich möchte zum Nachdenken auffordern, ob es wirklich völlige Gewaltfreiheit in der Erziehung geben kann oder ob es nicht illusorisch und tatsächlich auch nicht erstrebenswert ist...

2. Unser Grundgesetz – Basis des demokratischen Staates

“Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.“ Den „unverrückbaren Grundstein des Artikels 1 unseres Grundgesetzes“ nannte dies Dr. Ludwig Spaenle, Bayerischer Staatsminister für Bildung und Kultus, Wissenschaft und Kunst, im Editorial der Zeitschrift „Schule & Wir“, Ausgabe 2/2015 (S. 3) unter der Überschrift „Toleranz leben“. Sofort fällt hier auf: Innerhalb einer demokratischen Gesellschaft übt der Staat Gewalt aus. Ein Widerspruch? Unter der Überschrift des Artikels „ Toleranz leben“ wurde auf die „ staatliche Gewalt “ hingewiesen. Gewalteinsatz im demokratischen Staat um Toleranz vorzuleben? Wie kann das gemeint sein? Wenn eine höhere Instanz, hier der Staat, Gewalt auf seine Untertanen ausübt, ist das Machtgefälle offensichtlich. Spaenle weist in seinem Text sogar auf den „Schulterschluss des Kultusministeriums mit anderen staatlichen und gesellschaftlichen Verantwortungsträgern im Bündnis für Toleranz“ hin. Also mehrere Institutionen wollen mit vereinter Macht einen ethischen Wert wie Toleranz diktieren? Und es wird, angeblich tolerant eingestellt, auch gleich „unmissverständlich Stellung genommen gegen extremistische Bedrohungen und Zumutungen“ (Spaenle, S.3). Klingt das tolerant? Im Kleinen Philosophischen Wörterbuch von Müller und Halder findet sich folgende Definition des Toleranzbegriffes: „Toleranz, auch Duldsamkeit, ist allgemein ein Geltenlassen und Gewährenlassen fremder Überzeugungen, Handlungsweisen und Sitten.“ Die Wortherkunft begründet sich auf das lateinische Verb tolerare, was erdulden / ertragen bedeutet. Will die Staatsgewalt nun Macht ausüben oder will sie tolerieren? Nach dieser Definition müsste Toleranz auch Andersdenkende (Extremisten zum Beispiel) einschließen, wenn sie ethisch korrekt umgesetzt werden würde. Spänles Aufruf kann so verstanden werden, dass nur das eigene Wertesystem anerkannt und für gut befunden wird. Diese Art der Toleranz scheint nur für Gleichdenkende zu gelten oder nur dann, wenn man bereit ist konform zu denken.

Der Staat hat also keineswegs die Absicht, gewaltfrei zu handeln und damit auch nicht, gewaltfrei zu erziehen. Es gibt genügend Verbote, die bei Übertreten sanktioniert werden (wie im oben genannten Beispiel das Andersdenken). Das ist Manipulation, Bevormundung und Beeinflussung -- Gruppendruck eben (siehe oben). Das aber widerspricht dem grundlegenden Gedanken einer Demokratie. Mitglieder eines demokratischen Staates sollen frei und eigenständig denkend erzogen werden. Hier scheint es, als gehe der Staat davon aus, dass nicht jeder Einzelne so reflektiert und moralisch denken könnte, dass es ihm zuzutrauen wäre, nach ethischen Werten und moralischen Vorstellungen zu leben.

[...]

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Erziehung und Gewalt. Ein Widerspruch?
Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg  (Lehrstuhl für Allgemeine Pädagogik I)
Veranstaltung
Theorien der Bildung
Note
1,0
Autor
Jahr
2015
Seiten
23
Katalognummer
V386866
ISBN (eBook)
9783668609396
ISBN (Buch)
9783668609402
Dateigröße
830 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Erziehung, Sozialisation, Pädagogik, Hurrelmann, Kant, Marx, Heitger
Arbeit zitieren
Daniela Knauer (Autor), 2015, Erziehung und Gewalt. Ein Widerspruch?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/386866

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