Selektiver Mutismus bei Kindern. Die Therapie nach dem "DortMuT-Konzept"


Akademische Arbeit, 2018
20 Seiten

Leseprobe

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Inhaltsverzeichnis
1. Was ist selektiver Mutismus? ... 3
1.1 Definitionen ... 3
1.2 Häufigkeit ... 4
2. Symptomatik des selektiven Mutismus ... 5
2.1 Symptome und Erscheinungsformen ... 5
2.2 Begleitstörungen ... 5
2.3 Auswirkungen des selektiven Mutismus ... 6
3. Mögliche Ursachen und Erklärungsansätze ... 8
4. Diagnostik bei selektivem Mutismus ... 10
5. Therapie nach dem DortMuT-Konzept ... 11
5.1 Prinzipien ... 11
5.2 Safe-Place-Arbeit ... 12
5.3 Die Arbeit mit Puppen ... 13
5.4 Die erste Therapiestunde ... 14
5.5 Weiterer Therapieverlauf ... 15
5.6 Transferarbeit ... 17
6. Fazit und Ausblick ... 19
7. Literaturverzeichnis ... 198

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1. Was ist selektiver Mutismus?
1.1 Definitionen
Der Begriff ,,Mutismus" stammt aus dem Lateinischen von ,,mutus" (,,stumm") und
bedeutet Schweigen. Er wird heute verwendet als Bezeichnung für eine
Kommunikationsstörung, die durch ein beharrliches Schweigen, Nicht-Sprechen bzw.
eine Redehemmung gekennzeichnet ist. Dabei besitzen mutistische Kinder die
Fähigkeit zu sprechen, setzen diese jedoch nicht oder nicht immer ein. Beispielsweise
sprechen sie in bestimmten Situationen oder gegenüber bestimmten Personen nicht
und schweigen, obwohl sie sich in anderen Situationen bzw. gegenüber anderen
Personen adäquat verbal mitteilen können. Der Begriff ,,selektiv" beschreibt den
Umstand, dass das Schweigen häufig nicht umfassend und vollständig erfolgt,
sondern wie beschrieben nur bestimmte Situationen betrifft. Demgegenüber steht
die Bezeichnung des ,,totalen Mutismus", der eine vollständiges Schweigen bzw. ein
vollständiges Fehlen der Lautsprache in jeglicher Situation bzw. gegenüber allen
Personen beschreibt (vgl. Katz-Bernstein 2007, S. 20f.).
Als Definition lässt sich also festhalten:
,,Selektiver Mutismus ist eine Störung in der Kindheit, die als eine umfassende
Sprachlosigkeit in mindestens einer spezifischen Situation auftritt, trotz der
Fähigkeit, in anderen Situationen zu sprechen."
(Dow et al. 1999, Übersetzung Katz-
Bernstein 2007)
In der ICD-10 (International Statistical Classification of Diseases and Related Health
Problems, WHO 2004) wird der Mutismus wie folgt beschrieben:
Dieser ist ,,... durch eine deutliche, emotional bedingte Selektivität des
Sprechens charakterisiert (...). Das Kind zeigt seine Sprachkompetenz in
einigen Situationen, in anderen definierten Situationen jedoch nicht. (...)
Meistens ist der Mutismus mit deutlichen Persönlichkeitsbesonderheiten, wie
Sozialangst, Rückzug, Empfindsamkeit oder Widerstand verbunden."
(Katz-
Bernstein 2007, S. 22)
Damit weist die ICD-10 bereits auf weitere, möglicherweise mit dem Mutismus
verbundene Schwierigkeiten wie Ängste und Rückzugstendenzen hin. Von Bedeutung
ist dabei, dass zur Stellung der Diagnose ,,Mutismus" folgende Erkrankungen bzw.
Störungen ausgeschlossen werden müssen:
-
tiefgreifende Entwicklungsstörungen (z.B. Autismus)
-
Schizophrenie
-
umschriebene Entwicklungsstörungen des Sprechens und der Sprache
-
passagerer Mutismus als Teil einer Trennungsangst bei jüngeren Kindern

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Diese Ausschlusskriterien zielen darauf ab, mögliche anderweitige Ursachen, die das
Schweigen als Folgeerscheinung auslösen, auszuschließen. Allerdings ist darauf
hinzuweisen, dass Sprachentwicklungsstörungen auch bei mutistischen Kindern
begleitend auftreten bzw. vom Mutismus ,,verdeckt" werden können.
Ausgeschlossen werden muss jedoch in jedem Fall, dass sich das Kind aufgrund
(noch) nicht vorhandener Sprachkompetenzen nicht verbal mitteilen kann, wie es z.B.
bei Late Talkern der Fall ist. Außerdem kann nach der ICD-10 die Diagnose
,,Mutismus" erst nach einer Mindestdauer des Schweigens von einem Monat gestellt
werden, womit vorübergehende Erscheinungen des Schweigens in schwierigen
Situationen (z.B. in der Eingewöhnungszeit im Kindergarten) ausgeschlossen werden
sollen.
Im DSM IV (Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders, APA 1994) werden
die Diagnosekriterien für den selektiven Mutismus folgendermaßen
zusammengefasst:
-
normale Sprechflüssigkeit in einigen Situationen, in anderen Situationen
eine andauernde Unfähigkeit zu sprechen
-
Behinderung der schulischen oder beruflichen Leistungen oder der
sozialen Kommunikation durch die Störung
-
Mindestdauer: 1 Monat (nicht auf den ersten Monat z.B. nach
Kindergarten- oder Schuleintritt beschränkt)
-
nicht durch fehlende Kenntnisse der Sprache bedingt
-
kann nicht besser durch eine andere Kommunikationsstörung (z.B.
Stottern) erklärt werden und tritt nicht ausschließlich im Verlauf einer
tiefgreifenden Entwicklungsstörung auf (vgl. Katz-Bernstein 2007, S. 23)
1.2 Häufigkeit
Die Häufigkeitsangaben schwanken je nach Studie zwischen 0,1 und 0,7% aller Kinder im
Vor- und Grundschulalter. Dabei ist von einer hohen Dunkelziffer unerkannter Fälle
auszugehen. Es finden sich außerdem einige Quellen, die eine häufigere Betroffenheit
von Mädchen im Vergleich zu Jungen angeben; dies gilt jedoch als nicht eindeutig
nachgewiesen (vgl. Katz-Bernstein 2007, S. 26f.).

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2. Symptomatik des selektiven Mutismus
2.1 Symptome und Erscheinungsformen
Aus den genannten Definitionen des selektiven Mutismus ergeben sich dessen
Kernsymptome:
-
Ein partiell auftretendes Schweigen, z.B. in bestimmten Situationen oder
gegenüber bestimmten Personen. Ein sprachlicher Kontakt besteht häufig im
näheren Umfeld des Kindes, z.B. in der Familie oder gegenüber Freunden,
während bei ,,Außenkontakten", z.B. im Kindergarten, geschwiegen wird.
Auch die umgekehrte Situation ist möglich.
-
Möglich ist auch das vollständige Schweigen in allen Situationen und allen
Personen gegenüber beim sog. totalen Mutismus. Hierbei fehlen i.d.R.
sämtliche, auch nonverbale stimmlichen Leistungen, wie z.B. Flüstern, Lachen,
Husten und Räuspern.
Wichtig ist dabei zu beachten, dass auch mutistische Kinder kommunizieren. Sie
möchten sich mitteilen und tun dies auch, allerdings unter vollständiger oder
teilweiser Auslassung der verbalen Kommunikation. Typische
Kommunikationsstrategien mutistischer Kinder sind nonverbale Hilfsmittel wie
Mimik, Gestik, Schriftsprache oder auch die Nutzung von Medien. Kommuniziert wird
beispielsweise über lächeln, lachen oder weinen und andere nonverbale Signale.
Selbst wenn ein Kind sich vollständig zurückzieht und jeglichen Blickkontakt
vermeidet, kann dies als kommunikatives Signal verstanden werden. In der Nutzung
nonverbaler Kommunikationswege liegt ein wichtiges Abgrenzungskriterium zur
Symptomatik des Autismus, bei dem betroffene Kinder oftmals nicht nur nicht
sprechen, sondern generell ein vermindertes bzw. fehlendes Interesse an
Kommunikation und Interaktion zeigen.
2.2 Begleitstörungen
Beim Vorliegen eines selektiven Mutismus finden sich bestimmte Begleiterscheinungen
bzw. Begleitstörungen auffallend häufig. Diese lassen sich unterteilen in sprachliche
sowie nicht-sprachliche Begleiterscheinungen.
Folgende sprachliche Begleitstörungen finden sich besonders häufig (vgl. Katz-Bernstein
2007, S. 28ff.):
-
Artikulationsstörungen / phonologische Störungen
-
Expressive Sprachstörungen

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-
Rezeptive Sprachstörungen
-
Stottern
Als mögliche weitere, nicht-sprachliche Begleiterscheinungen werden genannt (vgl. ebd.):
-
Angstsymptome (90,6%)
-
Passives Rückzugsverhalten (63%)
-
Stimmungsschwankungen (37,5%)
-
Konzentrations- und Leistungsstörungen (37,5%)
-
Aggressivität (28%)
-
Hypermotorik (28,1%)
-
Markante Mimik und Gestik (28,1%)
-
Hartnäckigkeit (18,8%)
-
Bettnässen / Enuresis (31,2%)
-
Tics, Stereotypien (21,9%)
-
Zwänge (21,9%)
-
Einkoten / Enkopresis (6,3%)
-
Nägelkauen, Daumenlutschen, Haare raufen (40,6%)
Begleitende Auffälligkeiten wie Angststörungen, psychische Auffälligkeiten,
Sprachstörungen, Verdauungsstörungen, Schlafstörungen, Trennungsängste oder auch
Trotz und oppositionelles Verhalten gehören dem aktuellen wissenschaftlichen
Verständnis zufolge zum Mutismus und fügen sich in dessen Entstehungsweise und
mögliche Erklärungsansätze ein. Nach diesem Verständnis stellt der Mutismus einen
,,Symptomkomplex" dar, der beim Kind auf mehreren Ebenen seinen Ausdruck finden
kann. Entsprechend umfasst die Diagnostik des Mutismus mehrere Ebenen, auf denen
mögliche Symptome und deren Wechselwirkungen erfasst werden müssen (vgl. Kap. 4).
Ein Blick auf die möglichen Ursachen des selektiven Mutismus und die Erklärungsansätze
zu diesem Phänomen verdeutlicht die Zusammenhänge (vgl. Kap.3).
2.3 Auswirkungen des selektiven Mutismus
Zur Betrachtung der Symptomatik des Mutismus gehört abschließend auch die Frage,
welche Folgen und Auswirkungen dieser auf die Teilhabe des Kindes am alltäglichen
Leben haben kann. In Zeiten der ICF (International Classification of Functioning, Disability
and Health, WHO 2001), die den Fokus von der defizitorientierten Betrachtung einer
Störung hin zu einer partizipationsorientierten Sichtweise richtet, erscheint dies umso
wichtiger.
Aus einem anhaltenden Schweigen bzw. einer sprachlichen ,,Nicht-Teilnahme" am
Geschehen ergeben sich nahezu immanent Beeinträchtigungen in der sozialen

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Integration. Auch wenn die betroffenen Kinder noch so sehr kommunizieren möchten,
nonverbale Kommunikationswege nutzen und zur Teilhabe interessiert und motiviert
sind, so entgeht ihnen doch ein wesentlicher Bestandteil: der sprachliche Austausch.
Statistisch gehäuft finden sich daher Beschreibungen von weniger Sozialkontakten bzw.
weniger Freundschaften der betroffenen Kinder sowie auch einem deutlich geringeren
sozialen Erfahrungsschatz, auf den sie zurückgreifen können. Auch sehen sich die
Betroffenen häufiger Situationen der sozialen Isolation wie beispielsweise Hänseleien
oder Mobbing ausgesetzt (vgl. Starke & Subellok 2016, S. 2).
Auch auf der Ebene der Eltern-Kind-Beziehung können sich Auswirkungen zeigen, die
jedoch unterschiedliche Richtungen und Dimensionen annehmen können. Einerseits ist
eine erschwerte Ablösung von den Eltern mit einer besonders engen Bindung zu
beobachten i.d.S., dass die betroffenen Kinder häufig Ängste vor sozialen Situationen
entwickeln und sich daher auf den ,,sicheren" häuslichen Rahmen zurückziehen.
Andererseits kann auch beobachtet werden, dass in einigen Familien gehäuft Konflikte
zwischen Eltern und Kind auftreten, da die Kinder sich im außerhäuslichen Umfeld häufig
als ,,ohnmächtig" erleben und möglicherweise im häuslichen, sicheren Umfeld ihr
Bedürfnis nach Autonomie und Selbstbestimmung umso stärker ausleben möchten (vgl.
Katz-Bernstein 2007, S. 192ff.)
Als weitere Folgeerscheinungen sind außerdem im weiteren Verlauf mögliche
Beeinträchtigungen der schulischen und später beruflichen Leistungen zu nennen.
Gerade in der Schule, wo ein hoher Wert auf mündliche Beteiligung gelegt wird, erfahren
mutistische Kinder häufig deutliche Benachteiligungen, zumindest solange bei den
Lehrkräften kein ausreichendes Wissen und keine ausreichende pädagogische
Berücksichtigung des Mutismus als Erkrankung (und nicht etwa einer
Verweigerungshaltung) vorhanden sind (vgl. Starke & Subellok 2016, S. 2). Bei einem
über einen langjährigen Zeitraum persistierenden Mutismus ist schließlich auch noch auf
das Risiko einer sekundären Beeinträchtigung der intellektuellen Fähigkeiten
hinzuweisen. Dabei ist zu betonen, dass der selektive Mutismus in keinem
Zusammenhang mit einer Intelligenzminderung des Kindes steht. Dennoch scheint
nachvollziehbar, dass bei anhaltendem Schweigen auch das weitere Lernen
beeinträchtigt ist, wenn man beispielsweise an den Erwerb von Fremdsprachen denkt.
Damit ist eine intellektuelle Beeinträchtigung keinesfalls als Ursache des Mutismus, wohl
aber als mögliche sekundäre Folgeerscheinung zumindest in einigen Lernbereichen zu
sehen.
Wie stark die Folgen und Auswirkungen des Mutismus ausgeprägt sind, kann individuell
variieren. Mutistische Kinder eint jedoch eine oft große psychische Belastung und ein
hoher Leidensdruck. In der Regel spüren die Kinder sehr genau, dass etwas nicht in
Ordnung ist, wissen genau, dass sie in bestimmten Situationen nicht sprechen, obwohl es
von ihnen erwartet wird und auch obwohl sie es gerne möchten. Hinter einer
Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Selektiver Mutismus bei Kindern. Die Therapie nach dem "DortMuT-Konzept"
Autor
Jahr
2018
Seiten
20
Katalognummer
V386912
ISBN (eBook)
9783668613782
ISBN (Buch)
9783668613799
Dateigröße
558 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Mutismus, Schweigen, Sprachtherapie, Logopädie, DortMuT, Sprachförderung
Arbeit zitieren
Dipl.-Heilpädagogin Nina Kröllken (Autor), 2018, Selektiver Mutismus bei Kindern. Die Therapie nach dem "DortMuT-Konzept", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/386912

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