Metaphorik in der deutschen und französischen Berichterstattung über Geflüchtete

Wen Sprache "Realität" schafft. Metaphernanalyse in Zeitungen


Masterarbeit, 2017

103 Seiten, Note: 1,0

Tatjana Sch (Autor)


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung ... 1
2. Grundlagen der aktuellen Flüchtlingsbewegungen ... 4
2.1 Statistiken für die EU, Deutschland und Frankreich ... 9
3. Annäherung an den Begriff Metapher ... 16
3.1 Theorien der Metaphern ... 17
3.1.1 Metaphernverständnis der antiken Rhetorik ­
Substitutions- und Vergleichstheorie ... 18
3.1.2 Metaphernverständnis in der modernen Semantik ­
Interaktionstheorie ... 20
3.1.3 Metaphernverständnis der Textlinguistik ­
Kontext- und Konterdeterminationstheorie ... 23
3.1.4 Metaphernverständnis der kognitiven Linguistik ­
Kognitiv - konzeptuelle Theorie ... 26
3.2 Funktionen von Metaphern ... 33
3.2.1 Metaphorik in der Pressesprache ... 36
4. Methodik...38
4.1 Methode der Korpusanalyse ... 39
4.1.1 Metaphernrekonstruktion und Kategorisierung ... 40
4.1.2 Auswertung und Deutung des Metaphereinsatzes ... 43
4.1.3 Metaphern im Sprachvergleich ... 44
4.2 Wahl des Analysekorpus ... 45
5. Analyse - Metaphorik in der deutschen und französischen Berichterstattung
über Geflüchtete ... 47
5.1 Makroanalyse ­ Quantitative Auswertung ... 48
5.2 Mikroanalyse ­ Qualitative Auswertung ... 56
5.2.1
KAMPF
­ Metaphorik ... 57
5.2.2
PERSONIFIKATION
­ Metaphorik ... 60
5.2.3
BEHÄLTER
­ Metaphorik ... 63
5.2.4
BAUWESEN
­ Metaphorik ... 66
5.2.5
WASSER
­ Metaphorik ... 69
6. Fazit...73
7. Literaturverzeichnis
Anhang: Datenerfassung, Résumé français

Tabellenverzeichnis
Tab. 1: Positive Entscheidungen über Asylanträge im Jahr 2015. ... 9
Tab. 2: Drei größten Staatsangehörigkeitsgruppen, denen in der EU der Schutzstatus zuerkannt
wurde (2015). ... 10
Tab. 3: Reichweite der gewählten Zeitungen im Quartal 04/2015 und Anzahl der
entnommenen Artikel. ... 46
Tab. 4: Herkunftsbereiche im gesamten Korpus. ... 48
Tab. 5: Dominante Herkunftsbereiche in deutschen Zeitungen (ZR1 und ZR2). ... 50
Tab. 6: Dominante Herkunftsbereiche in französischen Zeitungen (ZR1 und ZR2). ... 50
Tab. 7: Verteilung nach Kreativität und Habitualisierung in deutschen Zeitungen. ... 52
Tab. 8: Verteilung nach Kreativität und Habitualisierung in französischen Zeitungen. ... 52
Tab. 9: Dominante Zielbereiche in deutschen Zeitungen (ZR1 und ZR2). ... 54
Tab. 10: Dominante Zielbereiche in französischen Zeitungen (ZR1 und ZR2). ... 55
Tab. 11: Mikroanalyse ­ Verteilung der dominanteste Herkunfts- auf Zielbereiche,
deutscher Korpus. ... 55
Tab. 12: Mikroanalyse ­ Verteilung der dominanteste Herkunfts- auf Zielbereiche,
französischer Korpus. ... 56
Abbildungsverzeichnis
Abb. 1: Asylanträge nach Herkunftsländer in Deutschland. Angaben in Personen. ... 11
Abb. 2: Im EASY-System registrierte Asylsuchende und gestellte Asylanträge (Erst-
und Folgeanträge), monatlich für die Jahre 2014, 2015 und 2016 ... 12
Abb. 3: Dominanteste Herkunftsbereiche (ZR1 und ZR2). ... 49

1
1. Einleitung
Noch nie waren weltweit so viele Menschen auf der Flucht vor Kriegen, Gewalt und
Menschenrechtsverletzungen, politischer und wirtschaftlicher Instabilität und den
Folgen von Naturkatastrophen wie im Jahr 2015
.
Das Flüchtlingshilfswerk der
Vereinten Nationen bezifferte die Zahl der Personen, die bis zum Ende des Jahres ihre
Ursprungsländer verlassen hatten, um an anderen Stellen Zuflucht zu suchen, mit
insgesamt 65,3 Millionen.
1
Unter den Herkunftsländern der Flüchtlinge lag Syrien an
erster Stelle aufgrund des dort bereits seit 2011 andauernden militärischen Konflikts.
Allein 4,9 Millionen Menschen wurden in seiner Folge aus ihren jeweiligen Wohnorten
vertrieben; sie befinden sich seitdem im Land selbst auf der Flucht oder haben Syrien
verlassen.
2
Viele von ihnen haben sich auf dem See- oder Landweg nach Europa
aufgemacht, was die hier bereits bestehenden Migrationsbewegungen verstärkte. So
haben 2015 allein 2,7 Millionen Menschen Afghanistan verlassen und sich
überwiegend nach Westen gewandt, hinzu kamen weitere Flüchtlinge aus
osteuropäischen Ländern sowie aus Afrika.
3
Die Lage spitzte sich im Sommer 2015 zu, als die Zahl der nach Westeuropa
strebenden Personen immer größer wurde. Der Entschluss der deutschen
Bundeskanzlerin Angela Merkel, in Absprache mit der österreichischen Regierung Ende
August 2015 in Ungarn vorläufig ,,festsitzende" Flüchtlinge nach Deutschland einreisen
zu lassen, führte dazu, dass innerhalb kurzer Zeit Tausende Menschen in der
Bundesrepublik eintrafen
.
Dieser Umstand wie auch die Aussage Merkels ,,Wir schaffen
das!"
lösten in der Gesellschaft heftige Kontroversen aus. Innerhalb des
deutschsprachigen Raums entwickelten sich im öffentlichen Diskurs der Migration, teils
angeregt durch Äußerungen von Politikern, die von Medien aufgegriffen wurden, teils
aufgrund der kreativen Eigenschöpfungen der Medienvertreter selbst, unterschiedliche
Assoziationsfelder. Ihre Pole bildeten die ,,Willkommenskultur" mit ihrer
Wahrnehmung der Flüchtlinge als ,,Gäste" auf der einen und die mit den Katastrophen-
Bildern wie ,,Flut"
operierende Darstellung der Flüchtlingsbewegungen auf der anderen
1
UNO-Flüchtlingshilfe: Flüchtlinge weltweit. Zahlen und Fakten. Online unter: https://www.uno-
fluechtlingshilfe.de/fluechtlinge/zahlen-fakten.html, zuletzt aufgerufen am 30.08.2016.
2
Ebd.
3
Wittrock, Philipp (31.08.2016): Bilanz der Flüchtlingspolitik: Was haben wir schon geschafft? Online
unter: http://www.spiegel.de/politik/deutschland/angela-merkels-wir-schaffen-das-bilanz-eines-
fluechtlingsjahres-a-1110075.html, zuletzt aufgerufen am 02.09.2016.

2
Seite. Weder die eine noch die andere Form der Darstellung ist neutral, denn jede
Metapher ist mit Assoziationen verbunden, mit emotionalen Zuordnungen, die ihr einen
wertenden Charakter verleihen
4
- und ihr Gebrauch prägt die Wahrnehmung der
Menschen, ihre Emotionen, ihre Realität. Ziel dieser Arbeit ist es, anhand einer Analyse
von Presseartikeln über das Phänomen der Migration aus Deutschland und Frankreich
zum einen grundsätzlich zu klären, welche Metaphern im Geflüchtetendiskurs zum
Einsatz kommen, zum anderen möglichen Unterschieden in deren Gebrauch innerhalb
der beiden Länder nachzuspüren.
Aktuelle Forschungsperspektiven zur Metaphorik sind geprägt durch eine immense
Themenvielfalt, die sich in einer kaum noch überschaubaren Fülle an linguistischer
Literatur widerspiegelt. Das Spektrum reicht von Werken zur Metapherntheorien mit
Schwerpunkten auf semantischer, pragmatischer, kognitiver oder diskurslinguistischer
Theoriebildung (Baldauf, 1997; Jäkel, 1997; Rolf, 2005; Tendahl, 2009), zu Arbeiten
zur Methodologie der Metaphernforschung (Cameron/Graham, 1999; Pragglejaz Group,
2007; Steen, 2007) bis hin zu Untersuchungen, die sich mit der Metaphernanalyse unter
der Perspektive der Korpus- und Diskurslinguistik beschäftigen (Döring, 2005;
Cameron/Deignan, 2006; Semino, 2008). Eine wichtige Rolle für diese Arbeit spielt
der Themenbereich der Metapher in der Kommunikation, der unter ausgewählten
thematischen Aspekten u.a. in folgenden Werken behandelt wurde:
- Metaphern im Spracherwerb und Übersetzungen (Beißner, 2002; Schäffner,
2004)
- Metaphern im öffentlichen Diskurs (Musolff, 2005)
- Metaphern in politischer Kommunikation und Berichterstattung (Reger 1977;
Andreeva, 2011; Böke, 1997; Makulkina, 2013)
Dagegen duldet die kontrastive Metaphorik, wie sie in dieser Arbeit vorzufinden ist,
,,ein eher stiefmütterliches Dasein"
5
in der Forschung. Grund für die Betrachtung der
Metaphorik als ein ,,kontrastives Nicht-Problem
6
kann vor allem auf den starken
4
Klatzer, Jürgen (2015): Die ,Asylantenflut` in unseren Köpfen. Online unter:
http://kurier.at/politik/inland/macht-der-sprache-die-asylantenflut-in-unseren-koepfen/151.956.717,
zuletzt aufgerufen am 23.08.2016.
5
Osthus, Dietmar (2000): Metaphern im Sprachenvergleich: eine kontrastive Studie zur
Nahrungsmetaphorik im Französischen und Deutschen. Frankfurt a.M.: Peter Lang, S.135.
6
Ebd, S.13.

3
Einfluss Heinrich Weinrichs Hypothese einer ,,abendländischen Bildfeldgemeinschaft"
7
zurückgeführt werden, nach welcher in einzelnen als kreativ aufgefassten
metaphorischen Verwendungen identische oder zumindest sehr ähnliche metaphorische
Projektionsrichtungen aktiv werden. Untermauert wurde diese Annahme Coserius, der
eine dermaßen hohe Ähnlichkeit sprachlicher Bilder in verschiedensten Sprachen
feststellte, dass ,,man ernsthaft an eine universelle Einheit der menschlichen Phantasie,
die sprachlichen, ethnischen und kulturellen Verschiedenheiten überwindet, denken
könnte"
8
. Die Konsequenz der konstatierten Bildgemeinschaft ist eine relativ
übersichtliche Anzahl an Arbeiten über Metaphorik im Sprachvergleich (Zhu, 1993;
Gil, 1998, 1998a; Osthus, 2000; Buchauer, 2004; Petraskait-Pabst, 2006; Eitze, 2012).
Dies überrascht insofern, da bekannt ist, dass gerade Übersetzungen von Metaphern,
z.B. in Redewendungen, häufig Probleme schaffen. Aus diesem Grund zweifelt Gil den
Begriff der abendländischen Bildgemeinschaft an, wenn er bedeuten soll, dass jedes
Bildfeld in jeder europäischen Sprache präsent und produktiv ist. Schließlich besagt das
Vorhandensein eines gemeinsamen Bildfeldes nur, dass in den Sprachen jeweils zwei
identische Sinnbezirke metaphorisch miteinander verknüpft werden können.
9
Auch
Osthus stellt fest, dass die Beobachtung starker interlingualer metaphorischer
Ähnlichkeiten zu einer Zurückhaltung gegenüber einer sprachvergleichenden
Beschreibung des Metaphergebrauchs geführt hat und bezeichnet den Ansatzpunkt der
kontrastiven Metaphorik als eine ,,kritische Überprüfung des Absolutsheitsanspruchs
der Hypothese einer Bildfeldgemeinschaft.
10
Laut ihm bezieht sich die angenommene
übersprachliche Übereinstimmung lediglich auf die Makrostruktur, während
aussagekräftige Ergebnisse für die Mikrostruktur mangels empirischer Studien
ausbleiben.
11
Ausgehend von dieser Kritik soll in dieser Arbeit anhand des Korpusmaterials
nicht nur das grundsätzliche Vorhandensein übergeordneter Strukturen der Bildlichkeit
in der Berichterstattung von Geflüchteten in deutschen und französischen Pressetexten
empirisch überprüft werden, sondern auch eine vergleichende Mikroanalyse der
Strukturiertheit der Bildfelder in den untersuchten Einzelsprachen vorgenommen
werden. Für diese Arbeit viel bedeutsamer als die Feststellung der bloßen Bildfeld-
7
Weinrich, Harald (1958): ,,Münze und Wort: Untersuchungen an einem Bildfeld", in: Sprachen in
Texten. Stuttgart: Klett Verlag , S.276-290, S.287.
8
Coseriu, Eugenio (1979): Sprache ­ Strukturen und Funktionen. Tübingen: Gunter Narr, S.26.
9
Gil (1998a), S.286.
10
Osthis (2000), S.139.
11
Ebd.

4
Konvergenz sollen deshalb Fragen sein, wie intensiv ein Bildfeld in einer Sprache
genutzt wird, ob Produktivitätsunterschiede bestehen und inwiefern weitere
Charakteristika in der deutschen und französischen Sprachverwendung vorliegen.
Möchte man die Metaphern im Geflüchtetendiskurs interpretieren, ist es
unabdingbar sie zunächst in den Kontext der aktuellen Flüchtlingsbewegungen zu
integrieren. Aus diesem Grund wird im nächsten Kapitel (2.) zunächst der politische
Hintergrund der Thematik skizziert und mit Zahlen für die EU, Deutschland und
Frankreich (2.1) unterlegt werden. Daraufhin erfolgt eine Einführung in die Theorie der
Metaphern (3.). Zunächst wird ein umfassender Forschungsüberblick geschaffen, in
dem die gängigsten Ansätze vorgestellt werden (3.1), anschließend werden die
Funktionen von Metaphern thematisiert (3.2). Um die Frage nach den kommunikativ-
pragmatischen Aspekten der Metaphern in den Zeitungsartikeln angemessen erörtern zu
können, wird zudem konkret der Stellenwert der Metaphorik in der Pressesprache
betrachtet und die drei wichtigsten Funktionen, die metaphorische Ausdrücke in dieser
Textsorte erfüllen können, charakterisiert (3.2.1). Die Vorgehensweise der
Metapheranalyse sowie Korpuszusammensetzung werden ausführlich in Kapitel 4
erklärt. Nach dem das Fundament des Forschungsgegenstands und der ­methode gelegt
wurde, werden im Hauptteil zunächst die quantitativen Ergebnisse (5.1) vorgestellt. In
der anschließenden qualitativen Analyse (5.2) folgt eine vergleichende Betrachtung des
Metapherngebrauchs in den untersuchten deutschen und französischen Medien. Dort
werden die Herkunftsbereiche, die sich durch die Metaphernanalyse als dominierend
herausgestellt haben, interpretiert und mit Beispielen untermauert.. Es folgt
abschließend eine vergleichende Betrachtung des Metapherngebrauchs in deutschen und
französischen Medien.
2. Grundlagen der aktuellen Flüchtlingsbewegungen
Um die Berichterstattung über Geflüchtete auf die verwendeten Metaphern zu
untersuchen,
soll
zunächst
ein
einführender
Überblick
der
aktuellen
Flüchtlingsbewegungen gegeben werden. Im Folgenden wird deshalb zunächst die
gesetzliche Lage zum Asylrecht in Deutschland und Frankreich skizziert, danach wird
vorgestellt wie viele, woher und aus welchen Gründen Menschen in die zwei

5
untersuchten Länder flüchten. Die Informationen basieren hauptsächlich auf den
Angaben des Bundesministeriums für Migration und Flüchtlinge (BAMF)
12
, der
Bundeszentrale für politische Bildung (BPB)
13
, des Flüchtlingshilfswerks der Vereinten
Nationen (UNHCR)
14
, des Office français de protection des réfugiés et
apatrides (OFPRA)
15
sowie dem Statistischen Amt der Europäischen Union
(Eurostat)
16
, das die wichtigsten Zahlen und Informationen zum Thema Asyl und
Geflüchtete monatlich aktualisiert darstellt.
Umgangssprachlich werden alle Menschen, die aus ihrem Heimatland fliehen,
als ,,Flüchtlinge" bezeichnet
17
. Rechtlich ist es komplizierter, denn ,,Flüchtling" ist ein
nach der Genfer Flüchtlingskonvention
18
fest definierter Begriff. Diese Konvention
(offizieller Name: ,,Abkommen über die Rechtsstellung der Flüchtlinge") wurde am 28.
Juli 1951 auf einer UN-Sonderkonferenz in Genf verabschiedet und trat am 22. April
1954 in Kraft. Mittlerweile sind 147 Staaten der Genfer Flüchtlingskonvention
beigetreten.
19
Das Dokument legt zum einen klar fest, wer als Flüchtling anerkannt wird
und welchen rechtlichen Schutz und sozialen Rechte diese Person erhalten sollte; zum
anderen definiert sie aber auch die Pflichten, die ein Flüchtling dem Gastland gegenüber
erfüllen muss und schließt bestimmte Gruppen, z.B. Kriegsverbrecher, vom
Flüchtlingsstatus aus. In dem Abkommen wird als Flüchtling eine Person definiert, die
aus der begründeten Furcht vor Verfolgung wegen ihrer Rasse, Religion,
Nationalität, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer
politischen Überzeugung sich außerhalb des Landes befindet, dessen
Staatsangehörigkeit sie besitzt, und den Schutz dieses Landes nicht in Anspruch
nehmen kann [...].
20
12
BAMF: Asyl und Flüchtlingsschutz. Online unter:
http://www.bamf.de/DE/Fluechtlingsschutz/fluechtlingsschutz-node.html, zuletzt aufgerufen am
01.08.2016.
13
BPB: Zuwanderung, Flucht und Asyl: Aktuelle Themen. Online unter:
http://www.bpb.de/gesellschaft/migration/kurzdossiers, zuletzt aufgerufen am 22.07.2016.
14
UNHCR: Emergency Information Management Toolkit. Online unter:
http://data.unhcr.org/imtoolkit/chapters/view/lang:eng, zuletzt aufgerufen am 28.07.2016.
15
OFPRA: Asile. Online unter: https://www.ofpra.gouv.fr/fr/asile/, zuletzt aufgerufeb am 28.07.2016.
16
Eurostat: Statistiken über Asyl. Online unter: http://ec.europa.eu/eurostat/statistics-
explained/index.php/Asylum_statistics/de, zuletzt aufgerufen am 17.07.2016.
17
In dieser Arbeit werden Asylsuchende, Asylbewerber und Asylberechtigte unter dem Begriff
,,Geflüchtete" zusammengefasst, da in der Presse selten konkret der Status genannt wird.
18
Abkommen über die Rechtsstellung der Flüchtlinge vom 28. Juli 1951 und Protokoll über die
Rechtsstellung der Flüchtlinge vom 31. Januar 1967. Online unter:
http://www.unhcr.de/fileadmin/user_upload/dokumente/03_profil_begriffe/genfer_fluechtlingskonventio
n/Genfer_Fluechtlingskonvention_und_New_Yorker_Protokoll.pdf, zuletzt aufgerufen am 28.07.2016.
19
UNHCR: Begriffserklärung ,,Genfer Flüchtlingskonvention", http://www.unhcr.de/mandat/genfer-
fluechtlingskonvention.html, zuletzt aufgerufen am 27.07.2016.
20
Abkommen über die Rechtsstellung der Flüchtlinge vom 28. Juli 1951, Artikel 1.

6
Doch Asylrecht wird in Deutschland nicht nur, wie in vielen anderen Staaten, auf Grund
der völkerrechtlichen Verpflichtung aus der Genfer Flüchtlingskonvention gewährt,
sondern hat als Grundrecht Verfassungsrang. Laut dem Bundesministerium des Inneren,
ist dies ,,der Ausdruck für den Willen Deutschlands, seine historische und humanitäre
Verpflichtung zur Aufnahme von Flüchtlingen zu erfüllen"
21
. Wird eine Person
politisch verfolgt, d.h. wird sie von ihrem Staat wegen ihrer politischen Überzeugung so
stark ausgegrenzt, dass dieser ihre Menschenwürde verletzt, hat sie laut deutschem
Gesetz Recht auf Asyl. Asylberechtigt ist auch, wer aufgrund seiner religiösen
Grundentscheidung oder wegen unveränderbarer Merkmale, die sein Anderssein
prägen, verfolgt wird.
22
Allgemeine Notsituationen wie Armut, Bürgerkriege,
Naturkatastrophen oder Perspektivlosigkeit sind keine offiziellen Gründe für
Asylgewährung, weil immer eine individuelle Betroffenheit nachgewiesen werden
muss.
23
Beim Flüchtlingsschutz nach der oben zitierten Genfer Flüchtlingskonvention
sind die Anforderungen etwas geringer als beim Asylverfahren. Die Verfolgung kann
sowohl von staatlichen als auch von nichtstaatlichen Akteuren ausgegangen sein. Dies
gilt zum Beispiel für Syrer, die vor der Terrormiliz Islamischer Staat geflohen sind.
Asylberechtigte und anerkannte Flüchtlinge erhalten zunächst eine
Aufenthaltserlaubnis für drei Jahre und eine Arbeitserlaubnis. Nach der Überprüfung
des Schutzstatus können sie nach drei Jahren eine unbefristete Niederlassungserlaubnis
erhalten. Falls weder Asyl noch Flüchtlingsschutz gewährt werden, wird geprüft, ob der
Antragsteller Anspruch auf subsidiären Schutz hat. Dies ist eine 2004 vom
Europäischen Rat beschlossene Schutzform für Personen, die nicht die Bedingungen der
Genfer Konventionen erfüllen, aber anderweitig internationalen Schutz benötigen. Er
wird gewährt, wenn dem Antragsteller in seinem Heimatland Folter, erniedrigende
Behandlung oder die Todesstrafe droht. Außerdem umfasst der subsidiäre Schutz
innerstaatliche bewaffnete Konflikte im Heimatland des Antragstellers. Subsidiär
Geschützte erhalten zunächst ein Aufenthaltsrecht für ein Jahr, das um zwei weitere
Jahre verlängert werden kann. Nach sieben Jahren kann die unbefristete
21
Bundesministerium des Inneren: Asyl- und Flüchtlingspolitik in Deutschland. Online unter:
http://www.bmi.bund.de/DE/Themen/Migration-Integration/Asyl-Fluechtlingsschutz/Asyl-
Fluechtlingspolitik/asyl-fluechtlingspolitik_node.html, zuletzt aufgerufen am 26.07.2016.
22
Schmickler, Barbara (07.08.2015): Asylbewerber, Flüchtlinge, Migranten - was sind die Unterschiede?
Online unter: https://www.tagesschau.de/inland/fluechtlinge-531.html, zuletzt aufgerufen am 13.07.2016.
23
BAMF: Asylberichtigung. Online unter:
http://www.bamf.de/DE/Migration/AsylFluechtlinge/Asylrecht/asylrecht-node.html, zuletzt aufgerufen
am 04.08.2016.

7
Niederlassungserlaubnis erteilt werden, sofern die Voraussetzungen für die
Schutzgewährung noch vorliegen.
Welche Zugangsmöglichkeiten und -bedingungen zum deutschen Arbeitsmarkt
für geflüchtete Menschen bestehen, hängt wesentlich von ihrem aktuellen
Aufenthaltsstatus ab und daraus resultierenden Rechtsfolgen
24
:
Es gibt in Deutschland mindestens ein Dutzend Statuskombinationen für
Flüchtlinge : Asylsuchend, Geduldet, mit oder ohne hypothetischen
Zugang zum Arbeitsmarkt, aus politischen oder humanitären Gründen,
seit zwölf Wochen, 15 Monaten oder vier Jahren schon im Land, als
Kontingentflüchtlinge eingereist, und so weiter. Und je nach Status gilt
eine andere Regelung, ist eine andere Behörde zuständig.
25
Auch wenn es, wie im gesamten Asylrecht recht viele Sonderregelungen und
Ausnahmebestimmungen gibt, steht fest, dass in den ersten drei Monaten, nachdem eine
Person einen Asylantrag gestellt hat, für sie ein absolutes Arbeits- und
Ausbildungsverbot gilt. Bei Bewerbern, deren Asylverfahren noch nicht abgeschlossen
ist, gibt es eine sogenannte ,,Vorrangprüfung" der Arbeitsagentur
26
. Dabei wird geprüft,
ob die Stelle nicht durch einen Deutschen, einen EU-Staatsbürger oder einen anderen
ausländischen Staatsbürger mit einem dauerhaften Aufenthaltsstatus besetzt werden
kann. Nach 15 Monaten entfällt die Vorrangprüfung. Asylbewerber, über deren Antrag
dann noch nicht entschieden wurde, dürfen dann ohne weitere Zustimmung eingestellt
werden. Sobald einem Flüchtling offiziell Asyl oder Flüchtlingsschutz gewährt wurde,
darf er sofort und ohne Einschränkung arbeiten.
27
Auch in Frankreich hat das Asylrecht einen verfassungsrechtlichen Rang und ist
ähnlich aufgebaut wie in Deutschland. Die Präambel der Verfassung von 1946, die 1958
in die Verfassung der V. Republik aufgenommen wurde (Artikel 53-1) schreibt fest,
24
BAMF: FAQ: Zugang zum Arbeitsmarkt für geflüchtete Menschen. Online unter:
http://www.bamf.de/DE/Infothek/FragenAntworten/ZugangArbeitFluechtlinge/zugang-arbeit-
fluechtlinge-node.html, zuletzt aufgerufen am 23.07.2016.
25
Amjahid, Mohamed (13.04.2015): Asylbewerber und Firmen verzweifeln gemeinsam am Gesetz. Online
unter : http://www.tagesspiegel.de/wirtschaft/fluechtlinge-in-berlin-asylbewerber-und-firmen-
verzweifeln-gemeinsam-am-gesetz/11622416.html, zuletzt aufgerufen am 23.07.2016.
26
Beim Verfassen der Arbeit wurde gerade über die Aufhebung dieser Regelung diskutiert. (Stand: Juni
2016)
27
Prautsch, Susann (04.09.2015): Wann dürfen Flüchtlinge bei uns arbeiten? Online unter:
http://www.augsburger-allgemeine.de/wirtschaft/Wann-duerfen-Fluechtlinge-bei-uns-arbeiten-
id35356337.html, zuletzt aufgerufen am 23.07.2016.

8
dass ,,tout homme persécuté en raison de son action en faveur de la liberté a droit d'asile
sur les territoires de la République"
28
:
Am 30 Juli 2015 trat in Frankreich eine Reform zur Beschleunigung der
Asylverfahren in Kraft.
29
Diese zog vor dem Hintergrund des starken Anstiegs der
Asylbewerber der letzten Jahre die Konsequenzen aus den Berichten einer
Sonderkommission der Nationalversammlung, die auf gravierende Dysfunktionen in der
Asylpolitik hingewiesen hatte. Sie hatten insbesondere die oft bis zu zwei Jahre
dauernden Asylverfahren, die geographische Konzentration der Bewerber in den
Großräumen Paris und Lyon sowie die unzureichende Abschiebung abgelehnter
Asylbewerber kritisiert.
30
Das neue Asylrecht reagiert auf diese Probleme, indem es die
Rechte schutzbedürftiger Personen stärkt und das Asylverfahren beschleunigt. So wurde
z.B. festgelegt, dass nach Anhörung des Asylbewerbers der Antrag innerhalb von neun
Monaten bearbeitet werden muss.
Mit dem neuen Gesetz wurden aber auch die Asylvoraussetzungen geändert.
31
Neben klassischen Motiven wie politische Verfolgung wird Gewalt gegen Frauen nun
ausdrücklich als Asylgrund anerkannt. Der Asylbewerber erhält eine befristete
Übergangsbeihilfe und hat Anspruch auf eine staatliche medizinische Versorgung. Für
Kinder ab sechs Jahren besteht Schulpflicht. Ist ein Asylantrag bewilligt, erhält der
Asylberechtigte den Flüchtlingsstatus und ein 10-jähriges Aufenthaltsrecht sowie eine
Arbeitserlaubnis. Während des Asylverfahrens hat der Bewerber allerdings keinen
Zugang zum Arbeitsmarkt.
32
Aus welchen Länder kommen und Schutzsuchenden und welchen Gründen
und wie stehen ihre Chance einen Schutzstatus zu erhalten?
28
Conseil constitutionnel: La Constitution du 4 octobre 1958. Online unter: http://www.conseil-
constitutionnel.fr/conseil-constitutionnel/francais/la-constitution/la-constitution-du-4-octobre-1958/la-
constitution-du-4-octobre-1958.5071.html, zueltzt aufgerufen am 07.08.2016.
29
Delmas, François (12.06.2016): Reform des Asylrechts: Frankreich beschleunigt Verfahren. Online
unter: http://www.ambafrance-de.org/Reform-des-Asylrechts-Frankreich-beschleunigt-Verfahren, zuletzt
aufgerufen am 08.07.2016.
30
Ministère de l'intérieur (France): Concertation sur l'asile. Online unter:
http://www.immigration.interieur.gouv.fr/Archives/Les-archives-du-site/Archives-Asile/Concertation-
sur-l-asile, zuletzt aufgerufen am 08.07.2016.
31
Scheffer, Ulrike (26.08.2015): Asyl ist nicht gleich Asyl. Online unter:
http://www.tagesspiegel.de/politik/eu-staaten-und-fluechtlinge-frankreich-und-italien/12233360-2.html,
zuletzt aufgerufen am 23.06.2016.
32
Delmas, François (21.06.2016): Asylrecht in Frankreich. Online unter :
http://www.ambafrance-de.org/Asylrecht-in-Frankreich, zuletzt aufgerufen am 23.06.2016.

9
2.1 Statistiken für die EU, Deutschland und Frankreich
Laut den Ergebnissen von Eurostat, dem statistischen Amt der Europäischen Union,
wurden 2015 in den 28 Staaten der Europäischen Union rund 1,3 Millionen Asylanträge
gestellt. Das sind etwas mehr als doppelt so viele Anträge als 2014 (627 000).
33
Davon
wurden 333 350 Asylbewerber als schutzberechtigt anerkannt, was einem Anstieg von
72% gegenüber 2014 entspricht.
34
Fast die Hälfte der positiven Entscheidungen entfiel
dabei auf Deutschland (148 215 bzw. +212% im Vergleich zu 2014), gefolgt von
Schweden (34 500 bzw. +4%) und Italien (29 600 bzw. +44%). Im europäischen
Vergleich sahen die Entscheidungen in Deutschland und Frankreich wie folgt aus:
Positive Entscheidungen
davon:
Gesamt
Anteil %
Flüchtlingsstatus
Subsidiärer
Schutz
Andere
Schutzformen
EU
333 350
100
246 175
60 680
26 500
davon:
Deutschland
148 215
45,8
142 305
2 230
3 685
Frankreich
26 015
7,8
20 620
5 395
-
Tab. 1: Positive Entscheidungen über Asylanträge im Jahr 2015.
35
Von den Personen, denen im Jahr 2015 in der EU der Schutzstatus zuerkannt wurde,
erhielten 74% den Flüchtlingsstatus nach der Genfer Flüchtlingskonvention, 18%
subsidiären Schutz und 8% eine Aufenthaltserlaubnis aus humanitären Gründen.
Obwohl sowohl der Flüchtlingsstatus als auch der subsidiäre Schutzstatus durch das
EU-Recht festgelegt sind, legen laut einer 2011 veröffentlichten Studie des UN-
Flüchtlingshochkommissariats
Behörden
und
Gerichte
die
europäische
Qualifikationsrichtlinie 2004/83/EG sehr unterschiedlich aus. Das führe dazu, dass
Geflüchtete in den EU-Staaten unterschiedliche Aussichten auf Asyl haben und
33
Eurostat: Asylbewerber und erstmalige Asylbewerber - jährliche aggregierte Daten. Online
unter:http://ec.europa.eu/eurostat/tgm/table.do?tab=tableinit=1language=depcode=tps00191plugi
n=1, zuletzt aufgerufen am 06.08.2016.
34
Eurostat-Pressestelle: Pressemitteilung 75/2016. Asylentscheidungen in der EU. Online unter :
http://ec.europa.eu/eurostat/documents/2995521/7233422/3-20042016-AP-DE.pdf/caf97549-b14d-45f3-
bf91-20cfa5e6f072, zuletzt aufgerufen am 08.08.2016.
35
Ebd.

10
widerspräche dem Ziel, unterschiedliche nationale Entscheidungspraktiken über
Asylanträge in den EU-Mitgliedstaaten zu verhindern.
36
Die größte Gruppe von Personen, denen im Jahr 2015 in der EU der Schutzstatus
zugesprochen wurde, waren wie auch 2014 Staatsangehörige aus Syrien (166 100
Personen bzw. 50% aller Personen, denen in den EU-Mitgliedstaaten der Schutzstatus
zuerkannt wurde), darauf folgten Staatsangehörige aus Eritrea (27 600 bzw. 8%) und
Asylbewerber aus dem Irak (23 700 bzw. 7%). Konkret in Deutschland und Frankreich
kommen die meisten anerkannten Flüchtlinge aus den gleichen Länder: Syrien, Irak und
Eritrea:
Größte Gruppe
Zweitgrößte Gruppe
Drittgrößte Gruppe
Staatsan-
gehörigkeit
Anzahl
absolut
Anzahl
%
Staatsan-
gehörigkeit
Anzahl
absolut
Anteil
%
Staatsan-
gehörigkeit
Anzahl
absolut
Anzahl
%
EU
Syrien
166 055
49,8
Eritrea
27 575
8,3
Irak
23 685
7,1
Deutschland
Syrien
103 975
70,2
Irak
15 470
10,4
Eritrea
9 455
6,4
Frankreich
Syrien
3 210
12,3
Irak
2 760
10,6
Eritrea
1 800
6,9
Tab. 2: Drei größten Staatsangehörigkeitsgruppen, denen in der EU der Schutzstatus zuerkannt
wurde, 2015.
37
Im Folgenden werden zunächst weitere Zahlen zum Asyl in Deutschland, danach in
Frankreich näher vorgestellt.
Laut des BAMFs stellten seit 1953 stellten rund 4,6 Millionen Menschen in
Deutschland einen Asylantrag (Stand: Mai 2016), davon rund 3,7 Millionen seit 1990.
Ging die Zahl der in Deutschland gestellten Asylanträge bis Mitte 1992 Jahre
kontinuierlich zurück, ist seit 2008 wieder ein Anstieg der Zahlen zu verzeichnen. Im
Berichtsjahr 2015 wurden 476 649 Anträge (davon 441 899 Erstanträge) vom
Bundesamt entgegen genommen (+155% im Vergleich zu 2014).
38
Der höchste
Zuwachs im Vergleich zum Vorjahr zeigt sich bei Personen aus Albanien (+584,1 %),
36
BPB (6.9.2011): UNHCR: Kein einheitlicher Umgang mit Flüchtlingen in der EU. Online unter:
http://www.bpb.de/gesellschaft/migration/newsletter/56859/fluechtlinge-in-der-eu, zuletzt aufgerufen am
12.07.2016.
37
Eurostat-Pressestelle: Pressemitteilung 75/2016.
38
BAMF: Aktuelle Zahlen zu Asyl, Ausgabe Mai 2016. Online unter:
http://www.bamf.de/SharedDocs/Anlagen/DE/Downloads/Infothek/Statistik/Asyl/aktuelle-zahlen-zu-
asyl-mai-2016.pdf?__blob=publicationFile, zuletzt aufgerufen am 20.06.2016.

11
gefolgt von Irak (+457,2 %), Kosovo (+383,9 %) und Syrien (+303,4 %). Absolut
gesehen, kamen die meisten Antragsteller 2015 in Deutschland aus Syrien, gefolgt von
Albanien, Kosovo, Afghanistan und dem Irak:
Abb. 1: Asylanträge nach Herkunftsländer in Deutschland. Angaben in Personen.
39
Wie viele Asylsuchende sich tatsächlich in Deutschland aufhalten, lässt sich allerdings
nicht mit Sicherheit sagen, da zwischen der Ankunft der Asylsuchenden und dem
Stellen des Asylantrags Monate vergehen können, sodass die Zahl der gestellten
Asylanträge nicht den tatsächlich in Deutschland ankommenden Asylsuchenden
entspricht. Ankommende Asylsuchende werden zunächst im sogenannten EASY-
System registriert, einer Software, die Verteilung der Asylsuchenden auf die
Erstaufnahme-Einrichtungen in den Bundesländern regelt. Die Zahl der EASY-
Registrierungen lag 2015 deutlich höher als die Zahl der gestellten Asylanträge, wie in
der folgenden Grafik ersichtlich wird
40
:
39
BPB: Zahlen zu Asyl in Deutschland. Online unter:
http://www.bpb.de/politik/innenpolitik/flucht/218788/zahlen-zu-asyl-in-deutschland, zuletzt aufgerufen
am 13.06.2016,
40
Doch auch das EASY-System kann keine eindeutige Anzahl der sich in Deutschland aufhaltenden
Geflüchteten bieten, weil bei der Erfassung Fehl- und Doppelerfassungen nicht ausgeschlossen sind.
Außerdem gibt es auch eine nicht unerhebliche Zahl von Geflüchteten, die Deutschland als Transitland
bei der Weiterreise in andere EU-Staaten nutzen. Für Deutschland wurde die Anzahl der sich hier
aufhaltenden Schutzsuchenden auf 1,1 Millionen geschätzt.

12
Abb. 2: Im EASY-System registrierte Asylsuchende und gestellte Asylanträge (Erst- und
Folgeanträge); monatlich für die Jahre 2014, 2015 und 2016, in absoluten Zahlen.
41
Mit Sicherheit kann man jedoch sagen, wie aus Abbildung 1 hervorgeht, dass unter den
zehn Hauptherkunftsländern der Asylbewerber im Jahr 2015 allein vier, d.h. etwa 30
Prozent aller Asylbewerber, aus den Westbalkanstaaten kamen. Diese Menschen wollen
in der Regel der Armut entfliehen, denn den Ländern des westlichen Balkans ist eine
hohe Arbeitslosenquote gemein. Diese betrug 2013 im Kosovo ca. 31 %, in Albanien
17 %, in Mazedonien 29 % und in Serbien 20 %.
42
Die Situation spitze sich durch die
schwere Flut im Mai 2014 zu, durch die nach Schätzungen der Europäischen
Kommission zufolge 125 000 Menschen unter die Armutsgrenze gefallen sind.
43
Neben
ökonomischen Gründen werden auch ethnische Spannungen, vor allem Diskriminierung
der Minderheit der Roma, sowie durch mangelnde rechtsstaatliche Strukturen
bedingte Blutrache, Selbstjustiz und Gewalt gegen Frauen als Fluchtgründe
angegeben.
44
Als anerkannte Asylgründe gelten diese Motive allerdings nicht. Deshalb
ist die Zahl der positiven Bescheide für Menschen aus diesen Ländern äußerst gering.
41
BPB: Zahlen zu Asyl in Deutschland.
42
Central Intelligence Agency : Länderinformationen zu Kosovo, Albanien, Serbien und Mazedonien.
Online unter : https://www.cia.gov/library/publications/the-world-factbook, zuletzt aufgerufen am
23.07.2016.
43
Mediendienst Integration: Informationspapier Stand Februar 2016.Wie ist die Situation in den 10
Herkunftsländern, aus denen 2015 die meisten Asylsuchenden kamen? Online unter:
https://mediendienstintegration.de/fileadmin/Dateien/Informationspapier_Herkunftslaender_Asylbewerbe
r_2015.pdf, zuletzt aufgerufen am 23-07.2016.
44
Raether, Elisabeth (13.08.2016): Flüchtlinge vom Balkan ­ Bitte umdenken! Online unter:
http://www.zeit.de/2015/33/fluechtling-balkan-frauen-gewalt, zuletzt aufgerufen am 18.06.2016.

13
Zudem wurden im Herbst 2014 Bosnien-Herzegowina, Mazedonien und Serbien als
,,sichere Herkunftsstaaten" definiert. Seit dem 1. November 2015 kamen auch Albanien,
der Kosovo und Montenegro dazu.
45
Asylbewerber aus diesen Ländern werden nur noch
in Ausnahmefällen (0,5%) als schutzbedürftig anerkannt.
46
Dass die Flucht von Personen aus Syrien nach Europa in den letzten Jahren
verstärkt auftrat, kann laut der UNO-Flüchtlingshilfe auf mehrere Gründe zurückgeführt
werden.
47
Zunächst fehlt es an Anzeichen für ein Ende des Krieges,
sodass Perspektivlosigkeit und schlechte Lebensbedingungen das Leben vieler in
Syrien lebender Menschen bestimmen. Was im Jahr 2011 als Aufstand gegen
Machthaber Baschar al-Assad begann, hat sich zu einem immer komplizierteren
Konflikt zwischen Regierungstruppen, den gemäßigten Rebellen der Freien Syrischen
Armee und islamistischen Gruppen entwickelt. Nach Veröffentlichungen der
Grenzschutzagentur ,,Frontex", ist etwa die Hälfte der ursprünglich 22 Millionen
Einwohner vor diesen Zuständen auf der Flucht.
48
Auch der Irak befindet sich unter politischer und ethnischer Gewalt, wegen der
seit der militärischen Invasion durch die USA und Großbritannien im Jahr 2003
mehrere hunderttausend Zivilisten ums Leben kamen.
49
Die Terrororganisation
,,Islamischer Staat" kontrolliert weite Teile des Zentral- und Nordiraks, wo es immer
noch zu Massenexekutionen und -vergewaltigungen, ,,ethnischen Säuberungen" sowie
zu Bomben- und Granatenangriffen auf die Zivilbevölkerung kommt.
50
Tausende
Angehörige der Jesiden-Minderheit wurden von der Terrororganisation ermordet, laut
Angaben von Amnesty International hunderte von jesidischen Mädchen verschleppt und
als Sexsklavinnen verkauft.
51
45
Europäische Kommision: Eine EU-Liste der ,,sicheren Herkunftsländer". Online unter:
http://ec.europa.eu/dgs/home-affairs/what-we-do/policies/european-agenda-migration/background-
information/docs/2_eu_safe_countries_of_origin_de.pdf, zuletzt aufgerufen am 01.08-2016.
46
Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg : Flüchtlinge in Deutschland. Online unter :
http://www.lpb-bw.de/fluechtlingsproblematik.html#c24605, zuletzt aufgerufen am 02.08.2016.
47
UNO-Flüchtlingshilfe: Syrien: 7 Gründe für die Flucht nach Europa. Online unter: https://www.uno-
fluechtlingshilfe.de/news/syrien-7-gruende-fuer-die-flucht-nach-europa-394.html, zuletzt aufgerufen am
08.08.2016.
48
Anetzberger, Martin (17.10.2015): Diese Menschen fliehen nach Deutschland. Online unter:
http://www.sueddeutsche.de/politik/auf-asylsuche-diese-menschen-fliehen-nach-deutschland-1.2176397,
zuletzt aufgerufen am 23.06.2016.
49
Kenneth M. Pollack (2013): The Fall and Rise and Fall of Iraq. Online unter:
https://www.brookings.edu/wp-content/uploads/2016/06/Pollack_Iraq.pdf, zuletzt aufgerufen am
23.06.2016.
50
Mediendienst Integration: Informationspapier Stand Februar 2016.
51
Amnesty International (2013) : Escape from hell ­ Torture and sexual slavery in Islamic State captivity
in Iraq. Online unter : http://www.amnesty.org.uk/sites/default/files/escape_from_hell_-

14
Auch Eritrea, das ebenfalls zu den am stärksten vertretenen Herkunftsländer gehört,
weist zahlreiche Gründe für Flucht auf. Es zählt zu den ärmsten Ländern der Welt und
wird von Planwirtschaft und einem Einpartei-Regime regiert. Oppositionsparteien und
unabhängige Medien sind verboten. Als Fluchtgründe werden hauptsächlich fehlende
Zukunftsperspektiven, der zeitlich unbegrenzte Militärdienst und Angst vor
willkürlichen Verhaftungen angegeben.
52
Die Welthungerhilfe bezeichnet die Lage in
dem ostafrikanischen Land im aktuellen Welthungerindex als ,,gravierend
53
.
Zusammenfassend kann an dieser Stelle festgehalten werden, dass die Motive
für Flucht hoch komplex sind. Vor allem bewaffnete Konflikte, Kriege und
Bürgerkriege,
aber
auch
politische
Verfolgung,
Diskriminierung
oder
Perspektivlosigkeit führen Menschen dazu ihre Länder zu verlassen und Schutz im
Ausland zu suchen.
Nachdem die Lage zu Flucht und Asyl in Deutschland beleuchtet wurde, soll im
Vergleich dazu ein kurzer Exkurs nach Frankreich gemacht werden.
Trotz Frankreichs langer Tradition als Einwanderungsland scheint es laut
Statistiken zurzeit nicht sehr ,,attraktiv" für Flüchtlinge und Asylsuchende zu sein, so
Politikwissenschaftler Olivier Le Cour Grandmaison in einem Interview mit ARTE.
54
Dies begründet er mit der ,,ganz klar restriktiven Asylpolitik" Frankreichs und fasst
diese unter dem Motto ,,Gastfreundschaft? Fehlanzeige!" zusammen. Laut dem letzten
Tätigkeitsbericht der OFPRA, dem Französischen Büro für Flüchtlinge und Staatenlose,
wurden 80 075 Asylanträge gestellt (davon 74 385 Erstanträge), d.h. 13 Mal weniger als
in Deutschland. Da in Frankreich im Schnitt drei von vier Asylsuchenden abgelehnt
werden, ,,wenden sich die Schutzsuchenden an Länder, in denen sie vermeintlich mehr
Chancen haben", folgert Le Cour Grandmaison weiter. Pascal Brice, Leiter des OFPRA,
erklärt in diesem Kontext, dass vor allem Deutschland Geflüchtete ,,anzieht", weil hier
zum einen bereits viele Landsleute sind und zum anderen Deutschland das
wirtschaftlich stärkste Land Europas ist.
55
_torture_and_sexual_slavery_in_islamic_state_captivity_in_iraq_-_english_2.pdf, zuletzt aufgerufen am
23.06. 2016.
52
Hanewinkel, Vera (13.11.2014): Flüchtlinge in Europa ­ Ein Blick auf die Herkunftsländer Eritrea und
Somalia. Online unter: http://www.migration-info.de/artikel/2014-11-13/fluechtlinge-europa-blick-
herkunftslaender-eritrea-und-somalia, zuletzt aufgerufen am 23.06.2016.
53
Tagesschau (04.03.2016): Mehr als eine Million Asylbewerber in der EU. Online unter:
https://www.tagesschau.de/ausland/asylbewerber-149.html, zuletzt aufgerufen am 16.07.2016.
54
Lépine, Fanny (01.08.2016): Wie steht es um das Asylrecht in Frankreich? Online unter:
http://info.arte.tv/de/wie-steht-es-um-das-asylrecht-frankreich, zuletzt aufgerufen am 02.08.2016.
55
Ebd.

15
Zu den wichtigsten Herkunftsländer der Bewerber in Frankreich zählt Syrien (+ 66% im
Vergleich zu 2014), gefolgt vom Sudan (+ 170%) und Kosovo (+ 92%). Die meisten
positiven Entscheidungen fielen auf Geflüchtete aus Syrien, Irak und Afghanistan.
Wegen der wirtschaftlichen Probleme, der hohen Arbeitslosigkeit in Frankreich
und anhaltender Probleme mit der Integration muslimischer Einwanderer steht die
Mehrheit der Franzosen Einwanderung tendenziell ,,ablehnend" gegenüber, was sich
auch im Erstarken der rechtsgerichteten Partei Front National bei den Europawahlen
2014 zeigt.
56
Laut dem SPIEGEL kritisieren fast alle französischen Parteien, dass
Angela Merkel mit der Grenzöffnung 2015 ,,noch mehr Flüchtlinge nach Europa
gelockt habe"
57
. Im Februar 2016 lehnt der französischen Innenminister Manual Valls
Angela Merkels Plan ab, Geflüchtete nach einem Kontingentsystem auf die einzelnen
europäischen Staaten ,,umzuverteilen". Valls verwies darauf, dass Frankreich die
Aufnahme von 30 000 Flüchtlingen zugesagt habe und nicht mehr nehmen werde. Laut
ihm sei die Botschaft, dass Europa keine Geflüchteten mehr aufnehmen kann, sehr
wichtig.
58
Nach den Terroranschlägen im November 2015 forderte er bereits eine
begrenzte Aufnahme von Geflüchteten und strengere Kontrollen der europäischen
Außengrenzen.
59
In Deutschland fielen die Reaktionen auf die mit der Flüchtlingsaufnahme
verbundenen Herausforderungen sehr unterschiedlich aus. Auf der einen Seite gab es
vielerorts große Solidarität und Unterstützung von freiwilligen Helfern, was den Begriff
der ,,Willkommenskultur" prägte. Auf der anderen Seite wurden aber auch zahlreiche
Proteste gegen die Aufnahme von Asylbewerbern von rechtsradikalen Kräften wie der
NPD, AFD und Pegida angestoßen oder instrumentalisiert. Verstärkt wurden diese ab
Anfang 2016 als nach den Ereignissen der Silvesternacht in Köln in vielen Medien unter
Überschriften wie ,,Das Ende der Willkommenskultur?
60
das Ende der
,,gastfreundlichen" Bevölkerung angesagt. Allerdings widerspricht Georg Cremer,
Generalsekretär des Deutschen Caritasverbandes, dieser These: ,,Das ehrenamtliche
56
Holt, Lena (05.12.2016): Flüchtlingspolitik in Frankreich nach den Anschlägen von Paris. Online
unter: http://blog.europaundwir.eu/fluechtlingspolitik-in-frankreich-nach-den-anschlaegen-von-paris,
zuletzt aufgerufen am 08.08.2016.
57
Querner, Eckhard (13.02.2016): Französische Regierung lehnt Kontigente ab. Online
unter:http://www.tagesschau.de/ausland/valls-fluechtlinge-101.html, zuletzt aufgerufen am 23.07.2016.
58
Ebd.
59
Holt, Lena.
60
Bebber, Monika (15.11.2015): Das Ende der Willkommenskultur?. Online unter:
http://www.deutschlandradiokultur.de/deutschland-zum-jahresbeginn-2016-das-ende-
der.1083.de.html?dram:article_id=342329, zuletzt aufgerufen am 26.07.2016.

16
Engagement ist so hoch wie im Sommer [2015], aber in der medialen Wahrnehmung
wurde im Sommer einseitig auf die Willkommenskultur, heute mehr auf die
erschreckenden Ereignisse fokussiert."
61
Wie aus diesem Kapitel hervorging, weist die Asylpolitik Frankreichs und
Deutschlands gewisse Divergenzen auf, die vor allem mit dem geschichtlichen Kontext
begründet werden können. Ereignisse wie die Anschläge in Paris oder die Übergriffe in
Köln scheinen auch die Einstellung der Bevölkerung zu beeinflussen. Ob diese
Divergenzen sich auch in der Berichterstattung bemerkbar machen, wird im
empirischen Teil dieser Arbeit geprüft. Dazu wird zunächst die im nächsten Kapitel
ausführlich die Forschungsmethode vorgestellt, d.h. das theoretische Grundwissen zur
Metapher erläutert.
3. Annäherung an den Begriff Metapher
Wie der Titel des Kapitels vermuten lässt, gestaltet sich eine universelle Definition des
Begriffs Metapher als problematisch. Die ersten Abhandlungen über die Metapher
wurden bereits vor über zweitausend Jahren verfasst, doch noch heute beschäftigen sich
Philosophen, Kultur-, Literatur-, und Sprachwissenschaftler mit der Frage, was hinter
diesem
Phänomen
steckt.
Durch
die
verschiedenen
resultierenden
Forschungsblickwinkel
und
-absichten
stellt
Anselm
Haverkamps,
Literaturwissenschaftler und Philosoph, bereits 1983 zu Recht fest, dass es eben keine
einheitliche Metaphernforschung gibt, sondern dass ,,eine Theorie der Metapher nur als
Sammelnamen konkurrierender Ansätze" existiert. Diese lassen sich nicht zur einer
übergreifenden Theorie zusammenfassen, sondern bleiben als ,,Teile alternativer
Ansätze" oft unvereinbar.
62
Zudem gibt es wohl ,,keine Theorie, die alle mit der
Metapher verbundenen Probleme in befriedigender Weise klären kann"
63
. Genau aus
diesem Grund spricht sich Germanist Eckard Rolf dafür aus, nicht mehr von einer
61
Fuchs, Richard (08.04.2016): Willkommenskultur, gibt's die noch?. Online unter:
http://www.dw.com/de/willkommenskultur-gibts-die-noch/a-19171796, zuletzt aufgerufen am
23.07.2016.
62
Haverkamp, Anselm (1983): ,,Einleitung in die Theorie der Metapher", in: Drs.: Theorie der Metapher.
Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, S.1-27, S.2.
63
Peil, Dietmar (2004): ,,Metapherntheorien", in: Nünning, Ansgar (Hrsg.): Metzler Lexikon. Literatur-
und Kulturtheorie. 3., akt. erw. Aufl. Stuttgart: Metzler, S. 450-452. S.452

17
Metapherntheorie zu sprechen, sondern eben von Metapherntheorien.
64
Um die
Bandbreite der Theoriegeschichte und die Vielfalt des Phänomens annähernd zu
erfassen, unterscheidet Rolf insgesamt 25 verschiedene Metaphertheorien, die er in
strukturelle, funktionale, semantische und pragmatische Ansätze klassifiziert
:
Dies
macht deutlich, dass es sich dabei um ein vielseitiges Forschungsgebiet handelt.
Eine umfassende Darstellung aller Theorien ist im Rahmen dieser Arbeit weder
möglich noch sinnvoll. Dem Anliegen der Arbeit, die Metaphernkonzepte im
Geflüchtetendiskurs herauszuarbeiten, entspricht am ehesten die auf den Linguisten
George Lakoff und den Sprachphilosoph Mark Johnson zurückgehende kognitive
Metapherntheorie. Um die Besonderheiten dieses Metapherverständnisses besser
erfassen zu können, wird im Folgenden ein Überblick der gängigen Metapherntheorien
geschaffen, die vor der Durchsetzung der kognitiven Theorie entwickelt worden waren:
die klassische Metapherntheorie der Antike als ständiger Orientierungspunkt für alle
weiteren Ansätze sowie die Interaktionstheorie und die Kontext- und
Konterdeterminationstheorie als konkrete Wegbereiter für die kognitiv-konzeptuelle
Theorie.
3.1 Theorien der Metaphern
In Anlehnung an Jäkel sollen deshalb die hier ausgewählten Ansätze als repräsentative
Theorie-Typen angesehen und ,,anhand der einschlägigen Texte ihrer jeweiligen
Väter"
65
vorgestellt werden.
64
Rolf, Eckard (2005): Metapherntheorien. Typologie. Darstellung. Bibliographie. Berlin: Walter de
Gruyter., S.2.
65
Jäkel, Olaf (1997): Metaphern in abstrakten Diskurs-Domänen: eine kognitiv-linguistische
Untersuchung anhand der Bereiche Geistestätigkeit, Wirtschaft und Wissenschaft. Frankfurt am Main:
Lang., S.85-

18
3.1.1 Metaphernverständnis der antiken Rhetorik ­ Substitutions- und
Vergleichstheorie
Seinen Ursprung findet der Begriff Metapher im griechischen Verb µ und
bedeutet soviel wie ,,übertragen". Einer der ersten, der sich mit dem Metaphernbegriff
beschäftigte, war der griechische Philosoph Aristoteles (384-322 v.Chr.). In seinem
Werk ,,Poetik" (ca. 335 v. Chr.) thematisiert er den sprachlichen Mechanismus der
Metapher, während er in ,,Rhetorik" (ca. 355-340 v. Chr.) Empfehlungen gibt, wie die
Metapher als Stilfigur gezielt in der Rede eingesetzt werden könnte. Dies impliziert,
dass in der Antike dem Sprecher ein hoher Grad an Internationalität im Bezug auf den
Metapherngebrauch zugesprochen wurde. Die in diesen Werken klassische Sicht der
Metapher wurde maßgeblich von Quintilian (35-96 n.Chr.) in der Institutio Orataria
weiter gedacht. Weitere klassische Vertreter sind Cicerio (106-43 v.Chr.) sowie
Demetrius (100 n.Chr.).
Aristoteles' Auffassung nach, sei die Metapher
die Übertragung eines Wortes (das somit in uneigentlicher Bedeutung
verwendet wird), und zwar entweder von der Gattung auf die Art, oder von der
Art auf die Gattung, oder von einer Art auf eine andere oder nach den Regeln
der Analogie.
66
Somit wird im Rahmen der antiken Stillehre die Metapher den Tropen zugeordnet,
deren Bildungsprinzip die Substitution, d.h. das Ersetzen des eigentlich Gemeinten
durch einen anderen Begrifft, ist. Aus diesem Grund wird das Metaphernverständnis
der Antike vielfach als ,,Substitutionstheorie" bezeichnet.
67
Wie aus dem Zitat
hervorgeht, gibt es bei der erfolgten Substitution verschiedene Übertragungsrichtungen,
welche Aristoteles im Kontext von semantischen Hyponomierelationen einordnet
68
:
vom Hyperonym zu Hyponym, vom Hyponym zum Hyperonym bzw. zwischen zwei
Kohyponymen. Dabei fällt auf, dass Aristoteles von keiner Unidirektionalität der
Übertragung ausgeht: ,,Da das Alter sich zum Leben verhält wie der Abend zum Tag,
kann man (als Dichter) eben das Alter ,,Abend des Lebens" nennen, oder aber den
Abend ,,Alter des Tages"".
69
Eine weitere Besonderheit dieser Theorie ist die
66
Fuhrmann, Manfred (1994): Aristoteles Poetik. Griechisch/Deutsch. Stuttgart: Reclam, S.27.
67
Hülsse, Rainer (2003): Metaphern der EU-Erweiterung als Konstruktion europäischer Identität.
Baden-Baden: Nomos Verlagsgesellschaft, S.23.
68
Jäkel (1997), S.85.
69
Ebd, S.86.

19
Annahme, dass die Substitution jederzeit wieder rückgängig zu machen sei, indem die
Metapher durch die ,,üblichen" Wörter ersetzt wird. Dies impliziert, dass die Bedeutung
der Metapher mithilfe wörtlicher Paraphrase präzise wiedergebbar ist.
Neben der angeführten Substitutionsfunktion der Metapher im antiken
Metaphernverständnis soll noch kurz deren angenommene Vergleichsfunktion
dargestellt werden. Aristoteles dehnt den Begriff der Metapher in der ,,Rhetorik" noch
weiter aus, indem er auch den Vergleich darunter subsumiert:
Es ist aber auch das Gleichnis eine Metapher; denn der Unterschied
zwischen beiden ist nur gering. Wenn man nämlich (hinsichtlich des
Achilleas) sagt: ,,Wie ein Löwe stürzte er auf ihn", so ist es ein Gleichnis;
sagt man aber: ,,Ein Löwe stürzte auf ihn", dann ist es eine Metapher, weil
beide nämlich tapfer sind, nannte
man Achilleas im übertragenen Sinne
einen Löwen.
70
Der erwähnte geringe Unterschied liegt bei der Verwendung des Vergleichsausdrucks
,,wie" im ersten Satz (Gleichnis) während es beim zweiten Satz (Metapher) elliptisch
ausgelassen wird. Da beide Figuren auf einer objektiven Ähnlichkeit der Vergleichsteile
basieren (in dem Fall ist es der Mut, der als Tugend sowohl dem Löwen als auch
Achilleas zugeschrieben wird) ist nach Aristoteles jede Metapher in einen Vergleich
überführbar und umgekehrt.
Die Kritik an diesem Metaphernverständnis fasst Jäkel in drei Punkten
zusammen
71
: Erstens greife die Lokalisierung der metaphorischen Übertragung als
Substitution auf Wortebene zu kurz, weil einige Metaphern erst im satzübergreifenden
Kontext ihren metaphorischen Charakter bekommen. Dieser Punkt wurde in späteren
Theorien berücksichtigt, wie später gezeigt wird. Zum zweiten sei die Metapher durch
den aristotischen Ansatz als Abweichung vom Normalfall ,,eigentlicher"
Gegenstandsbennenung definiert. Diese Annahme stand der ,,kognitiv-semantischen
Erfassung alltagssprachlicher Metapher", wie sie von Lakoff und Johnson konstatiert
wurde, lange im Weg. Der dritte Kritikpunkt gilt der von Aristoteles postulierten
Ähnlichkeit zwischen dem substituierten und dem substituierenden Ausdruck. Diese sei
hinfällig, denn spätestens seit der erkenntniskritischen Wende der neuzeitlichen
Philosophie hätte sich die Einsicht entwickelt, dass Ähnlichkeiten nicht ontologisch
70
Sieveke, Franz G. (1980): Aristoteles, Rhetorik. München: Fink, S. 176.
71
Jäkel (1997), S.87f.
Ende der Leseprobe aus 103 Seiten

Details

Titel
Metaphorik in der deutschen und französischen Berichterstattung über Geflüchtete
Untertitel
Wen Sprache "Realität" schafft. Metaphernanalyse in Zeitungen
Hochschule
Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder)
Note
1,0
Autor
Jahr
2017
Seiten
103
Katalognummer
V386935
ISBN (eBook)
9783668625877
ISBN (Buch)
9783668625884
Dateigröße
5498 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
metapher, flüchtlinge, geflüchtete, vergleich, medien, frankreich, zeitungen, metaphernanalyse
Arbeit zitieren
Tatjana Sch (Autor), 2017, Metaphorik in der deutschen und französischen Berichterstattung über Geflüchtete, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/386935

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