Gewalthandeln und Gewalterleben in Birgit Vanderbekes "Ich freue mich, dass ich geboren bin"


Bachelorarbeit, 2017

36 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Macht- und Gewaltkonzepte

3 Sozialer Raum und seine Beschaffenheit
3.1 Gewalt im Geschlechterverhältnis
3.2 Gewalt gegen Kinder

4 Gewalthandeln und Gewalterleben in Birgit Vanderbekes Ich freue mich, dass ich geboren bin

5 Kinder als Opfer von häuslichen Gewaltstrukturen
5.1 Körperliche Gewalt
5.2 (Non)Verbale Gewalt

6 (Familien)Haus als Gewaltort

7 Motivation und Rechtfertigung von Gewalthandlungen

8 Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Das Phänomen der häuslichen Gewalt wird in der (Literatur)Wissenschaft turbulent diskutiert. Viele wissenschaftliche Disziplinen setzen sich mit dem Gewaltbegriff auseinander, so dass der Gewaltdiskurs ein interdisziplinärer Bereich ist, der verschiedene Perspektiven mit einschließt. Dazu gehören z.B. soziologische, geschlechtsspezifische, psychologische oder kulturwissenschaftliche Ansätze. Die vorliegende Diplomarbeit berücksichtigt diese Interdisziplinarität der Gewaltforschung, die dann am Beispiel des Romans Ich freue mich, dass ich geboren bin von Birgit Vanderbeke veranschaulicht wird.

Zu den relevanten Themen, die in der vorliegenden Diplomarbeit behandelt werden, gehören vier Kategorien, die in dem Gewaltdiskurs von großem Belang sind und aus diesem Grund angesprochen werden sollen: Macht, Gewalt, Geschlecht und Raum. Unter Berücksichtigung der oben genannten Kategorien wird folglich auf physische, psychische und sexuelle Formen der Gewalt eingegangen, wobei nicht alle Gewaltformen in dem untersuchten Roman Ich freue mich, dass ich geboren bin von Birgit Vanderbeke zur Geltung kommen. Die physischen und psychischen Formen werden im analytischen Teil genauer betrachtet, die sexualisierte Gewalt hingegen kommt bei Vanderbeke nicht zur Sprache, so dass dieses Problem nicht weiter verfolgt wird. Das Gewaltphänomen kann am Beispiel folgender Figurenkonstellationen erörtert werden:

1. Partnergewalt, d.h. Gewalt zwischen Ehepartnern oder Partnern einer nichtehelichen Beziehung
2. Eltern-Kind-Gewalt, d.h. Gewalt der (Groß-, Stief- oder Pflege-) Eltern gegen Kinder;
3. Geschwistergewalt, d.h. Gewalt unter jungen und älteren Geschwistern
4. Kind-(Groß)Eltern-Gewalt, d.h. Gewalt der Kinder gegen (Groß) Eltern. In der vorliegenden Diplomarbeit wird jedoch auf Eltern-Kind-Gewalt eingegangen, weil diese Figurenkonstellationen in Ich freue mich, dass ich geboren bin als besonders gestört und gewaltfördernd inszeniert werden.
5.Im zweiten Teil der Arbeit findet sich die Analyse des Romans. Bei der Problematisierung der Gewalt gegen Kinder werden auch Bewältigungsstrategien unter die Lupe genommen, d.h. es wird danach gefragt, auf welche Art und Weise Probleme und Gefahren von den betroffenen Figuren bewältigt werden. Gewaltausbrüche und Gewalthandlungen, die in Vanderbekes Roman einfließen, werden sowohl von Tätern, Opfern als auch von Gewaltzeugen gerechtfertigt. In den literarisch inszenierten Motivationslagen werden gesellschaftlich-kulturelle Konzepte sichtbar, z.B. Abhängigkeitsverhältnisse, Stereotype, patriarchale Werte etc. Die vorliegende Diplomarbeit wird mit einer Zusammenfassung abgeschlossen, in der die Ergebnisse der Analyse dargestellt werden.

2 Macht- und Gewaltkonzepte

Macht und Gewalt sind zwei Begriffe, die in der gegenwärtigen Zeit an Bedeutung gewonnen haben. Beide Termini werden von zahlreichen Wissenschaftlern unter die Lupe genommen und interdisziplinär untersucht. In der Gewaltforschung haben sich zwei Hauptkonzepte herauskristallisiert. Das eine Konzept steht für die Gegensätzlichkeit von beiden Begriffen, das andere Konzept hingegen für die Übergängigkeit von Macht und Gewalt. Als Vertreter der Übergängigkeit gelten sowohl Niklas Luhmann als auch Michel Foucault. Sie vertreten die soziologische Perspektive der Gewaltforschung. Es gibt zwischen Foucaults und Luhmanns Macht- und Gewalttheorien eine ganze Reihe von Gemeinsamkeiten. Die beiden Forscher setzen eine klare Trennungslinie zwischen Macht und Gewalt, gleichzeitig betonen sie aber, dass sich Macht schnell und unerwartet in Gewalt verwandeln kann.[1] Foucault und Luhmann sind Vertreter eines rationalen Machtkonzepts. Luhmann versteht Macht als Kommunikationsmedium und geht davon aus, dass alle sozialen Systeme Konflikte sind.[2] Es gibt kein soziales System, in dem keine Konflikte auftreten. Zu den sozialen Systemen gehören z.B. Familie, Schule oder Arbeitsverhältnisse. Nicht jedes System verfügt dabei über das gleiche Konfliktpotenzial. Die produktive Konfliktlösung hängt sowohl von der Systemdifferenzierung als auch von der gesellschaftlichen Evolution ab.[3] Die Kommunikation ist laut Luhmann nur dann möglich, wenn die Selektivität einer Mitteilung des Machthabers verstanden wird.[4] Der Machtbetroffene muss aber dabei die Möglichkeit haben, diese Mitteilung nicht nur zu verstehen, sondern sie auch ablehnen zu können. Dies wird von Luhmann als „Kontingenz“ bezeichnet, die auf beiden Seiten präsent sein muss. Er plädiert des Weiteren dafür, Macht und Zwang voneinander zu trennen, denn die Wahlmöglichkeit des Gezwungenen wird auf Null reduziert und die „Kontingenz auf beiden Seiten“[5] beeinträchtigt. Darüber hinaus läuft Zwang im Grenzfall auf die Anwendung physischer Gewalt hinaus und damit auf Substitution eigenen Handelns für unerreichbares Handeln anderer.[6] Luhmann betont, dass Macht mit Freiheiten und Handlungsmöglichkeiten zusammenhängt: „Macht erbringt ihre Übertragungsleistung dadurch, dass sie die Selektion von Handlungen angesichts anderer Möglichkeiten zu beeinflussen vermag.“[7] Luhmann meint, dass je mehr Freiheiten der Machtunterworfene hat, desto größer ist die Macht des Machthabers. Zwang- und Gewaltanwendung stehen in Luhmanns Konzept für den Machtverlust, denn die von ihm betonte Kontingenz kommt dann nicht zu Stande. Genauso wie Foucault betont Luhmann, dass Machtbeziehungen durch eine Doppelnatur gekennzeichnet sind. Sie schließen sowohl positive als auch negative Handlungskombinationen mit ein, andererseits aber betont Luhmann, dass sich der Machthaber an die Verhaltensvorschrift halten soll, die besagt, dass der Machthaber sich um Konsens bemühen soll, bevor er Gewalt anwendet.[8] Foucault unterscheidet dagegen zwischen Machtbeziehungen und Gewaltbeziehungen. Die wichtigste Voraussetzung der Machtbeziehungen ist, dass beide Seiten, das heißt der Machthaber und der Machtunterworfene, handeln und handeln dürfen.[9] Foucault definiert die Machtbeziehungen als ein Handeln des Machthabers, das auf das Handeln des Machtbetroffenen einwirkt.[10] Er unterscheidet jedoch zwischen positiven und repressiven Machtaspekten, denn Macht bietet einerseits Anreize, verführt, motiviert, erleichtert oder ermöglicht die Handlungsmöglichkeiten und andererseits schränkt sie die Handlungsoptionen ein oder sie verhindert sogar das Handeln von Machtbetroffenen.[11] Gewaltbeziehungen sind dagegen ausschließlich durch Destruktion gekennzeichnet. Sie wirken direkt auf Körper und Gegenstände ein, sie beugen, brechen, zerstören und wenn sie auf Wiederstand stoßen, dann wird er (mit brutalen Mitteln) gebrochen.[12]

Ein weiterer Verfechter des Übergängigkeitskonzeptes ist Peter Imbusch. Er weist in seinen Theorien auf die geschichtspolitische Entwicklung auf, die zeigt, dass Macht häufig mit Gewalt verbunden ist.[13] Für ihn ist Macht ein Phänomen, das verschiedenartig ausgeübt werden kann. Einerseits gilt Gewalt als eine Form der Machtausübung, andererseits aber kann Macht durch harmlose Formen wie: Überzeugung oder Motivation praktiziert werden.[14] Während Niklas Luhmann, Michel Foucault und Peter Imbusch für die Übergängigkeit von Macht und Gewalt stehen und sowohl positive als auch negative Machtaspekte hervorheben, konzentriert sich Johan Galtung, ein bedeutender Soziologe, vollständig auf repressive Machtverhältnisse. Galtung definiert Gewalt als ein repressives Phänomen.[15] Er prägte und popularisierte den Begriff struktureller Gewalt, unter dem er eine Gewaltform versteht, die von gesellschaftlichen Strukturen ausgeht und dafür sorgt, dass Machtverhältnisse und Lebenschancen nicht gleich sind.[16] Diese Gewaltform ist nicht absehbar. Das ist keine direkte, sondern indirekte Erscheinungsform von Gewalt, die sich u.a. in Armut, Unterdrückung, Diskriminierung und Entfremdung manifestiert.[17] Da der Begriff struktureller Gewalt in der Gewaltforschung oft kritisiert wurde, prägte Galtung den Begriff kultureller Gewalt und ging davon aus, dass beide Kategorien einander bedingen.[18] Unter kultureller Gewalt versteht Galtung Rechtfertigungs- und Legitimierungsstrategien, die herangezogen werden, um strukturelle Gewalt als rechtmäßig erscheinen zu lassen.[19] Kulturelle Gewalt verfügt über bestimmte Medien. Zu ihnen zählen unter anderem: Religion, Ideologien, Kunst, Sprache oder Wissenschaft, durch die die kulturelle Gewalt in das öffentliche Bewusstsein gelangt.

Der eingangs erwähnte Konzept der Gegensätzlichkeit von Macht und Gewalt wird u.a. durch solche Namen vertreten wie Paul Hugger und Hannah Arendt. Paul Hugger unterscheidet zwischen Macht / Gewalt und Gewalttätigkeit.[20] Macht / Gewalt versteht er als einen Willensakt, der den Anderen aufgezwungen wird, ohne deren Einverständnis. Gewalttätigkeit hingegen ist durch körperliche und psychische Schäden gekennzeichnet, bewusst oder auch unbewusst beabsichtigt.[21] Genauso wie Hugger betont auch Arendt, dass Macht und Gewalt zwei Gegensätze sind. Arendt weist darauf hin, dass Gewalt erst dann vorkommt, wenn Macht in Gefährdung steht und in dieser Hinsicht korrespondiert sie eindeutig mit Luhmann.[22] Sie analysiert jedoch besonders die politische Ebene, die für die vorliegende Bachelorarbeit eine nebensächliche Rolle spielt, weil sie sich den familiären Macht- und Gewaltaspekten verschreibt.

Ein anderer Gewaltforscher, Heinrich Popitz, prägt – ähnlich wie Niklas Luhmann – den Begriff Zwang und verknüpft ihn mit dem Begriff instrumentelle Macht. Er begreift Zwang als eine Form der Alternative.[23] Mit dieser Form wird die Verhaltensweise des Betroffenen in zwei Optionen gegliedert: in Fügsamkeit und in Wiederstand. Der Betroffene wird also – abgesehen davon, welche Position er annimmt – zu einer Handlung gezwungen, die er nicht unbedingt vollziehen möchte.[24] Solche Alternative hat eine Doppelnatur, denn im Fall der Drohung bekommt sie den Charakter der Erpressung und im Fall des Versprechens den Charakter der Bestechung.[25] Der Impuls, der den Betroffenen dabei begleitet, kommt entweder als Angst oder als Hoffnung zum Vorschein.

Da Macht und Gewalt subjektive Begriffe sind, ist eine plausible Erklärung dieser beiden Termini in der Gewaltforschung bis heute nicht gelungen. In jedem Bereich des Lebens wird Gewalt erkennbar, aber es ist nicht leicht festzustellen, was in dem gegebenen Moment als ein gewalttätiger Akt registriert werden könnte. Es hängt nämlich weitgehend von der Perspektive des Individuums ab, was als Gewalt identifiziert werden kann und was nicht. Die Gewaltforscher sind sich aber – trotz vorhandener und in diesem Kapitel skizzierten Differenzen – darin einig, dass Gewalt ein anormales und negatives Phänomen ist.[26]

3 Sozialer Raum und seine Beschaffenheit

Der (soziale) Raum gestaltet unsere Wirklichkeit und ist deren wichtiger Bestandteil. Er verfügt über bestimmte Strukturen und beeinflusst unser Leben. Der Raumbegriff ist komplex und lässt sich nicht leicht definieren. Viele Soziologen beschäftigen sich schon seit Jahrzehnten mit diesem Terminus und versuchen, seiner Definition möglichst nah zu kommen, wie z. B. Martina Löw. Sie konkretisiert den Begriff Raum als „rationale (An)Ordnungen von Menschen und sozialen Gütern.“[27] Dabei spielen zwei Aspekte eine bedeutende Rolle. Zum einen bilden Räume eine Ordnung, zum anderen ist der Vorgang des Anordnens als besonders wichtig herauszustellen.[28] Die durch Räumlichkeit geschaffene Ordnung steht im engen Zusammenhang mit Strukturen. Löw deutet auf ihre Wichtigkeit hin und notiert Folgendes dazu:

Strukturen können nicht losgelöst vom Handeln betrachtet werden. Sie ermöglichen und verhindern Handeln, aber sie bleiben an den Handlungsverlauf gebunden. Zwar behalten sie, ohne Reproduktion oder nur durch Reproduktion gesellschaftlicher Teilgruppen, über eine Zeitspanne hinweg Gültigkeit, dann jedoch verlieren sie ihre strukturierende Wirkung.[29]

Daraus folgt, dass räumliche Strukturen ohne Handeln nicht existieren können, sondern im Handeln entstehen. Raum entsteht erst dann, wenn die Handlung hervorkommt. Die Räume werden durch menschliche Handlungen geschaffen. Jede Handlung markiert den Raum und symbolisiert ihn. Räumliche Strukturen können sowohl das Handeln ermöglichen als auch es beschränken. Oder anders formuliert, sie stellen nicht nur eine Qualität dar, sondern zwei, denn sie erlauben oder sabotieren das Handeln. Dabei soll man die Tatsache nicht leugnen, dass Räume auch durch Machtverhältnisse geprägt sind – ein Umstand, der in dem Roman Ich freue mich, dass ich geboren bin von Birgit Vanderbeke deutlich zum Vorschein kommt. Im Weiteren stellt Löw die These auf, dass es keine Abgrenzung zwischen Gesellschaft und Raum gibt:

Das Räumliche ist [...] nicht gegen das Gesellschaftliche abzugrenzen, sondern es ist spezifische Form des Gesellschaftlichen. Räumliche Strukturen sind, wie zeitliche Strukturen auch, Formen gesellschaftlicher Strukturen.[30]

Strukturen werden also vom Handeln nicht abgetrennt. Darüber hinaus sind Strukturen in Anlehnung an Anthony Giddens „als Regeln und Ressourcen zu fassen, die rekursiv in Institutionen eingelagert sind.“[31] Regeln vermitteln eine Art Verhalten in bestimmten Situationen, damit konstituiert man einen Sinn oder man verhindert ihn. Ressourcen sind Aspekte, die durch die Position in der Gesellschaft als „Routineelement“ angewendet werden. Hierbei werden Ressourcen von zwei Standpunkten her bezogen Es sind erstens allokative Ressourcen, die aus der Naturbeherrschung konkludieren, und zweitens autoritative, die einen Bezug auf Personen darstellen.[32] Den engen Zusammenhang zwischen Handeln und Strukturen betont auch Anthony Giddens, indem er von „Dualität von Struktur und Handeln“ spricht:

Mit der Dualität von Struktur und Handeln wird betont, dass Regeln und Ressourcen, die in die Produktion und Reproduktion sozialen Handelns einbezogen sind, gleichzeitig die Mittel der Systemreproduktion darstellen.[33]

Mit der Dualität von Strukturen und Handeln wird besagt, welche Regeln und Ressourcen benötigt werden, um soziales Handeln zu produzieren oder zu reproduzieren. Strukturen und Handeln sind also nicht gegensätzlich, sondern voneinander bedingt. Löw stützt sich weiterhin auf die Giddenssche Konkretisierung von Strukturen, indem sie seine Definition weiter entwickelt bzw. vervollständigt:

Unter Strukturen können […] nicht nur rechtliche, ökonomische, politische etc. gefasst werden, sondern auch räumliche und zeitliche. Das Zusammenwirken verschiedener gesellschaftlicher Strukturen bildet die gesellschaftliche Struktur.[34]

Weiterhin sollte man bei der Auseinandersetzung mit dem Raumbegriff die Gedanken von Pierre Bourdieu berücksichtigen. Er repräsentiert ein relationales Raumkonzept und fungiert als Theoretiker des Rationalen, indem er die Definition des sozialen Raumes präzisiert. Der soziale Raum gilt nach Bourdieu als ein differenzierter, hierarchischer und durch Machtverhältnisse determinierter Raum. Aufgrund dessen entwirft der Sozialphilosoph eine Raumdefinition, die besagt, dass der soziale Raum „eine relationale (An)Ordnung von Menschen und Menschengruppen im permanenten Verteilungskampf [ist].“[35] Darüber hinaus unterstreicht er, dass der physische und der soziale Raum eng zusammenhängen, aber nicht gleich sind:

Der physische Raum wird nicht zum Raum durch die Anordnung, sondern in ihm werden die relationalen Anordnungen realisiert. Während also der eine Raum (der rationale) nur metaphorisch gemeint ist, wird der andere Raum (der wirkliche) nicht relational konzipiert.[36]

Die Beziehungen zwischen den Menschen und ein menschliches Handeln machen den sozialen Raum aus, der sich im physischen Raum abspielt. Deshalb wird auch der physische Raum sozial bedingt. In seinen Rahmen spielen sich nämlich alle sozialen Prozesse ab. Er kommt laut Bourdieu nur als ein angeeigneter Raum zustande. Die Körper bewohnen den Raum und eignen sich ihn somit an. Daraus folgt, dass der soziale und der physische Raum im engen Wechselverhältnis stehen.

Im analytischen Teil der Studie wird dementsprechend aufgezeigt, dass der soziale und physische Raum nicht unbedingt kompatibel sein müssen. Dies ist nicht zuletzt auf die Geschlechtsspezifik der Kategorie Raum zurückzuführen. Innerhalb der Familie werden nämlich von beiden Geschlechtern unterschiedliche Positionen bezogen. Die aufgestellte Geschlechterhierarchie verleiht dem Raum seine Qualitäten und sorgt dafür, dass er entweder zu einem Schutzort wird oder eher zu einem Angstraum mutiert.

In der Regel assoziiert man den Begriff Familie mit positiven Eigenschaften und Erlebnissen. Für viele Menschen ist sie aber einer der unangenehmsten Orten der Welt. Anstatt Geborgenheit, Wärme und Liebe empfinden viele Individuen Leid, Schmerz und Verletzung. Im familiären Raum finden auch Drohungen, verbale Attacken, physische und psychische Misshandlungen sowie sexueller Missbrauch statt, die den Raum seiner positiven Komponenten berauben. Die Harmonie, die man vom familiären Raum erwartet, kann durch oben genannte Gewaltmechanismen schnell zerstört werden. Das Interaktionsfeld macht den familiären und privaten Bereich zum atmosphärischen Aktionsraum.[37] Dabei ist das konventionelle Verhältnis zwischen Raum und Geschlecht als besonders relevant herauszustellen:

Das Haus bedeutet traditionell für den Mann einen temporären Ruheort, von dem aus er zu öffentlichen Orten der Bewährung und Bestätigung aufbricht. Für die Frau hingegen wurde es bis weit ins 20. Jahrhundert als der ihrer sozialen Rolle angemessene Standort betrachtet, dessen Grenzen sie nur selten überschreiten durfte.[38]

Haus und Familie können zu einem Handlungsort werden, in dem Gewalt in verschiedenen Formen hervortritt, dazu gehören u.a. Schläge, Prügel, Vergewaltigung, Kindermisshandlungen sowie Misshandlung von älteren Familienmitgliedern. Frauen und Kinder werden von der häuslichen Gewalt öfter und Männer seltener betroffen. Da die Gewalt sich in einem öffentlich unzugänglichen Ort abspielt, sind Aufsicht und Kontrolle von anderen Menschen kaum vorstellbar. Der Gewaltbetroffene muss seine Probleme innerhalb der Familie lösen, denn er wird häufig von der Außenwelt isoliert.[39]

Im sozialen Raum Familie, der durch Gewalt geprägt wird, werden die Akteure gezwungen, Unterscheidungen und Entscheidungen zu treffen.

Diese Unterscheidungen betreffen z. B. die Frage des Machtpotenziales und der Gewaltausübung. Innerhalb häuslich - familiärer Strukturen kann es nämlich Personen geben, die als Machthaber gelten und ihre Machtposition bei der Verfolgung bestimmter Ziele uneingeschränkt einsetzen, und solche, die - aus welchen Gründen oder Motiven auch immer - der Macht machtlos ausgeliefert sind, solche, die bei ihren Entscheidungen und Handlungen nach Gewaltmittel greifen und solche, die - mit welchen Motivierungslagen auch immer – Gewalt über sich ergehen lassen[40]

Die Entscheidungen sind insofern relevant, als sie sie sich immer mit bestimmten Konsequenzen, Folgen, Gefahren und Risiken verbinden und die Unsicherheit erzeugen.. Daraus folgt, dass man durch Entscheidungen raumeigene Gefahren und Risiken sowohl potenzieren als auch reduzieren oder vermeiden kann.[41] Im Folgenden stellt sich die Frage, wer und was entscheidet und welche Gefahren und Risiken die getroffene Entscheidung mit sich bringt.

[...]


[1] Vgl. Szmorhun, Arletta: Häusliche Gewalt. Zielona Góra: Copyright by Uniwersytet Zielonogórski 2016, S. 23.

[2] Vgl. Luhmann, Niklas: Macht. Stuttgart: Lucius & Lucius 2003, S. 5.

[3] Vgl. ebd.

[4] Vgl. ebd.

[5] Ebd.

[6] Vgl. ebd., S. 9.

[7] Ebd., S. 8-9.

[8] Vgl. ebd., S. 8.

[9] Vgl. Foucault, Michel: Analytik der Macht. Frankfurt a.M.: Suhrkamp 2005, S. 255.

[10] Vgl. ebd.

[11] Vgl. ebd., S. 256.

[12] Vgl. ebd., S. 255.

[13] Vgl. Szmorhun, Arletta: Häusliche Gewalt. Zielona Góra: Copyright by Uniwersytet Zielonogórski 2016, S. 15.

[14] Vgl. ebd.

[15] Vgl. ebd., S. 23.

[16] Vgl. ebd.

[17] Vgl. ebd.

[18] Vgl. ebd., S. 26.

[19] Vgl. ebd.

[20] Vgl. ebd., S. 18.

[21] Vgl. ebd., S. 19.

[22] Vgl. ebd., S. 15.

[23] Vgl. ebd., S. 17.

[24] Zit. nach: Vgl. ebd., S.17.

[25] Vgl. ebd.

[26] Vgl. ebd., S.15.

[27] Löw, Martina: Raumsoziologie. Frankfurt a.M.: Suhrkamp 2001, S. 166.

[28] Vgl. ebd., S. 166.

[29] Ebd., S. 166.

[30] Ebd., S. 167.

[31] Ebd.

[32] Vgl. ebd., S. 167.

[33] Zit. nach: ebd.

[34] Löw, Martina: Raumsoziologie. Frankfurt a.M.: Suhrkamp 2001, S. 168.

[35] Ebd., S. 181.

[36] Ebd., S. 182.

[37] Vgl. ebd., S. 53.

[38] Zit. nach.: Szmorhun, Arletta: Häusliche Gewalt. Zielona Góra: Copyright by Uniwersytet Zielonogórski 2016, S. 53.

[39] Vgl. ebd., S. 54-55.

[40] Ebd., S. 61.

[41] Vgl. ebd., S. 61-63.

Ende der Leseprobe aus 36 Seiten

Details

Titel
Gewalthandeln und Gewalterleben in Birgit Vanderbekes "Ich freue mich, dass ich geboren bin"
Hochschule
Uniwersytet Zielonogórski
Autor
Jahr
2017
Seiten
36
Katalognummer
V387014
ISBN (eBook)
9783668610200
ISBN (Buch)
9783668610217
Dateigröße
621 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
gewalthandeln, gewalterleben, birgit, vanderbekes
Arbeit zitieren
Katarzyna Kipczak (Autor), 2017, Gewalthandeln und Gewalterleben in Birgit Vanderbekes "Ich freue mich, dass ich geboren bin", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/387014

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Gewalthandeln und Gewalterleben in Birgit Vanderbekes "Ich freue mich, dass ich geboren bin"



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden