Spätestens seit Goethes Faust werden Wissenschaftler in westlichen Medien, sei es Literatur, Serie oder Film, oftmals sehr klischeehaft dargestellt. Sie zeichnen sich durch einen Verfall zur triebhaften, ungesunden und vernunftlosen Suche nach verbotenem oder zuviel Wissen aus, das sehr oft zur Katastrophe führt. Dr. Frankenstein, Dr. Strangelove oder Dr. Jekyll sind nur einige Beispiele hierfür.
Ziel dieser Arbeit ist die Untersuchung der Herkunft dieses Bildes. Als Basis dienen dabei zwei Herangehensweisen: Die eine ist die Annahme, dass dieses Klischee seinen Ursprung in Konflikten zwischen Religion und Wissenschaft hat, und dass die moderne Wissenschaft die alten, religiösen Grenzen der Wissensaneignung zu gefährden droht. Der „mad scientist“ wäre also eine religiös motivierte Warnung vor einer vermeintlich zu starker Wissensaneignung als Reaktion auf schwankende religiös-gesellschaftliche Macht. Die andere Herangehensweise ist die Annahme, dass der „mad scientist“ seinen Ursprung in der Dualismen-Bildung und des „Othering“, der Veranderung, hat.
Konkret geht es dabei um den gesellschaftlichen Aufbau von Eigen- und Fremdgruppe, mit dem Ziel der Abwertung des Fremden und der gleichzeitigen Aufwertung des Eigenen. Wir werden sehen, dass dieses Phänomen weitreichende Wurzeln in der westlichen Ideengeschichte hat und auf den beiden Urdualismen Mensch-Tier, sowie Kultur-Natur beruht.
Inhaltsverzeichnis
1. Über die Herkunft des mad scientist
2. Der mad scientist als Resultat einer antirationalistischen Wissenschaftskritik
3. Der mad scientist als Resultat des Mensch-Tier-Verhältnis
3.1. „Das Tier“ im wissenschaftlichen Diskurs
3.2. Tierdefinitionen: Der Aufbau vom Dualismus
3.3. Menschen und nichtmenschliche Tiere in der westlichen Ideengeschichte
3.4. Benutzung der Tiermetapher zur Etikettierung von Menschengruppen
3.5. Mad scientist und der Mensch-Tier-Dualismus
4. Synthese: Eine ganzheitliche Sicht
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Herkunft des Klischees des "mad scientist" in westlichen Medien. Dabei wird analysiert, inwiefern dieses Bild einerseits aus einer antirationalistischen Wissenschaftskritik und andererseits aus der westlichen Mensch-Tier-Dualismen-Bildung sowie dem Prozess des „Othering“ resultiert.
- Historische Herkunft des Wissenschaftler-Klischees
- Konfliktverhältnis zwischen Religion und Wissenschaft
- Mensch-Tier-Dualismus als Grundlage für Diskriminierungsstrukturen
- Tiermetaphern als Instrument der Abwertung und Etikettierung
- Ganzheitliche Synthese der Entstehungsfaktoren des "mad scientist"
Auszug aus dem Buch
3.4. Benutzung der Tiermetapher zur Etikettierung von Menschengruppen
Die Tiermetapher dient nicht nur allein der Unterwerfung von Natur und nichtmenschlichen Tieren, sondern wird in der westlichen Kultur auch dazu benutzt sozial nicht akzeptierte oder tabuisierte Eigenschaften und Verhaltensweisen zu definieren, durch die man sich durch Analogiebildung distanzieren will: Die dekodierbare Aufladung des Begriffs- und Assoziationsfeldes „Tier“ greift „auf das tiefenkutlurelle Ordnungssystem [zurück], das entlang der Trias Gott – Mensch – Tier Klassifikationsmuster zur generellen Orientierung, besonders aber zur Positionierung des Eigenen und Fremden bereithält.“
Manchmal funktioniert diese symbolische Zuordnung und Bewertung von Eigenschaften und Gruppen explizit über die Tiermetapher. Dies belegt auch Carol J. Adams mit ihrer These des „abwesenden Referenten“.
In beiden Fällen wird mit der Anwesenheit und Abwesenheit von unterdrückten Gruppen gespielt. Das Abwesende bezieht sich im Grunde auf eine unterdrückte Gruppe, bezeichnet aber in Wirklichkeit eine andere. Dies funktioniert nicht nur bei den Geschlechterverhältnissen, sondern natürlich auch bei anderen Verhältnissen, wie Klasse und Rasse. Dabei braucht der abwesende Referent Helfende, die die Beseitigung des Tiers ausführen, eine Form von entfremdeter Arbeit. Sowohl Spiegel als auch Harding sehen einen Zusammenhang und Überlappungen zwischen rassistischer Unterdrückung und der Unterdrückung von Tieren.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Über die Herkunft des mad scientist: Das Kapitel führt in das Klischee des „mad scientist“ ein und formuliert die Forschungsfrage hinsichtlich dessen religiöser Ursprünge und der Dualismen-Bildung.
2. Der mad scientist als Resultat einer antirationalistischen Wissenschaftskritik: Dieser Teil beleuchtet die Ambivalenz gegenüber der Wissenschaft als religiös motivierte Warnung vor verbotenem Wissen und der Anmaßung göttlicher Schöpferkraft.
3. Der mad scientist als Resultat des Mensch-Tier-Verhältnis: Hier wird die Rolle des Mensch-Tier-Dualismus und der Tiermetapher als Basis für soziale Diskriminierung und Entmenschlichung analysiert.
3.1. „Das Tier“ im wissenschaftlichen Diskurs: Das Kapitel erörtert die gesellschaftliche Rolle von Tieren und die Problematik ihres Status als Ressourcenobjekte.
3.2. Tierdefinitionen: Der Aufbau vom Dualismus: Es wird die Differenz zwischen naturwissenschaftlichen und westlich-kulturellen Tierdefinitionen herausgearbeitet.
3.3. Menschen und nichtmenschliche Tiere in der westlichen Ideengeschichte: Der Autor beschreibt die religiöse und philosophische Fundierung der Trennung zwischen Mensch und Tier in der abendländischen Geschichte.
3.4. Benutzung der Tiermetapher zur Etikettierung von Menschengruppen: Dieses Kapitel zeigt, wie Tiermetaphern zur Abwertung von Minderheiten, Frauen und fremden Kulturen genutzt wurden.
3.5. Mad scientist und der Mensch-Tier-Dualismus: Der Autor führt die Analyse des „mad scientist“ auf die inneren Konflikte und die Projektion des „Tierischen“ auf den Wissenschaftler zurück.
4. Synthese: Eine ganzheitliche Sicht: Abschließend wird die Verbindung zwischen antirationalistischer Kritik und der Tiermetapher als komplementäre Erklärungsansätze zusammengeführt.
Schlüsselwörter
mad scientist, Wissenschaftskritik, Mensch-Tier-Verhältnis, Dualismus, Tiermetapher, Othering, Religion und Wissenschaft, Diskriminierung, Entmenschlichung, Wissensaneignung, Ideengeschichte, Wissenschaftsverständnis, Anthropologie, Kultur-Natur-Dualismus, Gesellschaftskritik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Ursprünge des medienwirksamen Klischees des „mad scientist“ und hinterfragt, welche kulturellen und religiösen Mechanismen hinter diesem Stereotyp stecken.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die Schwerpunkte liegen auf der antirationalistischen Wissenschaftskritik, dem historischen Mensch-Tier-Verhältnis und der Verwendung von Tiermetaphern als Instrument der sozialen Ausgrenzung.
Welches Ziel verfolgt die Forschungsarbeit?
Das primäre Ziel ist es, das Phänomen des „mad scientist“ ganzheitlich zu erklären, indem sowohl religiöse Ängste vor Wissensaneignung als auch tieferliegende dualistische Gesellschaftsstrukturen betrachtet werden.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden angewendet?
Es handelt sich um eine geisteswissenschaftliche Analyse, die vor allem ideengeschichtliche, philosophische und sozialwissenschaftliche Literatur und Konzepte zur Dekonstruktion des Klischees nutzt.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung religiös motivierter Wissenschaftskritik und die detaillierte Darstellung, wie der Mensch-Tier-Dualismus zur Etikettierung und Entmenschlichung in der Geschichte instrumentalisiert wurde.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Untersuchung?
Die Untersuchung wird maßgeblich durch Begriffe wie „mad scientist“, „Mensch-Tier-Dualismus“, „Othering“, „antirationalistische Wissenschaftskritik“ und „Tiermetapher“ definiert.
Inwiefern spielt der Begriff des „abwesenden Referenten“ eine Rolle für die Argumentation?
Dieser Begriff von Carol J. Adams dient dazu zu erklären, wie symbolische Abwertungsprozesse funktionieren, bei denen eine unterdrückte Gruppe (das Tier) stellvertretend für eine andere steht, um Machtverhältnisse zu rechtfertigen.
Wie erklärt der Autor das Paradoxon der „vernunftlosen Wissenschaft“ beim „mad scientist“?
Das Paradoxon entsteht durch die Projektion eines „tierischen“ Instinkts oder einer „bestialischen“ Triebhaftigkeit auf den Wissenschaftler, die als Gegenspieler zur menschlichen Vernunft und Moral in der Erzählung fungieren.
- Arbeit zitieren
- Jeff Mannes (Autor:in), 2012, Mad Scientist und Mensch-Tier-Verhältnis. Herkunft des Wissenschaftsklischees und Betrachtung der antirationalistischen Wissenschaftskritik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/387088