Der Handballschiedsrichter und Stress. Aufgaben und Stressbewältigung der Spielleiter im Sportspiel Handball


Seminararbeit, 2016
117 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis
Tabellenverzeichnis ... 3
Abbildungsverzeichnis ... 5
1. Handballschiedsrichter in Bayern ... 7
2. Stress- ein oft verwendeter Begriff ... 8
2.1 Grundbegriffe der Stresstheorien ... 9
2.1.1 Disstress und Eustress ... 9
2.1.2 Psychologisches Stresskonzept nach Nitsch ... 10
2.1.3 Stressbewältigung ... 12
2.1.3.1 Primäre Einschätzungen ... 12
2.1.3.2. Sekundäre Einschätzung ... 13
2.1.3.3 Bewältigungsstrategien ... 14
2.1.4 Stressbewältigung nach Krohne ... 15
2.1.4.1 Copingstilmodell der Bewältigungsmodi ... 15
2.1.4.2 Bewältigungsmodi in Bezug auf die Persönlichkeit ... 17
2.2 Forschungsergebnisse in Bezug auf Stress bei Schiedsrichtern ... 19
2.2.1 Selbsteinschätzung des Stressempfindens von Schiedsrichtern ... 19
2.2.2 Identifikation und Bewertung von Stresssituationen und deren Belastung ... 20
2.2.3 Die empirische Studie von Brand als Vorüberlegung ... 21
2.2.3.1 Fragebogen ... 21
2.4.3.2 Hypothesen bei Brand ... 23
2.4.3.3 Untersuchungsplan und Ablauf ... 23
2.4.3.4 Ergebnisse ... 24
3. Aufgaben von Handballschiedsrichter ... 25
3.1 Der Handballschiedsrichter in der Institution Bayrischer Handballverband ... 26
3.2. Regeln- die Grundlage für jeden Schiedsrichter... 27
3.3 Entscheidungen als Ausführung des Regelwerks ... 31
3.3.1 Arten von Entscheidungen ... 32
3.3.2 Entstehung von Entscheidungen ... 32
3.3.3 Urteilsfehler ... 34
3.4. Der Schiedsrichter als Regelüberwacher oder Gamemanager? ... 36
3.4.1 Rollenbilder von Schiedsrichter ... 37
3.4.2 Der Schiedsrichter als ,,Spielleiter" ... 37
4. Die Studie Handballschiedsrichter und Stress ... 38
4.1 Untersuchungsziele und Hypothesenentwicklung ... 39
4.2 Beschreibungen der Erhebungsmethode ... 41

4.3 Untersuchungsablauf ... 43
4.4 Probanden ... 43
4.5 Ergebnisse der Studie ... 45
4.5.1 Ergebnisse zum Hypothesenkomplex 1 (Intensität von Stresssituationen und Häufigkeit) 45
4.5.2 Hypothesenkomplex 2 ( Vergangenheitsorientierte Kognitionen durch REKIF-BSR) ... 54
4.5.3 Hypothesenkomplex 3 (Aufgabe der Schiedsrichter) ... 57
4.5.4 Ergebnisse der deskriptiven Analyse ... 59
4.6 Zusammenfassung der Ergebnisse ... 77
5. Diskussion ... 79
5.1.Stressbeanspruchung und Stresshäufigkeit von Schiedsrichtern ... 80
5.2. Vergangenheitsbezogene interferierende Kognitionen von Handballschiedsrichter ... 82
5.3. Aufgabe des Schiedsrichters (Regelanwender oder Gamemanager) ... 85
5.4. Unterschiede und Gemeinsamkeiten der deskriptiven Ergebnisse ... 88
5.5 Hilfen und Tipps für Schiedsrichter ... 92
5.6 Fazit und Ausblick ... 93
Zusammenfassung ... 94
Literaturverzeichnis ... 97
Anhang ... 99

3
Tabellenverzeichnis
Tab. 1 Regel 8:2 Regelwidrigkeiten (Deutscher Handball Bund, 2010, S. 26) ... 27
Tab. 2 Regel 7:1 Spielen des Balles (Deutscher Handball Bund, 2010, S. 23) ... 28
Tab. 3 Regel 7:3 Spielen des Balles (Deutscher Handball Bund, 2010, S. 23) ... 30
Tab. 4 Beispiele für Strategische Regeln ... 31
Tab. 5 Übersicht über die verwendeten Befragungsinventare ... 42
Tab. 6 Deskriptive Statistik der Stressintensität der im BOSSS-d dargebotenen Stresssituationen ... 45
Tab. 7 Ergebnis des Lavene-Tests des Items ,, Progressive Bestrafung MV" ... 46
Tab. 8 Ergebnis des Duncan-Tests bezüglich des Items ,,Strittige Diskussion mit MV ... 47
Tab. 9 Ergebnisse des Duncan-Tests für die Items ,, Probleme mit Teampartner" und ,, Strittige
Diskussion mit Spieler" ... 48
Tab. 10 Tabelle zur einfaktoriellen ANOVA-Analyse (Häufigkeit) mit den Items, deren Signifikanz
p 0.05 ergeben ... 50
Tab. 11 Duncan-Tests für die Items ,,Strittige Diskussion mit Spieler" und ,,Strittige Diskussion mit
MV" mit Bezug auf die Häufigkeit einer stressrelevanten Situation ... 50
Tab. 12 Duncan Tests für die Items ,,Umstrittene Situation" und ,,Beschimpfung durch Zuschauer"
mit Bezug auf die Häufigkeit einer stressrelevanten Situation ... 51
Tab. 13 T-Test der drei Items ,,Beschimpfung durch MV", ,,Umstrittene Entscheidung" und ,,Angst
vor körperliche Angriffe" bezüglich des Geschlechts. ... 52
Tab. 14 Ergebnis des Pearson-Signifikanztests zwischen dem ,,Score des BOSSS-d Intensität" und
den ,,vergangenheitsorientierten Kognitionen". ... 54
Tab. 15 Ergebnis des Pearson-Signifikanztests zwischen dem ,,Score des BOSSS-d Häufigkeit" und
den ,,vergangenheitsorientierten Kognitionen". ... 56
Tab. 16 Deskriptive Statistik zur Aufgabe bei Handballschiedsrichter. ... 57
Tab. 17 Tabelle zur einfaktoriellen ANOVA-Analyse bezüglich der Aufgabe von Schiedsrichter. ... 57
Tab. 18 T-Test der Aufgabe von Schiedsrichtern in dem Bezug auf das Geschlecht. ... 58
Tab. 19 Tabelle der TOP 5 Situationen mit den höchsten Stressintensitäten, bezogen auf die
verschiedenen Kader.. ... 60
Tab. 20 Tabelle der TOP 5 Situationen mit den höchsten Stressintensitäten, bezogen auf die
Geschlechter. ... 61
Tab. 21 Ergebnis des Pearson-Signifikanztests zwischen den Items ,,Strittige Diskussion MV" und
,,Strittige Diskussion mit Spieler" (Intensität). ... 62
Tab. 22 Ergebnis des Pearson-Signifikanztests zwischen den Items ,,Beschimpfung durch Spieler"
und ,, Beschimpfung durch MV" (Häufigkeit). ... 62
Tab. 23 Ergebnis des Pearson-Signifikanztests zwischen den Items ,,Strittige Diskussion mit
Spieler" und ,,Strittige Diskussion mit MV"" (Häufigkeit). ... 62
Tab. 24 Ergebnis der Hauptkomponentenanalyse des BOSSS-d durch die Varimax-
Rotationsmethode (mit Kaiser-Normalisierung). ... 63
Tab. 25 Duncan Tests für das Item ,,Spielsituationen Intensität" mit Bezug auf die
unterschiedlichen Kader ... 64
Tab. 26 Duncan Tests für das Item ,,Problematische Geschehnisse Intensität" mit Bezug auf die
Altersgruppe. ... 66
Tab. 27 TOP 5 der Stresssituationen aus dem REKIF-BSR, bezüglich der Gesamtstichprobe ... 66
Tab. 28 Reihenfolge der Items des REKIF-BSR, die positiv formuliert sind, bezüglich der
Gesamtstichprobe ... 67
Tab. 29 Übersicht über die Mittelwerte der einzelnen Items des REKIF-BSR; (Teil 1). ... 68

4
Tab. 30 Übersicht über die Mittelwerte der einzelnen Items des REKIF-BSR (Teil 2). ... 69
Tab. 31 Übersicht über die Mittelwerte der einzelnen Items des REKIF-BSR (Teil 3). ... 70
Tab. 32 Übersicht über die Rangposition der Items des REKIF-BSR in dem Bezug auf das
Geschlecht. ... 71
Tab. 33 Übersicht über die Rangposition der Items des REKIF-BSR in dem Bezug auf die Bezirke. ... 71

5
Abbildungsverzeichnis
Abb. 1 Arten von Stress (Lüder, 1998, S.43) ... 10
Abb. 2 Stressreiz-Stress-Stressreaktion-Stressfolgen (Nitsch & Allmer, 1981, S. 89) ... 11
Abb. 3: Hypothetische Beziehung zwischen den Komponenten einer Gefahrensituation,
unmittelbaren Gefühlszuständen, Angstreaktionen und Bewältigungsverhalten (Krohne,
1996, S. 145) ... 17
Abb. 4: Die zentralen Dimensionen des Modells der Bewältigungsmodi (Krohne, 1996, S. 147) ... 18
Abb. 5: Das Fragenbogeninventar Stress bei Basketballschiedsrichter (Brand, 2002, S. 208) ... 22
Abb. 6: Aufschlüsselung der Untersuchungsstichprobe nach dem Merkmal der
`Kaderzugehörigkeit` der Schiedsrichter (Brand, 2002, S. 127) ... 24
Abb. 7: Konstitutive und Strategische Regeln (Digel, 1982, S. 57) ... 30
Abb. 8 Kognitive Stufen der Informationsverarbeitung (Plessner & Raab, 1999, S. 135) ... 33
Abb. 9 Sandersche Parallelogramm (Sander & Volkelt, 1962, S. 86) ... 34
Abb. 10 Aufschlüsselung der nach Stichproben nach Kadergruppen ... 44
Abb. 11 Aufschlüsselung der nach Stichprobe nach Geschlecht und Bezirken ... 44
Abb. 12 Mittelwerte der Stressintensitäten der verschiedenen Items hinsichtlich der
Kaderzugehörigkeit ... 46
Abb. 13 Mittelwerte der Stresshäufigkeiten der verschiedenen Items hinsichtlich der
Kaderzugehörigkeit ... 49
Abb. 14 Mittelwerte der Stresshäufigkeiten der verschiedenen Items hinsichtlich der
Kaderzugehörigkeit ... 49
Abb. 15 Mittelwerte der Stressintensitäten der verschiedenen Items hinsichtlich des Geschlechts .. 52
Abb. 16 Mittelwerte der Stresshäufigkeiten der verschiedenen Items hinsichtlich des Geschlechts .. 53
Abb. 17 Scatterplot zur optischen Beurteilung des Zusammenhangs zwischen dem ,,Score des
BOSSS-d Intensität" und dem ,,Score der vergangenheits-orientierten Kognitionen". ... 55
Abb. 18 Scatterplot zur optischen Beurteilung des Zusammenhangs zwischen dem ,,Score des
BOSSS-d Häufigkeit" und dem ,,Score der vergangenheitsorientierten Kognitionen". ... 56
Abb. 19 Balkendiagramm zur Darstellung der Mittelwerte in den Kadern bezüglich der Aufgabe
von Schiedsrichter. ... 57
Abb. 20 Deskriptive Statistik und Balkendiagramm der Aufgabe von Schiedsrichter in dem Bezug
auf das Geschlecht. ... 58
Abb. 21 Mittelwerte und Standartabweichung der vier Kader in Bezug auf Alter und Erfahrung. ... 59
Abb. 22 Beanspruchungsprofile der Kader über die im BOSSS-d angebotenen Spielsituationen
(Intensität). ... 60
Abb. 23 Balkendiagramm der drei übergreifenden Bereiche, aufgeteilt nach Kader. ... 64
Abb. 24 Balkendiagramm der drei übergreifenden Bereiche, aufgeteilt nach Alter. ... 65
Abb. 25 Balkendiagramm der drei übergreifenden Bereiche, aufgeteilt nach Erfahrung. ... 65
Abb. 26 Boxplot zur Darstellung des Scores der vergangenheitsorientierten Kognitionen und den
Kadern. ... 67
Abb. 27 Balkendiagramm zur Übersicht der Gesamtscores bezüglich der Intensität in dem Bezug
auf das Geschlecht, den Kader, den Bezirk, die Erfahrung und die Altersgruppe. ... 73
Abb. 28 Balkendiagramm zur Übersicht der Gesamtscores bezüglich der Häufigkeit in dem Bezug
auf das Geschlecht, den Kader, den Bezirk, die Erfahrung und die Altersgruppe.. ... 74
Abb. 29 Balkendiagramm zur Übersicht der Gesamtscores bezüglich der Intensität und Häufigkeit
in Bezug auf das Geschlecht, den Kader, den Bezirk, die Erfahrung) und die Altersgruppe . . 75
Abb. 30 Übersicht der Mittelwerte der Frage nach der Rolle der Schiedsrichter, aufgeteilt nach
Bezirke. ... 76
Abb. 31 Mittelwerte der Aufgabe von Schiedsrichter mit Bezug auf das Alter und Erfahrung.. ... 76

6
Abb. 32 Boxplot zum Selbstbild von Schiedsrichtern nach Brand (Brand & Neß, 2004, S.133) ... 87

7
1. Handballschiedsrichter in Bayern
Jede Woche sind unzählige Schiedsrichter und Schiedsrichterinnen
1
in den bayrischen
Hallen unterwegs und leiten in verschiedenen Klassen und Altersstufen
Handballspiele. Dabei soll der Schiedsrichter, gemäß der Schiedsrichterordnung, als
unauffälliger und neutraler Spielleiter agieren. Dies ist in der Praxis nur schwer
umsetzbar. Wenn man einen Blick in die Hallen wirft, so kann man sehen, dass gerade
diese `Unauffälligkeit` der Schiedsrichter durch die gegebene Aufmerksamkeit von
Spieler, Trainer und Zuschauer beeinflusst wird: Spieler diskutieren mit den
Unparteiischen heftig über getroffene Entscheidungen, Trainer lamentieren an der
Seitenlinie und Zuschauer kommentieren jeden Pfiff durch Grölen und Beleidigungen.
Hierbei ist erkennbar, dass der Schiedsrichter nicht nur eine Nebenfigur auf dem
Spielfeld ist, sondern mit den 14 Spielern zusammen eine der Hauptrollen erhält.
Dadurch ist es unbestreitbar, dass Trainer, Spieler und meist auch Zuschauer mit der
gezeigten Leistung eines Schiedsrichtergespanns unzufrieden sind. Dies zeigte sich
sowohl dieses Jahr bei der Handball-EM in Polen, bei der sich auch die deutsche
Mannschaft teilweise benachteiligt fühlte. Aber auch in niedrigeren Ligen zeigt sich
eine Unzufriedenheit in letzter Zeit immer häufiger in veröffentlichte Spielberichte:
"Die mit Abstand schwächste Leistung boten am Samstagabend die beiden
Unparteiischen, das muss leider in dieser Form ausgedrückt werden. Die Herren, die
beide in dieser Saison erstmalig in der Bayernliga pfeifen, waren zu keiner Zeit Herr der
Lage. Weder stimmte die Verhältnismäßigkeit in Ihren Entscheidungen, noch war eine
Linie zu erkennen und auf beiden Seiten hagelte es Fehlentscheidungen. Auch der Blick
auf die Statistik zeigt dies, bei 16 Zeitstrafen und vier roten Karten entsteht der Eindruck,
dass es sich um ein extrem hartes Spiel gehandelt hat, was es aber keinesfalls war."
(TSV 2000 Rothenburg Handball, 2011)
Wie in diesem Bericht erkennbar, scheinen die Aufgaben eines Schiedsrichters nicht
einfach und die Anforderungen an ihn hoch zu sein. So wird von ihm gefordert, das
Spiel zu jeder Zeit im Griff zu haben und zugleich die richtigen Entscheidungen zu
treffen. Etwas genauer als die Vorstellungen des Berichtschreibers, geht diese
Beschreibung zum Anforderungsprofil eines Handballschiedsrichters ein:
,,Trägt der Schiedsrichter doch ohnehin schon den schwierigsten Part in der Ausübung unserer
Sportart, indem an seine Person kognitive und intellektuelle Ansprüche gestellt werden wie an
keine andere Person in und außerhalb der Wettkampfstätte. Schließlich muss er in justiziabler
Weise in Bruchteilen von Sekunden komplexe Vorgänge visuell erkennen, selektieren, rational
1
Aus Gründen der Vereinfachung, soll im Folgenden immer von der männlichen Form ausgegangen werden

8
verarbeiten, Schlussfolgerungen ziehen, Entscheidungen treffen, diese unter abstrakte Begriffe
subsumieren und ihre Übereinstimmung mit den Regelvorgaben prüfen, sodann nach außen
artikulieren und vertreten und sich den gesamten Erkenntnis-, Entscheidungs- und
Informationsablauf schließlich gegebenenfalls in gerichtsverwertbarer Weise merken."
(Winden, 2010, S. 1)
Hierbei wird recht deutlich, wie komplex die Aufgabe des Entscheidens für die
Spielleiter ist. So ist es sowohl erstaunlich, als auch verwunderlich, dass sich jede
Woche Menschen finden, die diese Herausforderung gerne auf sich nehmen möchten.
Es ist klar, dass es sich bei keinem Schiedsrichter um eine Maschine oder sonstige
künstliche Intelligenz handelt, die fehlerfrei und emotionslos eine Partie leiten kann
und so keinerlei zweifelhafte Entscheidungen vorbringt. Und auch ist es für eine
Mannschaft, die ihr Spiel womöglich unglücklich und knapp verloren hat, oft leichter,
die Fehler der Schiedsrichter aufzuzählen, als die eigenen Fehler zu erkennen. So ist
der `Buhmann` für die Niederlage schnell gefunden. Allerdings ist es auch
verständlich, dass diese äußeren Einflüsse vor, während und nach dem Spiel, nicht
spurlos an den Spielleitern vorbeigehen können. So ist die Anzahl der
Jungschiedsrichter, die nach den ersten beiden Jahren ihre Schiedsrichterkarriere
bereits wieder beenden recht hoch. Deshalb stellen sich die Fragen: Wie gehen
Handballschiedsrichter mit dem entstanden Stress um? Wie können sie ihn
kompensieren und hat dieser Einfluss auf die weitere und auf zukünftige
Spielleitungen?
Diese Fragen haben mich persönlich beschäftigt und dienten als Motivation für das
Thema der Zulassungsarbeit. So habe ich mich entschieden, mich bei meiner
Zulassungsarbeit, zum einen mit dem Thema Stress bei Handballschiedsrichter und
zum anderen, mit den Aufgaben und Entscheidungen von diesen, zu beschäftigen.
2. Stress- ein oft verwendeter Begriff
Unter dem Begriff `Stress` kann sich jeder etwas vorstellen. So spricht beinahe jeder
einmal von `Stress in der Arbeit`, `Stress in Beziehungen`, oder sogar der
`Freizeitstress` ist in unserer Gesellschaft ein immer öfter zu findendes Phänomen. So
liegt es nicht fern, dass Stress auch im Sport und bei Schiedsrichtern zu finden ist.
Dies ist durch ein Beispiel leicht zu zeigen: In einem Handballspiel kommt es bereits
nach einigen Minuten zu einem harten Foulspiel. Diese Aktion müsste mit einem 7-

9
Meter geahndet werden. Der Schiedsrichter handelt allerdings nicht, was zu großer
Aufregung bei Zuschauer und den Mannschaftsverantwortlichen
2
führt. Manche
Schiedsrichter reagieren auf derartige Aktionen mit Verunsicherung in den folgenden
Spielsituationen, andere Schiedsrichter fühlen sich im weiteren Verlauf nicht
eingeschränkt. Dieses Beispiel zeigt, dass es schwer sein muss, den Stressbegriff auf
eine allgemeingültige Definition festzuschreiben, da jedes Individuum Stress anders
wahrnimmt und auch unterschiedlich verarbeitet.
So soll das Kapitel 2 einzelne Begriffe der Stresstheorie und der Stressbewältigung
kurz darstellen (2.1), um anschließend die Forschungsergebnisse aus dem Bereich
Schiedsrichter und Stress verstehen zu können (2.2). Zudem werden die
Überlegungen von Brand dargestellt, wodurch ein weiteres Stressbewältigungsmodell
aufgeführt wird (2.3). Diese Ausführungen helfen, seine empirische Studie zu
verstehen (2.4), deren Umfrage ein Teil der eigenen Studie ausmacht, und somit am
Ende dieses Kapitels beschrieben wird.
2.1 Grundbegriffe der Stresstheorien
Die folgenden Begriffe werden erklärt, um einen groben Einblick in die Stresstheorie
zu erhalten. Da in dem Bezug auf Stress in vielen Bereichen der Wissenschaft
geforscht wird, ist hier anzumerken, dass sich die folgenden Theorien und
Forschungsergebnisse auf den biologischen und psychologischen Bereich beziehen.
2.1.1 Disstress und Eustress
Meistens wird der Begriff Stress auf negative Weise benutzt. Falls Stress zu einer
negativen Folge für den Menschen führt, spricht man von ,,Disstress". Dabei kann man
allerdings nicht davon ausgehen, dass jedes Ereignis gleich beurteilt wird, da Stress
ein subjektives Empfinden ist und abhängig von der Genetik, der Umwelt und
Erziehung der Individuen ist. Beispiele für negativen Stress sind Situationen, die zur
Überforderung führen. Aber auch Unterforderung kann ein Auslöser für Disstress sein
und schädliche Auswirkungen mit sich führen (Lüder, 1998). Im Gegensatz dazu gibt
es Stressereignisse, die als angenehm empfunden werden , der Eustress (Selye,
1974). Dazu zählen Herausforderungen, die zu steigender Motivation und
Selbstbewusstsein führen und dadurch den Zugriff auf Reserven ermöglichen, die
sonst nicht zur Verfügung stehen (Lüder, 1998). So ist ersichtlich, dass Eu- und
2
Im weiteren Verlauf soll bei Mannschaftsverantwortlichen die Kurzform MV verwendet werden.

10
Disstress in allen Lebenslagen vorkommen und Stress zum einen zum Leben
notwendig, als auch unvermeidbar ist.
2.1.2 Psychologisches Stresskonzept nach Nitsch
Wie in 2.1.1 dargestellt, ist das Stressempfinden bei Menschen immer subjektiv
bedingt. Bei Nitsch wird der Begriff `Stress´ als ein Missverhältnis zwischen
Anforderung und zur Verfügung stehenden Verhaltensweisen innerhalb einer Situation
definiert. Wird dieses Missverhältnis als unangenehm empfunden, spricht Nitsch von
Stress
3
(Nitsch & Allmer, 1981). Um die unterschiedlichen psychologischen Ansätze
zu vereinen und einen Überblick über die Entstehung von Stress zu erhalten, bietet
sich die Sequenz ` Stressreiz-Stress-Stressreaktion-Stressfolgen` (Abb. 2) an.
3
Vgl. Definition für Eustress, 2.1.1
Abb. 1 Arten von Stress (Lüder, 1998, S.43)

11
Abb. 2 Stressreiz-Stress-Stressreaktion-Stressfolgen (Nitsch & Allmer, 1981, S. 89)
Bei `Stressreiz` ist hier der Reiz oder die Belastung gemeint, der für den `Stress`
verantwortlich ist. Die `Stressreaktion` ist bedingt durch die inneren und äußeren
Verhaltensweisen, durch die eine Person auf den Stresszustand einwirkt und diesen
verändert. Brand weist darauf hin, dass dieser Begriff auch mit Stressbewältigung
deckungsgleich ist (Brand, 2002). Als `Stressfolgen` werden die Ereignisse
beschrieben, die durch Personen- und Umweltveränderungen bedingt sind und durch
die sich diese Stresssituationen ergeben. Entscheidend ist auch hier, dass durch eine
Feedbackschleife, die Stressfolgen zu einem neuen Stressreiz führen können. Bei
diesem aufgeführten Modell ist es charakteristisch, dass durch subjektive
Bewertungsprozesse,
die
während
der
unterschiedlichen
Zustände
zwischengeschaltet werden können, in den klassischen Ablauf eingegriffen werden
kann. Um diesen Ablauf besser zu verstehen, soll ein Beispiel von Brand angeführt
werden (ebd.).
Das Beispiel bezieht sich auf eine Hinausstellung eines Spielers durch einen
Unparteiischen. Wie sehr diese Hinausstellung den Schiedsrichter beansprucht, kann
von vielen äußeren Faktoren bestimmt sein:
- Ist er von der Entscheidung selbst voll überzeugt?
- Trifft er die Entscheidung zu Beginn des Spiels, oder in einer entscheidenden
Phase?
- Wird er von den Spielteilnehmern als Autorität wahrgenommen und verstanden?
Falls der agierende Schiedsrichter mit den äußeren Faktoren gut zurechtkommt, führt
die Situation weniger zur emotionalen Beanspruchung, als bei unsicheren

12
Schiedsrichtern. Nun nehmen wir hierbei an, dass kurze Zeit später wieder eine
ähnliche Entscheidung zu treffen ist. Nun gibt es die Möglichkeit, dass der
Schiedsrichter auf den neuen Stressreiz (Abb. 2) ähnlich reagiert wie im Fall zuvor,
souverän und ohne Probleme. Allerdings kann durch die subjektiven
Bewertungsprozesse, die sich auf die frühere Entscheidung beziehen und sich
gegenseitig beeinflussen, die aktuelle beeinflusst werden. Das ist der Fall, wenn für
einen Spielleiter das Foulspiel eine Ähnlichkeit zur Situation zuvor ersichtlich ist und
er sich dadurch gezwungen sieht, genauso zu handeln. Hierbei führt die prospektive
Bewertung zu Stressempfinden des Spielleiters (Abb. 2). Auch eine retrospektive
Bewertung kann eine Entscheidung beeinflussen. Durch die Erinnerung an eine
strittige Situation nach dem Spiel, werden künftige Situationen anders bewertet, als
ohne das Geschehen, dass in die Bewertung miteinbezogen wird (Brand, 2002). So ist
festzuhalten, dass die Stufen im Alltagsleben ineinandergreifen und sich gegenseitig
beeinflussen.
Da der Aufbau einer Stresssequenz erklärt ist, wird nun darauf eingegangen, welche
Möglichkeiten es gibt, sich mit Stress auseinanderzusetzen und wie man diesen
bewältigen kann.
2.1.3 Stressbewältigung
Wenn man sich mit der Stressbewältigung bei Menschen auseinandersetzen will, ist
die ,,transaktionale Stresstheorie" von Lazarus unausweichlich (ein weiteres Modell
wird bei 2.1.4 dargestellt). Hierbei wird eine Situation von dem jeweiligen Individuum
durch verschiedene Formen von kognitiven Prozessen der Empfindung und
Beurteilung eingeschätzt. Diese ,,kognitive Einschätzung" wird in drei Bereiche
unterteilt: primäre Einschätzung, sekundäre Einschätzung und Neueinschätzung
(Lazarus, 1966).
2.1.3.1 Primäre Einschätzungen
Diese Bewertung beschreibt den Vorgang, ,,innerhalb dessen eine Person die
Bedeutung einer Transaktion mit der Umwelt für das eigene Wohlbefinden einschätzt"
(Kohlmann, 1990, S. 18). Die Ergebnisse dieser subjektiven Bewertung werden in die
Kategorien Bedrohung (,,threat"), Schadensverlust (,,harm or loss") und
Herausforderung (,,challenge") unterschieden (ebd.). Als Bedrohung kann
beispielsweise der zukünftige Verlust der sozialen Anerkennung angesehen werden.

13
Der Schadensverlust injiziert dasselbe wie die Bedrohung, allerdings ist dieser
Zustand bereits eingetreten. Einen persönlichen Vorteil oder Gewinn aus einer
Situation zu erlangen, wird als Herausforderung angesehen.
Der Prozess der primären Einschätzung kann mit der Frage: Wie beurteile ich diese
Situation? umschrieben werden.
2.1.3.2. Sekundäre Einschätzung
Falls die Antwort auf diese Frage Bedrohung, Schadensverlust oder Herausforderung
lautet, beginnt eine weitere Phase der kognitiven Einschätzung. Hierbei werden die
zur Verfügung stehenden Bewältigungsmöglichkeiten und ­fähigkeiten eingeordnet.
Wichtig ist, dass die primäre und sekundäre Einschätzung keineswegs aufeinander
aufbauen müssen. Es kann durchaus sein, dass Bewältigungsformen bereits
ausgewählt wurden, bevor eine Gefahr entsteht oder auch durch den Entschluss einer
Gefahrensituation entgegenzustehen, diese anschließend nicht mehr als Gefahr
gesehen wird.(Kohlmann, 1990). Um diese Ausführungen verständlicher zu machen,
soll folgendes Beispiel Praxisbezug schaffen (Schwarzwälder, 2006).
In einem Spiel, in dem der MV A während des gesamten Spieles keinerlei
Diskussionsbedarf oder Unmut bezüglich der Entscheidungen der Schiedsrichter zeigt,
kommt es nun dazu, dass er zum Ende hin, immer häufiger und aktiver gegen die
Schiedsrichter reklamiert und die Entscheidungen lautstark kommentiert. Die
Aufregung des Trainers stellt in diesem Fall einen Stressor dar. Durch eine
Hinausstellung des Trainers kann es kurzzeitig zur Bewältigung der
Bedrohungssituation kommen. Allerdings kann es auch sein, dass durch die
Hinausstellung, der Unparteiische die Spielkontrolle nicht, wie erhofft, zurückgewinnt,
sondern sich durch die Pfiffe von Zuschauern oder durch weiteres Lamentieren des
Trainers, noch unsicherer fühlt. Dabei schwindet das Gefühl einer positiven
Bewältigung der Situation und die Bedrohung nimmt unweigerlich zu, sodass die
eigentliche Bewältigung in den Hintergrund gerät und stattdessen intrapsychische
Prozesse, wie Hoffnung und Akzeptierung im Vordergrund stehen. Dieser Umstand
zeigt, dass sich die unterschiedlichen Einschätzungen gegenseitig beeinflussen und
in direkten Bezug zueinanderstehen. (Schwarzwälder, 2006).

14
2.1.3.3 Bewältigungsstrategien
In diesem Beispiel kann man erkennen, in welcher Situation, Stress im Sportspiel
Handball entstehen kann. Nun soll darauf eingegangen werden, welche Arten es gibt,
auf das Gefühl `Stress` zur reagieren. Dabei lassen sich nach Lazarus zwei Kategorien
beschrieben, die das Reagieren durch unterschiedliche Bewältigungsprozesse
aufzeigen (Lazarus, 1966):
problemlösend/problemzentriert
Hierbei soll direkt auf den Stressor eingegangen werden und somit die
bedrohliche Situation positiv gestaltet werden. Im Beispiel oben wäre dies die
Hinausstellung des Trainers.
Regulatorisch/emotionszentriert
Hier wird nicht auf einen äußeren Reiz eingewirkt, sondern die eigenen
Gedanken und Emotionen durch positive gestärkt. Der Satz `Ich schaffe das
jetzt` ist ein Beispiel für einen regulativen emotionalen Eingriff.
Des Weiteren definiert Lazarus (1966) vier Bewältigungsstrategien, die sowohl
problemlösend, als auch regulatorisch wirken, auf Mensch oder Umwelt beziehen
werden und auch auf vergangene (Verlust) bzw. zukünftige (Bedrohung) Resultate
angewendet werden (Schwarzwälder, 2006). Diese vier Modi nennen sich
Informationssuche, direkte Aktion, Aktionshemmung und interpsychische Prozesse.
Informationssuche
Lazarus definiert dies als:
,, die Herausforderung jener Charakteristika einer streßreichen
[sic!]
Situation, deren Kenntnis
die Person zur Wahl bestimmter Bewältigungsstrategien oder zur Neueinschätzung einer der
Schädigung bzw. Bedrohung braucht". (Lazarus, 1990, S. 218)
Damit ist gemeint, dass die Person herausfindet, was genau für die Stresssituation
verantwortlich ist, um anschließend eine passende Bewältigungsstrategie zu finden.
Dabei kann es bereits zu einem Gefühl der Besserung in der Situation kommen. Bei
Schiedsrichtern wäre dies eine Geste, die man sich in einer Stress auslösenden
Situation überlegt, durch die eine Entscheidung von den Spielern akzeptiert wird
(Schwarzwälder, 2006).

15
Direkte Aktionen
Direkte Aktionen sollen von einer Person direkt auf das eigene Ich oder die Umwelt
einwirken. Da jeder Mensch anders mit Ärger umgeht, unterscheiden sich die
Handlungen auch von Mensch zu Mensch. In einem Spiel wäre das durch eine klare
Geste und dem Satz ` Jetzt ist Schluss. Beim nächsten Mal gibt es eine Strafe `, der
Fall, wodurch dem Spieler klar wäre, dass der Schiedsrichter die Situation im Griff hat
und dieser die Stresssituation somit bewältigt hat.
Aktionshemmung
Hierbei soll ein negatives Gefühl wie Ärger oder Enttäuschung in einer Situation
unterdrückt werden und stattdessen durch positive Handlungsziele, wie Konzentration
und erhöhte Aufmerksamkeit ersetzt werden.
Intrapsychische Bewältigungsformen
Hierzu zählen ,,alle kognitiven Prozesse, die der Regulation von Emotionen dienen
(also alles, was sich eine Person selbst einredet)" (Lazarus, 1990, S. 220). Dazu
gehören Kategorien der Vermeidung, Verleugnung und Selbsttäuschung und führt
anschließend zu einem positiven Gefühl der Gefahrenkontrolle. Ein Schiedsrichter
kann sich beispielsweise eine zweifelhafte Entscheidung als richtig einreden
(Schwarzwälder, 2006). Diese unterschiedlichen Arten der Stressmodi setzen sich in
jeder Situation aus den Reaktionsweisen der Personen zusammen.
In diesem Kapitel soll nun ein Grundverständnis für die Entstehung von Stress und der
Umgang mit Stress nach einer allgemeinen Theorie entstanden sein.
2.1.4 Stressbewältigung nach Krohne
Da sich die durchgeführte Studie auf eine empirische Untersuchung von Brand stützt,
soll eine weitere Theorie der Stressbewältigung dargestellt werden, auf die sich auch
die Interpretation der Ergebnisse stützen wird.
2.1.4.1 Copingstilmodell der Bewältigungsmodi
Brand bezieht sich in seinen Untersuchungen meist auf die Theorie der
Bewältigungsmodi von Krohne (1993a, 1996). Bei diesem Ansatz handelt es sich um
eine dispositionsorientierte und makroanalytische Möglichkeit zur Beschreibung von
Reaktionsweisen auf Stressoren, die sich durch die habituellen Arten des Umgangs

16
mit jenen Reizen unterscheidet (Brand, 2002). Die persönliche Auseinandersetzung
mit den belastenden Reizen wird in diesem Modell in Verbindung mit dem Konstrukt
`Angst` gebracht. Krohne definiert hierbei Angst:
,,als einen mit bestimmten Situationsveränderungen interindividuell variierenden affektiven
Zustand des Organismus, der durch erhöhte Aktivität des autonomen Nervensystems sowie
durch die Selbstwahrnehmung von Erregung, das Gefühl des Angespanntseins, ein Erlebnis
des Bedrohtwerdens und verstärkte Besorgnis gekennzeichnet ist" (Krohne, 1996, S. 8)
.
Diese Emotion `Angst` soll mit Hilfe von kognitiven Maßnahmen der Bewältigungsmodi
reguliert werden. Dabei wird ein wesentlicher Unterschied zu Lazarus` transaktionellen
Stresstheorie deutlich: Die möglichen Bewältigungsmaßnahmen werden bei Krohne
bereits zuvor einsehbar und können damit auch vor dem Wahrnehmen des
Stressreizes ausgewählt werden. Bei Lazarus dagegen können diese Maßnahmen
erst nach dem Erkennen der Stresssituation beschrieben werden (Krohne, 1996). Die
beiden Bewältigungsmöglichkeiten nach Krohne sind die Vigilanz und die kognitive
Vermeidung.
Unter Vigilanz versteht man, "eine Klasse von Bewältigungsstrategien, deren Einsatz
das Ziel verfolgt, Unsicherheit zu reduzieren, bzw. deren weiteren Anstieg zu
vermeiden. Dieses Verhalten kann unsicherheitsmotiviert genannt werden." (Krohne,
1996, S. 145). Im Gegensatz dazu beschreibt kognitive Vermeidung, "Eine Klasse
von Bewältigungsmaßnahmen, die das Ziel haben, den Organismus gegen
erregungsinduzierende Stimuli abzuschirmen. Man kann deshalb dieses Verhalten
als erregungsmotiviert bezeichnen." (Krohne, 1996, S. 146). Der Copingstil einer
Person setzt sich aus unterschiedlichen Teilen der beiden Möglichkeiten zusammen
und kreiert so, den habituellen Bewältigungsmodi. Damit diese Ausführungen klar
verständlich werden, sollen die beiden Dimensionen anhand eines Beispiels von
Brand erklärt werden (Brand, 2002).
In einem Handballspiel zeigt der Trainer der Heimmannschaft bereits wenige Minuten
nach Spielbeginn seine Unzufriedenheit und beginnt die Schiedsrichter durch Schreien
zu kritisieren (Bedrohung).
Nun sollen die zwei Wege durch die beiden Unparteiischen dargestellt werden.

17
Schiedsrichter 1 wird durch die Reaktionen des MVs an eine schlechte Leistung in der
vorherigen Woche erinnert. Dabei hatte er die Kontrolle über das Spiel gänzlich an den
Trainer verloren. Diese Situation ähnelt dem Beginn der gerade erlebten
Auseinandersetzung (Gefahrenreize). Da er dem Trainer Einhalt gebieten möchte,
versucht der Schiedsrichter durch eine Ermahnung den Trainer zu beruhigen. Doch
bereits bei der Ansprache bemerkt er seine Aufregung durch teilweises Stottern
(Wahrnehmung körperlicher Erregung). Nachdem er das Spiel wieder angepfiffen hat,
ermahnt er sich selbst, die Ruhe zu bewahren (Angst vor der Angst). In den folgenden
Minuten versucht er jeden Kontakt und Gedanken an den Trainer, zu vermeiden und
sich voll auf das Spielgeschehen zu konzentrieren (kognitive Vermeidung).
Schiedsrichter 2 ist sich nicht sicher, ob der emotionale Ausbruch des Trainers ihrer
Schiedsrichterleistung gebührt, oder den Zweck erfüllen soll, seine Mannschaft auf
dem Spiel `anzuheizen` (Mehrdeutigkeit). Da dieser Fall dem Schiedsrichter möglich
erscheint (Erleben von Unsicherheit), macht er sich Gedanken darüber, welche
Probleme durch zu harten Einsatz der Spieler auf ihn zukommen könnten (Angst vor
Gefahr). Nach kurzen Gedanken über den möglichen Verkauf seiner Entscheidung
entschließt sich der Unparteiische, den Trainer mit einer Ermahnung oder Verwarnung
in den Griff zu bekommen (vigilantes Bewältigungsverfahren) (vgl. Brand, 2002).
2.1.4.2 Bewältigungsmodi in Bezug auf die Persönlichkeit
Da die beiden Bewältigungsdimensionen beispielhaft dargestellt wurden, soll noch
geklärt werden, welcher Persönlichkeitstyp, welche Art des Bewältigungsmodus wählt.
Abb. 3: Hypothetische Beziehung zwischen den Komponenten einer Gefahrensituation, unmittelbaren Gefühlszuständen,
Angstreaktionen und Bewältigungsverhalten (Krohne, 1996, S. 145)

18
Die
beiden
Begriffe
der
Persönlichkeitskonstrukte
werden
als
die
Unsicherheitsintoleranz und die Erregungsintoleranz bezeichnet (Krohne, 1996).
So sollen beispielsweise Personen, die in Stresssituationen mit Unsicherheit nur
schwer zu Recht kommen, mit körperlicher Erregung dagegen keine Probleme haben,
vigilante Bewältigungsstrategien verwenden, damit der Unsicherheit entgegengewirkt
werden kann. Dagegen sollen Personen, die eine hohe Erregungsintoleranz besitzen,
versuchen, neue Gefahrenreize auszublenden und die Vermeidungsstrategie
anwenden. Durch diese zwei Persönlichkeitskonstrukte ist es möglich, vier
charakteristische Prototypen aufzuzeigen und den jeweiligen Bewältigungsmodus
abzuleiten. (Brand, 2002)
In diesem Schaubild (Abb. 4) werden zunächst die Persönlichkeitsdispositionen
Unsicherheitsintoleranz und Erregungsintoleranz abgebildet. Die im vorigen Beispiel
zuerst beschriebene Person besitzt eine hohe Unsicherheitsintoleranz und eine
niedrige Erregungsintoleranz. Diese Art wird als `Sensitization` bezeichnet. Diese
Konfiguration kann nun auf den Bewältigungsmodus übertragen werden. Daraus ergibt
sich,
dass
diese
Person,
wie
bereits
oben
beschrieben,
vigilante
Bewältigungsstrategien ausführt. Diese Modifikation wird `konsistente Überwachung`
genannt.
Abb. 4: Die zentralen Dimensionen des Modells der Bewältigungsmodi (Krohne, 1996, S. 147)

19
Im zweiten Fall zeigt die Person eine niedrige Unsicherheitsintoleranz und eine hohe
Erregungsintoleranz. Bei dieser Art ist das Ziel, Kontrolle über die körperliche Erregung
zu erlangen. Diese Disposition wird als Repression bezeichnet, bei dem
Bewältigungsmodus handelt es sich um `kognitive Vermeidung` (Abb. 4).
Durch diese Abbildung wird ersichtlich, dass Personen, die sowohl eine hohe
Intoleranz gegen Unsicherheit als auch gegen Erregung besitzen (Ängstliche), sich in
einer prekären Lage befinden. Sie werden versuchen ihren Unsicherheiten durch
vigilante Bewältigungsstrategien zu begegnen. Dies hat zur Folge, dass sie die
Stressoren mit größerer Aufmerksamkeit wahrnehmen, was wiederum zu einer
Erhöhung der körperlichen Erregung führt. Dieser kann durch kognitive Vermeidung
entgegengesetzt werden. Dieser Zustand der abwechselnden Strategien kann zur
Überforderung führen und wird als `fluktuierende Bewältigung` bezeichnet (Brand,
2002).
2.2 Forschungsergebnisse in Bezug auf Stress bei Schiedsrichtern
Das Thema ,,Stress und Schiedsrichter" erlangt in der Forschung in
unterschiedlichsten Sportarten zunehmend hohen Stellenwert. Daher soll der
folgenden Abschnitt als ein grober Überblick über Forschungsziele und -ergebnisse zu
diesem Bereich dienen. Auf die Untersuchungen von Brand, auf welche sich meine
eigene Befragung besonders stützt, wird später gesondert eingegangen.
2.2.1 Selbsteinschätzung des Stressempfindens von Schiedsrichtern
Diese Art der Untersuchung wurde mit Schiedsrichtern aus den Bereichen Basketball
(Rainey & Winterich, 1995), Softball/Baseball (Rainey, 1994) und Volleyball (Steward
& Ellery, 1996) durchgeführt. Dabei mussten die Probanden Fragen, wie
beispielsweise ,,Wieviel Druck verspürtest du während deiner Schiedsrichtertätigkeit in
der letzten Saison?" auf einer fünfstufigen Likertskala (1= überhaupt keinen, 5= sehr
viel) beantworten. Bei den 782 befragten Base- und Softballschiedsrichtern (Rainey,
1994) ergab sich ein Mittelwert von M= 2,5 (SD= 0,6), der einer mittleren
Stressbelastung entspricht. Ähnliche Ergebnisse erzielte auch die Befragung von 353
Volleyballschiedsrichtern (Steward & Ellery, 1996) und 723 Basketballreferees
(Rainey & Winterich, 1995). Zudem wird hier ein schwacher Zusammenhang zwischen
Alter und Stress (r= -.10) und Erfahrung und Stress (r= -.17) erkennbar. Dies bedeutet,
dass ältere und erfahrenere Schiedsrichter weniger Stress erfahren, als jüngere und
unerfahrene Schiedsrichterkollegen. Allerdings weist Brand (Brand, 2002) darauf hin,

20
dass man bei der Interpretation dieser Ergebnisse auf zwei Punkte hinweisen sollte.
Zum einen stammen diese Ergebnisse von Schiedsrichtern aus niedrigeren Klassen,
wie Collegeligen. So könnte die Befragung bei Schiedsrichtern höherer Klassen
anders ausfallen. Zweitens konnte man bei der Verteilung der Antworten einen
`Linkshang` erkennen. Diese Verzerrung ist durch die soziale Erwünschtheit Antworten
begründbar. Da das Idealbild eines Schiedsrichters dafür steht, in Stresssituationen
alles im Griff zu haben, versuchen die Befragten, dieses Bild durch ihre Antworten
aufrechtzuerhalten. Besonders deutlich wird dies, bei der Befragung der
Basketballschiedsrichter, bei der 94 % der Befragten von überhaupt keiner oder nur
mäßigen Stressbelastung berichten (Rainey & Winterich, 1995).
2.2.2 Identifikation und Bewertung von Stresssituationen und deren Belastung
Das erste Benennen von einzelnen Stressfaktoren in Bezug auf Schiedsrichter gelingt
Taylor & Daniel durch den Fragebogen SOSS (Soccer Official Stress Survey). Dieser
enthält 53 Fragen, die in sechs Bereiche zusammengefasst werden: interpersonelle
Konflikte, Angst vor körperlichen Schaden, Zeitdruck, Schwierigkeiten, die sich aus der
Rolle des Schiedsrichters ergeben, Schwierigkeiten im sozialen Umfeld des Spiels und
Angst vor Versagen (Taylor & Daniel, 1988).
Ihre eigene Studie führen Taylor und Daniel mit 215 Fußballschiedsrichter durch,
wobei sieben Prozent der Befragten, in der höchsten nationalen Liga tätig sind. Die
Probanden sollen angeben, wie sehr jeder einzelne Sachverhalt, sich auf ihr eigenes
Stressempfinden auswirkt. Dabei wird eine Skala von 0 (=,,hat nichts beigetragen") bis
3 (=,,hat sehr dazu beigetragen") verwendet. Die höchsten Werte erhalten hierbei die
Sachverhalte ,,Ein schlechtes Spiel gehabt zu haben" (M=1.72; SD = 0.93) und ,,Eine
schlechte Entscheidung treffen" (M= 1.40; SD= 0.87). Bei der Auswertung kann
festgestellt werden, dass die zehn belastetsten Stressoren von 33 % mindestens als
mittel eingestuft werden (ebd.). In den übergreifenden sechs Bereichen erhalten
,,Angst vor Versagen" (M=1.42), ,,Schwierigkeiten, die sich aus der der Rolle des
Schiedsrichters ergeben" (M= 1.03) und ,,Interpersonelle Konflikte" (M= 0.95) den
höchsten Zuspruch.
Ebenfalls mit dem Fragebogen OSOS
4
wird eine Untersuchung mit 99
Volleyballschiedsrichtern (Goldsmith & Williams, 1992) durchgeführt. Hierbei werden
4
Später wurde aus dem Fragebogen SOSS eine modifizierte Version OSOS (Ontario Soccer Official Survey)

21
Schiedsrichter ohne Lizenz, die nur an ihrer eigenen Universität Spiele leiten dürfen,
mit lizenzierten Schiedsrichter, die national tätig sind, verglichen. Als Resultat kann
festgestellt werden, dass Schiedsrichter ohne Lizenz geringere Angst vor Versagen
zeigen, als lizenzierte Schiedsricher. Dies lässt die Interpretation zu, dass eine
unterschiedliche Stressbelastung auch durch die Ligenzugehörigkeit und die dadurch
unterschiedlich hohe Spielstärke beeinflusst wird. Außerdem ist auffällig, dass
Schiedsrichter mit einem höherem Wert in Alter und Erfahrung weniger `Angst vor
Versagen` zeigen, als jüngere und unerfahrene. Zusammengefasst kann man bei der
Interpretation der Ergebnisse auf eine bessere Stressverarbeitung von älteren
Schiedsrichtern schließen.
2.2.3 Die empirische Studie von Brand als Vorüberlegung
Da sich die eigene Studie (vgl. Kapitel 4) auf das Befragungsinventar von Brand stützt,
sollen dessen Überlegungen zur Studie und Ergebnisse dargestellt werden.
2.2.3.1 Fragebogen
Die
Befragung
der
Basketballschiedsrichter
führt
Brand
mithilfe
drei
Befragungsinventare durch. Dabei handelt es sich um BOSSS-d, REKIF-BSR und die
IPC-BSR Skalen. Diese drei Items sollen wegen ihrer Relevanz für die Studie mit
Handballschiedsrichter erläutert werden (Brand, 2002).
BOSSS-d
Die Ursprungsversion dieses Tests geht auf Kaissidis (Kaissidis & Anshel, 1993)
zurück. Bei der Version nach Brand werden zwölf verschiedene Spielsituationen
dargestellt. Auf einer Skala von eins bis zehn soll die jeweilige emotionale
Beanspruchung in stressrelevanten Situationen wiedergegeben werden. Bei der
Version von Brand wurde der englische Fragebogen ins Deutsche übersetzt und zwölf
der ursprünglichen 15 Fragen übernommen. Um die Reliabilität des Tests zu ermitteln,
wurde ein interner Konsistenzkoeffizient (cronbach-alpha) berechnet, der durch den
Wert = .77 einer befriedigender Messgenauigkeit zur Erfassung der Beanspruchung
von Schiedsrichtern in kritischen Situationen entspricht (Brand, 2003).

22
REKIF-BSR
Bei diesem Test handelt es sich um eine Eigenentwicklung von Brand. Ein
geschlossenes Antwortverfahren soll die Häufigkeit der vergangenheitsbezogenen,
interferierenden Kognitionen in kritischen Spielphasen erfassen. Dabei werden 17
Situationen aus dem Spiel dargestellt, die durch eine vierstufige Likertskala zu
beantworten ist (nie/sehr selten, manchmal, oft, fast immer). In die Auswertung
gelangten am Ende elf Items. Die Reliabilität des Tests wurde durch einen
Crombachkoeffizienten von alpha= .7 bemessen, der wiederum einer befriedigenden
Messgenauigkeit entspricht.
Abb. 5: Das Fragenbogeninventar Stress bei Basketballschiedsrichter (Brand, 2002, S. 208)
IPC-Skala
Der letzte der drei Tests ist erneut eine Eigenentwicklung von Brand in Anlehnung an
Krampen (Krampen, 1981). Durch zehn verschiedene Items, die durch eine vierstufige
Likertskala beantwortet werden, sollen die Dimensionen generalisierter
Kontrollerwartungen in `Internal´, `Sozial-internal` und `Zufall` unterschieden werden.
Da dieses Befragungsinventar nicht Bestandteil der Studie mit Handballschiedsrichter
ist, soll an dieser Stelle auf Brand verwiesen werden (vgl. Brand, S.116-122).

23
2.4.3.2 Hypothesen bei Brand
Diese Hypothesen stellt Brand in dem Bezug auf seine Studie auf (Brand, 2002):
Hypothesenkomplex 1 (BOSSS-d und REKIF-BSR):
1a. Das Ausmaß der von Schiedsrichter berichteten emotionalen Beanspruchung
wächst mit der Häufigkeit vergangenheitsbezogener interferierender Kognitionen in
kritischen Spielphasen.
1.b Die Jahre der Erfahrung als Spielleiter in einer Spielklasse stehen in einem
umgekehrten
Zusammenhang
zur
Häufigkeit
vergangenheitsbezogener
interferierender Kognitionen von Schiedsrichter in kritischen Spielphasen.
1.c
Schiedsrichter
aus
höheren
Ligen
berichten
von
weniger
vergangenheitsbezogenen interferierenden Kognitionen als ihre Kollegen aus
niedrigeren Klassen.
Hypothesenkomplex 2 (IPC-Skala):
2.a Schiedsrichter sind im Hinblick auf ihre generalisierten Kontrollerwartungen stärker
internal als external geprägt.
2.b Hohe Internalität und geringe Externalität stehen in Zusammenhang mit einer
geringeren emotionalen Beanspruchung in kritischen Spielphasen.
2.c Erfolgreiche Schiedsrichter unterscheiden sich von ihren weniger erfolgreichen
Kollegen darin, dass sie im Vergleich zueinander stärker internal und weniger external
orientiert sind.
Für die eigene Studie sind die Hypothesen des Komplexes 1 von Wichtigkeit.
2.4.3.3 Untersuchungsplan und Ablauf
Die Erhebungen fanden im August und September 1999 statt. Durch die Lehrgänge
der Deutschen Basketballbundes, des Basketballverband Baden-Würtenberg, des
Bayrischen Basketballverband, des Hessischen Basketballverbands und des
Basketballverbands Schleswig-Holstein, konnten die Schiedsrichter direkt bei ihren
Saisonvorbereitungslehrgängen an der Befragung teilnehmen.
Ende der Leseprobe aus 117 Seiten

Details

Titel
Der Handballschiedsrichter und Stress. Aufgaben und Stressbewältigung der Spielleiter im Sportspiel Handball
Hochschule
Technische Universität München  (Sport- und Gesundheitswissenschaften)
Note
1,0
Autor
Jahr
2016
Seiten
117
Katalognummer
V387098
ISBN (eBook)
9783668619739
ISBN (Buch)
9783668619746
Dateigröße
7008 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
handballschiedsrichter, stress, aufgaben, stressbewältigung, spielleiter, sportspiel, handball
Arbeit zitieren
Korbinian Konwitschny (Autor), 2016, Der Handballschiedsrichter und Stress. Aufgaben und Stressbewältigung der Spielleiter im Sportspiel Handball, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/387098

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