Wachstumsschwäche im makroökonomischen Kontext. Darstellung der systematischen Ursachen und Implikationen für Deutschland und die EU


Seminararbeit, 2017
18 Seiten, Note: 1.3

Leseprobe

Abkürzungsverzeichnis
AEUV
Vertrag über die Arbeitsweise der Europäischen Union
Art.
Artikel
BIP
Bruttoinlandsprodukt
bspw.
beispielsweise
bzw.
beziehungsweise
CMO
Collateralised Mortgage Obligations
DIW
Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung
et al.
et alii (und andere)
etc.
et cetera (und so weiter)
EU
Europäische Union
EWS
Europäisches Währungssystem
EWWU
Europäische Wirtschafts- und Währungsunion
EZB
Europäische Zentralbank
FED
Federal Reserve System (Zentralbank der USA)
ifo
Institut für Wirtschaftsforschung
IMK
Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung
IW
Institut der deutschen Wirtschaft Köln
Kap.
Kapitel
MBS
Mortgage Backed Securities
sog.
sogenannte(r)
SVR
Sachverständigenrat
USA
Vereinigte Staaten von Amerika
z. B.
zum Beispiel

1
1 Problemstellung
Die volkswirtschaftliche Wachstumsschwäche ist eine Folge von vorangegangenen
ökonomischen Fehlentwicklungen. Am 15. September 2008 musste Lehman
Brothers in den USA Insolvenz anmelden. Plötzlich trauten sich sowohl die Banken
untereinander, als auch die Unternehmen ihnen nicht mehr. Das war ein globaler
Unsicherheitsschock. Auch im Euroraum kam es zur tiefsten Rezession seit Ende des
Zweiten Weltkriegs. Im Frühjahr 2009 reagierten die Zentralbanken mit einer
Ausweitung des Liquidationsangebots auf den Märkten. Anders als in den USA fiel der
Euroraum in 2011 wegen der Staatsschuldenkrise zurück in die Rezession. Erst acht
Jahre nach der Finanzkrise erreichte das Bruttoinlandsprodukt des Euroraums das
Vorkrisenniveau. Die Schwäche im Euroraum zeigt sich auch bei den Unter-
nehmensinvestitionen. Das liegt mitunter daran, dass die Unternehmen, privaten
Haushalte, Banken sowie die öffentlichen Haushalte die in den Jahren vor der Krise
angehäuften Schulden nicht konsequent abgebaut haben wie in den USA
(Zemanek et al. 2016: 7).
Der Schuldenabbau dämpft die Kreditentwicklung, das Wachstum und die Infla- tion.
Gleichzeitig sind Wachstum und Preissteigerungen aber unverzichtbar, um hohe
Schulden tragfähig zu halten und Schuldenquoten zu senken. Ein entschei- dendes
wirtschaftspolitisches
Instrument
zur
Stärkung
des
angebotsseitigen
Wachstumspotenzials sind öffentliche Strukturreformen. Denn Strukturreformen, die
Märkte stärker öffnen und die Wettbewerbsintensität erhöhen, haben vielfäl- tige
positive Effekte. Damit werden Innovationen gefördert, die Effizienz und Pro- duktivität
der Unternehmen verbessert, was wiederum die internationale Wett-
bewerbsfähigkeit der Unternehmen stärkt Matthes (2015: 4).
Im Rahmen der Arbeit werden zunächst zwei historische Erfahrungen mit volks-
wirtschaftlicher Wachstumsschwäche dargestellt. Im Folgenden werden makro-
ökonomische Ursachen der Wachstumsschwäche mitunter für den trägen Investi-
tionsfortschritt im Zeitalter des rasanten demographischen Wandels und die
Staats- und Privatverschuldung in der Europäischen Union erörtert. Daraus wer- den
aktuelle wirtschaftliche Implikationen für die Europäische Union abgeleitet.

2
2 Historische Szenarien von volkswirtschaftlicher Wachstumsschwäche
2.1 Die deutsche Wirtschaftswachstumsschwäche ab 1995
Deutschland musste seine langjährige Wachstumsführerschaft in Europa zwischen den
Jahren 1995 und 2005 einbüßen. Nach einer durchschnittlichen Zuwachsrate des
Bruttoinlandsprodukts von 2,5 % in den Jahren 1970 bis 1995 verringerte sich das
Wachstum im Zeitraum von 1995 bis 2004 auf nur noch 1,4 %. In Summe ist es im
Vergleich zur EU nicht zu einer Abschwächung gekommen, da in der Europäi- schen
Union insgesamt die Produktivität seit Mitte der neunziger Jahre wegen des Einbruchs
des Produktivitätswachstums in Italien und Spanien und die Verlangsa- mung der
Produktivität in den großen Volkswirtschaften Frankreich und Deutsch- land flacher
geworden ist (Gornig et al. 2007: 183).
Deutschlands Wachstumsschwäche betraf nahezu alle Wirtschaftszweige. Das ver-
arbeitende Gewerbe verlor weitgehend seine Stellung als Stütze des gesamtwirt-
schaftlichen Produktivitätswachstums. In dem Dienstleistungsbereich kam es teil-
weise zur sinkenden Produktivität. Die Kapitalakkumulation hat sich nur geringfü- gig
verlangsamt, während die geringen Investitionen in die Informations- und
Kommunikationstechnologie, aber auch Altersstruktureffekte die Wirtschaft im
Vergleich zu den anderen Industrieländern schwächten (Gornig et al. 2007: 183 f.;
Boss et al. 2009: 196).
Allerdings wurden die negativen Effekte des Arbeitslosigkeitsanstiegs durch die
nachfragegetriebene Vereinigung überdeckt. Zum Erhalt der produktivitätsschwä-
cheren Arbeitsplätze in Ostdeutschland war die westdeutsche Arbeits- und Sozia-
lordnung jedoch ungeeignet. Wachstumsmindernd waren finanzpolitisch der kräf- tige
Anstieg der Staatsausgaben und die höheren (Sozial-)Abgaben infolge der
deutschen Vereinigung. Die Bedeutung dieser Faktoren zeigt sich analog in den
verbesserten öffentlichen Rahmenbedingungen am Arbeitsmarkt in den vergan-
genen Jahren. Im Rahmen der Agenda 2010 wurden die Lohnersatzleistungen (z.
B. Arbeitslosengeld I/II und Sozialhilfe) verringert. Dafür wurde die Zeitarbeit de-
reguliert und die geringfügige Beschäftigung wird seither abgabenrechtlich geför- dert.
Die Lohnmoderation der Jahre 2004 bis 2008 hat maßgeblich zu dem ab 2005
einsetzenden Aufschwung beigetragen (Boss et al. 2009: 196, 205).

3
Ein nachfrageseitgier Einfluss auf das Expansionstempo der deutschen Wirtschaft ging
von dem öffentlich geförderten Bauboom nach der Wiedervereinigung und dem
anschließenden Einbruch in der Mitte der neunziger Jahre in der Bauwirt- schaft
aus. Erst seit den vergangenen Jahren sind die Staatsausgaben langsamer als das
nominale Bruttoinlandsprodukt gestiegen, sodass die Staatsschuldenquote gesunken
ist (Boss et al. 2009: 196).
In makropolitischer Hinsicht zeigt sich, dass die deutsche Wirtschaft vom globalen
Wachstum nicht benachteiligt war. Deutschland profitierte sogar mehr als andere
Länder vom Aufholprozess der Schwellenländer in Mittel- und Osteuropa und
China auf Grund der engen Handelsbeziehungen. Der Anstieg der Ölpreise und an-
derer Rohstoffpreise war im Gegensatz zu anderen Industrieländern ein geringerer
Dämpfer für den privaten Konsum. Positiv hat sich im internationalen Vergleich
ausgewirkt, dass die Nachfrage der erdölexportierenden Staaten nach deutschen
Produkten stark zugenommen hat. Die Struktur verschob sich vom Konsum zu den
Exporten. Die wirtschaftliche Entwicklung war im übrigen Euroraum durch sehr
niedrige Nominal- und Realzinsen begünstigt, da die Konjunktur- und Inflations-
entwicklung höhere Zinsen erforderten als es für das wettbewerbsstarke Deutsch- land
erforderlich war. Trotzdem ist der Kurs der restriktiven Geldpolitik kein Faktor der
schwachen wirtschaftlichen Expansion (Boss et al. 2009: 196 f.).
2.2 Die Finanz- und Wirtschaftskrise im Jahr 2009
Ein zentraler Entstehungsfaktor der Weltwirtschaftskrise war die Zunahme der
Einkommensungleichheit in vielen Industrieländern, aber auch in einigen Schwel-
lenländern. In den USA haben viele Privathaushalte trotz eines deregulierten Fi-
nanzsystems und stagnierender Realeinkommen ihre Kreditaufnahmen erhöht. Nur
so war der private Konsum über Jahre die tragende Stütze des Wirtschafts-
wachstums in den USA. In Deutschland hingegen haben die schwache Lohnent-
wicklung und Sozialpolitik nicht zu erhöhter Verschuldung, sondern zu Konsum-
verzicht geführt, was zur dargestellten binnenwirtschaftlichen Wachstumsschwä- che
führte (siehe Kap. 2.1). Die steigende Einkommensungleichheit wurde durch andere
Nachfragequellen kompensiert, entweder durch erhöhte Verschuldungs- möglichkeit
(USA, Großbritannien, Spanien) oder durch exportorientiertes Wachs- tum
(Deutschland, Japan, China). Außerdem wird die Zunahme der ökonomischen

4
Ungleichheit als Ergebnis veränderter politischer Machtverhältnisse gedeutet (Horn
et al. 2009: 1).
In den USA führten Niedrigzinsen für Hypothekenkredite und die Erwartung stetig
steigender Immobilienpreise zu steigenden Darlehenskreditaufnahmen durch
Subprime-Kreditnehmern. Solche Kreditnehmer hatten weniger gute Bonitäten,
sodass in der Folge viele Subprime-Kreditnehmer aufgrund der steigenden Zinss- ätze
für die Hypothekenkredite zahlungsunfähig wurden. Die Ausbreitung der Sub- prime-
Krise erfolgte durch die Bündelung und Verbriefung der Subprime-Hypothe-
kenkredite, welche am Kapitalmarkt verkauft wurden. Investmentbanken kauften
Kredite von regionalen Banken und Hypothekenbanken und bündelten sie zu
neuen Anlageinstrumenten. Dieser Vorgang wird Verbriefung genannt und bezieht sich
grundsätzlich auf Mortgage Backed Securities (MBS). Danach wurden aus den MBS
Fonds gebildet, sogenannte Collateralised Mortgage Obligations (CMO). Diese
wurden anschließend weltweit an institutionelle Kunden, wie z. B. Invest-
mentfonds, Hedgefonds und Versicherungen, verkauft (Bloss et al. 2009: 10).
Mit den Risikomaßnahmen durch die Eigenkapitalvereinbarung
Basel II wurde die
Sicherstellung einer angemessenen Eigenkapitalausstattung der Finanzinstitute
sowie die Schaffung beständiger Wettbewerbsbedingungen verfolgt (Bloss et al.
2009: 10). Danach mussten die Banken risikoreiche Kredite mit Eigenkapital de-
cken. Um ihr Eigenkapital auf diese Weise nicht zu binden, gründeten sie bei der
Verbriefung der Hypothekenkredite Zweckgesellschaften und übertrugen ihre Ri-
siken auf den Kapitalmarkt. Dort übernahmen Kreditgeber die Bankrisiken im Ge-
genzug für eine Risikoprämie. Für die aus der Bankbilanz ausgegliederten und ver-
kauften Risiken mussten die Banken kein Eigenkapital mehr hinterlegen. Trotz Ri-
sikoverlagerung hatten die Banken ein hohes Abschreibevolumen, da sie teils In-
vestor und Nachfrager der verbrieften Produkte zugleich waren. Für den Zahlungs-
ausfall der Kreditnehmer mussten Banken den Investoren Sicherheiten stellen,
welche sie bilanzieren und folglich abschreiben mussten (Bloss et al. 2009: 10 f.).
Zudem war die amerikanische Zentralbank Fed Mitauslöser der Krise. Als im Jahr 2001
die Technologieblase platzte, hat die Fed die Leitzinsen gesenkt. Die Banken
Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Wachstumsschwäche im makroökonomischen Kontext. Darstellung der systematischen Ursachen und Implikationen für Deutschland und die EU
Hochschule
Brandenburgische Technische Universität Cottbus
Note
1.3
Autor
Jahr
2017
Seiten
18
Katalognummer
V387147
ISBN (eBook)
9783668615816
ISBN (Buch)
9783668615823
Dateigröße
505 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Wachstum, Schwäche, makroökonomie, Kontext, Darstellung, Ursachen, Deutschland, BWL, EU
Arbeit zitieren
Bachelor of Science Burak Sahinoglu (Autor), 2017, Wachstumsschwäche im makroökonomischen Kontext. Darstellung der systematischen Ursachen und Implikationen für Deutschland und die EU, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/387147

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