In dieser Arbeit möchte ich die verschiedenen Perspektiven auf die Liebe in der Philosophie von Sören Kierkegaard und Jean-Paul Sartre vergleichen. Dabei wird besonders der unterschiedliche Glaubenshintergrund der beiden eine Rolle spielen: Kierkegaard bereitet mit seiner Überzeugung, dass der Mensch im Glauben an Gott, der gegenüber unserer zeitlichen Welt das „ganz andere und darum das Paradoxe schlechthin“ ist und durch diese Andersartigkeit nicht einmal mehr gedacht, sondern nur geglaubt werden kann, den Grund für die Existenzphilosophie. Durch die Kluft, die allein der Glaube überbrücken kann, gelangt der Mensch in einen Zustand der Verzweiflung, da ihm kein objektiver Anhaltspunkt für seinen Glauben gegeben werden kann – jeder ist in seinem Glauben auf sich allein gestellt und muss versuchen, das subjektiv richtige in seinem Leben umzusetzen. Die Idee, dass der Mensch auf sich allein gestellt ist, wenn auch bei Kierkegaard noch auf einem religiösen Hintergrund, und für Aussagen über die Welt lediglich aus seiner eigenen Existenz ableiten kann, ist der Leitgedanke des Existentialismus. Der zweite Vertreter, den ich hier untersuchen werde, Sartre, steht für einen atheistisch geprägten Existentialismus, in dem keine göttliche Instanz oder Wesensmetaphysik unser Sein determiniert:
„Der Mensch tritt an die Stelle Gottes und gestaltet sein eigenes Wesen selbst. […]Der Mensch ist jetzt absolut frei. Diese Freiheit ist jedoch kein Geschenk, sondern ‚der Mensch ist zu Freiheit verdammt‘; verdammt, weil, damit Freiheit ganz Freiheit sein kann, es nichts mehr geben darf, worauf man stehen könnte, keinen Glauben an Gott, keine Wahrheiten und keine Werte.“
Die Freiheit ist absolut und der Mensch muss ständig bemüht sein, sich selbst Halt in der Welt zu schaffen.
Hier werde ich nun die Rolle der Liebe in den Gedanken zum ethischen Handeln beider Philosophen vergleichen um die Auswirkungen der unterschiedlichen (Un-) Glaubenshintergründe zu zeigen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Kierkegaard - Du sollst den Nächsten lieben:
2.1 Die Nächstenliebe und ihre Rolle in der Ethik:
2.2 Die Aufgabe, „subjektiv“ zu werden:
3. Sartre und die Liebe:
3.1 Die Liebe in Das Sein und das Nichts:
3.2 Liebe in der Schrift Entwürfe einer Moralphilosophie:
4. Abschließender Vergleich:
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit verfolgt das Ziel, die unterschiedlichen philosophischen Perspektiven von Sören Kierkegaard und Jean-Paul Sartre auf die Rolle der Liebe zu untersuchen und miteinander zu vergleichen, um insbesondere die Auswirkungen ihrer gegensätzlichen Glaubenshintergründe auf das ethische Handeln aufzuzeigen.
- Kierkegaards theologische Fundierung der Nächstenliebe als sittliche Pflicht.
- Die existenzphilosophische Bedeutung des Subjektivwerdens bei Kierkegaard.
- Sartres atheistische Deutung der Liebe als gescheiterten Versuch der Seinsbegründung.
- Die Entwicklung von Sartres Liebesbegriff von Das Sein und das Nichts hin zu den Entwürfen einer Moralphilosophie.
- Gegenüberstellung von christlich-theistischer Nächstenliebe und atheistisch-existenzialistischem Freiheitsbegriff.
Auszug aus dem Buch
3.1 Die Liebe in Das Sein und das Nichts:
Die grundlegende Absicht in Das Sein und das Nichts ist der Versuch einer phänomenologischen Ontologie, also einer Wesensbestimmung des menschlichen Seins aufgrund dessen, was wir in unserer Umwelt und in uns wahrnehmen.
Der erste Teil des Buches thematisiert den Versuch des Menschen, sich selbst gänzlich über das eigene Wesen bewusst zu werden. Könnte dies erreicht werden, so würde der Einzelne in der Lage sein, sein subjektives Für-sich-Sein als Gesamtheit wahrzunehmen und zu überblicken um daraus sein Wesen schlussfolgern zu können. Allerdings scheitert dies an der zeitlichen Ausdehnung des menschlichen Dasein, die es verhindert, dass die Gesamtheit aller Handlungen und Erlebnisse konzentriert in einem Moment im Bewusstsein gehalten werden können, da ständig Neue hinzukommen und unmöglich sämtliche Vergangenen bewusst gehalten werden können. Ein zweiter Versuch der Wesensbestimmung ist die Reflektion über das eigene Sein, welche ebenfalls scheitern muss, da sie nie die Gesamtheit unserer Existenz überblicken kann, da uns schlichtweg die mentalen Kapazitäten dazu fehlen. In dem dritten Teil wendet sich das Subjekt, als Für-sich, nun dem Anderen zu. Es versucht, das Bild, das ein Gegenüber von ihm wahrnimmt, sich anzueignen und dadurch ein objektives Bild des eigenen Wesens zu erlangen, welches ihm eine Bestimmung seines Wesens an-sich ermöglichen würde.
Das grundlegendste Faktum bei Sartre ist die absolute Freiheit, zu welcher der Mensch verdammt ist. Jeder Mensch ist ein „Für-sich“ in seinem Einzelkontext und die Aufgabe, seinem Dasein Sinn zu geben, kann nur jeder für sich selbst wahrnehmen. Wie schon angedeutet, versucht der Mensch, ein objektives Bild von sich selbst zu erlangen, ein Bild seines Wesens „an-sich“. Dieses Bild verändert sich in der Zeit jedoch ständig, so, dass das einzelne „Für-sich“ immer nach seinem „An-sich“ strebt, das es doch nicht erreichen kann. Mit dem Einbeziehen eines Anderen in die Betrachtung des Wesens, ändert sich dies jedoch:
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die zentrale Fragestellung ein, wie Kierkegaards theistischer und Sartres atheistischer Existentialismus die philosophische Rolle der Liebe und das ethische Handeln bestimmen.
2. Kierkegaard - Du sollst den Nächsten lieben: Kierkegaard begründet die Nächstenliebe als christliche Pflicht und als Mittel zur Überwindung egoistischer Triebhaftigkeit.
2.1 Die Nächstenliebe und ihre Rolle in der Ethik: Dieses Kapitel arbeitet heraus, wie die Liebe zu Gott als Schöpfer die Grundlage für eine ethische Haltung gegenüber allen Mitmenschen als Nächsten bildet.
2.2 Die Aufgabe, „subjektiv“ zu werden: Hier wird Kierkegaards Begriff der Subjektivität erläutert, der den Menschen dazu anhält, ethische Entscheidungen aus eigenem Glauben zu treffen, statt sich auf objektive Weltgeschichte zu verlassen.
3. Sartre und die Liebe: Sartre verwirft eine religiöse Grundlage und analysiert die Liebe aus einer atheistischen Perspektive, in der der Mensch gezwungen ist, sich selbst Sinn zu verschaffen.
3.1 Die Liebe in Das Sein und das Nichts: Das Kapitel beschreibt Sartres Frühwerk, in dem Liebe als letztlich gescheiterter Versuch gedeutet wird, die Freiheit des Anderen zu assimilieren, um das eigene Sein zu begründen.
3.2 Liebe in der Schrift Entwürfe einer Moralphilosophie: In diesem späteren Werk gewinnt Sartre eine positivere Sicht auf die Liebe, die nun als gegenseitige Anerkennung der menschlichen Endlichkeit und Verwundbarkeit verstanden wird.
4. Abschließender Vergleich: Dieses Kapitel fasst zusammen, dass die Liebe bei Kierkegaard Ausdruck der Gottesliebe ist, während sie bei Sartre ein zwischenmenschliches Ringen um Sinnfindung inmitten der Freiheit bleibt.
Schlüsselwörter
Kierkegaard, Sartre, Liebe, Nächstenliebe, Existenzphilosophie, Existentialismus, Subjektivität, Für-sich, An-sich, Freiheit, Gott, Ethik, Sinngebung, Endlichkeit, Ontologie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit vergleicht die philosophischen Ansätze von Sören Kierkegaard und Jean-Paul Sartre bezüglich der Bedeutung und Rolle der Liebe innerhalb ihrer jeweiligen Ethikkonzeptionen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die zentralen Felder sind der theistische Glauben bei Kierkegaard, der atheistische Existentialismus bei Sartre, die ethische Pflicht zur Nächstenliebe sowie die phänomenologische Untersuchung zwischenmenschlicher Beziehungen.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsfrage?
Das Ziel ist es zu zeigen, wie unterschiedliche (Un-)Glaubenshintergründe die Auffassung von Liebe und das daraus resultierende ethische Handeln beeinflussen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine philosophische Vergleichsmethode sowie die Analyse phänomenologischer Primärtexte beider Philosophen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung von Kierkegaards Nächstenliebe und Subjektivitätsbegriff sowie eine detaillierte Analyse von Sartres Liebeskonzeptionen in Das Sein und das Nichts und den Entwürfen einer Moralphilosophie.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird primär durch Begriffe wie Kierkegaard, Sartre, Liebe, Freiheit, Existenzphilosophie und Nächstenliebe charakterisiert.
Warum scheitert das Liebesideal laut Sartre in "Das Sein und das Nichts"?
Sartre argumentiert, dass die Liebe ein unlösbarer Konflikt ist: Man versucht die Freiheit des Anderen zu besitzen, ohne ihn zum Objekt zu degradieren, was jedoch aufgrund der wechselseitigen Natur des Liebens zum Scheitern verurteilt ist.
Wie verändert sich Sartres Sichtweise in den "Entwürfen einer Moralphilosophie"?
Sartre lässt dort den absoluten Anspruch auf eine finale Sinngebung fallen und begreift Liebe nun als eine tröstliche gegenseitige Bejahung der menschlichen Endlichkeit und Verwundbarkeit.
Inwiefern unterscheidet sich Kierkegaards "Nächstenliebe" von Sartres "Liebe"?
Kierkegaards Nächstenliebe basiert auf der Liebe zu Gott, die eine dauerhafte ethische Stabilität bietet, während Sartres Liebe ein risikoreiches, existentielles Unterfangen ohne schöpferische Absicherung bleibt.
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- Daniel Much (Autor:in), 2009, Vergleich der Rolle der Liebe in der Philosophie Kierkegaards und Sartres, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/387211