Der Begriff des Durchbruchs in Thomas Manns "Doktor Faustus"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2007

23 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung ... 1
2. Deutschland und der ,,Durchbruch" ­ die politische Dimension ... 2
3. Adrian Leverkühn und der ,,Durchbruch" in der Kunst - die ästhetische Dimension 8
3.1. Die Apocalypsis cum figuris ... 10
4. Die Frage nach der Deutung des Verhältnisses von Politik und Kunst ... 14
5. Das deutsche Wesen und der ,,Durchbruch" ... 17
6. Schluss ... 19
Literaturverzeichnis ... 21

1
1. Einleitung
Thomas Mann bezeichnete den Roman Doktor Faustus als sein ,,wildestes Buch", welches er
im Alter von 70 Jahren geschrieben hat. Die erzählte Zeit erstreckt sich vom Ersten
Weltkrieg bis in die Zeit des heraufziehenden Nationalsozialismus und des Zweiten
Weltkriegs. Gemäß dem faustischen Vorbild geht der ,,deutsche Tonsetzer" Adrian
Leverkühn einen Pakt mit dem Teufel ein, in dem er ihm seine Seele verschreibt und sich
verpflichtet, jeglicher wahren, ,,wärmenden" Liebe zu entsagen. Im Gegenzug jedoch erhält
er 24 Jahre von höchster Schaffens- und Leidenskraft, die ihn die Erlahmung der
künstlerischen Produktivität seiner Zeit durchbrechen lassen sollen. Die Krise, in der sich die
Musik befindet steht hierbei paradigmatisch für die Gesamtheit der Künste, die sich im
ausgehenden Zeitalter der Aufklärung, des bürgerlichen Humanismus, auf neue Mittel
besinnen mussten, um ,,Neues" zu produzieren.
Der Charakter und die Entwicklung Adrian Leverkühns weist zahlreiche Parallelen
zur Biographie Friedrich Nietzsches auf, etwa die Infektion mit Syphilis bei einer
Prostituierten oder die Nähe von Krankheit und außerordentlicher Schaffenskraft, von ,,Genie
und Wahnsinn", die bei beiden gegeben ist. Ebenso wie Nietzsche ist auch Leverkühn
deutsch. Dies betont Thomas Mann, indem er Adrian sämtliche Wesenszüge zuschreibt, die
er selbst für typisch deutsch hält und lässt sie maßgeblich dessen künstlerische Entwicklung
bestimmen. Selbst der Teufelspakt und die Bereitschaft, Leiden anzunehmen um Großes
leisten zu können, charakterisiert Leverkühn in Manns Augen als Deutschen.
Den historischen Hintergrund zu Leverkühns erstem großen Werk, in dem sich die
Versprechen aus dem Teufelspakt zu verwirklichen scheinen, bilden frühen nationalistischen
Tendenzen der ausgehenden Weimarer Ära. Adrians Stück, das Oratorium Apocalypsis cum
figuris, wurde aufgrund seines düsteren, apokalyptischen Charakters, in dem sich ein
,,Resumeé aller Verkündigungen des Endes" verwirklichen sollte, häufig als Indikator für die
bevorstehenden historischen Ereignisse des Nationalsozialismus gesehen.
1
Die Verbindung
der künstlerischen Entwicklung Adrians mit der historischen Entwicklung wird außerdem
begünstigt durch den zentralen Begriff des ,,Durchbruchs", der sowohl auf Leverkühns Werk,
als auch auf Deutschlands Politik angewandt wird. Der Durchbruch ist zentrales Thema im
Teufelspakt und auch in den politischen Absichten Deutschlands spielt er eine wichtige
Rolle.
1
Thomas Mann, Doktor Faustus. Das Leben des deutschen Tonsetzers Adrian Leverkühn erzählt von einem
Freunde, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt a. M. 1980, S. 358.

2
In dieser Arbeit möchte ich das Konzept des Durchbruchs, sowohl auf die künstlerische
Entwicklung von Adrian Leverkühn, als auch auf die politische Entwicklung Deutschlands in
der Weimarer Ära bezogen, untersuchen und zeigen, dass sie beide zwar Ausdruck des
,,Deutschen Wesens" sind, eine Deutung der Kunst als Indikator der politischen Entwicklung
jedoch falsch ist. In dem ,,Durchbruch" Adrian Leverkühns sehe ich Nietzsches Entwurf
eines ,,dionysischen Künstlers" verwirklicht, der durch ein Rückwendung in frühere
Epochen, die Krise der Kunst schöpferisch überwindet. Hierbei spielt Adrians ,,deutsches
Wesen" eine zentrale Rolle, da es erst den Durchbruch ermöglicht. Im politischen
Durchbruch sehe ich ebenfalls einen Ausdruck typisch deutscher Eigenschaften, die hier
jedoch nicht als schöpferische Elemente wirken, sondern destruktiv in die Katastrophe
führen. Diese These sehe ich in den Essays von Thomas Mann gestützt, auf die ich mich hier
beziehe.
2. Deutschland und der ,,Durchbruch" ­ die politische Dimension
Der Begriff ,,Durchbruch" in Bezug auf die politische Entwicklung Deutschlands kommt im
Roman an verschiedenen Stellen vor. Die erste davon ist ein Gespräch bei Ausbruch des
ersten Weltkrieges 1914 zwischen Zeitblom, Leverkühn und Schwerdtfeger in dem sich
Serenus von Adrian verabschiedet, da er sich als ,,Vize-Wachtmeister der Reserve [...]
sogleich mit seinem Regiment zu vereinigen "hat.
2
Zeitblom beschreibt den Enthusiasmus,
mit dem die Deutschen in diesen Krieg ziehen, da sie in ihm die Möglichkeit und ,,Mittel
sehen zum Durchbruch in eine neue Lebensform, in der Staat und Kultur eines sein
würden."
3
Die Kultur, die sich auf ,,ansehnlicher Höhe" befindet, soll mit der Staatsmacht auf
einer Ebene stehen und hierzu musste sie expandieren. Um dies zu erreichen ,,erschien ein
neuer Durchbruch [fällig]: derjenige zur dominierenden Weltmacht, - der freilich auf dem
Wege moralischer Heimarbeit nicht zu bewirken war", sondern der in den Krieg führen
muss, ,, wenn es sein mußte gegen alle", um die Vorherrschaft Deutschlands in der Welt zu
erlangen.
4
Dass der Durchbruch zu einer ,,höheren Form des Gemeinschaftslebens" in einem
Volk nachvollziehbarer und moralischer wäre, wenn er durch Aggression oder
Veränderungen im Inneren einer Gemeinschaft, also etwa durch ,,Bürgerkrieg", geschieht,
sieht auch Zeitblom.
5
Er attestiert jedoch, dass Aggression im Inneren dem deutschen Volk
2
Thomas Mann, Doktor Faustus, S. 300.
3
Ebd. S. 301.
4
Ebd. S. 302.
5
Ebd.

3
außerordentlich widerstrebe und es deshalb den Krieg nach außen vorzöge.
6
Das Verlangen
nach einem ,,Durchbruch" ist hier der Auslöser des Ersten Weltkrieges.
Die Lösung von inneren Spannungen durch äußere Aggression ist in den Darstellungen
Zeitbloms ein spezifisch deutsches Charakteristikum. Dies zeigt sich in seiner ,,Psychologie
des Durchbruchs", in der er Deutschlands einsame Stellung als ungeliebte Weltmacht und
das damit einhergehende Isolationsgefühl für das Durchbruchsstreben verantwortlich macht:
7
,,Bei einem Volk von der Art des unsrigen ist das Seelische immer das Primäre und
eigentlich Motivierende; die politische Aktion ist zweiter Ordnung, Reflex, Ausdruck,
Instrument. Was mit dem Durchbruch zur Weltmacht [...] im tiefsten gemeint ist, das
ist der Durchbruch zur Welt ­ aus einer Einsamkeit, deren wir uns leidend bewußt
sind[...]"
8
Somit ist in den Überlegungen Zeitbloms die Gefühlslage verantwortlich für das
außenpolitische Verhalten Deutschlands. Als einen weiteren Grund für die Unzufriedenheit
Deutschlands führt er die mangelnde Verwirklichung ihrer ästhetischen Vorstellungen an:
,,ästhetische Erlöstheit oder Unerlöstheit, das ist das Schicksal, das entscheidet über Glück
oder Unglück, über das gesellige Zuhausesein auf Erden oder heillose, wenn auch stolze
Vereinsamung."
9
Deutschlands Situation, die Diskrepanz zwischen politischer und kultureller
Verwirklichung zu dieser Zeit, erzwingt den Durchbruch, mit dem die deutschen
Vorstellungen von Ästhetik verbreitet werden sollen, so dass ein geselliges ,,Zuhausesein auf
Erden" wieder möglich ist. Denn von Außen wird Deutschland mitunter als ,,das Häßliche [,]
das
Verhaßte"
wahrgenommen.
10
Das
Überwinden
dieses
Zustands,
die
,,Durchbruchsbegierde aus der Gebundenheit und Versiegelung im Häßlichen" dies scheint
Zeitblom ,,tief deutsch, die Definition des Deutschtums geradezu, eines Seelentums, bedroht
von Versponnenheit, Einsamkeitsgift, provinzlerischer Eckensteherei, neurotischer
Verstrickung, stillem Satanismus..."
11
Die bereits erwähnte deutsche Eigenschaft der
Problemlösung durch äußere Aggression kann hier sicherlich als Verstrickung und
Versponnenheit gewertet werden, da sie Hauptauslöser beider Weltkriege ist. Die gefühlte
Ungleichheit von Kultur und Politik soll durch Krieg gelöst werden, der auch die Ästhetik
der Deutschen in der Welt etablieren soll, anstatt den Konflikt durch Bürgerkrieg oder
6
Vgl. Thomas Mann, Doktor Faustus, S. 302.
7
Vgl. Schmidt-Schütz, Eva, Doktor Faustus zwischen Tradition und Moderne. Eine quellenkritische und
rezeptionsgeschichtliche Untersuchung zu Thomas Mann literarischem Selbstbild, Frankfurt a. M. (Thomas-
Mann-Studien 28), S. 243.
8
Thomas Mann, Doktor Faustus, S. 307.
9
Ebd. S. 309.
10
Ebd.
11
Ebd.

4
Revolution innerhalb Deutschlands zu lösen und die Unzufriedenheit mit dem Kaiser durch
ein Umstrukturierung der inneren Ordnung zu überwinden, in der die kulturellen
Errungenschaften durch eine starke Politik bestätigt werden würden.
An den Diskussionen des ,,Kridwißkreises" sind weitere Merkmale des politisch, historischen
Durchbruchs zu untersuchen und die Bedeutung der ,,Deutschen Seele" für die politischen
und geistesgeschichtlichen Entwicklungen, die schließlich in den Zweiten Weltkrieg führen
sollten.
In Kapitel 34, in dem auch das erste größere Werk Adrians beschrieben wird,
berichtet Zeitblom von seiner Teilnahme an einer Diskussionsrunde in München bei einem
,,Herrn Sixtus Kridwiß", die als ,,Treffpunkt führender oder doch eingeweihter und am
geistigen Leben teilhabender Köpfe" bezeichnet wird.
12
Unter den Besucher sind Studenten,
ein Fabrikant, ein ,,philosophischer Paläozoologe", ein Literaturhistoriker, ein
,,Kunstgelehrter und Dürer-Forscher" und auch ein Dichter.
13
Allerdings fühlt sich Zeitblom
in dieser Runde keinesfalls geborgen oder in seiner eigenen humanistischen Einstellung
repräsentiert. Aus ,,purer Gewißenhaftigkeit" nimmt er an der Gesprächsrunde teil und die
,,Neuigkeitsergebnisse dieser Abende" fügen ihm ,,seelische Überanstrengung" zu, die ihn
,,tatsächlich gut vierzehn Pfund" seines Körpergewichts kosten.
14
Thematisch bemüht sich
die Gesprächsrunde hier um ,,Ausblicke auf soziologische Wirklichkeiten [...], um
Feststellung des Seienden und Kommenden", also um ein Analyse der Situation
Deutschlands
15
.
Der Grund für Zeitbloms Abneigung, fast schon Angst, vor den Befunden des
,,Kridwißkreises" ist deren konsequente Ablehnung der Werte, die er selbst repräsentiert:
Humanismus und Rationalismus. Denn von den anwesenden Professoren, Wissenschaftler,
etc., wird eine Abkehr von sämtlichen Idealen der Aufklärung und des Humanismus
vorhergesagt und durchaus befürwortet. Die Bejahung gründet teilweise auf den Erfahrungen
des Ersten Weltkrieges, die ,,eben zurückliegende vierjährige Blut-Kirmes", der ,,scheinbar
gefestigte Lebenswerte" zerstört und erschüttert hat, so dass das dem Einzelnen und seinem
Leiden kaum noch Beachtung oder Wichtigkeit zukommt.
16
Allerdings wird der Erste
Weltkrieg lediglich als Katalysator für diese Entwicklung gesehen, der ,,nur vollendet,
verdeutlicht und zur drastischen Erfahrung gemacht [hat], was längst vorher sich angebahnt
12
Thomas Mann, Doktor Faustus, S. 362.
13
Vgl. Ebd.
14
Ebd.
15
Ebd. 364.
16
Ebd. 364f.

5
[...] hatte."
17
Diese Entwicklung wird nun von den Anwesenden als unabwendbar bejaht und
mit ihr auch eine einschneidende Veränderung der Staatsform. Der Übergang von
,,demokratischer Republik", deren ,,Freiheit" den Deutschen ohnehin ,,in den Schoß
gefallen", nämlich durch die ,,Niederlage" zuteil wurde, hin zu einer ,,despotischen
Zwangsherrschaft" wird im Zuge der vorigen Erkenntnisse, als notwendig und auch als
begrüßenswert dargestellt, da der Freiheitsbegriff ,der in einer demokratischen Republik
zentral ist, ,,sich innerlich selbst widerspreche" und so ,,das Freiheitspathos der
Menschenrechte über Bord geworfen" werden müsse.
18
An die Stelle von ,,parlamentarischer
Diskussion" als ,,Mittel zur politischen Willensbildung" soll ,,in Zukunft die Versorgung der
Massen mit mythischen Fiktionen" treten, die ,,als primitive Schlachtrufe die politischen
Energien zu entfesseln, zu aktivieren bestimmt seien."
19
Zusammen mit den Werken der
Teilnehmer des Kreises, etwa eine "vielbeachtete Geschichte des deutschen Schriftentums
unter dem Gesichtspunkt der Stammeszugehörigkeit" oder dem Gedicht ,,Proklamation
[...],einem lyrisch-rhetorischen Ausbruch schwelgerischen Terrorismus", das Zeitblom selbst
als ,,der steilste ästhetische Unfug" bezeichnet,
20
scheint dies ein ,,Vorbote der faschistischen
Mythosrezeption zu sein."
21
Die Ablösung von Wissenschaft und Wahrheit durch den
Mythos und die Gemeinschaft, die Zeitblom so viel Unbehagen bereitet, ist charakteristisch
für die Überlegungen des Kridwißkreises. Bezeichnend ist hierbei, dass auch ein Diskussion
über die Behandlung eines ,,toten Zahns" geführt wird in der die Tendenz der Zahnärzte
thematisiert wird, solche Zähne einfach als ,,infektiöse Fremdkörper" auszureißen, anstatt sie
mit der lange kultivierten Wurzelbehandlungstechnik zu behandeln. Denn die Erkenntnis,
dass der hygienische Gesichtspunkt nur ein Vorwand sei für die ,,Tendenz zum Fallenlassen,
Aufgeben, Abkommen und Vereinfachen" wird dann auf die ,,Nichtbewahrung des Kranken
[...], die Tötung Lebensunfähiger und Schwachsinniger" bezogen, die ebenfalls
,,rassehygienisch" begründet werden würde, bzw. später tatsächlich so begründet wurde.
22
Hinter diesen rationalen Begründungen steht jedoch die ,,Absage an alle humanen
Verweichlichungen" so dass das Gesamtbild, das in diesem Kreis entworfen wird von
Zeitblom als Rückkehr in eine Gesellschaft früherer Zeiten resümiert wird:
17
. Thomas Mann, Doktor Faustus, S. 369.
18
. Ebd. 365.
19
Ebd.
20
Ebd. S. 363f.
21
Wolff, Uwe, Thomas Mann. Der erste Kreis der Hölle: Der Mythos im Doktor Faustus. Stuttgart 1979
(Stuttgarter Arbeiten zur Germanistik 65), S. 131.
22
Thomas Mann, Doktor Faustus, S. 370.
Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Der Begriff des Durchbruchs in Thomas Manns "Doktor Faustus"
Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg  (Deutsches Seminar II)
Veranstaltung
Hauptseminar: Thomas Manns Spätwerk
Note
2,0
Autor
Jahr
2007
Seiten
23
Katalognummer
V387214
ISBN (eBook)
9783668616028
ISBN (Buch)
9783668616035
Dateigröße
562 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Thomas Mann, Mann, Faustus, Doktor Faustus, Adrian Leverkühn, Durchbruch
Arbeit zitieren
Daniel Much (Autor), 2007, Der Begriff des Durchbruchs in Thomas Manns "Doktor Faustus", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/387214

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