Vom christlichen Antijudaismus zum Antisemitismus der NSDAP


Hausarbeit (Hauptseminar), 2005
21 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Christlicher Antijudaismus
2.1. Wurzeln und Triebe des Judenhasses
2.1.1. Die frühe Antike
2.1.2. Messias und die Pharisäer
2.1.3. Die konstantinische Wende
2.1.4. Die Kreuzzüge
2.1.5. Pest, Luther und die Reformation
2.2. Emanzipation und Judenfeindlichkeit

3. Antisemitismus und Rassenwahn
3.1. Zur Genese des Begriffes Antisemitismus
3.2. Antisemitismus als ”kultureller Code”
3.3. Antisemitismus als gesprochenes Wort: Die Programmatik der NSDAP

4. Zusammenfassung

5. Quellen- und Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Seine furchtbarste Ausprägung erhielt der Antisemitismus mit dem Aufstieg der NSDAP, in deren Schatten die Nationalsozialisten Millionen von Menschen jüdischen Glaubens in den Tod trieben. Doch wurzelten die geistigen und ideologischen Voraussetzungen, die zur Shoa führten, nicht erst in der Zeit des NS-Regimes. Durch die Zeiten, von der Antike zur Spätantike, vom Mittelalter über die Frühe Neuzeit bis zum Deutschen Kaiserreich, lassen sich durchweg ‚Formen des Vorgehens’ gegenüber Menschen jüdischen Glaubens auf verschiedenen Ebenen (theologisch, wirtschaftlich, kulturell, gesellschaftlich, politisch und rassistisch) nachweisen.

Die vorliegende Hausarbeit widmet sich vor diesem Hintergrund einer grob skizzierten Darstellung des Verlaufes antijüdischer bzw. antisemitischer Einstellungen im Zeitrahmen von dem in der Antike auftauchenden christlichen Antijudaismus bis hin zu dem von der NSDAP vorwiegend rassisch determinierten Antisemitismus; Das entspricht in etwa einem Zeitrahmen von circa 2000 Jahren. Dabei wird der Fragestellung nachgegangen werden, welche Ausprägung die Antihaltung der Umwelt gegenüber ihren jüdischen Mitmenschen in den einzelnen temporalen Abschnitten zeigte und aus welchen Gründen, inwieweit sie sich veränderte und ob sich gewisse Konstanten zwischen den verschiedenen Ausprägungen verorten lassen.

Aus diesem Grund verläuft die Schilderung der Ereignisse weitestgehend chronologisch. Die Schwerpunkte liegen dabei Erstens auf dem rein religiös intendierten Antijudaismus, beginnend mit den Dissenzen zwischen jungem Christentum und gewachsenem Judentum, über die Auswirkungen der Kreuzzüge bis hin zur Reformation und dem Zeitalter des Absolutismus. Zweitens wird die Ambivalenz der über 100 Jahre dauernden jüdischen Emanzipation (1760 – 1870) dargestellt. Zuletzt befasst sich vorliegende Arbeit mit dem Aufkommen des Begriffes ‚Antisemitismus’ Ende des 19. Jahrhunderts und den damit verbundenen Auswirkungen, die schlußendlich in der perfiden Programmatik der NSDAP gipfelten. Aufgrund der enorm großen Zeitspanne beschränkt sich der geografische Raum der Betrachtung auf den deutschen Raum mit Ausnahme der Antike und Teilen des Mittelalters.

Da dem Thema vorliegender Hausarbeit ein eher überblickshafter Charakter innewohnt, stützt sie sich weitestgehend auf die immer noch als Standardwerk anerkannte Reihe von Leon Poliakov: ”Antisemitismus”[1], sowie einer Überblicksdarstellung von Braun/Heid: ”Der ewige Judenhass”[2]. Für die Darstellung des Zeitraumes der jüdischen Emanzipation so wie der Genese des Begriffes ‚Antisemitismus’ diente mir Reinhard Rürups Monographie ”Emanzipation und Judenhass”. Besondere Aufmerksamkeit verdient Shulamit Volkov mit einem ihrer Aufsätze, in welchem sie den anschließend vielfach diskutierten Ansatz formulierte, dass die im 19. Jahrhundert aufkommenden Rassentheorien und die ersten politischen Gehversuche selbsterklärter Antisemiten zu der Zeit eher noch marginale Teilaspekte des Antisemitismus waren; Vielmehr formuliert sie die These eines “Antisemitismus als kultueller Code”.[3]

Weiterhin erwähnenswert ist der Versuch einer Definition des Begriffes ‚Antisemitismus’, seiner inflationären sowie unsauberen Verwendung, von Ch. Berger Waldenegg.[4] Dabei macht er unter anderem deutlich, dass nicht nur die Anwendung des Begriffes ‚Antisemitismus’ Schwierigkeiten bereitet, sondern auch scheinbare Synonyme wie Judenfeindschaft, bzw. mit Attributen belegte Wortkombinationen. Er selbst kommt jedoch nach eigener Einschätzung zu keinem befriedigenden Ergebnis. Dennoch warnt er in seiner Schlußbetrachtung davor, es ”[...]beim Status quo zu belassen.”[5]

Erklärung

Ich versichere, dass ich die vorliegende Arbeit selbständig verfasst und außer den angeführten keine weiteren Hilfsmittel benutzt habe.

Soweit aus den im Literatur- und Quellenverzeichnis angegebenen Werken einzelne Stellen dem Wortlaut oder dem Sinn nach entnommen sind, sind sie in jedem Fall unter Angabe der Entlehnung kenntlich gemacht.

2. Christlicher Antijudaismus

2.1. Wurzeln und Triebe des Judenhasses

2.1.1. Die frühe Antike

”Und die Schreiben wurden gesandt durch die Läufer in alle Länder des Königs, man solle vertilgen, töten und umbringen alle Juden, jung und alt, ‚Kinder und Frauen, auf einen Tag […]”[6]. Dieses, dem Buch Esther (Altes Testament) entnommene Zitat berichtet von einem geplanten Pogrom weit vor der Zeit der Geburt Jesus` und zeigt exemplarisch, dass Anfeindungen (zunächst) religiöser Natur gegenüber Juden schon in der Antike ihren Widerhall fanden. Gründe hierfür mögen vor allem der jüdische Monotheismus und die damit verbundenen streng einzuhaltenden religiösen Vorschriften gewesen sein, die das Judentum als scharfen Kontrapunkt zu den ihn umgebenden polytheistischen Formen der Religionsausübung erscheinen ließen.[7] Doch kann während dieser Zeit weder von einem staatlich verordneten noch von leidenschaftlich - kollektivem Antisemitismus die Rede sein. Nicht selten wurde sogar ein brennendes Verlangen an den religiösen Praktiken der Juden spürbar, die auch recht erfolgreich um Proselyten (Nichtjuden, die zum Judentum konvertieren) warben, so dass Poliakov postuliert, dass ”diese fragende Aufmerksamkeit” polarisierte ”zwischen der Abneigung gegenüber dem jüdischen Partikularismus und jener Anziehungskraft der monotheistischen Religion.”[8] Mit der Geburt des Christentums veränderte sich die Polarität jedoch nach und nach zu Ungunsten des Judentums.

2.1.2. Messias und die Pharisäer

”[...]ihr habt den Teufel zum Vater, und nach eures Vaters Gelüste wollt ihr tun”[9], tönt es im Johannes-Evangelium in Richtung der Juden und zeichnete eine Antipathie zweier Religionen nach, die sich in kürzester Zeit miteinander überworfen hatten. Dabei waren Judentum und Christentum ursprünglich eng miteinander verflochten. Jesus, der als Begründer des Christentums gilt, war Angehöriger einer Pharisäerkaste (Pharisäer: orthodoxe Juden, die sich strikt an die Gesetze der Thora halten) und gründlich geschult in den Schriften des alten Testaments. Durch seine kühne Neuauslegung der alttestamentlichen Gesetze geriet er alsbald in Konflikt mit dem jüdischen ‚Establishment‘. ”Der bedeutendste und radikalste Reformjude, den das Judentum jemals hervorgebracht hatte”[10] wurde der Häresie (Ketzerei) für schuldig befunden, den Römern übergeben und durch den Statthalter Pontius Pilatus ans Kreuz gebracht.

Doch waren die ersten Anhänger Jesus` zunächst allesamt Juden (auch Judenchristen genannt). Unter Paulus (um 60 u. Z.) löste sich das junge Christentum relativ rasch von den Synagogen und verlegte sich darauf Heiden zu bekehren aufgrund der ”Verstocktheit” der Juden, die die Lehre von ‚Jesus als Messias’ nur selten annahmen.[11] Schnell entspann sich ein scharfer Wettbewerb zwischen den beiden missionarisch(!) orientierten Religionen. Die sich entwickelnden Spannungen und Rivalitäten bei der Auslegung der Thora, der Frage der Messianität und Göttlichkeit Jesus, ob Heidenchristen sich Riten wie Beschneidung und Sabbatheiligung beugen müssten und Judenchristen Götzenfleisch essen dürften, erschütterten die gemeinsame religiöse Überzeugung von Pharisäern und Judenchristen. Die Zerstörung des Tempels im Jahre 70 unserer Zeit und die darauf folgende Diaspora wurden von den Christen als ‚Gottes Strafgericht’ und der ‚göttlichen Favorisierung der messianischen Gemeinde’ aufgefasst. Dass die Feindschaft auf Gegenseitigkeit beruhte beweist der Bar-Kochba-Aufstand (ca. 135 u. Z.), der die blutige Verfolgung einer in Jerusalem ansässigen Christengemeinde zur Folge hatte, die mit der Weigerung dieser an der Teilnahme am Kampf gegen Rom begründet wurde.[12]

Neben der im 2. Jh. u. Z. aufkommenden Gottesmordtheorie - ”Gott ist getötet, der König Israel ist durch Israels Rechte beseitigt worden!”[13] - versuchten die Kirchenväter des 3. und 4. Jahrhunderts unserer Zeit, allen voran Chrysostomos, den Juden allerlei anzuhängen: Gottesabfall durch die Tötung des Messias von jüdischer Hand, Kindermord, etc.[14] Dennoch hatte das Christentum bis zur konstantinschen Wende einen schweren Stand: Staatlich nicht legitimiert wie das Judentum, unterlag es einer stetigen Verfolgung und war auch zahlenmäßig zunächst weit unterlegen.[15]

2.1.3. Die konstantinische Wende

Den ‚religiösen Stellungskrieg’ entschied Kaiser Konstantin. Nicht zuletzt die Vision des Christogramms vor der Schlacht an der Milvinischen Brücke im Jahre 107 u. Z. veranlasste den Heiden, das Christentum zur Staatsreligion zu erklären. Innerhalb weniger Jahre wurden die Juden Opfer staatlicher Verfolgung und die Gesetzessammlung Codex Theodosianus (für die Zeit von 313 bis 429 u. Z.) weist eine Anzahl von Gesetzen auf, das antijüdische Bestrebungen rechtlich zementierte und nachhaltige Auswirkungen auf das jüdische Leben hatte.[16]

Mit dem Zusammenbruch des Römischen Westreiches 446 u. Z. begann jedoch eine ca. 500 Jahre andauernde christlich-jüdische Koexistenz im christlich-germanischen Europa, ein lang anhaltendes religiöses Atemholen, dass mit, wie Poliakov es nennt, ”…jener Pubertätskrise der Christenheit, den Kreuzzügen…”[17] um so heftiger wieder ausatmen sollte.

[...]


[1] Poliakov, Leon: Geschichte des Antisemitismus, 8 Bde., Worms - Frankfurt am Main 1977-1988

[2] Braun, Christa von / Heid Ludger (Hrg.), Der ewige Judenhaß, Berlin 20002

[3] Volkov, Shulamit, ”Antisemitismus als kultureller Code” in: Volkov, Shulamit, Jüdisches Leben und Antisemitismus im 19. und 20. Jahrhundert. 10 Essays, München 1990

[4] Berger Waldenegg, Ch., Antisemitismus: Eine gefährliche Vokabel?.Diagnose eines Wortes, Wien, Köln, Weimar 2003

[5] Ebd., S. 127

[6] Evangelische Haupt-Bibelgesellschaft zu Berlin (Hrg.), Die Bibel oder die ganze Heilige Schrift des Alten und Neuen Testaments. Nach der deutschen Übersetzung Martin Luthers, Berlin 19724, Esther 3,13; Anm.: Das Buch Esther wurde im 2. oder 1. Jh. v. u.Z. verfasst; Vgl. dazu Poliakov, Leon, Geschichte des Antisemitismus, Bd.1 Von der Antike bis zur Gegenwart, Worms 1977, S.4

[7] Poliakov, Leon, Antisemitismus, Bd. 1, S.8f.

[8] Ebd. S.9

[9] Aus Joh. 8,44 Diese Worte legt Johannes Jesus in den Mund. Die antijüdische Polemik des Johannes durchzieht das gesamte Jh. - Evangelium.

[10] Braun, Christa von / Heid Ludger (Hrg.), Der ewige Judenhaß, Berlin 20002, S. 12

[11] Der Begriff ”Verstocktheit” wurde von Paulus geprägt. Er bezeichnet das Bild der Verhärtung einer Baumrinde, die undurchdringlich geworden, das ganze Holz steinhart macht, also verstockt. Vgl. dazu Röm. 11, 25; Die ersten 3 Evangelien, entstanden im letzten Drittel des 1. Jh. u. Z. Sie legen die Vermutung einer Teilnahme der Christenjuden am Tempeldienst bis zur Zerstörung des Tempels im Jahre 70 und synagogalen Gottesdienst nahe. Ebd. S. 12

[12] Ausführlich dazu, Rengstdorf, K.H, Kortzfleisch, Siegfried von (Hrg.): Kirche und Synagoge. Handbuch zur Geschichte von Christen und Juden. Darstellung mit Quellen, Band I, Stuttgart 1968, S. 69-71

[13] Auszug einer Schrift des Bischof Melito von Sardes, zit. nach ebd.:, S. 73

[14] Ebd. S. 163

[15] Vgl. dazu Braun / Heid, Judenhass, S. 20-25;

[16] So war es Juden beispielsweise verboten christliche Sklaven zu halten oder gar zu beschneiden. Vgl. CT 16,9,2 u. CI 1,10,1 in: Iacobus Gothofredus, Codex Theodosianus 16,8,1-29. ‚Über Juden, Himmelsverehrer und Samaritaner’ (Europäische Hochschulschriften. Reihe III Geschichte und ihre Hilfswissenschaften, Bd. 453), Bern 1991, S.15-83; Auch sollten Juden im Kontext der Gemeindeverwaltung Leistungen erbringen, ohne jedoch damit verbundene Privilegien in Anspruch nehmen zu dürfen (Novelle 45). vgl. CT 16,8,1 – 29 in: ebd.

[17] Zit. nach Poliakov, Leon, Antisemitismus, Bd. 1, S.33

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Vom christlichen Antijudaismus zum Antisemitismus der NSDAP
Hochschule
Technische Universität Dresden  (Institut für Zeitgeschichte)
Veranstaltung
Aufstieg der NSDAP von 1918-1933
Note
1,3
Autor
Jahr
2005
Seiten
21
Katalognummer
V38723
ISBN (eBook)
9783638377072
ISBN (Buch)
9783656011095
Dateigröße
479 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Vorliegende Arbeit ist als komprimierter Überblick konzipiert, der Ursprung und Verlauf antijüdischer Einstellungen von der Antike bis zum Aufstieg der NSDAP nachzeichnet. Vor diesem Kontext versucht die Arbeit weiterhin Kontinuitäten und Diskontinuitäten bezüglich des Verhältnisses zwischen Juden und ihrer jeweiligen Umwelt in den einzelnen temporalen Abschnitten aufzuzeigen.
Schlagworte
Antijudaismus, Antisemitismus, NSDAP, Aufstieg
Arbeit zitieren
Henning Remisch (Autor), 2005, Vom christlichen Antijudaismus zum Antisemitismus der NSDAP, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/38723

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