Fremdheit und Kommunikation. "Das Schweigen" (1963) und "Lost in Translation" (2003) im Vergleich


Akademische Arbeit, 2015
19 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

1
Inhalt:
1. Einleitung
1
2. Fremdheit und Kommunikation
2
1. Fremdheit
2
2. Kommunikationstheorie
4
3. Analyse der Fremdheitskonzepte
6
1. Das Schweigen (1963)
6
2. Lost in Translation (2003)
10
4. Fazit
14
16
Literaturverzeichnis

1
1. E
INLEITUNG
Das Schweigen
1
erschien 1963 unter dem Originaltitel Tystnaden in Schweden. In der
Bundesrepublik Deutschland lief der dritte Film zu Regisseur und Drehbuchautor Ingmar
Bergmans 'Glaubenstrilogie' am 24. Januar 1964 an. Bei den vorangegangen Filmen zur
Trilogie handelt es sich um Wie in einem Spiegel (1961) und Licht im Winter (1962)
2
.
Nach seiner Erscheinung machten "die Thematisierung inzestuöser Liebe, eine Masturbati-
onsszene und unverhüllte Sexszenen [...] den Film europaweit zum Skandal"
3
. Die Haupt-
rollen werden darin verkörpert durch Ingrid Thulin als Ester und Gunnel Lindblom als An-
na.
Bei Lost in Translation
4
handelt es sich um den zweiten Spielfilm der amerikanischen Re-
gisseurin und Drehbuchautorin Sofia Coppola. Die Tragikomödie mit Bill Murray und
Scarlett Johansson in den Hauptrollen wurde zum Ersten Mal auf dem Venice Film Festival
in Italien vorgeführt am 31. August 2003. In Deutschland erschien er am 08. Januar 2004
unter dem Titel Lost in Translation - Zwischen den Welten. Zu den Auszeichnungen, die
der Film erhielt, zählen unter anderem der Bundesfilmpreis, drei British Academy Film
Awards, drei Golden Globe Awards und der Oscar für das beste Originaldrehbuch im Jahr
2004.
Im Zentrum der nachfolgenden Hausarbeit steht die Frage, inwiefern Das Schweigen und
Lost in Translation sich mit dem Thema Fremdheit auf Grund von Kommunikations-
schwierigkeiten auseinandersetzen. Aus dieser Fragestellung ergibt sich die Gliederung der
Arbeit: In einem ersten Schritt sollen anhand einschlägiger Einführungen in die For-
schungsliteratur eine Definition von 'Fremdheit' gegeben werden (Kapitel 2.1), sowie die
wichtigsten Merkmale gängiger Kommunikationstheorien kurz genannt und erläutert wer-
den (Kapitel 2.2).
Den Schwerpunkt der Arbeit bildet die genaue Analyse der beiden Filme selbst (Kapitel 3):
Hier soll möglichst genau untersucht bzw. bestimmt und beschrieben werden, welche Ele-
mente des jeweiligen Films ein Gefühl der Fremdheit bei den Protagonisten oder dem Re-
zipienten auslösen und die Funktion von Sprache und Kommunikation in diesem Kontext.
Im letzten Schritt der Arbeit erfolgt eine Zusammenfassung der eigenen Untersuchungser-
1
Der Film wir hier und nachfolgend mit dem Kürzel 'S' versehen und zitiert nach: Bergman, Ingmar (Regie):
Das Schweigen. Schweden, 1963. Produktion: Svensk Filmindustri.
2
vgl. Blaschitz, Edith: Der "Kampf gegen Schmutz und Schund". Film, Gesellschaft und die Konstruktion
nationaler Identität in Österreich (1946-1970). Wien: LIT Verlag 2014, S. 132-133.
3
Blaschitz 2014: S. 132.
4
Der Film wir hier und nachfolgend mit dem Kürzel 'L' versehen und zitiert nach: Coppola, Sofia (Regie):
Lost in Translation. USA, Japan, 2003. Produktion: Focus Features.

2
gebnisse durch die kurze Wiederholung und den Vergleich der wichtigsten Erkenntnisse
von Kapitel 2 und Kapitel 3. Dieser Vergleich gibt eine knappe Antwort auf die Frage, auf
welche Arten Fremdheit und Kommunikation in den ausgewählten Werken gemeinsam
umgesetzt werden und stellt den Versuch auf, die hier vorgelegte Analyse kritisch ins Ver-
hältnis zu den Lektüreergebnissen der vorhandenen Forschung zu setzen (Kapitel 4).
2. F
REMDHEIT UND
K
OMMUNIKATION
2.1.
F
REMDHEIT
Laut Münkler und Landig verbinden sich mit dem Fremden "bestenfalls unklare,
schlimmstenfalls polemische Vorstellungen. Wer etwas als fremd bezeichnet, sagt damit
entweder, daß er es nicht kennt oder versteht, [...] oder er grenzt sich in einer zumeist af-
fektiv gefärbten Art und Weise von etwas ab, und dieser Effekt verträgt sich nicht mit dem
Streben nach weltfreien und trennscharfen Unterscheidungen"
5
. Das Fremde wird also ver-
standen als etwas, "das dem Eigenen in der Art einer 'negativen Definition' gegenübersteht
und durch unterschiedliche Auflösungsstrategien beseitigt werden kann"
6
.
Die Erfahrung einer Person von Fremdheit ist gleichzusetzen mit der "Erfahrung eines Ex-
klusionsverhältnisses, bei dem die Tatsache des Außerhalb eine problematische Relevanz
entfaltet"
7
. Es handelt sich bei dieser Erfahrung aber nicht um eine 'Eigenschaft' der ausge-
schlossenen Person oder des Sachverhaltes, sondern um eine "Aussage über die Person in
ihrer Beziehung zu jenem Sachverhalt"
8
. Angezeigt wird durch die Zuschreibung 'fremd',
auf welche Art ein anderer Beobachter etwas betrachtet. Dies geschieht im Modus einer
'Innen-Außen-Unterscheidung'
9
, bei der das Fremde als "jenseits einer imaginären und va-
riablen Grenze des Eigenen"
10
liegend bestimmt wird.
Die wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Begriff der Fremdheit hat zum Ziel, "unser
Verständnis davon [zu] vertiefen, wie Menschen und soziale Einheiten sich selbst und ihre
Umwelt wahrnehmen, wie sie die Welt, in der sie leben, kategorisieren und strukturie-
ren"
11
. Bernhard Waldenfels unterscheidet dahingehend zwei verschiedene Modi der Ebe-
5
Münkler, Herfried; Ladwig, Bernd: Dimensionen der Fremdheit. In: Münkler, Herfried: Furcht und
Faszination, Facetten der Fremdheit. Berlin: Akademie-Verlag 1997. S. 11.
6
Leskovec, Andrea: Fremdheit und Literatur. Alternativer hermeneutischer Ansatz für eine interkulturell
ausgerichtete Literaturwissenschaft. Münster: LIT Verlag 2009, S. 13.
7
Stenger, Horst: Soziale und kulturelle Fremdheit. Zur Differenzierung von Fremdheitserfahrungen am
Beispiel ostdeutscher Wissenschaftler. In: Zeitschrift für Soziologie. Jg. 27, Heft 1, Februar 1998, S. 22.
8
Ebd.
9
vgl. Ebd.
10
Ebd.
11
Münkler/Ladwig 1997: S. 12.

3
nen von Fremdheit: einer objektivistischen und einer subjektiven Perspektive. Ersterer Be-
schreibungsebene "korrespondiert die Abgrenzung des Einen vom Anderen, bei grundsätz-
licher Reversibilität der Bestimmungen"
12
. Dies beschreibt er mit der Aussage, dass sich
die Bestimmung 'A ist nicht B' jederzeit umkehren lässt zu der Bestimmung 'B ist nicht
A'
13
. Im Gegensatz dazu beschreibt er Fremdheit aber auch als ein "Beziehungsprädikat je
eines Subjekts"
14
. Dies geschieht "durch einen Akt der Ein- und Ausgrenzung, wobei sich
Ausgrenzendes und Ausgegrenztes auf ein und derselben Ebene befinden"
15
. Die Feststel-
lung von A, dass B ihm fremd ist, impliziere in diesem Fall nicht den Umkehrschluss, A sei
ebenfalls B fremd.
Davon abgesehen ist das Erfassen der Dimensionen von Fremdheit abhängig von der ge-
wählten Betrachtungsweise der Untersuchung und der Situation, die Fremdheit auslöst.
Eine erste Unterteilung kann erfolgen durch die Trennung des kulturellen und sozialen Be-
reiches.
Themen, die explizit kulturelle Fremdheit ausdrücken, sind zum Beispiel "Interkulturalität,
verstanden als Kulturbegegnungen im weitesten Sinne, Mehrsprachigkeit, Exilerfahrungen
[...] oder Migrantenerfahrungen"
16
. In ihrem Zentrum steht die Annahme, "man teile mit
einer anderen Person oder Gruppe nicht jenen Bereich zentraler Gewißheiten, die das eige-
ne Bild der Welt maßgeblich bestimmen"
17
. Stenger bezeichnet diese Dimension als "Be-
gegnung mit einer anderen Wirklichkeitsordnung"
18
, welche als 'lebensweltliche
Unvertrautheit'
19
erfahren wird, während soziale Fremdheit "durch die Erfahrungsqualität
der Nichtzugehörigkeit bestimmt wird"
20
. Diese Dimension thematisiert "ausgrenzende
Handlungen und Zurechnungen, die einer Person oder Gruppe eine Position jenseits der
Grenzen des Eigenen zuweisen"
21
.
Soziale und kulturelle Fremdheit können gemeinsam oder getrennt auftreten. Die Grenz-
ziehung von Stenger unterscheidet zwar deutlich zwischen sozialer Fremdheit als
'asymmetrisierende Ausgrenzung'
22
und kultureller Fremdheit als begründet durch "Aner-
kennung der Eigenheit anderer Denkfiguren, Sinnzusammenhänge, Weltanschauungen und
12
Münkler/Ladwig 1997: S. 12.
13
vgl. Ebd.
14
Ebd.
15
Ebd..
16
Leskovec 2009: S. 17.
17
Stenger 1998: S. 25.
18
Stenger 1998: S. 18.
19
vgl. Ebd.
20
Ebd.
21
Ebd.
22
Stenger 1998: S. 25.

4
Seinswesen"
23
, gleichzeitig begründet er aber: "Insofern Individuen, Gruppen oder symbo-
lische Gemeinschaften Träger fremden Wissens sind, kann die Erfahrung der
Unvertrautheit mit kognitiven Strukturen sehr eng mit der Zuschreibung von Nichtzugehö-
rigkeit im Sinne sozialer Fremdheit verbunden sein. Kulturelle Fremdheit kann dabei ent-
weder Anlaß für eine soziale Grenzziehung sein oder aber zur Legitimation von Ausgren-
zung benutzt werden"
24
.
2.
2
K
OMMUNIKATIONSTHEORIE
Kommunikation ist ein tragendes Thema für verschiedene, wissenschaftliche Disziplinen
wie Psychologie, Soziologie, Sprechakttheorie und Linguistik. Jede dieser Forschungsrich-
tungen verwendet Modelle von Kommunikationsprozessen, jedoch ohne einen allgemein
verwendbaren Kommunikationsbegriff.
Ebenso existieren innerhalb der Kommunikationstheorie verschiedene Betrachtungsansät-
ze, die sich nach Georg Meggles Untersuchung auf drei Haupttypen eingrenzen lassen:
Empirische, normative und rationale Kommunikationstheorien.
Empirisch orientierte Theorien beschäftigen sich damit, "wie Kommunikationsprozesse -
zwischen einzelnen Individuen, innerhalb bestimmter Gruppen, durch Einschaltung be-
stimmter Medien, in Abhängigkeit der Zugehörigkeit der jeweiligen Kommunikationspart-
ner zu bestimmten Schichten, Klassen oder Kulturen etc. - tatsächlich ablaufen"
25
. Norma-
tive Kommunikationstheorien wollen bestimmte normative, also beispielsweise politische,
moralische oder ästhetische, Prinzipien erfüllen und geben daher an "bzw. versuchen zu
begründen, wie sich die Kommunikationspartner in Situationen einer gewissen Art zu ver-
halten haben"
26
. Theorien der rationalen Richtung "formulieren im Sinne der auf kommu-
nikative Handlungen spezifizierten rationalen Entscheidungs- und Spieltheorie Kriterien
dafür, unter welchen Bedingungen ein kommunikatives Verhalten als richtig im Sinne von
'rational' verstanden werden kann"
27
.
Jeder dieser Typen unterscheidet in seinem Umgang mit dem Begriff der Kommunikation
dann wiederum zwischen einer semantischen und nomologischen Komponente. Die se-
mantische oder begriffliche Komponente legt eine möglichst ausdrucksstarke und präzise
Sprache fest, in der die Sätze der verschiedenen Kommunikationstheorietypen verfasst
23
Stenger 1998: S. 26.
24
Stenger 1998: S. 25.
25
Meggle, Georg: Grundbegriffe der Kommunikation. Berlin: Walter de Gruyter 1996, S. 1.
26
Meggle 1996: S. 2.
27
Ebd.
Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Fremdheit und Kommunikation. "Das Schweigen" (1963) und "Lost in Translation" (2003) im Vergleich
Hochschule
Universität des Saarlandes  (Germanistik)
Note
1,7
Autor
Jahr
2015
Seiten
19
Katalognummer
V387433
ISBN (eBook)
9783668614574
ISBN (Buch)
9783668614581
Dateigröße
641 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
fremdheit, lost in translation, filmvergleich, filmwissenschaft, fremdheit im film, kommunikation, kommunikationswissenschaft, das schweigen (1963), Sofia Coppola
Arbeit zitieren
BA Jenny Spanier (Autor), 2015, Fremdheit und Kommunikation. "Das Schweigen" (1963) und "Lost in Translation" (2003) im Vergleich, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/387433

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Fremdheit und Kommunikation. "Das Schweigen" (1963) und "Lost in Translation" (2003) im Vergleich


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden