Identitätsherstellung durch Sprache

Narratives Interview mit einem tunesisch-stämmigen Deutschen


Forschungsarbeit, 2017

29 Seiten, Note: 1


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis
1.
Was ist ein Deutscher? Was ist ein Tunesier? ... 1
2.
Transkulturelle und narrative Identität ... 2
3.
Analyse eines narrativen Interviews ... 4
3.1.
Die Methode ... 5
3.2.
Die befragte Person ... 6
3.3.
Die Analyse ... 7
3.3.1.
Grobstrukturelle Analyse ... 7
3.3.2.
Feinanalyse ... 8
4.
Einordnung der Ergebnisse in die Identitäts- und Migrationsforschung ... 14
5.
Literaturverzeichnis ... 16
6.
Anhang

1
1.
Was ist ein Deutscher? Was ist ein Tunesier?
Fragen zur kulturellen Identität sind schwer zu fassen, ohne beim Versuch auf Klischees zu
verfallen. Das Wort Klischee wird häufig synonym zu Vorurteil oder Stereotyp verwendet.
Traditionell wird kulturelle Identität oft pauschal aus der Sprache oder Nationalität, Ethnie
oder Religion abgeleitet. Dabei vernachlässigt man jedoch ,,die interaktionale
Konstruiertheit kultureller Zugehörigkeit" (Günthner 2013, 370) und produziert oder
reproduziert stattdessen kulturelle Stereotypen und Ideologien. Es ist schnell festzustellen,
dass weder mit dem Begriff ,Klischee` noch ,Stereotyp` eine eindeutige Zuordnung und
Operationalisierung zur sprachlichen oder sozialen Verhaltensebene einer Person und seiner
kulturellen Identität möglich ist. Eine wissenschaftlich haltbare Möglichkeit festzustellen,
wie Personen mit multikultureller Biografie sich selbst in ihrer kulturellen Zugehörigkeit
positionieren, bietet die Methode, ein narratives Interview mit einer solchen Person zu
analysieren. Der Grundgedanke eines narrativen Interviews ist, die Person frei biografisch
erzählen zu lassen (vgl. Deppermann/Lucius-Hoene 2004, 77), um so einen mündlichen
Datensatz zu erhalten, der frei von äußeren Einflüssen untersucht werden kann. Es kann so,
im Sinne von ,doing culture` deutlich werden, ,,wie gesellschaftliche Wirklichkeit durch
menschliche Handlungen erzeugt wird und wie kulturelle Zugehörigkeit bzw. Differenzen
konstruiert werden" (Günthner 2013, 369)
.
Andreas Pott, Professor für Sozialgeographie mit dem Schwerpunkt Bevölkerungs- und
Migrationsforschung, bezeichnet Deutschland als ,,Migrationsgesellschaft" (Pott 2017). Der
Begriff umfasst nicht nur den Aspekt der Einwanderung, sondern auch den der Aus- und
Durchwanderung. Wenn man die Migrationserfahrung der Elterngeneration miteinbezieht,
dann haben in vielen Gegenden Deutschlands 20 bis 30 Prozent der Bevölkerung einen
Migrationshintergrund, in Städten teilweise sogar 50 Prozent und mehr. Er spricht auch von
einer stillen demographischen Revolution, einer umfassenden Entwicklung, die nicht
ignoriert oder zurückgedreht werden kann, ,,sondern von der wir als Gesellschaft profitieren
können" (ebd.).
Die Diversifizierung der Gesellschaft bedeutet eine Vervielfältigung der Herkünfte, der
sozialen Lagen und des Aufenthaltsstatus der Menschen, die hier leben. Mit dieser Vielfalt
muss gerechnet werden und mit dieser Vielfalt muss auch der Teil der Bevölkerung
umgehen, der keine Migrationserfahrungen hat. [...] Das ist eine sehr große
Herausforderung, die eben auch Vorstellungen von Zugehörigkeit und Heimat betrifft. Diese
Begriffe müssen völlig neu ausgehandelt werden. (ebd.)
Laut Pott steht die Integrationsfähigkeit von Menschen in Beziehung zu den Möglichkeiten,
an der Gesellschaft teilzuhaben und auf dem Niveau der Bildung, Ausbildung und
Berufsqualifikation aufzusteigen. Ergeben sich diese Möglichkeiten, verlieren andere
Kategorien wie Herkunft und Kultur schnell ihre Bedeutung oder gehen neue produktive
Verbindungen ein. Pott führt hier den Islam als gutes Beispiel an und setzt damit deutlich ein

2
Zeichen gegen den gesellschaftlichen Trend der Stereotypisierung: ,,Es gibt in der zweiten
Einwanderungsgeneration sehr viele motivierte Leistungsträger, die ihre muslimische
Identität bewahrt haben und diese auf eine sehr bereichernde Weise einbringen und
gesellschaftliche Verantwortung übernehmen." (ebd.)
Welchen Einfluss die sich dargebotenen und wahrgenommenen Möglichkeiten, an der
deutschen Gesellschaft teilzunehmen, auf die empfundene kulturelle Identität des
tunesischen Migranten hatten und ob Deutschland ihm zur Heimat werden konnte, wird sich
in der vorliegenden Fallstudie zeigen. Hauptteil dieser Studie ist die Analyse des narrativen
Interviews mit dem Probanden tunesischer Herkunft. Fragestellung und Schwerpunkt der
Analyse wird sich auf die ,Konstruiertheit` seiner Identität oder auch kulturellen
Zugehörigkeit mithilfe von Sprache beziehen. Deswegen werde ich im zweiten Teil zunächst
auf die Begriffe ,Identität` und ,Transkulturalität` eingehen, um die Ergebnisse der Analyse
besser einordnen zu können.
Im dritten Teil dieser Arbeit werden die Grundlagen zur Analyse des Interviews geklärt. Die
wissenschaftliche Methode des narrativen Interviews wird ebenso behandelt, wie die
Eckdaten zur Biografie des Erzählers. In der darauffolgenden Analyse des Interviews wird,
wie schon erwähnt, der Fokus auf die Identitätsherstellung durch Sprache gelegt.
Fragestellung dabei ist: Wo positioniert sich die befragte Person, und mit welchen
sprachlichen Mitteln?
Den Abschluss der Fallstudie bildet im vierten Teil die Einordnung der erworbenen
Erkenntnisse in die aktuelle Identitäts- und Migrationsforschung.
2.
Transkulturelle und narrative Identität
Wie schon in der Einleitung erwähnt, ist es schwierig, kulturelle Identität festzustellen und
festzuhalten. Was bedeutet überhaupt Identität? Thomas Jung beschreibt in seinem Buch
,,,Widerstandskämpfer oder Schriftsteller sein..." die Identitätssuche Jurek Beckers, eines
deutschen Schriftstellers, der als Kind und Jude, in Polen geboren, den Holocaust überlebte
und sich Zeit seines Lebens mit verschiedenen ideologischen und politisch-gesellschaftlichen
Denkmustern auseinandergesetzt hat. Jungs Definition von Identität, ausgehend von seiner
ursprünglichen Bedeutung des lateinischen Wortes als Wesenseinheit, ist sehr umfassend
und verbindet die vielfältigen Aspekte von Identität:
[...] sie ist eine ideelle, subjektive Konstruktion durch das Ich, mit der sich das Subjekt in
Beziehung zu einem außerhalb seinerselbst liegenden Bezugsrahmen setzt, im Idealfall sich
mit diesem Rahmen als (Wesens)Einheit begreift. Dieser äußere Bezugsrahmen ­ der zwar
vom Subjekt als objektiv angesehen, aber in Wirklichkeit gleichfalls nur aus einer selektiv-
subjektiven Perspektive wahrgenommen wird ­ ist das im stetigen Wandel befindliche
Resultat aus dem Zusammenspiel vom Subjekt wahrgenommener ethnischer, kultureller,
sozialer, nationaler, religiöser sowie geschlechtlicher Zugehörigkeiten. (Jung 1998, 16)

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Hier werden alle potentiellen Zugehörigkeiten, von denen wir als Subjekt und Individuum
bestimmt werden oder über die wir selbst bestimmen und Einfluss nehmen können,
vollständig aufgezählt. Wir befinden uns hier laut Wolfgang Welsch, Philosoph und
Begründer des Konzepts der ,Transkulturellen Gesellschaft`, auf der Mikroebene des
Individuums und deren transkulturellen Prägung (Welsch 2010, 43). Dieser Vorgang der
Selbstkonstruktion ist als ,,individuelle Entwicklung durch mehrere kulturelle Herkünfte und
Verbindungen in Richtung auf eine interne Pluralität beeinflusst" (Hauenschild 2010, 157).
Das Konzept der Transkulturalität, das sich zum einen auf die gesellschaftliche Makroebene
bezieht und in Zeiten der Globalisierung nicht nur die weltweite Vernetzung der Verkehrs-
und Kommunikationssysteme meint, sondern auch ökonomische Abhängigkeiten und
Ungleichverteilungen, ökologische Erscheinungen, wie die Klimaerwärmung und die damit
verbundenen Naturkatastrophen und Migrationsprozesse, ganz zu schweigen von den
politischen Verflechtungen (vgl. Welsch 2010, 41f.), dringt hier auf die Mikroebene des
Individuums als ,,Modell von Durchdringungen und Verflechtungen" (ebd., 39) vor. Welsch
führt an, dass heutige Heranwachsende, und hiermit meint er ausdrücklich nicht nur
Migranten, ,,alltäglich mit einer weitaus größeren Anzahl kultureller Muster bekannt werden
als dies in der Elterngeneration der Fall war" (ebd., 43) und somit für ihre kulturelle
Identitätsherstellung eine Vielzahl von Elementen unterschiedlicher Herkunft aufgreifen und
verbinden können.
Aufgabe des Subjekts ist es dann, seine Identität auszuhandeln, Kultur subjektiv zu
konstruieren. Es kann kulturelle Identifikationsangebote selektiv verwenden, umdeuten oder
verwerfen. [...] Transkulturelle Identität ist in diesem Sinne auf das Gelingen, auf die
erfolgreiche Integration unterschiedlicher kultureller Anteile ausgerichtet, die das
Individuum dazu befähigt, über den Rekurs auf eine einzige Partialkultur hinaus ­ und auch
über eine Existenz ,zwischen` Kulturen hinaus ­ durch verschiedenen Kulturen zu leben [...].
(Hauenschild 2010, 157)
Im narrativen Interview besteht die Möglichkeit für die befragte Person, im Erzählen seine
reflektierte Sicht auf vergangene und gegenwärtige kulturelle Anteile seiner Identität zu
werfen und mitzuteilen. In den vier Kulturbegriffen, die Susanne Günthner in ihrem Aufsatz
,Sprache und Kultur` vorstellt, kommen Sprache und Kommunikation eine zentrale Rolle zu:
,,Im kognitiven Konzept gilt Sprache als Fenster zum menschlichen Denken und Wissen"
(Günthner 2013, 350). Im narrativen Interview wird sozusagen ein Einblick in das Fenster der
befragten Person, in ihren subjektiven Vorstellungs- und Erfahrungsschatz gewährt. ,,Unter
narrativer Identität verstehen wir eine lokale und pragmatisch situierte Identität, die durch
eine autobiografische Erzählung hergestellt und in ihr dargestellt wird."
(Deppermann/Lucius-Hoene 2004, 55). Von Objektivität kann keine Rede sein, da der
Quellentext, in diesem Fall die biografische Erzählung, immer ein einflussreiches Medium
durchläuft, bevor er der Wissenschaft zur Verfügung steht. Als Medium ist die befragte
Person selbst gemeint, die die Art und den Inhalt der Darstellung der eigenen Biografie
durch Selektion, Ausschmückung, Emotionalisierung etc. stark bestimmt. Betrachten wir

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allein den temporalen Faktor einer solchen Erzählung, der sich aus der ,,Doppelung des Ichs"
(ebd., 60) ergibt: Die Doppelung ist auf die Tatsache zurückzuführen, dass die befragte
Person nicht nur im Rückblick auf ihr Leben als Erzähler fungiert, sondern auch als
Hauptfigur der Erzählung. Dieser Umstand macht deutlich, dass Identität wandelbar ist. Ein
anderer Zeitpunkt der Befragung hätte einen anderen Quellentext zur Folge gehabt. Er darf
also nicht als Tatsachenbericht aufgefasst werden. Identität ist nämlich ,,als ständige in
Veränderung und in Arbeit begriffene sprachlich-symbolische Struktur" (ebd., 51) zu
verstehen, da sich ein Mensch stetig entwickelt und damit selbstverständlich auch seine
Sicht auf sich selbst. Auch für Pott gehören ,,der permanente Wandel und das permanente
Neu-Aushandeln ihrer Zugehörigkeits- und Identitätskategorien" (Bouras-Ostmann et al.
2014, 13) zu den typischen Dynamiken einer Migrationsgesellschaft. Daraus können sich
eine Bandbreite an Möglichkeiten ergeben, die aber auch zu Verunsicherungen führen
können. Das wird besonders deutlich an der Benennung der befragten Person. Ist es ein
Tunesier in Deutschland? Ein tunesischer Migrant oder Einwanderer? Oder ein Deutsch-
Tunesier? Führt der Neologismus ,tunesisch-stämmig` ,,nicht mehr ethno-nationales
Zuordnungsdenken mit sich, als ihren Nutzern lieb ist?" (ebd., 14) Machen es die politisch-
korrekten und im amtlichen Sprachgebrauch üblichen Bezeichnungen, wie ,tunesischer
Mitbürger` oder ,Person mit Migrationshintergrund` besser? Oder kehren sie die Absicht,
nicht zu diskriminieren, eher in ihr Gegenteil, ,,so dass man ­ mit dem Comedian Abdelkarim
Zemhoute ­ auch gleich vom ,Migrationsvordergrund` sprechen könnte" (ebd.).
Wie wir sehen, wird der Sprache in diesem dynamischen Kultur- und Identitätskonzept einen
hohen Stellenwert beigemessen, da sie ,,einerseits eng mit kognitiven Prozessen vernetzt
und andererseits das zentrale Mittel alltäglicher Wirklichkeitskonstitution ist" (Günthner
2013, 350).
3. Analyse eines narrativen Interviews
Da Sprache eine so tragende Komponente in der Wirklichkeitskonstitution jedes Einzelnen
und zugleich ein wichtiges Medium darstellt, diese Wirklichkeit anderen zu vermitteln, liegt
der Schwerpunkt meiner Fallstudie auf der sprachlichen Analyse des narrativen Interviews.
Die psychologischen, ethnologischen und soziologischen Betrachtungsweisen werden in
Folge dessen vernachlässigt. In diesem Kapitel unter 3.1. wird zunächst das Augenmerk auf
der in der Fallstudie angewandten Methode liegen, dem narrativen Interview. Daraufhin
erfolgen unter 3.2. Informationen zur befragten Person unter 3.3. die Analyse selbst. Die
Fragestellung für die Bearbeitung der Fallstudie ist zweigeteilt: Wo positioniert sich der
Erzähler mit seiner narrativen Identität? Und: Welche sprachlichen Mittel nutzt er, um diese
Identität herzustellen?
Obwohl Deppermann und Lucius-Hoene davon abraten, eine bekannte Person zu befragen,
habe ich einen guten Freund ausgewählt, eine mir sehr nahestehende Person. Umso mehr

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konnte ich aber sichergehen, dass der Befragte genügend narrative Kompetenz besitzt und
emotional belastbar ist. Ich habe B. 1990 in Italien kennengelernt und er ist gemeinsam mit
mir 1994 nach Deutschland eingereist. Ich versuchte, mich als Interviewer so neutral wie
möglich zu verhalten und in der vorliegenden Studie alle mir bekannten Informationen zu
verbalisieren.
Als ich meinen Gesprächspartner um Erlaubnis für das Interview bat, sagte er sofort zu, und
hatte nur leichte Bedenken, als ich nachfragte, ob ich das auch mit einer Videokamera
aufzeichnen könne. Er betonte, dass er am liebsten mit mir allein wäre und nicht darauf
vorbereitet sei, mit anderen Leuten zu diskutieren. Ich beruhigte ihn und erklärte ihm die
Vorgehensweise bei einem narrativen Interview.
3.1.
Die Methode
Die Unterschiede eines narrativen Interviews zu einem journalistischen Interview, so wie wir
es aus vielerlei Medien kennen, sind offensichtlich. Bei einem journalistischen Interview
kennt der Gesprächspartner in der Regel das Thema, zum Teil sogar schon die konkreten
Fragen des Journalisten und kann sich so darauf vorbereiten. Ziel dieser medialen Textform
ist es, einen komplexen Sachverhalt für Laien verständlich zu erklären oder die Meinung des
Gesprächspartners zu einem bestimmten Thema darzustellen. Der Interviewer lenkt die
Unterhaltung in die Richtung, die ihm für die spätere Veröffentlichung als sinnvoll erscheint.
(vgl. Müller-Dofel 2009, 23ff.) Das narrative Interview dagegen sieht für den Interviewer
eine passive Rolle vor. Eine Eingangsfrage, die möglichst offen formuliert ist, soll den
Gesprächspartner dazu animieren, aus dem Stegreif zu erzählen. Dabei steht nicht das
Fachwissen der befragten Person im Vordergrund, sondern das Individuum selbst und seine
subjektiv ausgestalteten biografischen Erlebnisse.
Das Ziel des narrativen Interviews besteht in Folgendem: Im Stegreiferzählvorgang eigener
Ereignisverwicklungen soll in die Gegenwart transportierte Erfahrungsaufschichtung durch
die Dynamik des Erzählvorgangs wieder verflüssigt werden. (Glinka 2016, 11)
Untersucht wird bei der Analyse des narrativen Interviews also keinesfalls die wahre
Identität einer Person, die es als solche in Reinform gar nicht geben kann, weil sie immer,
wie schon oben bereits erwähnt, zunächst das Medium der Person selbst durchläuft.
Vielmehr wird die Konstruktion von Identität im Rahmen des narrativen Vorgangs
betrachtet. Deppermann und Lucius-Hoene sprechen von einer ,,im Prozess des Erzählens
hergestellte[n] Form der Selbstvergewisserung [...], in der sich die autobiografische
Darstellung von Identität mit der performativen und interaktiven Herstellung von Identität
verbindet" (Deppermann/Lucius-Hoene 2004, 10).
Die beiden Sprachwissenschaftler weisen auf die verschiedenen Dimensionen hin, die
narrative Identität erkennbar machen:

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die temporale ,,als Strukturierung und Verknüpfung autobiografischer Erfahrungen
und Sinnstiftungen im zeitlichen Wandel"
die soziale als ,,Positionierungsaktivitäten, Weltkonstruktionen und die Nutzung
kulturell vorgeprägter Muster"
die selbstbezügliche Dimension als ,,explizite, implizite und eigentheoretisch
ausgebaute Selbstcharakterisierungen und autoepistemische Prozesse" (ebd., 75).
Diese Dimensionen sind Ansatzpunkte für die Analyse eines narrativen Interviews, müssen
aber innerhalb des Textes nicht die gleiche Wertung in Bezug auf Qualität und Quantität
erfahren. Ralf Bohnsack dagegen sieht einen der Schwerpunkte der Analyse in der
,,Unterscheidung von narrativen auf der einen und nicht-narrativen, also vor allem:
argumentativen oder evaluativen und theoretischen Textsorten auf der anderen Seite"
(Bohnsack 2014, 96). Folglich muss ein erster Analyseschritt darin bestehen, die Abschnitte
mit den jeweiligen Textsorten herauszuarbeiten. Der zweite sei eine ,,strukturelle inhaltliche
Beschreibung der Darstellungsstücke" (ebd.), der dritte eine durch analytische Abstraktion
erfolgte Auswertung. Den letzten und vierten Schritt der Analyse bezeichnet der Soziologe
Bohnsack als ,,Wissensanalyse" (ebd., 97). Darin werden narrative und nicht-narrative
Abschnitte systematisch interpretiert, und zwar auf ihre ,,Orientierungs-, Verarbeitungs-,
Deutungs-, Selbstdefinitions-, Legitimations-, Ausblendungs- und Verdrängungsfunktion"
(ebd.) hin. In der vorliegenden Fallstudie sollen methodologisch die drei Dimensionen von
Deppermann und Lucius-Hoene mit den vier Analyseschritten von Bohnsack untersucht
werden. Wobei hier angemerkt werden muss, dass die ersten drei Analyseschritte bereits
bei der Auswahl der zu transkribierenden Ausschnitte für die Feinanalyse und bei der
späteren Textarbeit angewandt wurden. Schriftlich dargelegt wird in der Feinanalyse
(Kapitel 3.3.2.) die Wissensanalyse, die in der vorliegenden Fallstudie auf die Bedürfnisse
einer transkulturellen Untersuchung zugeschnitten wird und sich somit auf die
Identitätsherstellung B.s in einer ,diversifizierten` Gesellschaft bezieht.
3.2.
Die befragte Person
Das vorliegende narrative Interview wurde mit einem tunesisch-stämmigen Deutschen
namens B. geführt. Er wurde 1964 in Beja, einer Stadt von ca. 100.000 Einwohnern im
Nordwesten Tunesiens geboren. Er verbrachte einen Teil seiner Jugend bei seiner Tante auf
dem Land, da der Vater früh verstorben und die Mutter mit dem Erziehen und Versorgen
von acht Kindern überfordert war. Um sein Abitur machen zu können, ist er nach Syrien
ausgewandert und hat in Damaskus anschließend Französisch und Philosophie studiert. Aus
politischen Gründen wurde er des Landes verwiesen und ging zurück nach Tunesien. Bald
darauf ist er nach Italien ausgewandert. Dort lernte ich ihn kennen. Er lebt seit 1994 in
Deutschland und hat seit 2009 die deutsche Staatsangehörigkeit. Nach einigen
Gelegenheitsjobs arbeitet er nun schon seit 1996 in einer Plastikfabrik in Staufen, wo er
auch wohnt. Weiterbildungs- oder Fortbildungsmöglichkeiten wurden ihm dort nicht
Ende der Leseprobe aus 29 Seiten

Details

Titel
Identitätsherstellung durch Sprache
Untertitel
Narratives Interview mit einem tunesisch-stämmigen Deutschen
Hochschule
Pädagogische Hochschule Freiburg im Breisgau
Veranstaltung
Transkulturelle Kommunikation
Note
1
Autor
Jahr
2017
Seiten
29
Katalognummer
V387475
ISBN (eBook)
9783668614918
ISBN (Buch)
9783668614925
Dateigröße
669 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
transkulturelle narrative Identität, multikulturelle Biografie, doing culture
Arbeit zitieren
Christiane Oswald (Autor), 2017, Identitätsherstellung durch Sprache, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/387475

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