In der embryonalethischen Diskussion ist die ständige Herausforderung die Frage nach dem moralischen Status des Embryos.
Es sei dahingestellt, ob Embryonen Menschen sind oder nicht. Dass der Embryo uns lebensweltlich nicht so begegnet wie geborene Menschen, ist jedoch weithin unwidersprochen, genauso auch, dass wir traditionell einen anderen Umgang mit Embryonen als mit geborenen Menschen pflegen. Dazu gehört, dass wir die Beendigung des Lebens eines Embryos rechtlich grundsätzlich minder schwer bewerten als die dessen eines geborenen Menschen, aber auch -um ein weniger extremes Beispiel zu geben-, dass es als deutlich ungehöriger gilt, einen Embryo im Mutterleib durch Rauchen zu schädigen als sich selbst oder andere bereits geborene passive Mitraucher.
Wegen dieser anerkannten Andersartigkeit sind zahlreiche Argumente entwickelt worden, um den Status des Embryos zu klären. Der Nutzwert dieser Überlegungen ist einsichtig: Die theoretisch mehr oder weniger unreflektierten Rechtssätze, die das Verhalten unserer Gesellschaft zur Erzeugung, zur Zerstörung und zur Manipulation von Embryonen innerhalb und außerhalb des Mutterleibes regeln, sollen auf eine saubere Basis gestellt werden.
Wenn das Nachdenken über andere Arten von Wesen als die Menschen, die uns lebensweltlich begegnen, in der allgemeinen Moralphilosophie sinnvoll sein kann, dann beim Nachdenken über Embryonen, die selbst schon "etwas anders" sind, der Bezug zu "ganz anderen" Wesen erst recht.
Inhaltsverzeichnis
1 Motivation
1.1 Ansatz
1.2 Sprachregelungen
2 Konzepte von Fremdartigkeit
2.1 Klassische Konzepte immaterieller Wesen
2.1.1 Götter
2.1.2 Engel und Dämonen
2.2 Konzepte materieller Wesen außerhalb der irdischen Evolution
2.2.1 Außerirdisches Leben
2.2.2 »Künstliches Leben«
2.2.3 »Maschinelle Intelligenz«
2.3 Konzepte fremdartiger Wesen aus dem irdischen Evolutionsgang
2.3.1 Nachträglich als mehr als tierisch erkannte Tiere
2.3.2 Modifizierte Tiere
2.3.3 Modifizierte Menschen
3 Argumente und Kriterien
3.1 Speziesargument
3.2 Kontinuumsargument
3.3 Identitätsargument
3.4 Grundsätzliches zu Kontinuität und Identität
3.5 Potenzialitätsargument
3.6 Intelligenz und Vernunft
3.7 Empfindungsfähigkeit
3.7.1 Bloßes Schmerzempfinden
3.7.2 Schmerzäußerung
3.7.3 Schmerz und Schmerzäußerung als Kriterium
3.8 Empathie
3.9 Sprache und Diskursfähigkeit
4 Fazit
4.1 Die Standardargumente
4.2 Weitere Kriterien
4.3 Grundzüge eines minimalen Personenbegriffs
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht den moralischen Status von "fremdartigen Wesen", die weder eindeutig als Mensch, noch als Tier oder Sache klassifiziert werden können. Ziel ist es, auf Basis der Embryonendebatte und philosophischer Gedankenexperimente zu prüfen, welche Kriterien für eine Anerkennung als Person relevant sind.
- Klassifizierung fremdartiger Wesen (immateriell, außerirdisch, modifiziert).
- Kritische Analyse klassischer Argumente (Spezies-, Kontinuums-, Identitäts- und Potenzialitätsargument).
- Bewertung funktionaler Kriterien wie Vernunft, Empfindungsfähigkeit und Diskursfähigkeit.
- Entwicklung eines minimalen Personenbegriffs als ethische Grundlage.
Auszug aus dem Buch
2.2.1 Außerirdisches Leben
Die popkulturellen Klischees von anthropomorphen Außerirdischen mögen darüber hinwegtäuschen, dass es äußerst diskutabel ist, ob und inwiefern höheres Leben, das von einem fremden Evolutionsgang hervorgebracht wird, irgendeine Ähnlichkeit mit irdischem oder gar menschlichem Leben haben muss. Ob Leben überhaupt kohlenwasserstoffbasiert sein muss, ist schon Gegenstand der Diskussion, und selbst auf der Basis von Kohlenwasserstoffen wäre ein biochemisch fundamental unterschiedliches Leben möglich, zum Beispiel mit einer anderen Feingliederung in Zellen und einer anderen Form der Weitergabe von Erbinformation – von einer radikal anderen Anatomie gar nicht zu reden.
Philosophisch wird dies bedeutsam, wenn wir zugestehen, dass die vielleicht völlig andere biologische Existenz fremdartiger Wesen auch völlig andere Arten der Wahrnehmung und damit vielleicht sogar der Erkenntnis bedeuten könnten. Voltaire lässt seinen Sirier Mikromegas »an die tausend Sinne« haben und ihn bedauern, dass der saturnische Akademiker nur deren zweiundsiebzig vorweisen kann. Dementsprechend sieht Mikromegas auch neununddreißig Grundfarben, statt nur sieben wie der Saturnier, und auf dem Sirius sind der Philosophie dreihundert essenzielle Substanzen bekannt, nicht nur dreißig wie auf dem Saturn. Kant bleibt hier etwas konservativer, vermutet aber bei den etwaigen Bewohnern der Gasriesen einen Bau »leichterer und feinerer Art« und eine größere »Elastizität ihrer Fasern« sowie entsprechend der schnelleren Eigenrotation ihrer Heimatplaneten andere Zeitwahrnehmung, was ihn insgesamt darauf schließen lässt, dass die intellektuelle und moralische Vollkommenheit der Bewohner eines Sternensystems von innen nach außen zunehmen muss.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Motivation: Einführung in die Problematik des moralischen Status fremdartiger Wesen und Erläuterung des gewählten Ansatzes.
2 Konzepte von Fremdartigkeit: Entwicklung eines Katalogs möglicher fremdartiger Wesen, unterteilt in immaterielle, außerirdische und irdisch modifizierte Entitäten.
3 Argumente und Kriterien: Untersuchung zentraler philosophischer Argumente (Spezies, Kontinuität, Identität, Potenzialität) sowie funktionaler Kriterien wie Vernunft und Empfindungsfähigkeit.
4 Fazit: Zusammenfassende Bewertung der Kriterien und Entwurf eines minimalen Personenbegriffs, der als Orientierung für den Umgang mit fremdartigen Wesen dienen kann.
Schlüsselwörter
Moralischer Status, Fremdartige Wesen, Personenbegriff, Speziesargument, Kontinuumsargument, Identitätsargument, Potenzialitätsargument, Vernunft, Empfindungsfähigkeit, Schmerzempfinden, Empathie, Diskursfähigkeit, Bioethik, Transhumanismus, Posthumanismus
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert, unter welchen Voraussetzungen fremdartige Wesen, die außerhalb traditioneller Kategorien wie "Mensch" oder "Tier" stehen, moralisch als Personen anerkannt werden können.
Welche zentralen Themenfelder werden abgedeckt?
Die Arbeit verknüpft Fragen der Embryonenethik mit spekulativen Szenarien aus Philosophie und Science Fiction, um Kriterien für den moralischen Status zu evaluieren.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist die Erarbeitung eines robusten, minimalen Personenbegriffs, der auf verschiedene Arten von Wesen angewendet werden kann.
Welche wissenschaftliche Methode wird primär verwendet?
Der Autor nutzt die kritische Analyse und Prüfung klassischer philosophischer Standardargumente (z.B. das Speziesargument) sowie die Anwendung dieser auf hypothetische und technologisch erzeugte Wesen.
Was behandelt der Hauptteil der Arbeit?
Der Hauptteil gliedert sich in eine Kategorisierung fremdartiger Wesen und eine ausführliche Prüfung ethischer Kriterien, von der Identitätsfrage bis hin zur Diskursfähigkeit.
Welche Schlagworte charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Personenstatus, Moral, Bioethik, Künstliche Intelligenz, Modifikation und die philosophische Abgrenzung von Subjekt und Objekt.
Warum ist das Speziesargument laut dem Autor für die Arbeit problematisch?
Der Autor hält das Speziesargument für zu "schwammig" und biologisch determiniert, da es nicht alle Wesen erfassen kann, die wir intuitiv als schützenswert oder personengleich betrachten würden.
Welche Rolle spielt die Schmerzempfindung bei der Statusbestimmung?
Obwohl Empfindungsfähigkeit ein starkes Argument ist, zeigt der Autor auf, dass sie bei fremdartigen Wesen schwierig zu verifizieren ist, da wir oft nur auf äußere Reaktionen oder Baupläne angewiesen sind.
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- Matthias Warkus (Author), 2005, Nicht Mensch, nicht Tier, nicht Sache. Zum moralischen Status fremdartiger Wesen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/38752