Der Spielfilm des ‚Dritten Reichs‘ war nie ein reines Propagandaprodukt. Die Filmproduktion folgte auch bestehenden Konventionen und Kontinuitäten der Branche, Gewohnheiten des Publikums und Anforderungen, die sich aus der internationalen Konkurrenz ergaben, vor allem der zu Hollywood. Die Inhalte wurden ebenfalls von einer Vielzahl von Faktoren bestimmt, kommerziellen Interessen ebenso wie künstlerischen Ambitionen und politischen Erwägungen in einer Gesellschaft, die auch ohne Demokratie noch heterogen und voller Bruchlinien war.
In dieser spannungsreichen Situation stand der Film vor einer Aufgabe, die sich speziell aus dem Nationalsozialismus ergab. Die NSDAP war mit dem Versprechen angetreten, ein System zu errichten, das die Widersprüche der Moderne überwinden könne. Der soziale Klassenkonflikt und die Frage nach der Rolle der Frau, die die Weimarer Republik beschäftigt und gespalten hatten, galten als gelöst, Konservative und Modernisierer als versöhnt. Der Spielfilm sollte nun Geschichten erzählen, die dieser imaginierten Harmonie Ausdruck verleihen und gleichzeitig das Publikum begeistern konnten.
Um das Problemfeld abzustecken, wird im Theorieteil dieser Arbeit auf einige mechanistische und organologische Konzeptionen von Gesellschaft eingegangen – zwei Diskursfelder, die in einem dialektischen Verhältnis zueinander stehen. Der Hauptteil untersucht fünf Filme aus der NS-Zeit, vier Liebeskomödien und einen Kriegsfilm, die Probleme und Unsicherheiten der Bevölkerung aufgriffen und versuchten, Antworten auf offene Fragen zu liefern. Widersprüchliche Gesellschafts- und Menschenbilder mussten zumindest oberflächlich in Einklang gebracht werden, um die nationalsozialistische Gegenwart als ‚alternative Moderne‘ darzustellen, in der technologischer Fortschritt und traditionelle Werte friedlich koexistieren können.
In einem Exkurs wird zudem Fritz Langs Film Metropolis untersucht, der bereits 1927 den Versuch einer Harmonisierung von zwei gegensätzlichen Vorstellungen von Moderne unternahm.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Theorieteil: Die zwei Modernen
2.1 Organismus und Maschine
2.2 Die Suche nach Heimat im frühen 20.Jahrhundert
2.3 Die Maschine als autoritäre Versuchung
2.3.1 Der Futurismus
2.3.2 Ernst Jünger
2.3.3 Von der Modernefeindlichkeit zur ‚alternativen Moderne‘
3. Exkurs: Fritz Langs Metropolis (1927)
4. Hauptteil: Versuche der Harmonisierung im NS-Spielfilm
4.1 Urlaub auf Ehrenwort (1938)
4.2 Wunschkonzert (1940)
4.3 Die große Liebe (1942)
4.4 Zwei in einer großen Stadt (1942)
4.5 Großstadtmelodie (1943)
5. Schluss
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht, wie der nationalsozialistische Spielfilm versuchte, die Spannungen zwischen mechanistischer Moderne und organologischer Gesellschaftsvorstellung durch die Konstruktion einer „alternativen Moderne“ aufzulösen und das Publikum ideologisch zu binden.
- Die Dialektik von Organismus und Maschine als gesellschaftliche Konzeption.
- Die Rolle der Heimat- und Ständegesellschaft als organischer Gegenentwurf zur liberalen Moderne.
- Die Analyse der Harmonisierungsbemühungen in fünf ausgewählten NS-Spielfilmen.
- Die Funktion von Identifikationsfiguren und Technikinszenierungen im Propagandakontext.
- Die mediale Wirkung und Rezeption des NS-Spielfilms im Spiegel der Kulturkritik.
Auszug aus dem Buch
3. Exkurs: Fritz Langs Metropolis (1927)
Der genreprägende Science-Fiction-Film zeigt eine Stadt der Zukunft, in der der Takt der Maschinen das Leben der Menschen vollends bestimmt. Der Industrielle Joh Fredersen (Alfred Abel) beherrscht diese Welt mithilfe der Technologie. Die Söhne der Oberschicht genießen ein exzessives Leben ohne Verpflichtungen, während die Masse der Arbeiter freudlos unter Tage darben muss. In Katakomben predigt die Prophetin Maria (Brigitte Helm) eine harmonische Vereinigung von ‚Kopf‘ und ‚Hand‘. Ingenieure und Industrieproletarier sollen durch die Vermittlung des ‚Herzens‘ zueinander finden. Der Klassenkonflikt soll sich durch Liebe in Wohlgefallen auflösen.
Als Fritz Langs Metropolis am 10. Januar 1927 in Berlin Premiere feierte, berichteten alle Zeitungen der Hauptstadt darüber. Das Mammutprojekt der Universal Film AG (Ufa) war der erste Film Fritz Langs nach seinem zweiteiligen Epos Die Nibelungen (1924) und sollte Hollywood-Blockbustern wie The Thief of Baghdad (1924) oder Ben Hur (1925) auf dem internationalen Markt die Stirn bieten. Die Berliner Illustrierte Zeitung hatte den gleichnamigen Roman der Drehbuchautorin Thea von Harbou vorab veröffentlicht (der damaligen Ehefrau Langs).
In der von Harbou und Lang erschaffenen Welt erscheint die Technologie als Mittel der Unterdrückung. Der arbeitende Mensch ist zum ersetzbaren Maschinenteil geworden. Die zehnstündige Schicht strukturiert seinen Tag. Freder (Gustav Fröhlich), der Sohn des Herrschers, durchleidet freiwillig eine solche Arbeitsschicht am eigenen Leibe und qualifiziert sich dadurch zur christlich aufgeladenen Erlöserfigur (‚Herz‘). Der Alchimist Rotwang (Rudolf Klein-Rogge) schafft im Auftrage Joh Fredersens einen weiblichen ‚Maschinenmenschen‘, der wie Maria aussieht.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in die Problematik des NS-Films als Instrument zur Überwindung der Widersprüche der Moderne durch die Konstruktion einer harmonischen „alternativen Moderne“.
2. Theorieteil: Die zwei Modernen: Erläuterung der dualistischen gesellschaftlichen Diskurse zwischen mechanistischem Fortschritt und organologischem, konservativ-romantischem Weltbild.
3. Exkurs: Fritz Langs Metropolis (1927): Analyse des Films als Vorläufer und Kontrastfolie für die nationalsozialistische Harmonisierungsideologie von Kopf, Hand und Herz.
4. Hauptteil: Versuche der Harmonisierung im NS-Spielfilm: Untersuchung konkreter Filme wie Urlaub auf Ehrenwort, Wunschkonzert, Die große Liebe, Zwei in einer großen Stadt und Großstadtmelodie hinsichtlich ihrer ideologischen Integrationsleistung.
5. Schluss: Zusammenfassende Betrachtung der propagandistischen Strategien zur Mobilisierung der Massen und der Rolle des Kinos als „Scheinwelt“.
Schlüsselwörter
Nationalsozialismus, Spielfilm, Propaganda, alternative Moderne, Organismus, Maschine, Volksgemeinschaft, Metropolis, NS-Unterhaltungsfilm, Heimatfront, Ideologie, Technikbegeisterung, Moderne, Kulturindustrie, Harmonisierung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht, wie Filme des Nationalsozialismus versuchten, gesellschaftliche Widersprüche zu glätten, indem sie eine „alternative Moderne“ konstruierten, in der technischer Fortschritt und traditionelle Werte harmonisch koexistieren.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Zu den zentralen Themen gehören das mechanistische versus das organologische Weltbild, die Rolle der Heimat, die Inszenierung von Technik als autoritäre Versuchung und die spezifische ideologische Funktion von Unterhaltungsfilmen.
Welches primäre Ziel verfolgt die Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es aufzuzeigen, wie NS-Spielfilme als Instrumente der subtilen Propaganda fungierten, um die Bevölkerung ideologisch zu binden und bestehende gesellschaftliche Bruchlinien durch das Ideal der Volksgemeinschaft zu überdecken.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden angewandt?
Die Arbeit basiert auf einer filmwissenschaftlichen und kulturgeschichtlichen Analyse, die den Filmkontext mit soziologischen Theorien (u.a. von Horkheimer, Adorno und Mannheim) verknüpft.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden fünf spezifische Spielfilme – Urlaub auf Ehrenwort, Wunschkonzert, Die große Liebe, Zwei in einer großen Stadt und Großstadtmelodie – detailliert analysiert, um ihre jeweils spezifischen Harmonisierungsstrategien darzulegen.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit ist durch Begriffe wie Organismus, Maschine, Volksgemeinschaft, alternative Moderne und NS-Propaganda geprägt.
Wie spielt die Architektur in Metropolis eine Rolle für die These des Autors?
Die vertikale Architektur in Metropolis symbolisiert die soziale Hierarchie, wobei moderne Gebäude für autoritäre Kontrolle stehen, während organisch wirkende Katakomben als Orte der Mystik und des Widerstands gegen die rationale Ordnung fungieren.
Warum wird der Film „Großstadtmelodie“ als besonders relevant für die These über die „alternative Moderne“ eingestuft?
Der Film zeigt den Versuch, das völkische „Blut-und-Boden“-Ideal nicht als Gegensatz, sondern als komplementär zur technisierten Moderne darzustellen, was den zentralen propagandistischen Wunsch nach einer harmonischen Synthese der Ideologien verdeutlicht.
- Arbeit zitieren
- Christoph Kluge (Autor:in), 2017, Organismus und Maschine. Zwei Gesichter der Moderne, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/387605