Kants Terminus des Weltbürgertums. Ein infantiles Postulat oder eine realistische Idee?


Essay, 2017

10 Seiten, Note: 2,7


Leseprobe

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In seiner Anthropologie schreibt Kant, daß ein Weltbürger die Welt als
Einsasse betrachten muß, nicht als Fremdling. "Nicht Weltbeschauer sondern
Weltbürger sein."
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In dieser Aussage läßt sich die Aktivität des letzteren herauslesen. Statt
jemand, der die Welt lediglich betrachtet, muß der Weltbürger, der sich davon
nach Kant unterscheidet, die Welt aktiv gestalten. Ebenso läßt sich daraus,
Verantwortung ablesen, die einem Weltbürger zugeschrieben wird, der gerade
kein Fremdling ist. Dies muß einen bestimmten Grad an Aufklärung
voraussetzen, ein Wissen, auf das zurückgegriffen werden kann, um
Verantwortung überhaupt erst zu ermöglichen. Ein Bürger muß über seine
Rechte und Pflichten in Kenntnis sein, muß aber darüber hinaus auch über
moralisches Wissen verfügen, weil er sonst nur ein gesetzlicher Bürger, aber
eben immer noch ein Fremdling, ein nicht ganz in die Gesellschaft integrierter
Bürger wäre.
Zudem gilt für Kant, der mit seinem Wahlspruch 'Sapre aude!'
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die Aufklärung
einleitete, das 'Selber Denken' an oberster Stelle der Bedeutsamkeit bei einem
Menschen. Bürger die nicht selber denken, seien solche die mittels Geld aus
Bequemlichkeit diese Tätigkeit umgehen oder jene, die aus Angst selber zu
denken, lieber den konservativen Überzeugungen der Gesellschaft folgen.
Dieser polemische Angriff in seinem Aufsatz "Was ist Aufklärung" ist auch als
Aufforderung aufzufassen, als Bürger nicht nur den Gesetzespflichten
nachzukommen, sondern darüber hinaus, seinen eigenen Verstand für
Überlegungen zu verwenden. Dies wird bei Kant nicht explizit von einem
Bürger oder Weltbürger erwartet, sondern generell von einem Menschen
gefordert, der für Kant das "Letztziel der Welt"
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ist, also für Fortschritt
schlechthin steht. Ein Weltbürger muß darüber hinaus in der Lage sein, das
gesellschaftliche Toleranz- und Gerechtigkeitsempfinden aus dem eigenen
Staate, auf die ganze Welt auszudehnen. Etwa wie der Humanist Lew
Kopelew, der auch, aufgrund seiner Bemühungen als Dolmetscher zwischen
den Nationen, als Weltbürger bezeichnet wird.
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Dieser muß also die Fähigkeit
besitzen, beim Gewahrwerden verschiedener Völker, sie dennoch alle als
gleiche Menschen wahrzunehmen und anzuerkennen. Sein menschlicher
Gerechtigkeitssinn darf nicht an der differenziellen geographischen Herkunft
und der damit einhergehenden verschiedenen Lebensarten der Menschen

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gebunden sein. Die Eigenschaften des Weltbürgers oder auch Kosmopolit,
setzen sich demnach, neben dem ihm bekannten Rechten und Pflichten als
Staats- und Weltbürger, aus Veranwortungsbereitschaft, Tendenz zur Aktivität,
Selber Denken und Weltoffenheit zusammen.
In dem Online Magazin Nano wird das Welbürgertum als eine revolutionäre
Idee Kants gehandelt, dessen Ziel es ist, daß gleiche Rechte für alle Bewohner
dieses Planeten gelten.
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So würden zum ersten Mal in der Geschichte, Inländer und Ausländer unter
rechtlicher Perspektive gleichgestellt, schreibt Robert Leicht in einem Artikel
der Zeit.
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Seit der Gründung der Vereinten Nationen und ihrer zumindestens auf dem
Papier festgeschriebenen Menschenrechte, ist eine Weltgemeinschaft
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, um den
Terminus von dem Professor Julian Nida-Rümelin zu verwenden, vom
menschlichen Verstande aus in Reichweite gerückt. Umsetzbar wird er dadurch
jedoch noch nicht. Eine Weltgemeinschaft hat die Bedingung, daß jeder
einzelne ihrer Bürger aufgeklärt ist.
Für den Philosophen Anthony Appiah gehört dazu vor allem "der Gedanke,
daß wir Pflichten gegenüber anderen Menschen haben, die über
Blutsverwandtschaft und Staatsbürgerschaft hinausgehen" sowie wir "den Wert
des einzelnen menschlichen Lebens (S. 13)"
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Bedeutung zumeßen müßen. Dies
muß ein gesundes Bewußtsein unserer Selbst und eine Bereitschaft zu lernen
voraussetzen, damit wir in unserer Erfahrung, Pflichten gegenüber anderen zu
haben, wahrnehmen. Appiah schreibt "Der Kosmopolit weiß: Die Menschen
sind verschieden, und wir können viel aus diesen Unterschieden lernen (S.
13)."
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Dies muß den 'guten Willen' von Kant's Metaphysik der Sitten
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bedingen: Die Bereitschaft seinen guten Willen einzusetzen, zum Beispiel in
Form einer Pflicht anderen zu helfen. Toleranz und Akzeptanz sind also von
nöten, um als Weltbürger andere Weltbürger mit gleichen Rechten ausgestattet
anzuerkennen und zu würdigen. Für eine Weltgemeinschaft ist daher vor allem
Weltoffenheit essentiel.
Kant schreibt bei der Annäherung an eine weltbürgerliche Verfassung in seiner
Friedensschrift davon, daß eine "Rechtsverletzung an einem Platz der Erde [...]

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an allen gefühlt (S.32)"
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wird. Die Weltgemeinschaft, die ihm vorschwebt, ist
daher von gegenseitiger Achtung geprägt und im weitesten Sinne auch eine
Frage der Identität.
In seinem Aufsatz "Idee zu einer allgemeinen Geschichte in weltbürgerlicher
Absicht", den Kant noch 11 Jahre vor der Friedenschrift verfasste, geht er
davon aus, daß die Geschichte der Menschheit nach einem bestimmten Plane
der Natur verlaufe.
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Der Natur ist also letzlich daran gelegen, daß wir einen
weltbürgerlichen Zustand unter den Menschen etablieren.
Der Widerstand, den die Natur in uns provoziert oder herausfordert, ist am
Ende Ursache einer gesetzmäßigen Ordnung, wie es aus Kants vierten Satz
dieses Aufsatzes hervorgeht.
Zunächst bescherrt sie uns oft Leid. Direkt den Weg der Vernunft
einzuschlagen, wäre Kant zufolge, demnach der Zeitsparsamste und auch
klügere, weil von Weisheit getragener Weg (S. 130)
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. Jedoch müßten wir der
Natur für ihre Unverträglichkeit danken (4. Satz)
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, da nur jener Widerstand,
den sie in uns auslöst, alle Kräft des Menschen erwecken würde. In Bezug auf
das Weltbürgerrecht, muß das bedeuten, daß uns die politische und soziale
Situation eines Landes so sehr zu Mißfallen anregt, daß unser Wiederstand
groß genug ist, um uns aus der Reserve zu locken, damit wir 'endlich'
pflichtgemäß handeln. Demnach würde das Weltbürgerrecht vorrangig als eine
Nebenbilanz erscheinen, die auf sich alleine gestellt, unbedeutend gesehen
wird, da sie auf zweifelhaften Motiven versucht wird in die Wege zu leiten.
Wie kann jedoch bei solch einem Vorhaben, daß aus Entrüstung heraus
geschieht, ein kluges, neutrales Handlungsmotiv bestehen? Fraglich ist, ob ein
objektiver Standpunkt zu Beginn einer solchen Handlung eingenommen
werden kann und ob dies nicht ein Hindernis für eine gelingende Umsetzung
des Weltbürgerrechtes wäre. Wenn die Natur, die Menschen dazu anregt
Kriege zu führen und daß, dennoch wie Reinhardt Brandt schreibt "Der
Geschichtsprozess im Ganzen sich nicht um Moral und Unmoral kümmert,
sondern, die Menschheit in eine Parallelaktion zum gesollten moralischen Ziel
führt (S. 104)."
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, sie also über Umwegen auch zum Weltbürgerrecht lenkt, so
laßen sich natürlich diese Umwege hinterfragen.

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Kant plädiert schon in seiner Anthropologie dafür, daß der Mensch erkennt,
daß die Natur mit ihm spielt (S. 221)
1
, er sich ihr also mittels seiner Vernunft
entgegenzustellen hat. Diese würde vermutlich die Umwege der Natur zum
Weltbürgerrecht oder gänzlich zum 'ewigen Frieden' verkürzen.
Das Motiv muß deshalb entscheidend sein, weil der Handelnde nur über ein
mit ihm selbst verbundenes Motiv ein authentisches Bild seiner Selbst abliefern
kann, was wiederrum wichtig für einen einwandfreien Gebrauch seiner
Vernunft ist (§ 4)
1
, die nach Kant unbedingt erforderlich ist, um sich dem
Weltbürgerrecht anzunähern.
Ein Weltstaat 'Kosmopolis', der Friede als ein Grundbedürfnis versteht, somit
als höchstes Ideal, das immerfort angestrebt wird, muß diesen Frieden für alle
Einzelstaaten gleichermaßen ermöglichen. Zugleich müßen diese Einzelstaaten
jedoch auch die gleichen Werte teilen, damit sie dieses gemeinsame Ziel, den
'ewigen Frieden' überhaupt verfolgen. Aufgrund eines vorhandenen Spielraums
zwischen dem Weltstaat, als oberste Organisation und den vielen Einzelstaaten,
die nach Kant souverän sein sollen, sind Komplikationen in dieser Beziehung
nicht ganz von der Hand zu weisen. Eine fehlende Kontrallinstanz sei hier
erwähnt, die möglichen Machtmißbrauch verhindert und den weiteren Ausbau
des Weltbürgerrechts, der wohl nur sukzessiv erfolgen kann wie die Erfahrung
zeigt, vorantreibt. Darüber hinaus, ist dem Hospitalitätsrecht (S. 28)
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von Kant,
ein gemeinsamer Konsens der Menschen als Vorraussetzung zu ergänzen, die
nicht als eine unproblematische Hürde gesehen werden kann. Selbst wenn da
Hospitalitätsrecht gesetzliche Anwendung findet, wofür bereits Einigung unter
den Gesetzesgebern vorliegen muß, bedarf es der Zustimmung der Bürger, die
sich daran halten sollen.
All das, würde darauf hinweisen, daß es Schwierigkeiten in der praktischen
Umsetzung des von Kant's gedachten 'Weltbürgerstaat' gebe.
Die Kolonialisierungskritik in seiner Friedenschrift, kann wohl sehr gut die
heutige Situation zwischen Industrieland und Entwicklungsland, die
Ausbeutung von deren Ressourcen, beschreiben. Jene Kritik nutzt Kant in
seinem Dritten Definitivartikel als Beispiel eines inhospitalem Verhalten, das
der Annäherung einer weltbürgerlichen Verfassung entgegensteht. Auch der
Ende der Leseprobe aus 10 Seiten

Details

Titel
Kants Terminus des Weltbürgertums. Ein infantiles Postulat oder eine realistische Idee?
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München
Note
2,7
Autor
Jahr
2017
Seiten
10
Katalognummer
V387714
ISBN (eBook)
9783668621268
ISBN (Buch)
9783668621275
Dateigröße
426 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kant, Weltbürgertum
Arbeit zitieren
Sarah Jungnitz (Autor), 2017, Kants Terminus des Weltbürgertums. Ein infantiles Postulat oder eine realistische Idee?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/387714

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