Der Mythos Arminius. Von antiken Quellen bis zur "Hermannsschlacht" von Heinrich von Kleist


Bachelorarbeit, 2016

35 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1
2. Arminius und die Germanen in den antiken Quellen. . . . . . . . . . . . . 2
3. Die Wiederentdeckung der Quellen und der Mythos um Arminius. . . . . . . 8
4. Über die Entstehung des Dramas ,,Die Hermannsschlacht" von
Heinrich von Kleist und ihre politische Bedeutung. . . . . . . . . . . . . 11
5. Das Drama im Kontext von Krieg und Befreiung und
die Formierungsphase der Nationalbewegung . . . . . . . . . . . . . . 18
6. Die Rezeption des Dramas im Kontext der Reichsgründung und
in den Jahren nach 1871 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 23
7. Schlussbetrachtung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 27
8. Quellen- und Literaturverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 31

Einleitung
Mehr als 2000 Jahre sind seit der legendären Varusschlacht des Jahres 9 n. Chr. vergangen. In ihr
soll der Cheruskerfürst Arminius drei römische Legionen unter der Führung des Publius Quinctilius
Varus besiegt haben. Nicht nur der Mythos um die Schlacht, sondern auch jener um die Person des
Arminius, überlebte die vielen Jahrhunderte und wirkt bis in die Gegenwart. Im Laufe der
Jahrhunderte ist durch zahlreiche Verarbeitungen des Stoffes ein Gesamtbild jener Ereignisse im
Teutoburger Wald entstanden, welches sich vermutlich stark von den tatsächlichen Ereignissen
abhebt. Aufgrund der Komplexität der Thematik kann sich dieses Umstandes nicht in Gänze
gewidmet werden. Der Fokus dieser Untersuchung wird deshalb auf dem Mythos um Arminius
liegen, wobei die Schlacht selbst von untergeordnetem Interesse sein wird. Herausgearbeitet werden
sollen wesentliche Etappen in der Verarbeitung des Erzählstoffes. Eine Untersuchung der
Darstellung des Arminius in den antiken Quellen wird hierbei von elementarer Bedeutung sein. Die
Frage, inwieweit der Mythos im 19. Jahrhundert zur Entwicklung eines nationalen Bewusstseins
beigetragen hat und ob er tatsächlich als Gründungsmythos Deutschlands fungierte, stellt den Kern
dieser Arbeit dar. Am Beispiel des Dramas ,,Die Hermannsschlacht" von Heinrich von Kleist soll
erforscht werden, auf welche Weise und mit welchen Motiven der Mythos literarisch verarbeitet
wurde. Die Untersuchung des Dramas, vor allem in Hinsicht auf die Wirkung im 19. Jahrhundert,
soll folglich der zweite wesentliche Untersuchungsaspekt sein.
Das Besondere dieser Forschungsarbeit wird es somit sein, dass es sich bei dieser zwar um eine
geschichtswissenschaftliche Arbeit handelt, es jedoch häufig zu fachlichen Überschneidungen mit
den Forschungsbereichen der Literaturwissenschaft und der Literaturgeschichte kommen wird. Die
Frage nach der Verbindung von Literatur und historischer Entwicklung wird somit charakteristisch
für diese Arbeit sein.
Um das Vorhaben so übersichtlich und transparent wie möglich zu gestalten und sich der konkreten
Fragestellung so gut wie möglich anzunähern, wird die Argumentation chronologisch aufgebaut
sein. Mit der Darstellung der Quellenlage soll hierbei begonnen werden.
Thematisiert werden einige ausgewählte Quellen, auf die sich die Erzählung stützt. Die lange
Tradition der Hermannserzählung soll möglichst überschaubar dargestellt werden, um das
Verständnis für die Quellenlage zu Beginn des 19. Jahrhunderts zu garantieren. Das
Wiederaufgreifen des Stoffes durch die Humanisten und die Bedeutung dieser Verarbeitungsetappe
sollen herausgestellt werden.
In einem weiteren Schritt sollen die Verwendung des Erzählstoffes durch Kleist und die damit
1

verbundenen Intentionen thematisiert werden. Eine Darstellung der grundlegenden
interpretatorischen Ansätze, die im Kontext der Fragestellung relevant erscheinen, soll im
Anschluss daran erfolgen. Die im Drama verarbeiteten antiken Elementen sollen aufgedeckt und
hinterfragt werden. Um die Gründe und Motive zu verstehen, aus welchen heraus der Schriftsteller
,,Die Hermannsschlacht" schrieb, soll auf relevante biographische Aspekte eingegangen werden.
Die politischen Geschehnisse, welche sowohl die Entstehung des Dramas als auch die Rezeption
stark beeinflussten, sollen ausführlich geschildert werden. Von Interesse wird dabei insbesondere
sein, inwiefern die Verarbeitung des Hermannsmythos in Abhängigkeit zu den politischen
Geschehnissen des 19. Jahrhunderts stand, beziehungsweise wie diese die Rezeption des Dramas
beeinflussten. Herausgestellt werden sollen die Stimmung, die Emotionen und die Erwartungen der
Menschen jener Zeit. Um dies so konkret wie möglich umzusetzen, wird dem Vorhaben eine
Analyse der sich verändernden Rezeption des Dramas zugrunde liegen. Etwaige Wechselwirkungen
zwischen der Kultur, exemplarisch durch das Drama vertreten und der Politik jener Zeit, können so
aufgezeigt werden.
In einem abschließenden Kapitel sollen die wesentlichen Erkenntnisse der Untersuchung noch
einmal rekapituliert werden, wobei auch die Umsetzung des Vorhabens reflektiert werden soll.
Arminius und die Germanen in den antiken Quellen
In Vorbereitung auf die die Auseinandersetzung mit dem Drama ,,Die Hermannsschlacht" von
Heinrich von Kleist sollen in einem ersten Schritt frühere Quellen dargestellt werden, die die
Hermannsschlacht thematisierten. Da es zur Zeit der Hermannsschlacht und auch in den
darauffolgenden Jahrhunderten keine ausgeprägte Schriftkultur bei den germanischen Stämmen
gab, handelt es sich bei den antiken Quellen ausschließlich um römische Darstellungen. So findet
sich die Gestalt des Hermann, der Fürst der Cherusker und Held der Schlacht im Teutoburger Wald
des Jahres 9 n. Chr. in den Quellen unter dem lateinischen Namen Arminius.
Der deutsche Name ,,Hermann" entstand erst mit dem Wiederaufgreifen des Stoffes im Umfeld von
Martin Luther um 1530. Der Name ,,Hermannsschlacht" ist im Kontext der Darstellungen antiker
Überlieferungen somit irreführend.
Durch die Betrachtung antiker Quellen soll sich der Frage angenähert werden, welche Zuschreibun-
gen der Person des Arminius historisch fundiert sind und welche im Kontext der frühneuzeitlichen
Entwicklungen zu verstehen sind. Zu diesen zählen die Werke der Geschichtsschreiber Velleius Pa-
terculus (ca. 20 v. Chr.-30 n. Chr.), Lucius Cassius Dio Cocceianus (ca. 163-229 n. Chr.) und auch
2

Publius Cornelius Tacitus (ca. 58-120 n. Chr.), in denen man sowohl Informationen über die
Schlacht im Teutoburger Wald und deren Kontext als auch über den Protagonisten finden kann. Die
bedeutendsten Werke, die im Rahmen dieser Forschungsarbeit betrachtet werden sollen, sind die
,,Germania" und die ,,Annalen" des Tacitus, die ,,Römische Geschichte" des Cassius Dio und das
gleichnamige Werk des Velleius Paterculus. Da zwischen der Schlacht im Jahre 9 n. Chr. und den
Entstehungszeiten der jeweiligen Abhandlungen teils erhebliche zeitliche Abstände liegen, ist die
Frage nach den Quellen, derer sich die Autoren selbst bedienten, von großem Interesse. Leider kön-
nen darüber an vielen Stellen nur Mutmaßungen angestellt werden. Als Tacitus die aus heutiger
Sicht zu den bedeutendsten Quellen gehörende ,,Germania" verfasste, tat er dies mit hoher Wahr-
scheinlich nicht als Augenzeuge. Da die Germania weder ein Vorwort noch einen Schlussteil bein-
haltet, bleibt der persönliche Bezug des Autors zu seinem Thema weitestgehend verborgen. Gering
ist die Wahrscheinlichkeit, dass der römische Senator und Historiker jemals die Alpen überquert hat.
Vielmehr habe er aus zahlreichen literarischen Quellen, Berichten von Kaufleuten und Soldaten ge-
schöpft, die besagtes Gebiet nördlich der Alpen tatsächlich durchquerten.
1
Tacitus bediente sich allerdings nicht nur dieser Berichte. Mit seinem Werk reihte er sich vielmehr
in die ethnographische Tradition der griechischen und römischen Geschichtsschreibung ein, die ein
stereotypes Bild jener Bewohner des Nordens erzeugten und verbreiteten. So wirkt die Germania
,,wie ein Mosaik griechischer und römischer Klischees"
2
. Geschrieben wurde das Werk nicht von
einem gelehrten Ethnographen, der ein wissenschaftliches Interesse verfolgte, sondern von einem
römischen Senator und Historiker.
Fragt man nach der Absicht, mit welcher Tacitus die Germania verfasste, so sind verschiedene Mög-
lichkeiten denkbar. In der Geschichtswissenschaft gab und gibt es unterschiedliche Auffassungen
davon, wobei sich die zahlreichen Interpretationsversuche sowohl durch Gemeinsamkeiten als auch
durch Abweichungen auszeichnen. Anhand dieser Deutungstheorien kann gut nachvollzogen wer-
den, wie vielschichtig die Germania des Tacitus ist. Es erscheint sinnvoll, im Rahmen dieser Haus-
arbeit auf die Komplexität dieses Werkes aufmerksam zu machen, wobei es nicht das Ziel ist, sich
einer der Theorien anzuschließen. Vielmehr soll veranschaulicht werden, dass es keine allgemein-
gültige Deutung gibt, was für den zweiten Teil der Arbeit besonders relevant ist.
Die im Rahmen der Geschichtswissenschaft entstandenen Interpretationsversuche reichen bis zu
Theodor Mommsen zurück. Dieser war der Auffassung, die Schrift sei eine rein geographische Ab-
handlung und von Tacitus als Vorarbeit für seine ,,Historien" geplant. Mommsen mache jedoch zu-
gleich deutlich, dass er sich des ethnographischen Charakters des Werkes bewusst ist. Gegen die
1
Vgl. Krebs, Christopher: Buch, 2012, Seite 47.
2
Ebd.
3

Annahme, die Germania sei nur ein ergänzendes Element, würden die verschiedenen Germanenbil-
der in der Germania und den Historien sprechen.
3
Verbreitung fand ebenfalls die sogenannte ,,Sit-
tenspiegeltheorie". Annahme dieser Theorie ist, dass Tacitus mit der Germania aufzeigen wollte,
wie verdorben die römische Gesellschaft gewesen sei. Als positives Gegenbild dient hierbei die
durch Ursprünglichkeit geprägte germanische Gemeinschaft. So würden beispielsweise germani-
sche Tapferkeit oder auch Ritterlichkeit gegenüber den Frauen als mahnende Beispiele für das ver-
meintlich verdorbene römische Volk dienen. Das Aufzeigen der noblen und einfachen germanischen
Lebensweise wäre somit das Mittel des Tacitus, eine Moralisierung der Römer einzuleiten. Als Ver-
treter dieser Theorie ist Alexander Riese zu nennen, der die Germania in die ,,Tradition der Nord-
völkeridealisierung"
4
stellte. Tacitus habe mit der Germania Zeitkritik geübt. So veranlassten ihn
,,die Unbefriedigtheit mit den römischen Verhältnissen, die Knechtschaft der Kaiserzeit (und) das
Unbehagliche der Uebercultur"
5
dazu, ein Gegenbild aufzuzeigen, Dieses erschöpfe sich in ,,Glück,
der Freiheit (und) dem naturgemässen Leben der Germanen"
6
.
Grundlage der Theorie ist folglich, dass Tacitus die Germanen rein positiv konnotiert. Sowohl diese
Annahme als auch die ,,Sittenspiegeltheorie" allgemein können anhand zahlreicher Textstellen wi-
derlegt werden. So berichtet Tacitus nicht ausschließlich von freiheitsliebenden und noblen Men-
schen, sondern auch von Trunksucht
7
, Faulheit
8
und Spielleidenschaft
9
.
Eine weitere Absicht, die der Germania unterstellt wird, ist die Annahme, dass Tacitus mit ihr auf
eine Bedrohung durch die germanischen Stämme aufmerksam machen wollte. Diese Theorie be-
trachtet die Germania vor allem in ihrer politischen Dimension. Der zähe Widerstand der Germanen
gegenüber dem römischen Militär und die andauernden Konflikte mit einzelnen Stämmen hätten
den Verfasser dazu veranlasst, vor der Gefahr eines germanischen Einfalls zu warnen.
Auch wenn diese Theorie aufgrund ihrer Aktualität im Zeitgeschehen Berechtigung hat, finden sich
Indizien, die klar gegen eine solche Deutung sprechen. So lassen sich zahlreiche ,,Einzelheiten wie
die bemalten Häuser oder der Kult der Semnonen oder das mare pigrum bei den Swionen"
10
nicht
im Kontext einer Mahnung verstehen.
Unabhängig von diesen verschiedenen Deutungsmöglichkeiten gibt es eine gemeinsame Basis, auf
welcher sämtliche Theorien fußen. So handelt es sich bei der Germania um eine ,,ethnographische
Schrift (...), was freilich nicht schon besagt, dass die Germania nur als eine Ethnographie geplant
3
Vgl. Lund, Allan: Forschungsbericht, 1991, Seite 2189.
4
Timpe, Dieter: Charakter, 1995, Seite 146.
5
Riese, Alexander: Idealisierung, 1875, Seite 6.
6
Ebd.
7
Tac. Germ. 23.
8
Ebd.: 15.
9
Ebd.: 24.
10
Timpe, Dieter: Absicht, 1989, Seite 112.
4

war"
11
.
Die Probleme, welche sich bei der Deutung der Germania auftun, sind vor allem die ,,mangelhaften
Kenntnis(se) des literarischen, historischen und biographischen Hintergrundes"
12
. Sämtliche ,,le-
bensgeschichtlich verstehbaren Beziehungen des Autors zum Thema, die Individualerlebnisse, Er-
fahrungen und Begegnungen, die Interessen, Schwerpunkte und Einseitigkeiten, die in literarische
Produktion eines Autors eingehen"
13
, bleiben unklar.
Die Germania ist folglich das Werk eines Römers, welches in Rom entstand und für römisches Pu-
blikum verfasst wurde. Diese Umstände der Entstehung sind für das Verständnis von elementarer
Bedeutung. Auch wenn die Germania an vielen Stellen keine wahrheitsgemäßen Informationen über
das Leben der germanischen Stämme übermitteln kann, so verrät sie uns zumindest das Bild, wel-
ches die Römer von den Stämmen des Nordens hatten.
Gerade die Ausführungen des Tacitus sind kritisch im Kontext ihrer Entstehung zu betrachten. Die
Darstellung des Arminius ist in eine Abhandlung über Kriege der Römer gegen die Germanen ein-
gebettet und mit der Ablehnung politischer Aktivitäten des Kaisers Domitian durch den Verfasser
verbunden. So sind diese Ausführungen als eine ,,Kritik an der Inszenierung von Macht durch die
Bemühung eines Herrschaftsanspruches gegenüber Germanien"
14
zu verstehen.
Entgegen der späteren Deutung im Zuge der Identitätsfindung des 19. Jahrhunderts zeichnete Taci-
tus in seiner Darstellung ein ambivalentes Bild der Germanen.
Der Römer beschreibt die germanischen Stämme in seiner Germania als ein ,,Volk, das weder ver-
schlagen noch durchtrieben ist"
15
und bei dem die ,,Gesinnung (...) unverhüllt und offen ans
Licht"
16
tritt. Ferner werden die Stammesmitglieder des Arminius als seine ,,freiheitsliebenden
Landsleute"
17
bezeichnet. Doch die Tapferkeit, mit der die Germanen ihre Freiheit verteidigen wür-
den, gehe auf Kosten jeglicher anderer kultureller Bestrebungen. Zwar führe ihr Freiheitsdrang
dazu, dass sich die Römer bei der Eroberung germanischer Gebiete schwer taten, doch gehe dies
gleichzeitig mit Konflikten zwischen den verschiedenen Germanenstämmen einher. Auch die ver-
meintlich lobenswerte Einfachheit der germanischen Lebensweise habe ein niedriges Bildungsni-
veau zur Folge.
18
Auf manche dieser Kehrseiten macht Tacitus explizit aufmerksam, andere jedoch
ergeben sich für den Leser implizit. So würden die Germanen keine Mäßigung beim Alkoholkon-
sum kennen. Sie sind ,,gegenüber dem Durst (...) nicht so maßvoll, wenn man ihrer Trunksucht Vor-
11
Lund, Allan: Gesamtinterpretation, 1991, Seite 1955.
12
Timpe: Absicht, Seite 113.
13
Ebd.
14
Roth, Jonathan: Jahre, 2012, Seite 29.
15
Tac. Germ. 22.
16
Ebd.
17
Tac. ann. 88.
18
Vgl. Krebs: Buch, Seite 45.
5

schub leistet und so viel herbeischafft, wie sie begehren, wird man sie leichter durch ihr Laster als
durch Waffen besiegen können"
19
. Unabhängig davon, ob Tacitus mit dieser Annahme richtig lag
oder nicht, ist sie doch Ausdruck einer Haltung der Römer gegenüber den Germanen, die mit einem
starken Überlegenheitsdenken einherging. Die Römer stellten sich selbst auf eine höhere Kulturstu-
fe und betrachteten die Germanen gleichzeitig als primitiv.
Die Germanen seien zum einen um ihre ,,heile Gesellschaftsordnung zu beneiden"
20
, denn selbst
,,die Freigelassenen stehen im Range nicht viel über den Sklaven"
21
. Dieser germanische Freiheits-
drang sei, mit Blick auf die anderen bedrohlichen Nachbarvölker der Römer, größer als die unum-
schränkte Herrschergewalt eines Arsakes.
22
So vermochten sie es, größeren Widerstand gegen die
römischen Armeen zu leisten, als die anderen Kriegsgegner Roms, wobei der enorme Freiheitswille
als ursächlich betrachtet wird. Zum anderen jedoch würden die Germanen weder Geldgeschäfte,
Bodeneigentum, noch Ackerbau kennen.
23
Die Freiheit würde somit mit einem primitiven Lebens-
wandel einhergehen.
Weitaus undifferenzierter berichtet der römische Historiker Velleius Paterculus in der ,,Römischen
Geschichte" über die Germanen. Diese seien ,,bei all ihrer Wildheit äußerst verschlagen (und) ein
Volk von geborenen Lügnern"
24
. Seine Darstellung ist, ähnlich wie jene anderer antiker Schriftstel-
ler, stark an literarischen Topoi orientiert. Diese sind häufig als Ausdruck eines Abgrenzungswillens
und Überlegenheitsgefühls der Römer zu verstehen. Man wollte die Lebensweise jener primitiven
,,Barbaren"
25
keineswegs verstehen, es galt vielmehr den römischen Standpunkt durch Abgrenzung
zu bestätigen.
Auch wenn die taciteische Darstellung weitaus differenzierter ist, als das Werk des Velleius Patercu-
lus, schrieb auch er mit römischer Sicht auf die Welt. Während die Germanen auf die beschriebene
Art klassifiziert werden, spart Tacitus nicht mit Lob wenn er über die kriegerischen Taten des Armi-
nius selbst berichtet.
,,Unstreitig war er der Befreier Germaniens"
26
, so war er zwar ,,in den einzelnen Schlachten nicht
immer erfolgreich, im Kriege (jedoch) unbesiegt"
27
. Gesteigert wird diese Einschätzung noch zu-
sätzlich, indem behauptet wird, dass Arminius ,,das römische Volk nicht am Anfang seiner Ge-
19
Tac. Germ. 23.
20
Flach, Dieter: Zugang, 2003, Seite 155.
21
Tac. Germ. 25, 2.
22
Vgl. ebd.: 37, 3.
23
Vgl. Tac. Germ. 26.
24
Vell. 2/118/1.
25
Ebd. 2/118/2.
26
Tac. ann. 88.
27
Ebd.
6

schichte (...), sondern das in höchster Blüte stehende Reich herausgefordert hat"
28
.
Trotz dieser anerkennenden Worte wird Arminius durch Tacitus keinesfalls nur positiv bewertet. So
schildert der Historiker in einer kurzen Abhandlung in den Annalen, dass der Germane durch gehäs-
siges Verhalten aufgefallen sei. Als er seinem Bruder Flavus begegnete, der länger als Arminius
selbst im Dienst des römischen Heeres stand, verspottete er seinen Bruder wegen eines verlorenen
Auges. Flavus berichtete von der Belohnung, welche er für seine Treue und Opferbereitschaft erhal-
ten hatte, worauf Arminius diese einen ,,armseligen Sklavenlohn"
29
nannte. Auch im Kontext dieses
Streitgesprächs zwischen den beiden Brüdern, geht Tacitus auf den germanischen Freiheitsdrang
ein. So wird berichtet, dass Arminius gegenüber seinem Bruder von einer ,,heiligen Pflicht gegen-
über dem Vaterland, von der von den Vätern ererbten Freiheit (und) von den heimischen Göttern
Germaniens"
30
spricht und versucht, auf diese Weise auf den jüngeren Bruder einzuwirken.
Während Tacitus in seinen Werken somit relativ ausführlich auf den Germanenfürsten eingeht,
bleibt dieser für andere antike Autoren weitestgehend uninteressant. So liefert uns der römische Ge-
schichtsschreiber Cassius Dio in seiner ,,Römischen Geschichte" zwar eine ausführliche Darstellung
des Schlachtverlaufs, doch die Gestalt des Arminius bleibt dabei fast unbekannt. Der Name wird
beiläufig im Zuge der Beschreibung des Hinterhalts genannt.
31
Anders ist dies bei Velleius Paterculus. Im Kontext der Darstellung der Niederlage des Varus und
seiner einseitigen Beschreibung der Germanen geht er näher auf Arminius ein. Er beschreibt diesen
als einen ,,jungen Mann aus vornehmen Geschlecht, der tüchtig im Kampf und rasch im Denken
war"
32
. Dieser würde sich von den Germanen abheben, denn er sei ein ,,beweglicherer Geist, als es
die Barbaren gewöhnlich sind"
33
. Er habe sich durch einen ,,feurigen Geist" ausgezeichnet und habe
das römische Bürgerrecht und auch den Rang eines römischen Ritters. Dass der Germanenfürst das
Vertrauen des Varus missbrauchte und diesen in einen Hinterhalt lockte, hielt Velleius Paterculus für
,,kein(en) dumme(n) Gedanke(n)"
34
.
Das positive Urteil über Arminius entstand folglich bereits in der antiken Geschichtsschreibung,
auch wenn ihm durch diese keine größere Popularität zuteilwurde. Diese erreichte Arminius erst
weitaus später.
28
Ebd.
29
Tac. ann. 2.9.
30
Ebd. 2.10.
31
Cass. Dio 56/19/2.
32
Vell. 2/118/2.
33
Ebd.
34
Ebd.
7

Die Wiederentdeckung der Quellen und der Mythos um Arminius
Zwischen diesen antiken Ausführungen und der literarischen Wiederaufnahme der Thematik lag
eine Zeitspanne von etwa 1400 Jahren. In diesen Jahrhunderten waren die antiken Texte und Auto-
ren jedoch keineswegs unbekannt. In zahlreichen Klöstern wurden die antiken Werke abgeschrieben
und somit für die Nachwelt gesichert. Dies geschah entweder durch das direkte Abschreiben der
Texte, das literarische Verarbeiten bestimmter Passagen oder auch durch die Verwendung von Zita-
ten, welche unabhängig vom Ausgangstext benutzt wurden. Oftmals geschah dies auch ohne die
gleichzeitige Nennung des Autornamens, was zu einer ,,Lücke zwischen der Kenntnis des Autors
und seiner Werke"
35
führte.
Als im Zuge des Humanismus in Italien systematische Werkverzeichnisse antiker Autoren angefer-
tigt wurden, war man schließlich in der Lage, ,,Autor und Werk (...) wechselseitig (zu) erklären"
36
.
Als die Germania des Tacitus im Jahre 1455 in der Abtei Hersfeld und die Annalen 1508 im Kloster
Corvey aufgefunden wurden, konnte eine erneute Zuwendung zu den vermeintlichen Vorfahren der
Deutschen und vor allem zur Figur des Arminius erfolgen. Die deutschen Humanisten interessierten
sich bei der Aneignung des Stoffes vor allem für zwei Aspekte. Zum einen ging es um den Nach-
weis ,,ethnischer Kontinuität und naturwüchsiger, angeborener Eigenschaften der Deutschen" und
zum anderen um die ,,kulturgeschichtliche (...) Beschreibung eines mit Germania gleichgesetzten
Deutschland(s)"
37
. Mit diesen Absichten knüpften die deutschen Humanisten an Vorhaben der Ita-
liener Enea Silvio und Giannantonio Campano an. Campano, der 1471 auf dem Regensburger
Reichstag im Auftrag des Papstes zum Abwehrkampf gegen die Türken motivieren sollte, hob in
seiner Rede die kriegerische Tüchtigkeit der Deutschen hervor und bezog sich dabei auf die Germa-
nia des Tacitus. Auch wenn die Rede nicht gehalten werden konnte, wurde sie dennoch mehrfach
gedruckt und stand letztendlich den deutschen Humanisten zur Verfügung. Das politische Kalkül,
aus dem die Rede entstand, fand dabei keine Beachtung. Die deutschen Humanisten, allen voran
Conradus Celtis, folgten diesem Rezeptionsverhalten. So ist Celtis, ,,neben Enea Silvio(,) als ent-
scheidender Stichwortgeber, der den Blick auf die Germania leitet und für die ideologische Anwen-
dung aufbereitet"
38
, anzusehen.
Die Werke des Tacitus können somit für die beginnende ,,Vorstellung einer germanisch-deutschen
Kulturtradition"
39
als ausschlaggebend bewertet werden. So wurden ,,Lebensraum und Geschichte
35
Mertens, Dieter: Instrumentalisierung, 2004, Seite 100.
36
Ebd.
37
Ebd., Seite 80.
38
Ebd., Seite 75.
39
Roth: Jahre, Seite 29.
8
Ende der Leseprobe aus 35 Seiten

Details

Titel
Der Mythos Arminius. Von antiken Quellen bis zur "Hermannsschlacht" von Heinrich von Kleist
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Institut für Geschichtswissenschaften)
Note
1,7
Autor
Jahr
2016
Seiten
35
Katalognummer
V387723
ISBN (eBook)
9783668620643
ISBN (Buch)
9783668620650
Dateigröße
525 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Arminius, Mythos, Heinrich von Kleist, Hermannsschlacht, Varusschlacht
Arbeit zitieren
Marvin Damer (Autor), 2016, Der Mythos Arminius. Von antiken Quellen bis zur "Hermannsschlacht" von Heinrich von Kleist, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/387723

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