Formen und Funktionen unzuverlässigen Erzählens. Eine Untersuchung von Christian Gaillys "Un soir au club" (2001)


Hausarbeit, 2017
15 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

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Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung ... 2
2. Einführung in das unzuverlässige Erzählen ... 3
3. Emotionalitäten des Erzählers ... 4
3.1. Freundschaft ... 4
3.2. Neid ... 5
3.3. Schuld ... 7
4. Scheinbare Rationalität der Erzählung ... 11
5. Fazit ... 13
Bibliographie ... 14

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1. Einleitung
Der Roman Un soir au club
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(2001) von Christian Gailly erzählt die Geschichte von dem
verheirateten Ingenieur und ehemaligen Jazzmusiker Simon Nardis, der in einem Jazzclub der
Liebe seines Lebens, Debbie, begegnet und dessen Frau in einer schicksalshaften Fügung kurz
darauf stirbt. Beginnt man den Roman zu lesen, scheint es als werde ein bedeutender Abschnitt
in Simons Leben erzählt, ausgezeichnet durch die Begegnung mit Debbie und den Tod seiner
Frau Suzanne. Doch schnell lässt sich erahnen, dass sich hinter dieser Erzählung eine nicht
weniger wichtige Person verbirgt, die einen bedeutenden Anteil an der Geschichte
auszumachen scheint. Ein Freund von Simon und Suzanne, der zwischen der Freude für den
Einen und dem Mitleid für den Anderen hin und hergerissen ist. Ein Maler, der den erwünschten
Ruhm für seine Kunst nicht erhält und im Schatten seines Freundes steht, der zu haben scheint,
was der Andere sich ersehnt. Zusätzlich entsteht der Eindruck, als versuche der Erzähler seinen
eigenen Anteil am Tod Suzannes zu verbergen und als suche er nach der Schuld für ihren Tod.
Emotionalitäten wie Freundschaft und Liebe, sowie Neid, Eifersucht und Schuld scheinen die
Erzählung der Geschichte Simons im Roman Un soir au club deutlich zu prägen. Diese
erzeugen den Eindruck einer unzuverlässigen Erzählung und lassen den Wahrheitsgehalt des
Erzählten anzweifeln.
Die Erzählerfigur im postmodernen Roman Un soir au club von Christian Gailly ist bis heute
ein kaum untersuchtes Thema. Jedoch scheint die Untersuchung der Zuverlässigkeit des
Erzählers unerlässlich für das Verständnis des Romans und eröffnet eine wichtige Dimension
in der Interpretation des Werkes.
Die Aufgabe folgender Hausarbeit wird sein, die auftretenden Emotionalitäten auf Seiten des
Ich-Erzählers und die Erzählweise hinsichtlich ihrer scheinbaren Rationalität zu untersuchen
und deren mögliche erzähltechnische Funktion zu analysieren. Dabei wird der erste Teil der
Arbeit den unzuverlässigen Erzähler definieren, um sich im Anschluss sowohl mit den positiven
als auch den negativen Emotionalitäten des Ich-Erzählers zu beschäftigen. Im weiteren Verlauf
der Arbeit wird, basierend auf den Erkenntnissen des ersten Teils, die scheinbar rationale
Erzählweise des Ich-Erzählers und deren Bedeutung für den Roman herausgearbeitet.
Abschließend soll die Frage nach einem zuverlässigen Erzähler, auf Grundlage der durch die
Analyse gewonnenen Erkenntnisse, beantwortet werden.
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Im Folgenden mit Usc abgekürzt

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2. Einführung in das unzuverlässige Erzählen
Das Konzept unzuverlässigen Erzählens wurde von Wayne C. Booth eingeführt, der den
unzuverlässigen Erzähler folgendermaßen definiert:
I have called a narrator reliable when he speaks for or acts in accordance with the norms of the
work (which is to say, the implied author's norms), unreliable when he does not. (Booth 1961:
158)
Der implizite Autor, den sich der Leser aus den Textelementen erschließen kann, zeichnet sich
dabei ,,als Garant für die ,richtige` Sichtweise auf die Dinge" (Fludernik 2005: 39) aus, von der
jedoch die Sichtweise des unzuverlässigen Erzählers abweicht. Das Phänomen des
unzuverlässigen Erzählens besteht dann, ,,wenn ein Widerspruch zwischen den Normen des
impliziten Autors und denen des Erzählers auftritt" (Zerweck 2004: 681). Für Martinez (1999)
steht es eng mit dem Begriff der Ironie und ihrer doppelten Botschaft in Verbindung, in welcher
der ,,unzuverlässige Erzähler eine explizite Botschaft [kommuniziert], während der Autor dem
Leser implizit [...] eine andere, den Erzählerbehauptungen wiedersprechenden Botschaft
vermittelt" (Martinez 1999: 100). Dahingegen verstehen neue literaturtheoretische Ansätze die
,,Diskrepanz zwischen den Intentionen und dem Wertesystem des Erzählers und dem
(Vor)wissen und Normen des Lesers" (Zerweck 2004: 681) als Merkmal unzuverlässigen
Erzählens und ersetzen damit den impliziten Autor.
Grundsätzlich geht es bei der Analyse der Zuverlässigkeit eines Erzählers um die Untersuchung
des ,,Geltungsanspruch[es] der in fiktionaler Rede geäußerten Behauptung" (Martinez 1999:
93) mit Bezug auf das in der erzählten Welt tatsächlich Wahre. Textuelle Signale für die
erzählerische Unzuverlässigkeit sind beispielsweise ,,Widersprüche im Diskurs oder
multiperspektivische Kontrastierungen" (Zerweck 2004: 681).
Martinez (1999) unterscheidet zwischen drei verschiedenen Arten unzuverlässigen Erzählens:
dem theoretisch unzuverlässigen Erzählen, dem mimetisch teilweise unzuverlässigen Erzählen
und dem mimetisch unentscheidbaren Erzählen. Für die folgende Betrachtung des Werkes Un
soir au club wird der mimetisch unentscheidbare Erzähler von Relevanz sein. Während in den
anderen beiden unzuverlässigen Erzählarten ,,hinter der Rede des Erzählens eine stabile und
eindeutig bestimmbare erzählte Welt erkennbar wird" (Martinez 1999: 103), sodass man über
den Wahrheitsgehalt der Aussagen urteilen kann, lässt sich der Wahrheitswert beim mimetisch
unentscheidbaren Erzählen nicht festlegen, was bedeutet, dass kein Fakt der dargestellten Welt
eindeutig feststeht. Dies entsteht dadurch, dass ,,der Eindruck der Unzuverlässigkeit hier nicht

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nur teilweise und vorübergehend entsteht, sondern unaufgelöst bestehen bleibt" (Martinez
1999: 103), sodass sich das tatsächlich Wahre der Erzählung nicht bestimmen lässt.
Inwiefern die Erzählweise im Roman Un soir au club dem unzuverlässigen und mimetisch
unentscheidbaren Erzählen entspricht, wird im Folgenden zu erörtern sein.
3. Emotionalitäten des Erzählers
3.1. Freundschaft
Die Beschreibung von Simon auf den ersten Seiten des Romans Un soir au club leitet der
namenlose Ich-Erzähler in Bezug auf seine enge Freundschaft zu ihm ein: ,,Cétait mon ami"
(Usc 12) und wenige Seiten später zu dessen Frau Suzanne: ,,C'était mon amie. La femme de
mon ami Simon était devenue elle aussi une amie" (Usc 15). Dabei scheint es sich für den
Erzähler bei der Freundschaft zu Simon um eine besondere Beziehung zu handeln:
Seuls les plus anciens, de rares fidèles, font le voyage d'hiver. Simon faisait partie de ces raretés.
[...] A vrai dire il était le seul qui acceptât de se geler dans ma grande maison mal chauffée.
(Usc 123)
Diese einzigartige Freundschaft äußert sich ebenso in der Treue, die der Erzähler Simon
erweist: ,,On l'a oublié. D'autant plus vite qu'il dérangeait. Pas moi. Personne n'a su ce qu'il
était devenu. Moi si. On est restés amis" (Usc 35-36). Auch die Freundschaft zwischen Suzanne
und dem Erzähler scheint eine besondere Vertrautheit zu prägen, so eröffnet sie dem Maler ihre
tiefsten Ängste (vgl. Usc 133-34) und bittet ihn in großer Verzweiflung um seinen
freundschaftlichen Rat (vgl. Usc 74). Folglich scheint er sowohl mit Simon als auch Suzanne
eine tiefe Verbundenheit zu pflegen, welche sich zusätzlich durch die Erwähnung ihrer intimen
Gewohnheiten herausstellt (vgl. Usc 59). Im Laufe des Romans wird deutlich, dass seine
Loyalität gegenüber Simon und Suzanne schnell in einen Konflikt gerät, in welchem der
Erzähler zwischen Freude und Mitleid für seine Freunde hin und hergerissen ist: ,,J'étais [...] a
vrai dire partagé. Je me réjouissais pour Simon, me désolais pour Suzanne. Je me disais elle a
raison en même temps je comprenais Simon" (Usc 124). Im Laufe der Erzählung scheint ihn
jedoch vermehrt das Mitgefühl für Suzanne und der Schmerz aufgrund ihres Todes zu
übermannen: ,,Je l'aimais bien ma petite Suzie. On s'entendait bien, on se comprenait sur bien
des choses. Pauvre petite" (Usc 74). Durch das Mitleid für Suzanne, welches der Erzähler
verspürt, scheint er die Erzählung und die Beschreibung von Simon zu steuern, wodurch auch

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der Leser ein gewisses Mitgefühl für Suzanne entwickelt und eine damit verbundene Abneigung
gegenüber Simon. Der namenlose Ich- Erzähler zieht vermehrt Bezüge zu Suzanne, sodass sich
vermuten lässt, dass er mit seiner Erzählung teilweise auch ihren tragischen Tod und seine
möglicherweise vorhandenen Schuldgefühle verarbeiten möchte. ,,The fact that he had urged
her to go to him is a particularly painful memory for him, for he sensest hat, in some portion at
least, he bears a responsibility for Suzanne's death" (Motte 2006: 204). Sein Gefühl innerer
Zerrissenheit lässt vermuten, dass einige seiner Aussagen in ihrem Wahrheitsgehalt, aufgrund
seiner unklaren Gefühle, anzuzweifeln sind. Des Öfteren treten Widersprüche auf, die
vermutlich Ergebnis seines inneren Kampfes sind (vgl. Usc 76). Darüber hinaus erfährt man,
dass er auch mit Debbie eine Freundschaft zu pflegen scheint. Er beschreibt sie als charmant
und betont in diesem Kontext Simons Glück, von Debbie geliebt zu werden (vgl. Usc 88).
3.2. Neid
Nicht nur die geteilten Gefühle des Erzählers für die Protagonisten deuten auf eine
möglicherweise bestehende Unzuverlässigkeit der Erzählung hin. Denn der im Laufe des
Romans deutlich erkennbare Neid des Malers auf Simon scheint die Erzählung ebenfalls zu
beeinflussen. Hinsichtlich des Neides lassen sich zwei verschiedene Arten unterscheiden, der
künstlerische Neid und der sexuelle Neid.
Angesichts des künstlerischen Neides handelt es sich hauptsächlich um den Neid bezüglich des
künstlerischen Erfolges von Simon, der bei dem Ich-Erzähler ausbleibt. Während der Maler
seinen Neid an manchen Textstellen explizit erwähnt: ,,Jaloux de lui comme je l'ai toujours été"
(Usc 125), weist der Roman zusätzlich zahlreiche Stellen auf, in denen der Neid unterschwellig
durchscheint. So beispielsweise, als der Pianist im Club den Stil von Simon imitiert: ,,Je ne sais
pas ce que je ressentirais devant une peinture qui serait la parfaite imitation de l'une des
miennes, ça ne m'est jamais arrivé" (Usc 34). ,,The narrator senses that only great art becomes
the object of imitation, and he knows, to his chagrin, that his own style is not worthy of
imitation" (Motte 2006: 199). Während Simon durch seine Musik Erfolg und Bekanntheit
erfährt, bleibt der Erfolg des namenlosen Ich-Erzählers in der Malerei aus. Vermutlich widmet
er sich der Schreibkunst in der Hoffnung, in dieser Art der Kunst die erwünschte Rezeption und
Anerkennung zu erhalten (vgl. Motte 2006: 203). Sein Neid gegenüber Simon lässt sich
zusätzlich durch seinen Wunsch, wie Simon als Jazzmusiker erfolgreich zu werden, erkennen
(vgl. Usc 125). Der Neid des Erzählers bezüglich des künstlerischen Erfolges scheint dabei so
Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Formen und Funktionen unzuverlässigen Erzählens. Eine Untersuchung von Christian Gaillys "Un soir au club" (2001)
Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
Note
1,0
Autor
Jahr
2017
Seiten
15
Katalognummer
V387735
ISBN (eBook)
9783668617858
ISBN (Buch)
9783668617865
Dateigröße
944 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Emotionalität, Freundschaft, Neid, Schuld, Rationalität, unzuverlässiges Erzählen
Arbeit zitieren
Anna Lucia Montoya (Autor), 2017, Formen und Funktionen unzuverlässigen Erzählens. Eine Untersuchung von Christian Gaillys "Un soir au club" (2001), München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/387735

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