Diese Arbeit behandelt die Erzählweise im französischen, postmodernen Roman "Un soir au club" von Christian Gailly (2001). Die Erzählerfigur hier ist bis heute ein kaum untersuchtes Thema. Jedoch scheint die Untersuchung der Zuverlässigkeit des Erzählers unerlässlich für das Verständnis des Romans und eröffnet eine wichtige Dimension in der Interpretation des Werkes.
Die Aufgabe dieser Arbeit ist es, die auftretenden Emotionalitäten auf Seiten des Ich-Erzählers und die Erzählweise hinsichtlich ihrer scheinbaren Rationalität zu untersuchen und deren mögliche erzähltechnische Funktion zu analysieren. Dabei wird der erste Teil der Arbeit den unzuverlässigen Erzähler definieren, um sich im Anschluss sowohl mit den positiven als auch den negativen Emotionalitäten des Ich-Erzählers zu beschäftigen. Im weiteren Verlauf der Arbeit wird, basierend auf den Erkenntnissen des ersten Teils, die scheinbar rationale Erzählweise des Ich-Erzählers und deren Bedeutung für den Roman herausgearbeitet. Abschließend soll die Frage nach einem zuverlässigen Erzähler, auf Grundlage der durch die Analyse gewonnenen Erkenntnisse, beantwortet werden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Einführung in das unzuverlässige Erzählen
3. Emotionalitäten des Erzählers
3.1. Freundschaft
3.2. Neid
3.3. Schuld
4. Scheinbare Rationalität der Erzählung
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Erzählweise im Roman Un soir au club von Christian Gailly, um die Zuverlässigkeit des Ich-Erzählers kritisch zu hinterfragen. Ziel ist es, aufzuzeigen, wie persönliche Emotionen des Erzählers und eine scheinbar rationale Erzählstrategie dazu dienen, die Realität zu verformen und den Leser gezielt zu beeinflussen.
- Konzept des unzuverlässigen Erzählens
- Einfluss von Emotionalitäten wie Freundschaft, Neid und Schuld
- Erzähltechnische Funktionen der Rezipientenlenkung
- Bedeutung der scheinbaren Rationalität und Detailgenauigkeit
- Analyse der narrativen Distanz und Wahrheitsfindung
Auszug aus dem Buch
3.2. Neid
Nicht nur die geteilten Gefühle des Erzählers für die Protagonisten deuten auf eine möglicherweise bestehende Unzuverlässigkeit der Erzählung hin. Denn der im Laufe des Romans deutlich erkennbare Neid des Malers auf Simon scheint die Erzählung ebenfalls zu beeinflussen. Hinsichtlich des Neides lassen sich zwei verschiedene Arten unterscheiden, der künstlerische Neid und der sexuelle Neid.
Angesichts des künstlerischen Neides handelt es sich hauptsächlich um den Neid bezüglich des künstlerischen Erfolges von Simon, der bei dem Ich-Erzähler ausbleibt. Während der Maler seinen Neid an manchen Textstellen explizit erwähnt: „Jaloux de lui comme je l’ai toujours été“ (Usc 125), weist der Roman zusätzlich zahlreiche Stellen auf, in denen der Neid unterschwellig durchscheint. So beispielsweise, als der Pianist im Club den Stil von Simon imitiert: „Je ne sais pas ce que je ressentirais devant une peinture qui serait la parfaite imitation de l’une des miennes, ça ne m’est jamais arrivé“ (Usc 34). „The narrator senses that only great art becomes the object of imitation, and he knows, to his chagrin, that his own style is not worthy of imitation“ (Motte 2006: 199). Während Simon durch seine Musik Erfolg und Bekanntheit erfährt, bleibt der Erfolg des namenlosen Ich-Erzählers in der Malerei aus.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Dieses Kapitel stellt das Werk und die Forschungsfrage vor und erläutert die Bedeutung der Untersuchung des Ich-Erzählers.
2. Einführung in das unzuverlässige Erzählen: Hier werden theoretische Grundlagen des Begriffs der erzählerischen Unzuverlässigkeit nach Booth, Martinez und Zerweck dargelegt.
3. Emotionalitäten des Erzählers: Dieses Kapitel analysiert, wie Freundschaft, Neid und Schuld die Erzählweise des Ich-Erzählers prägen und verformen.
3.1. Freundschaft: Untersucht wird die ambivalente Haltung des Erzählers zwischen Loyalität, Mitleid und unterschwelliger Abneigung gegenüber Simon und Suzanne.
3.2. Neid: Dieses Kapitel beleuchtet den künstlerischen und sexuellen Neid als treibende Kraft hinter der Erzählweise und der Verfälschung der Wahrheit.
3.3. Schuld: Die Untersuchung konzentriert sich auf die Versuche des Erzählers, die Verantwortung für Suzannes Tod durch Schuldzuweisungen auf andere Personen oder Faktoren abzuwälzen.
4. Scheinbare Rationalität der Erzählung: Hier wird analysiert, wie der Erzähler durch eine scheinbare Faktentreue versucht, Objektivität vorzutäuschen, um seine Unzuverlässigkeit zu kaschieren.
5. Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und bestätigt die These, dass der Erzähler ein unzuverlässiges und subjektiv gefärbtes Bild der Geschichte entwirft.
Schlüsselwörter
Christian Gailly, Un soir au club, unzuverlässiges Erzählen, Ich-Erzähler, Emotionalität, Neid, Schuld, Literaturtheorie, Erzählweise, Rezipientenlenkung, Wahrheit, Subjektivität, Fiktionalität, Simon Nardis, Romananalyse.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Erzählweise des Ich-Erzählers im Roman Un soir au club und zeigt auf, dass es sich um eine unzuverlässige Erzählinstanz handelt.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Felder sind die psychologische Untersuchung der Erzählerfigur, insbesondere im Hinblick auf Emotionen wie Neid und Schuld, sowie die literaturwissenschaftliche Analyse von Zuverlässigkeit.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Ziel ist es, die erzähltechnische Funktion der unzuverlässigen Erzählweise zu untersuchen und zu belegen, dass der Erzähler die Geschichte manipuliert, um die eigene Verantwortung zu verschleiern.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine literaturwissenschaftliche Analyse angewandt, die auf theoretischen Konzepten des unzuverlässigen Erzählens basiert und diese auf den Primärtext anwendet.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden die emotionalen Beweggründe des Erzählers (Freundschaft, Neid, Schuld) sowie seine Strategie der scheinbaren Rationalität detailliert untersucht.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Unzuverlässigkeit, Emotionsvermittlung, Schuldzuweisung, Rezipientenlenkung und Erzählperspektive.
Inwiefern beeinflusst der Neid die Erzählweise?
Der Neid führt dazu, dass der Erzähler die Erfolge Simons verharmlost oder in Zweifel zieht, um sein eigenes Scheitern und seine negativen Gefühle zu überspielen.
Warum versucht der Erzähler, durch Details objektiv zu wirken?
Die detailreiche Darstellung, etwa durch Uhrzeiten, soll dem Leser eine Objektivität vorgaukeln, die jedoch bei genauerer Betrachtung zur Verschleierung subjektiver Intentionen dient.
- Citar trabajo
- Anna Lucia Montoya (Autor), 2017, Formen und Funktionen unzuverlässigen Erzählens. Eine Untersuchung von Christian Gaillys "Un soir au club" (2001), Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/387735