Sexualität im Mittelalter. Die Realisierung sexueller Metaphorik in "Die halbe Birne"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2017
16 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Sexualität im Mittelalter
2.1. Sexualität in den mhd. Mären (13. und 14. Jahrhunderts)

3. Metaphorik - Eine interdisziplinäre Begriffsdefinition

4. ‚ Die halbe Birne ’
4.1. Deutung und Interpretation sexueller Metaphorik im Märe ‚ Die halbe Birne ’

5. Fazit

Bibliographische Angaben

1. Einleitung

Sex Sells. Dieses aus der internationalen Werbeindustrie bekannte Motto ist nicht nur aus phraseologischer Sichtweise der gegenwartsprachlichen Sprachwissenschaft bedeutsam. Diachron betrachtet gab es zahlreiche Autoren und Verfasser, die sich mit der Intimität der menschlichen Sexualität frivol, obszön oder gar abstoßend befasst haben und damit dem Leser die Position des Voyeurs erlaubten. Allein die Roman-Trilogie 50 Shades of Grey, welche im Feuilleton der Frankfurter Allgemeine dysphemistisch als „triste Mittelstands-Kitschplörre“1 bezeichnet wurde, verkaufte sich weltweit über 100 Millionen Mal und wurde darüber hinaus in 51 Sprachen übersetzt.2 So ist die literarische Auseinandersetzung mit der körperlichen Zweisamkeit eben keinesfalls ausschließlich ein Phänomen der Gegenwart, sondern ist epochen- und gattungsübergreifend anzutreffen. Sei es Marquis de Sade, der mit seinen Veröffentlichungen Sexualität teilweise pervertierte, in dem er durch seine Ausführungen eine Sexualität des „Widersittlichen, des Bösen, Satanischen“ evozierte3 und somit zum Skandalon wurde oder die Beschreibung des Sündenfalls innerhalb der Bibel. Sexualität wurde seit je her - mal mehr oder mal weniger explizit - als Themenstoff verwendet. Im Fokus dieser Forschungsarbeit steht die implizite Darstellung sexueller Handlungen. Die Decodierung und Interpretation sexueller Metaphorik ist dabei ein zentraler Bestandteil, um die Forschungsfrage, wie sexuelle Handlungen in der Novellistik des Mittelalters verschriftlicht wurde, erkenntnisbringend beantworten zu können.

Im Folgenden soll mit Blick auf den aktuellen Forschungsstand das Märe Die halbe Birne in Hinblick auf die Realisierung sexueller Metaphorik betrachtet werden. Der methodische Zugang zum Thema stellt eine Literaturanalyse dar. So definieren Webster und Watson (2002) diese Forschungsmethode als solide Grundlage mit welcher es möglich sei, die Menge der existierenden Erkenntnisse darzulegen und im Anschluss daran aufzuzeigen in welchen Bereichen weitere Forschung angestrebt werden sollte4

2. Sexualität im Mittelalter

Der gegenwartsprachliche Terminus ‚Sexualität’ ist keinesfalls spiegelbildlich in die Zeit des Mittelalters zu transferieren. Es ist davon auszugehen, dass „Sexualität ein recht grundlegendes theologisches, philosophisches, medizinisches und soziales Problem“5 darstellte. Nichtsdestotrotz ist es für die mediävistische Forschung durchaus von Relevanz sich mit dieser Thematik auseinanderzusetzen, um „wichtige Erkenntnisse über die Grundeinstellung, Gedanken, Gefühle und Wertkonzepte im Mittelalter“6 erörtern zu können. So lässt sich u.a. festhalten, dass Sexualität z.B. bereits in der Antike tief in der Kunst und Dichtung verwurzelt war, im Frühmittelalter das Interesse an dieser Thematik allerdings nicht so stark ausgeprägt gewesen ist. Dass in Zeiten des Frühmittelalters Literatur vor allem von Vertretern der Kirche erzeugt wurde, die ungünstigen wirtschaftlichen und klimatischen Bedingungen sowie die Bedrohung des westlichen Europas durch u.a. Hunnen und Wikingern im Fokus standen, können hierfür als Argumente zählen. Mit Beginn des 12. Jahrhunderts allerdings verzeichnete sich ein bedeutsamer Wandel, der ermöglichte sich auch dem Thema Sexualität zu widmen.7 Folglich trat ab ca. 1100

„das Sujet ‚Liebe’ explosionsartig erneut in der volkssprachlichen Literatur auf [...] und entwickelte sich seitdem in immer weiteren Ausprägungen und Veränderungen zu einem der wichtigsten Diskussionspunkte des höfischen, dann des urbanen Diskurses und hat bis heute nicht an globaler Relevanz verloren“.8

Nichtsdestotrotz blieb trotz dieses Wandels die Kirche eine Entität der (sexual-) moralische Instanz. So gab es „[...] auch keine Dimension der Lebenswelt Alteuropas, die nicht durch die kirchliche Sexualmoral tangiert worden wäre, nicht die Dichtung und sogar nicht einmal die sexuelle Phantasie des einzelnen.“9 Wenn also „[...] eheliche Sexualität [...] nicht zu vermeiden war [...], so musste sie doch gemäß der amtskirchlichen Vorstellungen von einer genauen Ordnung ausgehen, in dem sich nach Zeit und Zweck, Art und Beteiligten einem präzisen Normenkatalog unterzuordnen war.“10

Dieser Normenkatalog beinhaltete zentrale Sexualnormen, u.a. Sexualität ausschließlich zwischen gegengeschlechtlichen Partnern, ausschließlich zur Zeugung von Nachkommen oder ausschließlich an bestimmten Tagen.11 Da allerdings der Mensch in gewisser Hinsicht eine Disposition zur Sünde mitbringt, bedarf es einen enormen Energieaufwand, um die dem Verlangen nach Sexualität zu widerstehen. Daher kann festgehalten werden, dass „[...]das Objekt ‚Sexualität’ in Wirklichkeit ein von langer Hand geschmiedetes Instrument ist, das ein Dispositiv tausendjähriger Unterwerfung konstituiert hat“.12

Es ist daher für die kritisch-reflexiven Auseinandersetzung mit jener Zeit bedeutsam, um diese näher verstehen zu können, wie über Liebe und darüber hinaus Sexualität gesprochen wurde. Selbstverständlich geben auch andere Themen wie Tod, Glauben, Einstellungen zu Umwelt, Krankheit oder Angst Auskunft über die damals herrschende Mentalität, dennoch zeigt sich vor allem Sexualität, wie bereits eingangs erwähnt, als überaus produktiv für den mediävistischen Diskurs.13

2.1. Sexualität in den mhd. Mären (13. und 14. Jahrhunderts)

Bereits zu Beginn des 13. Jahrhunderts entstand eine neue Gattung, die sich durch verhältnismäßig kurze, in der Länge sicherlich unterschiedlich ausgeprägte Verserzählungen auszeichnet mit meist nicht genannten Autoren. Adressaten dieser Gattung waren neben dem höfischen Publikum zunehmend auch das Städtische. Charakteristisch für diese in Reimpaarversen gehaltene Erzählform ist der Grad der Unterhaltsamkeit. Trotz oder gerade wegen dieses Charakteristikums ist dieser Erzählform (meistens) eine moral-didaktische Zielformulierung inhärent. Zu den bedeutsamen Begründern der Gattung zählt Der Stricker, der in Bayern und Österreich tätig gewesen sein dürfte. 14 Allein der Terminus ‚ m æ re ’ scheint im mediävistischen Diskurs noch nicht vollends definiert. Tanner (2005) bezieht sich an dieser Stelle auf Gerhard Köpf (1978), welcher folgende Schlussfolgerung tätige:

Als Gattungsterminus ist ‚ m æ re ’ nicht nur für Märendichtung in Gebrauch. Wo das Märe terminologisch bezeichnet wird, werden nur ‚ m æ re ’ oder ‚ m æ rel î n ’ verwandt. Es gibt keinen allgemeinen verbindlichen Bezeichnungsusus für die Gattung ‚Märe’, doch aber eine weit verbreitete Tendenz, das Wort ‚ m æ re ’ [...] zum Gattungsterminus zu erheben. Das aber bedeutet, dass -wenigstens stellenweise- mit einem mittelalterlichen Gattungsbewusstsein für das Märe gerechnet werden darf [...].15 Das Themenfeld Sexualität wird hierbei in zahlreichen Mären behandelt, u.a. in Ritter Beringer, Das Nonnenturnier oder eben in Die halbe Birne.

Laut Dinzelbacher (2008) wurde die Forschung des Mittelalters, vor allem dank der Auswirkungen feministischer Strömungen in den vergangenen 20 Jahren „von einer unaufhörlichen Flut von Druckwerken zu verschiedenen Aspekten der Sexualität des Mittelalters gesegnet.“16 Dennoch lässt sich konstatieren, dass zwar ein schwer überschaubares Konvolut an Studien und Veröffentlichungen zur Sexualität im Mittelalter vorhanden ist, „doch Entwürfe zu einem umfassenden Bild blieben, wenn sie überhaupt unternommen worden sind, unbefriedigend.“17

Die mhd. Versnovellen setzten sich „in außergewöhnlichen Weise mit der [...] Sexualität auseinander und [ziehen] den Rezipienten durch die spezielle Art sogleich in ihren Bann [...]“.18 Oftmals stehen hier eine facettenreiche Visualität im Zentrum. Es wird betrachtet, erblickt und erkannt. Sei es das eigene Geschlecht oder das Gegenüber. 19 Neben der Tatsache, dass visuelle Darstellung innerhalb einer oralen Laienkultur unverzichtbar sind, gewinnt ein Gegenstand durch bildhafte Darstellung enorm an Geltung und Überzeugungskraft. Vor allem auch vor dem Hintergrund einer memorial culture wird dem Aspekt der Bildlichkeit bzw. Visualität im Mittelalter eine große Relevanz zugemessen.20

Hierbei sind für die germanistische Mediävistik vor allem die Märe bedeutsam, da hier „[...] intensiv mit Sprach- ‚Bildern’ gearbeitet“ [...]21 wird. Im Folgenden soll nun der Begriff Metaphorik genauer betrachtet werden.

3. Metaphorik - Eine interdisziplinäre Begriffsdefinition

In der Auseinandersetzung mit dem Lexem ‚Metapher’ muss beachtet werden, dass diese ein tradiertes Sprachmittel darstellt. Daher ist die Metapher folgerichtig aus der Perspektive mittelalterlicher gar antiker Bild- und Gedächtnistheorien zu betrachten. Bereits Aristoteles bezieht sich in seinem Lob auf den Epiker Homer, der „mit Hilfe der Metapher das Unbelebte verlebendigt und in Bewegung versetzt habe.“22 So versteht er die Fähigkeit der Metapher „als ein ‚Vor-Augen-Führen’ bzw. ‚Verlebendigen’, nicht im Sinne visueller Wahrnehmung, sondern als Erstellung von mentalen Bildern auf Grundlage sensorischer Wahrnehmungsfähigkeit“.23 Die Metapher zeichnet sich durch eine gewisse Komplexität aus, was dazu führt, dass innerhalb des sprachwissenschaftlichen Diskurses der Gegenwart noch keine abschließende Klärung des Begriffs Metapher vorliegt. Aus Lakoffs und Jonsons (1980 2000 ) Sicht kann der Tropus wie folgt definiert werden: „The essence of metaphor is understanding and experiencing one kind of things in terms of another“.24 Des Weiteren ist für die beiden Autoren „unser alltägliches Konzeptsystem, nachdem wir sowohl denken als auch handeln, [...] im Kern und grundsätzlich metaphorisch“.25 Kispál (2013) bestätigt die Relevanz der Metapher für die menschliche Lebenswelt, in dem er postuliert, dass „[...] Metaphern - laut dieser Theorie - nicht nur unsere Sprache, sondern auch unser Denken und Handeln [durchdringen]“.26 Die Umsetzung solcher Metaphorik in Hinblick auf Sexualität soll nun am Beispiel des Märes Die halbe Birne näher betrachtet werden. Hierzu wird zuerst ein kurzer Einblick in die Handlung des Märes gewährt.

4.Die halbe Birne

Die halbe Birne, deren Bekanntheit vor allem auf die Zuschreibung an Konrad von Würzburg als Autor zurückgeht, wird seit dem wegweisenden Aufsatz Jan-Dirk Müllers (1984) „in erster Linie als Desavouierung der normativen Instanzen des Höfischen“27 gelesen. Dies geschieht u.a. durch den (teilweise) frappierend drastischen Umgang mit der Sexualität in diesem Märe. Ob nun die Obszönität eher zum Plot denn zur Interpretation gehört oder eben umgekehrt, darüber gibt es noch keinen Konsens. 28

Inhaltlich sei an dieser Stelle kurz erwähnt, dass das Märe Die halbe Birne im Grunde genommen an die Geschichten des Mittelalters anknüpft, welche den Rezipienten immer wieder begegnen: Um das Objekt seiner Begierde zu erlangen, hält ein Ritter an einem höfischen Turnier Einzug. Bei diesem Turnier bewährt der Ritter sich, muss aber nach einem Fehlverhalten wieder vom Hofe, um dann in einem anschließenden erfolgreichen â ventuire sein Ziel und seine Ehre wieder zu erlangen.29 Dennoch sind im Märe Die halbe Birne zwei bedeutsame Unterschiede zu nennen: Einerseits ist es die Königstochter, die nach einem Turnier verlangt (V. 13 -25) und anderseits ist sich der Ritter seiner Schuld nicht bewusst und er versucht seine Ehre durch Rache an der Frau wiederherzustellen (V.127). Im Gegensatz zum Artusroman zieht es den Ritter nicht in die Fremde, sondern in das Zentrum des Hofes, um dort das â ventuire zu bestehen. Dieses besteht in Die halbe Birne im Geschlechtsakt. Wie dieser dem Rezipienten darstellt wird, wie er zum eigentlichen Akt hingeführt wird und welche Metaphorik verwenden wird, soll im Folgenden thematisiert wird. Da das Märe allerdings von „eklatante[r] Sexualität“30 durchzogen ist, werden in dieser Seminararbeit nur eine ausgewählte Anzahl an Sexualmetaphern näher betrachtet.

4.1. Deutung und Interpretation sexueller Metaphorik im Märe Die halbe Birne

Bereits der Titel Die halbe Birne lässt antizipieren, dass in diesem Märe Sexualität eine tragende Rolle spielen wird. Grund dafür ist, dass die Birne hinlänglich als Fruchtbarkeitsymbol bekannt ist und sie auf Grund ihrer Form „[...] in der volkserotischen Vorstellung mit der Frau und dem weiblichen Körper [...]“31 in Relation gebracht wird. Im Fokus steht hierbei vor allem der Verzehr von Birnen, welcher als Marker für den Geschlechtsverkehr zu sehen ist. Dieser Verweis auf den Liebesakt wird in Die halbe Birne durch das Schneiden mit einem Messer dem Rezipienten noch deutlicher verstärkt und vor Augen geführt:

„die nam der unbedâhte helt und sneit die biren ungeschelt enzwei mit sînem mezzer.“

(T 89-91)32

Das besagte Messer, welches in die Birne dringt, kann an dieser Stelle als Symbol des männlichen Geschlechts erkannt werden. Um den Geschlechtsakt zu versinnbildlichen werden oftmals Tätigkeiten des Schneidens, Bohrens oder Stechens verwendet. Analog dazu sind daher die benötigten Werkzeuge für solch eine Tätigkeit als männlicher Phallus zu betrachten.

[...]


1 URL: http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/berlinale/sam-taylor-johnsons-50-shades-of-grey-in-der- kritik-13423257.html [zuletzt aufgerufen am: 06.09.2017].

2 URL: https://www.bertelsmann.de/news-und-media/nachrichten/fifty-shades-100-millionen-verkaufte- buecher.jsp [zuletzt aufgerufen am 06.09.2017].

3 Eulenburg 2015, S. 58.

4 Webster & Watson 2002, S. 13 [Übersetzung aus dem Englischen F.Z].

5 Bein 2003, S. 13.

6 Classen, 2011, S. 7.

7 Vgl. ebd., S. 7.

8 Ebd. S. 8.

9 Beutin 1990, S. 27.

10 Dinzelbacher 2008, S. 408.

11 Vgl. ebd., S. 408.

12 Foucault 1978, S. 160.

13 Vgl. Dinzelbacher 2008, S.8.

14 Vgl. Classen 2011, S.171.

15 Tanner 2005, S. 258.

16 Dinzelbacher 2008, S.407.

17 Haug 2004, S.11.

18 Heiland 2015S. 2.

19 Vgl. ebd., S. 2.

20 Heiland 2015, S. 2.

21 Vgl. ebd. S, 4. [Herv. i. O.].

22 Ebd., S. 5.

23 Vgl. ebd. S, 5. [Herv. i. O.].

24 Lakoff & Johnson 1980, S.13.

25 Ebd. S, 13.

26 Kispál 2013, S.19.

27 Schnyder, 2009. S, 263.

28 Vgl. ebd. 2009., S. 264.

29 Vgl. Ebd. 2009, S. 267.

30 Ebd. 2009, S. 263.

31 Heiland 2015, S. 130.

32 Konrad v. Würzburg: Die halbe Birne, S.192.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Sexualität im Mittelalter. Die Realisierung sexueller Metaphorik in "Die halbe Birne"
Hochschule
Otto-Friedrich-Universität Bamberg
Note
1,3
Autor
Jahr
2017
Seiten
16
Katalognummer
V387967
ISBN (eBook)
9783668627451
Dateigröße
514 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Die halbe Birne, Mittelhochdeutsch, Sexualität, Mittelalter, Märe, Mediävistik
Arbeit zitieren
Florian Zarling (Autor), 2017, Sexualität im Mittelalter. Die Realisierung sexueller Metaphorik in "Die halbe Birne", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/387967

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