Die Frage nach der Schuld in "Das Urteil" von Franz Kafka


Hausarbeit, 2017

15 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

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Inhalt
1. Einleitung ... 3
2. Eine Einführung ... 4
2.1 Biografischer Hintergrund ... 4
2. 2 Das Schuldmotiv ... 5
3. Schuld und Unschuld in Das Urteil ... 7
3.1 Die Verhandlung ... 7
3.2. Die Verurteilung ... 9
3.3 Die Vollstreckung ... 10
4. Fazit ... 11
5. Literaturverzeichnis ... 14

3
1. Einleitung
,,Der Grundsatz nach dem ich entscheide, ist: Die Schuld ist immer zweifellos."
1
Franz Kafka gilt als großer Erzähler des 20. Jahrhunderts und viel mehr noch als Autor von
Weltliteratur. Dementsprechend wurden seine literarischen Werke vielzähligen Analysen und
Interpretationen unterzogen.
2
,,Das Urteil" entstand in der Nacht zwischen dem 22. und 23.
September 1912 und Kafka erklärt in einem späteren Brief an seine Verlobte Felice Bauer er
wollte ,,nach einem zum Schreien unglücklichen Sonntag [...] einen Krieg beschreiben.". Eine
solche Gemütslage begründet wohl die eskalierende und kriegsähnlichen Auseinandersetzung
zwischen dem Protagonisten Georg Bendemann und seinem Vater. Die Erzählungen ist eines
seiner frühsten Werke und wird zugleich als ,,literarischer Durchbruch" getitelt. Die
zugesprochene Bedeutung dieses Werkes begründet sich darin, dass ,,Das Urteil" als
Schlüsselwerk der Gesamtdeutung zu werten
3
und gleichermaßen ein Paradebeispiel für die
Fiktionalisierung von autobiographischen Gegebenheiten ist.
4
Durch die immer
wiederkehrende Auseinandersetzung in den kafkaschen Werken mit Schlüsselbegriffen wie
Gesetz, Urteil, Verhör, Schuld, Strafe und Vollzug wird in seinem Schreiben ein deutliches
Paradigma erkennbar.
Die folgende Arbeit soll das Schuldmotiv in ,,Das Urteil" untersuchen und erörtern wie es zu
der Verurteilung durch den Vater, aber auch zu einer Hinnahme und Vollstreckung Georg
Bendemanns kommen konnte. Denn das Prinzip einer Verurteilung im herkömmlichen Sinne,
hat zur Grundlage, dass ein Gesetzesverstoß vorliegt. Demzufolge muss dem Schuldbegriff
Kafkas eine Mehrdeutigkeit zu Grunde liegen die hier nicht klar definiert, sondern nur durch
Handlungen lesbar ist. Beginnend mit dem zweiten Kapitel, das einen Einblick in Kafkas
Biografie und seinen daraus erkennbaren Schuldbegriff gibt. Das dritte Kapitel untersucht die
die Spannung zwischen Schuld und Unschuld, Gesetz und Wunsch in Kafkas Werk und
gliedert sich in drei Unterkapitel Verhandlung, Verurteilung und Vollzug. Abschließend gibt
das vierte Kapitel, ein zusammenfassendes Fazit über den kafkaschen Schuldbegriff, sowie
das Schuldmotiv der hier zu untersuchenden Erzählung und soll darlegen ob die Schuld
tatsächlich ,,immer zweifellos" ist.
1
Alt, Peter-André: Franz Kafka: Der ewige Sohn. München 2005, S. 482.
2
Vgl.: Engel, Manfred, Lamping Dieter: Franz Kafka und die Weltliteratur. Göttingen 2006, S.9.
3
Vgl.: Pelster, Theodor: Brief an den Vater. Das Urteil. Stuttgart 2008, S.6.
4
Vgl.: Lawrence, Ryan: ,,Zum letztenmal Psychologie!". Zur psychologischen Deutbarkeit der Werke Franz
Kafkas, in: Wolfgang Paulsen (Hrsg.), Psychologie in der Literaturwissenschaft, Heidelberg 1971, S. 160-164.

4
2. Eine Einführung
2.1 Biografischer Hintergrund
Durch Kafkas regelmäßige Tagebuchführung und Briefwechsel gelang es der Wissenschaft
Einblicke in seine persönliche Gedanken- und Gefühlswelt zu bekommen und somit viele
Anhaltspunkte und Hinweise auf ,,Kafkas Spiel mit autobiographischen Signalen"
5
zu
erlangen. Beispielsweise weist Kafkas in einem Brief an seine Verlobte Felice Bauer auf die
tiefgründige Namenswahl des Protagonisten und seiner Verlobten hin.
6
Zwar gibt es niemals
die absolute Gewissheit, den Anteil an autobiografischen Zügen in der Textgenese bestimmen
zu können, jedoch sind die kafkaschen Motive um die seine Erzählungen oft kreisen
signifikant und komparabel. Jürgen Demmer vertritt die Ansicht, ,,daß Kafkas Dichtung einen
ausschließlich persönlichen Charakter hat, in dem man erst eindringen kann, wenn man mit
seinen Briefen und Tagebüchern so vertraut ist, dass man die Beziehung zwischen ihnen und
der Dichtung erkennt, und daß außerdem dieser persönliche Charakter nicht in eindeutigen
und gezielten Aussagen über sich selbst besteht, sondern in den schillernden Aussagen eines
zwischen Selbstrechtfertigung und Selbstanklage schwankenden Menschen (...)"
7
. Die
Erzählungen weisen immer wiederkehrende Motive auf wie beispielsweise prekäre
Familienverhältnisse, Liebesbeziehungen und Protagonisten, die sich durch die
Anforderungen
ihrer
Umwelt
unter
Druck
gesetzt
fühlen
und
mit
Minderwertigkeitskomplexen und Unsicherheiten hadern. Nach Sigmund Freud lassen sich
Wünsche in zwei Hauptgruppen gliedern. Zum einen die, die den Ehrgeiz befriedigen und
somit als Erhöhung der Persönlichkeit fungieren und zum Anderen erotische oder sexuelle
Wünsche. Anfangs scheint es als könne Kafkas Hauptprotagonist, durch beruflichen Erfolg
und seiner Verlobung zu Frida Brandenfeld, ehrgeizige, als auch erotischen Wünsche
koppeln und erfüllen kann. Unter Anbetracht Kafkas Biografie, stellt dies eine ,,nahezu
perfekte Wunscherfüllungsphatasie"
8
dar. Denn es scheint, als wäre ein beständiges Leben mit
Beruf und Frau, mit dem einer Schriftstellerexistenz zu vereinbaren. Wie aus Briefen und
Tagebüchern des Autors hervorgeht, scheint er im ewigen Konflikt zu stehen, seine berufliche
Verpflichtung, mit seinem Wunsch des Schreibens zu vereinbaren. Diese Diskrepanz
5
Anz, Thomas: Franz Kafka. Leben und Werk. München 2009. S. 90.
6
Die Anfangsbuchstaben des Namens von Felice Bauer, stimmen mit denen der Verlobten aus der Erzählung
überein, sowie die Anzahl der Buchstaben der beiden Namen Franz und Georg.
7
Demmer, Jürgen: Franz Kafka. Der Dichter der Selbstreflexion. München 1973, S. 200
8
Anz, Thomas: Psychoanalytische Literaturinterpretation. Praktiken und Probleme psychoanalytischer
Literaturinterpretation - am Beispiel von Kafkas Erzählung Das Urteil. In: Jahraus, Oliver; Neuhaus, Stefan
(Hrsg.): Kafkas »Urteil« und die Literaturtheorie. Zehn Modellanalysen. Stuttgart 2002, S. 143

5
verschärft sich durch seine Verlobung mit Felice Bauer.
9
,,Wie in der Lebensrealität scheitert
das ausphantasierte Glück jedoch auch in der Erzählung."
10
Im Hinblick auf das zu
untersuchende Werk, spielt besonderes Kafkas ,,Brief an den Vater" eine große Rolle. Hier
wird das äußerst ambivalente Vater-Sohn-Verhältnis deutlich. Die von seinem Vater gestellten
Anforderungen, ein bürgerliches Leben zu führen, welches Ehe und Familiengründung
impliziert, scheinen einen zu großen Druck auf Kafka auszuüben. Weiter wird der Vater als
tyrannisch und unterkühlt beschrieben. Auch die Nacht in der Franz Kafka ,,Das
Urteil" niederschrieb, reflektiert er äußerst ambivalent. Er beschreibt sie als ,,fürchterliche
Anstrengung", mit psychischen und physischen Schmerzen die einer Geburt gleichen.
Gleichzeitig hebt er aber auch die große Freude hervor, die er durch das Schreiben erlangte.
11
und offenbart: ,,Nur so kann geschrieben werden, nur in einem solchen Zusammenhang, mit
solcher vollständigen Öffnung des Leibes und der Seele."
12
2. 2 Das Schuldmotiv
Das Motiv der Schuld ist ein wichtiges und umfangreiches Thema in der kafkaschen Literatur.
Auch in den Werken ,,Die Verwandlung" und ,,Der Proceß" kreist die Frage immer wieder um
Schuld oder Unschuld der Protagonisten. Juristisch gesehen wird jemand schuldig gesprochen,
wenn er rechtswidrig gehandelt hat.
13
Kafkas ,,Der Proceß" endet zwar mit der Vollstreckung,
nämlich der Hinrichtung Josef K.s, jedoch blieb die Verkündung eines Urteils aus.
Demzufolge bleibt auch die Frage nach der Schuld oder Unschuld ungeklärt. ,,Denn wo das
Gesetz ungenannt bleibt, bleibt auch die Schuld unbekannt, und so gibt es folgerichtig kein
Urteil."
14
Schon im ,,Brief an den Vater" drängt sich das Gefühl eines großen
Schuldbewusstseins bei Kafka auf. Während der Vater als starke, selbstzufriedene, mit
Stimmkraft und Menschenkenntnis ausgestattete Persönlichkeit beschrieben ist
15
, wird ,,selbst
die kleinste Regung von Eigentümlichkeit [...] dem Kind als Undankbarkeit und Schuld
angerechnet"
16
. Zur Zeit Kafkas war es üblich, vielleicht sogar ein ungeschriebenes Gesetz,
9
Vgl.: ebenda. S.142-144
10
ebenda. S. 144
11
Vgl.: Selbmann, Rolf: Kafka als Hermeneutiker. Das Urteil im Zirkel der Interpretation. In: Jahraus, Oliver /
Stefan Neuhaus (Hrsg.): Kafkas Urteil und die Literaturtheorie. Zehn Modellanalysen, Stuttgart 2002, S. 44-
45.
12
Kafka, Franz: Tagebücher, 1910-1923. Frankfurt 1954, S. 294.
13
Meyers großes Taschenlexikon, hrsg. von Meyers Lexikonredaktion, Bd. 20, Mannheim/Wien/Zürich 1992
14
Sokel, Walter H.: Schuldig oder Subversiv. In: In: Kraus, Wolfgang / Winkler, Norbert (Hrsg.): Das
Schuldproblem bei Franz Kafka, Wien / Köln / Weimar 1995, S. 2.
15
Vgl.: Kafka, Franz: Brief an den Vater. In: Franz Kafka. Das Werk, Bd. 1. Frankfurt 2004, S. 1029.
16
Doppler, Alfred: Das Erzeugen von Schuld und Schuldgefühlen durch Erziehung. Zu Kafkas Tagebüchern und
zum Brief an den Vater. In: Kraus, Wolfgang / Winkler, Norbert (Hrsg.): Das Schuldproblem bei Franz Kafka,
Wien / Köln / Weimar 1995, S. 74.

6
dass der Sohn den selben Beruf wie sein Vater ausübte. Dies galt als frühstmögliche
Unterstützung, aber auch damit der Vater ab einem gewissen Alter seine Stelle an den Sohn
abtreten konnte. Auch Herrmann Kafka wünschte sich dies von seinem Sohn, der sich aber in
einem Zwiespalt zwischen der ,,Pflicht" seinem Vater gegenüber und seiner freien Entfaltung
gefangen sah:
»Mach, was Du willst; von mir aus bist Du frei« [...] und alles das mit dem fürchterlichen heiseren
Unterton des Zornes und der vollständigen Verurteilung vor dem ich heute nur deshalb weniger
zittre als in der Kinderzeit, weil das ausschließliche Schuldgefühl des Kindes zum Teil ersetzt ist
durch den Einblick in unser beider Hilflosigkeit.
17
Kafka deutet hier einen sehr wichtigen Punkt an: es gibt nicht nur Schuld und Unschuld. Es
gibt ein Schuldgefühl welches rational kaum fassbar ist und sich dadurch auszeichnet, dass es
nicht zur Grundlage haben muss, dass ein Gesetzt gebrochen wurde. Dabei handelt es sich um
eine moralische Anforderung, die auch von der Außenwelt gestellt werden kann, aber die so
stark im Bewusstsein einer Person verinnerlicht und verankert ist, dass diese Anforderungen
unbedingt erfüllt werden müssen.
18
,,Schuld liegt in der Selbsttäuschung, in der falschen
Unterscheidung zwischen dem höheren, eigentlichen, aber unbekannten Gesetz und den ihm
angeblich untergeordneten Machtfiguren, die aber das einzig sichtbare Zeichen des
Gesetzes bilden."
19
Den Ursprung von Schuldgefühlen kann man demnach oft in Erziehungen
finden in denen Kinder extremen Sanktionen ausgesetzt waren. Strafen die für Kinder
unverständlich und nicht nachvollziehbar sind, können zur Folge haben, dass
Persönlichkeitsentwicklung und Eigentümlichkeit eingestellt werden, weil sie diese als
Grund für elterlichen Zorn deuten.
20
,,
Der von der Allgemeinheit geforderten Verzicht auf »Eigentümlichkeit« führt somit zu einer
paradoxen Situation, für die keine Lösung offensteht, sondern die als unaufhebbare
Lebensspannung erfahren wird: Das Ich kann entweder gegen die von der Allgemeinheit
erlassenen Gesetze rebellieren, oder es unterwirft sich, paßt sich an; in beiden Fällen wird es
verurteilt: Einmal wegen Pflichtversäumnis, zum anderen wegen des Selbstverrates."
21
Hinsichtlich der privaten Auseinandersetzung Kafkas mit der Psychoanalyse und die
,,persönliche Verarbeitung Freudscher Grundgedanken"
22
, soll nun eine kurze Aufklärung
über diese Theorie folgen. Die Psychoanalyse Sigmund Freuds geht davon aus, dass sich die
Persönlichkeit eines Menschen durch drei Instanzen bildet. Die erste Instanz, das Es, ist der
17
Kafka, Franz: Brief an den Vater. In: Franz Kafka. Das Werk, Bd. 1. Frankfurt 2004 S. 1035-1036.
18
Vgl.: Born, Jürgern: Schuld oder Schuldgefühle? In: Kraus, Wolfgang / Winkler, Norbert (Hrsg.): Das
Schuldproblem bei Franz Kafka, Wien / Köln / Weimar 1995, S. 47-50.
19
Sokel, Walter H.: Schuldig oder Subversiv. S. 7.
20
Vgl.: Doppler, Alfred: Das Erzeugen von Schuld und Schuldgefühlen durch Erziehung. Zu Kafkas Tagebüchern
und zum Brief an den Vater. In: Kraus, Wolfgang / Winkler, Norbert (Hrsg.): Das Schuldproblem bei Franz
Kafka, Wien / Köln / Weimar 1995,S. 68-73.
21
ebenda S. 69.
22
Kaus, Rainer J.: Erzählte Psychoanalyse bei Franz Kafka. Heidelberg, Bd. 163, S. 15.
Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Die Frage nach der Schuld in "Das Urteil" von Franz Kafka
Hochschule
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf
Veranstaltung
Franz Kafka
Note
1,3
Autor
Jahr
2017
Seiten
15
Katalognummer
V388026
ISBN (eBook)
9783668619371
ISBN (Buch)
9783668619388
Dateigröße
558 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Franz Kafka, Schuld, Frage, Das Urteil
Arbeit zitieren
Julika Frontzeck (Autor), 2017, Die Frage nach der Schuld in "Das Urteil" von Franz Kafka, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/388026

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